Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 18 Dom, innen vor 1132

Beschreibung

Bildbeischrift, Meisterinschrift und Stiftername des sogenannten Juliana-Reliefs. Auf der Chorseite des nordöstlichen Vierungspfeilers Relief mit halbplastischer Darstellung der Juliana in langärmeliger Kleidung, die einen zu ihren Füßen kauernden Teufel an der Leine führt; er wird von einem kleineren, rechts hinter ihr auf einem Podest stehenden Engel, der ihn am Schopf gepackt hält, mit einem Stock traktiert. Die Linien der straff gescheitelten Haare der Figuren und der kurzen Röcke liegen streng parallel. Über den Figuren der Name der Heiligen (A) über das Lisenenprofil hinweggeschrieben, links davon vierzeilig Meisterinschrift des Otto (B), rechts mit maximal drei Buchstaben pro Zeile die Inschrift des mutmaßlichen Stifters Adelbraht längs nach unten geschrieben (C). Gesichter beschädigt, hervorstehende Gewandteile besonders rechts abgehauen.

Maße: H. 125, B.(links) 43, B.(rechts) 31,5, Bu. 3,7 (A,C), 3-4,5 cm (B).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 29, Nr.18 - Worms, Dom, innen - vor 1132

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Rüdiger Fuchs) [1/3]

  1. A

    IV/LIA/NA

  2. B

    OTTO / ME / FE/CIT

  3. C

    AD/EL/BR/AHT / MO/NE/TA/[.]RI/VSa)

Übersetzung:

Juliana. – Otto machte mich. – Adelbraht, Münzer.

Kommentar

Als einzige Ornamentierung weisen die ausschließlich kapital geformten Buchstaben besonders in C kräftige Deckstriche an den Schaftenden auf, die nur selten konsequent zu Sporen ausgebildet sind; lediglich die Bögen von B und D sowie die Cauden der R sind mit geringen Schwellungen versehen. Die Inschrift wirkt dadurch linear. Kapitales M kommt in zwei Formen vor, in ME mit bis zur halben Zeile herabgezogenem Mittelteil, in MONETARIVS reicht er bis unten auf die Zeile. Als ungewöhnlich ist sicher das Fehlen von Unzialen und Buchstabenverbindungen zu bewerten. Die Entwicklungsstufe der Schriftformen liegt hinsichtlich der Unzialen klar hinter der Inschrift des Priesters Gottfried von 1163 im pfälzischen Bubenheim und hinter der vermeintlich zeitnahen Mainzer Domtür zurück.1) Übereinstimmungen mit den Deckstrichen auf der bleiernen Grabtafel des Erzbischofs Adalbert I. von Mainz (†1137) – also auf einem anderen Medium – sind nicht von der Hand zu weisen.2) Vergleicht man die Juliana-Inschriften etwa mit der entfernten, aber zeitgleichen Weiheinschrift auf der Freckenhorster Taufe von 1129, werden neben der durchaus ähnlichen Proportion erhebliche Unterschiede deutlich, da in Worms nicht vollkommen gerade Strichführung und die teilweise angewandten Deckstriche an den Schaftenden Qualitätsdefizite erkennen lassen.3)

Anhand der neuen dendrochronologisch abgesicherten Baugeschichte läßt sich eine Datierung der Inschrift auf vor 1132 ermitteln, da in der Fensterzone des Südquerhauses verbaute Gerüsthölzer aus jenem Jahr geborgen wurden, der Baubeginn im Nordostteil zu suchen ist und die benachbarte Silberkammer schon 1130 wieder geweiht wurde.4) Die Anbringung der Inschrift in den Ecken zu Dienst und Chorwand setzt ihre Herstellung schon vor der Verbauung voraus. In dem knappen Jahrzehnt vor 1132 gehörte das Juliana-Relief zu den frühesten inschriftlichen Zeugnissen des staufischen Domneubaues. Die älteren Datierungen in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts, meist auf um 1170/80, orientierten sich an lange als gültig angesehenen Dombaudatierungen bzw. Weihenachrichten.5)

Das Relief zeigt eine Szene aus der Legende der heiligen Juliana von Nikomedien,6) in der sie den Teufel bei ihrer eigenen Abführung am Markt mit sich zerrte und später in eine Latrine warf, nachdem sie ihn im Kerker in seiner Engelsverkleidung erkannt, gefesselt und geprügelt hatte. In der zeitnahen Miniatur des Stuttgarter Passionale schleppt Juliana den Teufel wie in der Legende hinter sich her, in Worms steht der Teufel vor ihr, zusätzlich von einem Engel getrieben, der in der entsprechenden Szene der Legende nicht vorkommt. Dem Präfekten berichtet Juliana später, Christus habe ihr einen Engel zur Stärkung gesandt; auch die verbale Stärkung vom Himmel im Kerker könnte als Engel verkörpert werden. Beides erklärt die Abbildung des Engels, läßt sich indes nur schwer mit der Abführung des Teufels verbinden. Seine Position mag eine sich gut einfügende Erfindung oder Zutat der Dombildhauer gewesen sein; daher ist es nicht notwendig, aus der Abweichung zur Juliana-Legende eine Kontamination mit der Georgs-Legende zu konstruieren.7)

Die Deutung des Reliefs und vor allem der Grund für die Anbringung an einem Chorpfeiler ist nebulös, da Juliana nicht zu den Patronen des Domes gehörte. Sicher handelt es sich um eine sonst nicht mehr aufgegriffene Darstellung des Triumphes der Kirche über den Teufel; nur Spekulation sind seine Beurteilung als Musterrelief der Bildhauer- oder Steinmetzwerkstatt (Falk) oder als Widmungsrelief der Bauhütte (Hotz); ebenso spekulativ zumindest erscheint es, hinter dem Verfertiger Otto auch den Baumeister und Schöpfer der gesamten Ostteile sehen zu wollen (Falk u.a.m.), wenngleich ihm stilistisch zumindest auch der ornamentierte Lisenenfuß auf der nördlichen Chorseite zugeschrieben werden müßte und stilistische Verwandtschaften zu den Ostchorskulpturen nicht zu leugnen sind.8) Deren apotropäischen Charakter auch auf das Juliana-Relief zu beziehen und es vollkommen von der Heiligenlegende abgelöst als Bildnis einer den Dämonen überwindenden Wormserin zu deuten und dem darin gescheiterten Baumeister der Galerie gegenüberzustellen,9) strapaziert das Bildprogramm und mißachtet die Namensbeischrift.

Adelbraht als eine Form von Albert ist im 12. Jahrhundert in Worms häufig nachweisbar;10) schon unter Bischof Burchard II. (1115/1120-1149) trugen Wormser Münzen mehrfach den Buchstaben A, wenngleich ein Münzmeister Adelbraht urkundlich nicht nachweisbar ist und die Inschrift überhaupt den ältesten Namensbeleg für einen Wormser Münzer enthält.11) Adelbrahts inschriftliche Nennung könnte ihm als Stifter des Reliefs oder Finanzier von Bauteilen im Osten gelten; da er kraft seines Amtes eng mit dem Bischof verbunden war, ist auch denkbar, daß es sich bei Adelbraht um den Leiter der Dombaufabrik handelte.

Textkritischer Apparat

  1. H-ähnliches kleineres Zeichen links des R, etwas kräftiger ausgehauen oder beschädigt, bisher nicht berücksichtigt; höchstwahrscheinlich schon zur Entstehungszeit, da sonst keine auffälligen Spatien zwischen Steinkante und erstem Buchstaben einer Zeile.

Anmerkungen

  1. O. Böcher, Kunst und Geschichte in Rheinland-Pfalz LVIII. St. Peter zu Bubenhein in der Pfalz, in: Ärzteblatt Rheinland-Pfalz 1978, 738-741 u. DI II (Mainz) Nr. 10; die inschriftliche Fassung des Adalbert-Privileges datiert Müller, Urkundeninschriften 52ff. Nr. 5 diplomatisch zu 1135, dagegen aus paläographischen Gründen Kloos, Einführung 126 zu um 1160.
  2. DI II (Mainz) Nr. 12 u. Ehrentraut, Bleierne Inschrifttafeln Taf. 40.
  3. Budde Abb. 32-34; im übrigen bestätigt sich diese Beobachtung im Vergleich mit den Grabplatten des Osnabrücker Bischofs Gottschalk von Diepholz in Bad Iburg, der Reinhildis in Riesenbeck/Tecklenburg und der Quedlinburger Äbtissinnen, vgl. Budde Abb. 28, 39, 52f.
  4. Vgl. zur Baugeschichte des Domes oben S. XVIIf. u. Großmann, Baugeschichte 311.
  5. Falk: um 1110 (Weihenachricht); seit dem Domwerk von Kautzsch fast ausschließlich um 1170/1180 und noch bei Budde „spätestens um 1180“; auch als frühestes Beispiel für die Formel „NN. me fecit“ nach Ploss ins 13. Jh. datiert. Den exakten Beginn der Bauarbeiten sah Hotz, Wormser Bauschule 66 in der freilich schlecht belegten Errichtung der Allerheiligen-Kapelle 1130, vgl. auch Illert, Regesten 32.
  6. Paraphrase bei Kranzbühler 158; AASS Februar II X (1658) 868-885.
  7. So Kranzbühler 159. Zur Ikonographie vgl. G. Kaster, Art. Juliana von Nikomedien, in: LCI 7 (1974) Sp. 228ff.
  8. Schmitt 258; ob man mit Troescher 134 die gleiche Hand annehmen muß, ist mehr als zweifelhaft.
  9. Troescher 136ff.
  10. Boos, UB I 403.
  11. Joseph 33 u. 126ff. In einer Mainzer Schenkung begegnet unter den Zeugen ein „Adelbraht monetarius“, vgl. Mainzer Urkundenbuch I. Die Urkunden bis zum Tode Erzbischof Adalberts I. (†1137), bearb. von M. Stimming (Arbeiten der Historischen Kommission für den Volksstaat Hessen) Darmstadt 1932, Nr. 418.

Nachweise

  1. Mone, Kunstnachrichten II Sp. 55f.
  2. Klein, Ludwigsbahn 91.
  3. Hohenreuther, Kunstgeschichtliche Darstellungen 35.
  4. Falk, Bildwerke 11.
  5. Kdm. Worms 191 u. Abb. 91.
  6. Kraus, Christliche Inschriften II 80 Nr. 174a.
  7. Boos, Städtekultur I 273.
  8. Joseph, Münzen von Worms 33.
  9. Hamann, Deutsche und französische Kunst II 19 Abb. 35.
  10. Beenken, Romanische Skulptur 260 mit Abb.
  11. Dehio, Handbuch 2376.
  12. Dehio/Gall 75f.
  13. Dehio/ Caspary 1009; 21164.
  14. R. Hamann, Motivwanderung von West nach Osten, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 3/4 (1926/27) 61.
  15. Kranzbühler, Worms und die Heldensage 157 u. Taf. XIX Abb. 60.
  16. Baum, Malerei und Plastik 245.
  17. Thieme/Becker, Künstlerlexikon 26 (1932) 91.
  18. Back, Jahrtausend 48f.
  19. Hege/Weigert, Kaiserdome 53 u. Abb. 85.
  20. Kautzsch, Heutiger Dom 109.
  21. Kautzsch, Dom Taf. 48a.
  22. Schmitt, Bildwerke 256.
  23. Braun, Tracht und Attribute Abb. 208.
  24. Gall, Dome, Abb. 82.
  25. Illert, Worms im wechselnden Spiel der Jahrtausende Abb. 14.
  26. Troescher, Bildwerke 133f. u. Abb. 29f.
  27. E. Ploss, Der Inschriftentypus „NN. me fecit“ und seine geschichtliche Entwicklung bis ins Mittelalter, in: ZS f. Deutsche Philologie 77 (1958) 36.
  28. Von der Reichsstadt zur Industriestadt 146 Nr. 98.
  29. Illert, Worms 38 u. Abb. 10.
  30. Reclams Lexikon der Heiligen 3299.
  31. Villinger, Dom zu Worms 32 (Abb.).
  32. Budde, Deutsche Romanische Skulptur 60 u. Abb. 102.
  33. Hotz, Dom 48 u. Abb. 13.
  34. Hootz, Kdm. Rheinland 432 u. Abb. 323.
  35. Claussen, Künstlerinschriften 265 (B).
  36. v. Winterfeld, Dom 67 mit Abb.
  37. Großmann, Baugeschichte 306.
  38. Hotz, Bedeutung des Domes zu Worms 13.
  39. Fuchs, Wormser Inschriften 85 Anm. 12 u. Abb. 32.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 18 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0001802.