Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 12 Worms-Heppenheim, ev. Pfarrkirche 11. Jh.?

Beschreibung

Grabinschrift des Mädchens Bilidruda. Aufrecht innen am Ostende der Südwand aufgestellt. Trapezförmiger Sarkophagdeckel aus hellrotem Sandstein mit Kassetten- und Diagonalornament und Inschrift in vertieftem Feld, das von einem Rondell unterbrochen wird; flankiert von unübersichtlichem Stufen- und Zickzackrelief ist ein vielleicht ungewolltes Kreuz auf spitzem Sockel ohne Hervorhebung seiner Form erkennbar. Der Inschriftenträger wurde 1965 bei Erdarbeiten zur Erweiterung der Heizung gefunden und stammt aus den Fundamenten der alten Kirche von vor 1596.1) Die Oberfläche ist bestoßen mit geringem Schriftverlust.

Maße: H. 211, B. 52-74, Länge des Inschriftfeldes 125, Bu. 2,3-2,5, Bu. H 4,4 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 29, Nr.12 - Worms-Heppenheim, ev. Pfarrkirche - 11. Jh.?

 Prof. Dr. Friedrich Karl Azzola (Trebur) [1/3]

  1. HOC NOBILE SEPULCRVM [TEN]ETa) OSSA BILIDRVDAE VIRGINISb)

Übersetzung:

Diese vornehme Grabstätte enthält die Gebeine der Jungfrau Bilidruda.

Kommentar

Entscheidend für die Datierung der Inschrift, nicht des Sarkophages, sind die unregelmäßigen Schriftformen einer frühen Majuskel; dabei kommt erschwerend hinzu, daß es sich hier in Formen und Sprache um eine isoliert überlieferte Produktion im Raum Worms handelt, die nur unvollkommen mit Objekten aus kulturellen Zentren zu vergleichen ist. Außer dem unregelmäßigen Schriftbild sind verschiedene Formen eines Buchstabens nebeneinander zu beobachten, nämlich jeweils unzial und kapital D, E und U/V, dagegen A, H, N und T rein kapital, das A sogar noch in klassisch-karolingisch spitzer Form. Bei P und beim dritten R ist der untere Teil des Bauches gerade schräg nach unten gehauen, beim ersten R nur bis auf die sehr hoch angesetzte Cauda gezogen; beim B ist der untere Bauch merklich größer, beide Bögen sind in der Mitte nicht bis zum Schaft durchgezogen. Das leicht konische kapitale M reicht mit seinem Mittelteil kaum bis zur Zeilenmitte. C und G sind rund; die S wirken schlank und sind leicht nach rechts gekippt; beim N sind keine Besonderheiten aufgefallen. Mit der linearen Gesamtwirkung, dem zögernden Eindringen unzialer Formen und deutlich erkennbarer Sporenbildung der oft quadratischer Abmessung angenäherten Buchstaben mit ausgeprägten Kreisrundungen bietet sich eine Datierung ins 11. Jahrhundert an, einer Zeit, der man die beiden Ligaturen, besonders die kühne RV-Ligatur, vielleicht schon zutrauen darf.2) Freilich stützt sich diese Aussage auf einen relativ geringen Buchstabenbestand.

Die beiden Ligaturen schmücken nicht nur den Namen der Verstorbenen, sie waren auch notwendig, um das Ende der Inschrift nicht wegen Raummangel zu gefährden. Aus dem gleichen Grund schrieb man das Wort SEPULCRVM über die ornamentale Unterbrechung des Inschriftfeldes hinaus und wird wohl mit dem ergänzten Text dort fortgefahren sein. Die vorgeschlagene Ergänzung ist wegen der Beschädigung allenfalls in dem Balken des T und vielleicht im Schrägstrich des N zu erahnen; eine Ligatur TE ließe sich dort mit dem zur Verfügung stehenden Raum gut vereinbaren. Die sprachliche Gestaltung der Inschrift erfordert zwar nicht unbedingt diese Ergänzung, wirkt aber so wesentlich glatter, und das entspräche dem künstlerischen Anspruch einer Grabstätte, die NOBILIS – vornehm/adlig/edel – zu sein für sich reklamiert, vielleicht anklingend an die soziale Herkunft der Verstorbenen. Bekannt sind nur zwei entfernt ähnliche Formulierungen in „tegit ossa sepulchrum“ auf dem römischen Theodolus-Stein von 398 und in „ista uorax fossa dominici continet ossa“ auf einem Stein des 9.(?) Jahrhunderts in Cordoba.3) Das Formular unterscheidet sich deutlich von dem zahlreicher zeitnaher rheinischer Grabsteine mit „obiit“ und Todestag;4) gut denkbar wäre daher, daß die Inschrift gar nicht auf Sichtbarkeit angelegt war und eher zu vergleichen ist mit der Identifizierungsabsicht meist bleierner Grabtafeln.5)

Über die Frühgeschichte der Heppenheimer Kirche ist zu wenig bekannt,6) als daß man eine Identifizierung der Verstorbenen erwarten dürfte. Immerhin läßt sich der Name Bilidruda erstmals im 7. Jahrhundert,7) dann im Lorscher Codex8) und den Traditionen von Weißenburg9) ab dem 8. Jahrhundert nachweisen, ohne daß eine spezielle Beziehung des Namens zu Heppenheim bekannt wäre. Schenkungen an Fulda tätigten im Wormsgau Bilitrut und in einem Heppenheim eine Gräfin Biligart.10) Im Falle eines Mädchens(!) Bilidruda ist es unwahrscheinlich, daß sie unter den relativ wenigen bekannten Stiftern der Wormser Umgebung vorkommen könnte. Namensform und Formular lassen sich aber mit der vorgeschlagenen Datierung vereinbaren.

Die Datierung der Sarkophagornamentik, die gegebenenfalls älter als die Inschrift sein könnte, bereitet gleichfalls Schwierigkeiten, da ähnlich komplizierte und unregelmäßige Dekorationsformen in Worms weiter nicht bekannt sind. Gegen einen hochmittelalterlichen Ansatz durch F.K. Azzola aufgrund einer in Diagonalgliederung und Dekorationsmuster kaum erkennbaren Kreuzform11) ist eine frühmittelalterliche Entstehung zu favorisieren, da Stufen- und Zickzackmuster in durchaus vergleichbarer Art schon auf fränkischen oder spätrömischen Denkmälern zu finden sind, wie auf dem Stein von Niederdollendorf,12) den Kerbschnittschnallen vom Mainzer Albansberg und aus Herbergen/Kreis Cloppenburg,13) und auf dem Munetrudis-Stein von St. Alban.14)

Textkritischer Apparat

  1. SEPULCRVM und TENET über das Rondell geschrieben, Reste von T und N noch dicht nebeneinander erkennbar. EST nach Schmitt, vom Buchstabenbestand wie auch grammatikalisch unmöglich.
  2. Danach semikolonartiges Zeichen.

Anmerkungen

  1. Schmitt 174, ohne Angabe von Gewährsleuten.
  2. Ebd. datiert auf 15. Jh., von Schriftformen her unmöglich. Eine datierbare oder datierte Inschrift mit allen Merkmalen der vorliegenden ist nicht bekannt: Proportionen und spitzes kapitales A sind vergleichbar mit dem Mainzer Albanskreuz, vgl. DI II (Mainz) Nr. 3 und weisen auf nachkarolingische Einflüsse; nicht zum Schaft durchgezogene Bögen des B sind aus einer Inschrift vom Ende des 10. Jh.s in Nieukerk/Kreis Geldern bezeugt, vgl. Funken, Bauinschriften Nr. 2; unziales E begegnet um 1000 auf dem Grabstein der Äbtissin Ruothild in Pfalzel und mit unzialem D 1035 auf dem Stein Abt Gumberts von Limburg a.d.H., vgl. Kraus, Christliche Inschriften II Nr. 428 u. 681 (Abb.), Abb. I Taf. VII, 10; unziales U auf dem Abbo-Stein des 10. Jh.s in Altlußheim, vgl. DI XVI (Rhein-Neckar II) Nr. 1; auf eine freilich nicht bis zum Schaft durchgezogene gerade Cauda trifft der Bogen des R beim Dietrich-Stein aus Bingen, vgl. H. Tiefenbach, Zur Binger Inschrift, in: Rheinische Vierteljahrsbll. 41 (1977) Abb. 1; die RV-Ligatur sonst wohl erst um 1100, etwa in Düsseldorf-Derendorf belegt, vgl. Funken Nr. 14.
  3. Diehl, Inscriptiones Latinae II Nr. 4164,5 u. I Nr. 2284.
  4. A. Nisters-Weisbecker, Grabsteine des 7.-11. Jahrhunderts am Niederrheim, in: Bonner Jbb. 183 (1983) 175326, bes. 205.
  5. Ehrentraut, Bleierne Inschrifttafeln 224.
  6. Codex Laureshamensis II Nr. 878 mit der ersten Erwähnung einer Kirche in Heppenheim zum Jahre 790.
  7. Belege bei Förstemann, Altdeutsches Namenbuch I Sp. 304f. vom 7. bis 11. Jh. Nach A. Socin, Mittelhochdeutsches Namenbuch nach oberrheinischen Quellen des 12. und 13. Jahrhunderts. Basel 1903, 52 in Mühlhausen/ Elsaß Bilidruda zum Jahre 1280 belegbar.
  8. Codex Laureshamensis II Nr. 1312 mit der Schenkung des Helighisus und seiner Frau Bilidruda in Sausenheim und „Gernisheim“ bei Grünstadt von 779; weiteres Vorkommen im Neckar-, Lobden- und Niddagau.
  9. Traditiones Wizenburgenses Nr. 1 von 742, 102 von 788, 172 von 830, 174 von 809 – alle Belege oberrheinisch, Bilidruda oder entsprechende Namenformen jeweils unter den Abhängigen aufgezählt.
  10. Dronke, Traditiones c.3 Nr. 84 u. 60 – Ende 8. Jh.(?).
  11. Mündlich vor allem nach F.K. Azzola, Die Scheibenkreuzplatte von Groß-Twülpstedt – ein Interpretationsversuch aus denkmalkundlicher Sicht, in: Die Kunde NF 23 (1972) S.227-231 u. Abb. 1 u. 3 und Hinweis auf den diagonal gegliederten Sarkophagdeckel im Museum von Miltenberg.
  12. Nisters-Weisbecker (wie Anm. 4) 316ff. Nr. 170.
  13. G. Behrens, Das frühchristliche und merowingische Mainz, nach den Bodenfunden dargestellt (Kulturgeschichtliche Wegweiser des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz 20) Mainz 1950, 16 u. H.W. Böhme, Germanische Grabfunde des 4. bis 5. Jahrhunderts zwischen unterer Elbe und Loire (Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 19) München 1974, 66f., 236 u. Taf. 23,1-2.
  14. Boppert, Frühchristliche Inschriften 68ff.

Nachweise

  1. Schmitt, Heppenheim 174 u. Abb. S. 56.
  2. Kropp, Denkmalliste o.S.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 12 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0001208.