Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 17† Worms-Neuhausen, Cyriakusstift 1107

Beschreibung

Angebliche oder gefälschte(?) Grabinschrift des Bischofs Adelbert, im Chor der Kirche.Angebliche oder gefälschte(?) Grabinschrift des Bischofs Adelbert, im Chor der Kirche.1) Überliefert als ehemals querrechteckiger Stein mit vierzeiliger Inschrift, allseitig beschnitten; als Fragment die mittlere Partie bei Schannat abgebildet.

Nach Chronicon Wormatiense und Nachzeichnung bei Schannat.

Schriftart(en): Romanische Majuskel(?).

DI 29, Nr.17 - Worms-Neuhausen, Cyriakusstift - 1107

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. [PRAES]VL · ADELB(ER)T(VS) [CHRISTI MEMOR ET BENE CERTVS] /[MESSI]S · QVESITEa) · P(OST) [HVIVS SEMINA VITAE] /[PRAEDIA] CV(M) PACE · DED[IT ISTA TIBI CYRIACE] /[BOL]DESHEI(M)b) · SAR[LESHEIMc) WARMANDESHEIMd)] /

Übersetzung:

Bischof Adelbert, Christi eingedenk und der Ernte gewiß nach der Aussaat in seinem außerordentlichen Leben, gab dir, Cyriakus, mit Frieden diese Güter, (nämlich) Boldesheim(?), Sarlesheim, Warmundesheim.

Kommentar

Alle Überlieferungen gehen auf die Bischofschronistik zurück und bezeichnen die daktylisch ausklingenden Verse einmütig als „epitaphium“ oder „elogium“. Das kann so nicht stimmen, weil der Text nicht mit dem Todesfall des Bischofs im weitesten Sinne oder entsprechenden Fürbitten in Zusammenhang steht; hierzu fehlende Angaben sind allerdings im Chronicus liber unmittelbar mit der Bemerkung „Cuius epitaphium tale est“ angeschlossen und enden in einem ausführlichen Segenswunsch.2) Beide Textteile stammen aus derselben Quelle, der Jüngeren Bischofschronik, wie das auch bei zahlreichen anderen angeblichen „Bischofsepitaphien“ nachzuweisen ist.3) In seltenem Maße eindeutig hielt aber Helwich zum Begräbnisplatz Bischof Adelberts in der Chormitte fest: „sed nulli tumuli inscriptione“.4) Dem kann man nicht entgegenhalten, er habe die Baulichkeiten erst nach Aufhebung des Stiftes 1565 gesehen, schließlich kannte er auch den Stein des Bischofs Hildebold (†998).5)

Die inhaltlich wie sprachlich mit den anderen Chronikauszügen übereinstimmende und daher gleichermaßen verdächtige Inschrift wird als einzige auch bildlich überliefert, und zwar in Schannats Nachzeichnung eines angeblich noch vorhandenen Fragmentes. Linearität der Buchstaben, Abkürzungen und Buchstabenverbindungen, variable A, unziales H und Q geben mit Abstrichen eine möglicherweise zeitgenössische Formensprache wieder; freilich weiß man aus anderen Nachzeichnungen bei Schannat, daß nur allgemeine Stilmerkmale zum Tragen kommen und keine Buchstabengenauigkeit erreicht wird.

Es stellt sich hier die Frage, ob man Schannats Abbildung überhaupt und nicht nur in ihrer Detailgenauigkeit mißtrauen muß, ob er nicht einen verbreiteten und ihm leicht zugänglichen Text zur Bekräftigung und quasi urkundlichen Stützung seiner Adelbertus-Episode als fragmentarischen Inschriftenstein wiedergab. Eine Inschriftenfälschung ist nicht ausgeschlossen, zumal Schannats Angabe dem sicher nicht weniger gründlichen Helwich widerspricht; nicht zu entscheiden sein wird dann die Frage, ob die Abbildung eine Fiktion Schannats darstellt oder ob er selbst einer Fälschung aufsaß. Die Sachinformationen, die seit der Jüngeren Bischofschronik kolportiert werden, also die angebliche Güterschenkung in drei genannten Orten, ist schließlich ebensowenig anderweitig nachweisbar; nicht einmal eine Identifizierung der Orte ist gesichert, wenngleich heute wüstes Sarlesheim, bei Neubamberg südöstlich Bad Kreuznach, nahe anderem Cyriakusbesitz lag.6)

Mit Boldesheim/Botsheim ist wohl der ausgegangene Ort bei Ladenburg gemeint, der bis etwa 1450 in Neuhausener Urkunden belegt ist.7) Eine Übergabe der „villa Larleversheim“ durch Bischof Adelbert an Neuhausen kannte der Kirschgartener Chronist.8) Man muß sich daher fragen, ob nicht doch in Zorns versteckter Behauptung, im Seelbuch sei die Übertragung der drei genannten Orte vermerkt, ein Körnchen Wahrheit steckt, insbesondere dann, wenn von drei stark verballhornten Ortsnamen dort „Lherlesheim“ jenem letzten Beleg ähnelt und von einem von Adelberts eigener Hand geschriebenen „Instrument“ über Botsheim berichtet wird, das in Neuhausen aufbewahrt werde und von 1106 stamme.9) Die Jüngere Bischofschronik zählt Besitzrechte in beiden Orten und einem „Warmundesroth“ auf.10)

Bischof Adelbert II. starb am 6. Juli 1107.11)

Textkritischer Apparat

  1. Unziales Q, minuskelartig, in Nachzeichnung bei Schannat.
  2. Letzte Zeile bei Zorn nur marginal in Zorn-2: BOTZHEIM; BOTSHEIM Zorn-Wilck (M), BODERSCHEIM Chronicon (Wormser Handschrift), BORDESHEIM Chronicon (Frankfurter Abschrift von 1716), BOTE- CHEYMIVM Zorn-Wilck (W) u. Gallia Christiana.
  3. BARMLES(C)HEIM Chronicon (beide Handschriften), SARLSHEIM Zorn-2, Zorn-Wilck, SARAHESHEIM Schannat u. Kraus, GARAHESHEIM Wiegand.
  4. WARMUNDT, WARMUNDES Chronicon (beide Handschriften), WARUMBSHEIM Zorn-2, WARMVN- DESHEIM u.ä. Chronicus liber, Zorn-Wilck, Schannat, Wiegand, Kraus, WORNVHDESHEYMIVM Gallia Christiana.

Anmerkungen

  1. Chronicon und Schannat: „in medio chori“.
  2. „Inclyta nobilitas non infima fama parentum / Nobile Adelbrechtum nomen habere facit / Vivat in aetherea qui regni perpetis aula / Ad faciem videat qua sine fine Deum“; ebenso bei Brusch, Catalogus episcoporum Wormatiensium (W), Zorn-2, sogar unmittelbar anschließend Wormser Bischofschronik fol. 49. Die Version Catalogus episcoporum Wormatiensium (M) fol. 40v hat nur den Text ab „Inclyta“.
  3. Vgl. oben S. XLIVff.
  4. Helwich, Prodromus 24f.
  5. Vgl. Nr. 8.
  6. Zum Besitz des Cyriakusstiftes vgl. Fabry, Cyriakusstift 168ff. u. Karte.
  7. Fabry, Cyriakusstift 169f. So identifiziert bei Zorn-Wilck (M) 142 bei Übertragung durch Buggo II. (1135).
  8. Chronicon Wormatiense saeculi XV 36.
  9. Zorn, Wormatiensia fol. 68v-69; mit Zitat ders., Chronik bei Arnold 46.
  10. Jüngere Bischofschronik fol. 17v.
  11. Übereinstimmend Wimpfener Nekrolog, Bischofschroniken und Chronicon Wormatiense XV 35f. u. ebd. Anm. 3.

Nachweise

  1. Chronicon Wormatiense saeculi XV 35f.
  2. Chronicus liber antistitum fol. 15v.
  3. Lateinische Bistumschronik fol. 23.
  4. Brusch, Epitomes I fol. 114.
  5. Wormser Bischofschronik fol. 49.
  6. Zorn, Wormatiensia fol. 68v.
  7. Zorn-1 36.
  8. Catalogus episcoporum Wormatiensium (W) fol. 37v.
  9. Zorn-2 fol. 21.
  10. Zorn, Chronik bei Arnold 46.
  11. Zorn-Wilck (W) 87 (M) 112.
  12. Schannat, Hist. ep. Worm. I 347 u. Abb. Taf. III, 2.
  13. Wiegand, Geschichte der Wormser Erzbischöfe 17.
  14. Gallia Christiana V Sp. 672.
  15. Kraus, Christliche Inschriften II 84 Nr. 186.
  16. Villinger, Beiträge Neuhausen 69.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 17† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0001703.