Die Inschriften der Stadt Worms

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5. Schriftformen

Zu den Aufgaben des Deutschen Inschriftenwerkes gehört seit seinem Beginn die Bereitstellung und Analyse einer Materialbasis für eine Inschriftenpaläographie des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die Editionsbände können diese Aufgabe jedoch nur mit zunächst lokal begrenzter Gültigkeit erfüllen. Erst eine genügende Dichte des Materiales wird es ermöglichen, die großen Entwicklungslinien der Monumentalschrift mit solcher Verläßlichkeit herauszuarbeiten, daß fragliche Objekte, Entwicklungssprünge und Ausnahmen von der nur scheinbar linearen Schriftentwicklung eingeordnet werden können. Zu den Desideraten gehört auch die Frage, in welcher Weise Auszeichnungsschriften in Handschriften als Vorbilder für Monumentalinschriften dienten und wie sie umgesetzt wurden.244)

In gewisser Weise erstellt man für einen Inschriftenband hypothetisch so etwas wie eine grobe Abfolge der Schrifteigentümlichkeiten und bringt diese dann zur Deckung mit datierten Exemplaren; bei ausreichender Dichte innerhalb eines Bestandes ergibt sich die relative Chronologie der Merkmale freilich schon deduktiv aus der Reihe der datierten Inschriften. Diese sind allerdings nicht überall und für alle Zeiträume in repräsentativer Auswahl vorhanden, so daß sekundäre Datierungsmerkmale wie Baugeschichte und Personenidentifizierung die Beweislast mit all ihren Fallstricken übernehmen, oft sogar übernehmen müssen.245) Die Möglichkeit einer wechselseitigen Überprüfung der Ergebnisse aus paläographischer und dazu sekundärer Datierung entfällt dort, wo über längere Zeit, in Worms zwischen der Mitte des 11. Jahrhunderts und 1278(!), keine aus ihrem eigenen Text sicher datierten vorhanden sind und bei den wenigen auf geringe Zeitspannen eingrenzbaren Inschriften Entwicklungslinien durch Niveauunterschiede und die Eigenheiten der Trägergattungen verschoben sein können. Etliche sind auch einfach zu kurz oder verfügen über zu wenige Buchstaben, um sichere Vergleiche zu erlauben. Aus diesen Bedenken ist aber keinesfalls abzuleiten, Datierungen auf Grund der Monumentalpaläographie seien unmöglich oder gar irreführend; gewarnt werden soll hier vielmehr vor Risiken bei kurzen Texten und vermeintlich sicheren zusätzlichen Datierungshilfen. Angesichts großer Schwankungsbreiten in der Formenabfolge, daß nämlich gleichzeitig verschiedene Ausprägungen und ungleichzeitig identische Formen vorkommen können, muß man sich gelegentlich vor den apodiktischen Relationen „älter” und „jünger” hüten oder ihnen doch ein gesundes Mißtrauen entgegenbringen; die oft wünschenswerten vergleichenden Charakterisierungen „fortschrittlich” und „retardierend” sollten im Zweifelsfalle mehr Vertrauen genießen, taugen aber nicht für die geforderte chronologische Organisation des Kataloges.

Trotzdem konnte der Versuch einer noch auf Worms beschränkten Geschichte der Monumentalschrift wichtige Einblicke in Entwicklungslinien und die Handhabung von Schriftdatierungen geben; sie offenbarte Meister- oder Werkstattidentitäten, gab Aufschlüsse zu den Übergangsschriften am Ende des 15. Jahrhunderts und führte in mehreren Fällen zu überhaupt neuen Ansätzen von Denkmaldatierungen.

Man geht davon aus, daß im allgemeinen die Ausprägungen von Monumentalschriften nicht eigentlich Neues darstellen, sondern aus Transponierungen bekannter Formen in neue Stoffe und die Mehrdimensionalität entstanden;246) Tempo und und Güte der Umsetzung hingen von der Kunstfertigkeit der Hersteller und dem technischen Vorgang der Schriftherstellung je nach Beschreibstoff ab. Um Merkmale der Monumentalschriften wiederzufinden, hielt man folglich in Handschriften Ausschau247) und zwar dort an solchen Stellen, die selbst wieder Schrift als Dekoration, Auszeichnung, Hervorhebung u.a.m. benutzten, also eine Durchstilisierung der Buchstaben erwarten lassen. Keineswegs alle Ausformungen von Handschriften eigneten sich zur monumentalen Umsetzung und noch weniger kann von einer gleichzeitig verlaufenden Entwicklung die Rede sein: Sehr ähnliche Schriftformen können auf verschiedenen Beschreibstoffen Jahrhunderte voneinander entfernt entstanden sein. Wenn man davon ausgeht, daß es zwischen Scriptorium und Werkstatt einen heute nicht greifbaren Vermittlungs-[Druckseite LVII]-vorgang gegeben haben muß, der in Identität von Personen, vor allem aber in der Weitergabe von Mustervorzeichnungen gelegen haben dürfte, ist in dieser Instanz ein weiterer Einflußfaktor auf die Ausgestaltung und die zeitliche Entfernung von Buchstaben in Handschriften und auf Monumenten gegeben. Im wesentlichen ist davon die Frage der Innovation betroffen, für die jeweils nach einem Ausstrahlungszentrum zu suchen wäre. Nach der Etablierung einer Schriftform bildeten schon vorhandene Denkmäler und Schulung in Werkstatt-Traditionen ein konservatives Vorbild, das auch in Musterbüchern weitergeschrieben wurde; der Rückgriff auf handschriftliche Vorbilder ging in seiner Bedeutung für die Weiterentwicklung zurück. Neue Ideen hielten Einzug durch radikale Übernahmen neuer Entwicklungen oder die Verschmelzung bekannten Formenmateriales mit fremden Anregungen, die durch die hohe Mobilität von Handwerkern und Künstlern beigebracht und relativ rasch weiterverbreitet wurden. Eine ganze Reihe von Umständen wirkte also auf die Ausbildung von Formen ein, wobei heute meist nur noch die Beharrlichkeit oder Veränderung von Traditionen zu beobachten, keinesfalls aber zu begründen sind: Außer Nähe oder Ferne zu Innovationszentren nahmen Einfluß auf die Schriftform der Auftraggeber und seine Werkstattwahl mit mehr oder minder künstlerischem Qualitätsanspruch und eine Reihe von zufälligen Begleiterscheinungen wie Verfügbarkeit international geprägter Bauhütten oder umgekehrt die relative Abgeschlossenheit von Werkstätten. Auszierungen von gotischen Majuskeln auf den Grabplatten des Klosters Disibodenberg etwa reichen von den ersten und schönsten Exemplaren bei den Mitgliedern der Familie Heinzenberg (1302/1308) regelmäßig bis weit in die vierziger Jahre und vereinzelt bis ins letzte Drittel des 14. Jahrhunderts;248) zur etwa gleichen Zeit begegnen durchaus identische Formen auf den Platten des zisterziensischen Mutterklosters Otterberg.249) In beiden Zisterzienserklöstern wie etwa auch in Schönau250) schenkte man also der dekorativen Ausgestaltung einer sonst zeitangepaßten Schrift große Aufmerksamkeit. Mit guten Gründen läßt sich vermuten, daß es sich jeweils um „werkstatteigene” Inschriften des Klosters handelte, deren handschriftliche oder monumentale Vorlagen zu finden, eine reizvolle Aufgabe wäre.251) In unmittelbar benachbarte Bestände gelangte diese individuelle Ausgestaltung nicht oder nur rudimentär. Wie noch zu zeigen sein wird, bildete sich auch im Kloster Maria Himmelskron in Worms-Hochheim eine eigene Schrifttradition aus, die eben dadurch erklärt werden kann, daß das Kloster die Herstellung der betreffenden Grabplatten besorgte. Regional abgrenzbare Schriftformen standen also in einem Spannungsfeld von Importen neuer Ideen und lokaler Traditionen, zwischen Innovation und Beharrlichkeit, gegebenenfalls nicht nur des Denkens, sondern auch in den handwerklich-künstlerischen Produktionsbedingungen.

Ein Blick in die Buchmalerei des Frühmittelalters belehrt darüber, daß die bildlich ausgestalteten Initialen schon flächig-körperhafte Elemente enthalten, die in der Monumentalschrift erst sehr viel später realisiert werden sollten; deutlich wird das besonders an der in zahlreichen Handschriften überlieferten Beatus-Initiale.252) Hier scheint ein Hinweis angezeigt auf ein Phänomen, das in der Tat im Zusammenspiel von Epigraphik und Handschriftenpaläographie angegangen werden müßte: Zumindest die ornamental ausgestalteten Prunkinitialen schon des 9. Jahrhunderts entsprechen körperhaften Buchstabenformen, wie sie sich bei Inschriften erst des 13. Jahrhunderts durchsetzten, vorher etwa in den geringen Bogenschwellungen der Wormser Weiheinschrift von 1058 nur ausnahmsweise und in schwacher Ausprägung realisiert sind. Nur mit gehöriger Verspätung greift also die Monumentalschrift Gestaltungsweisen auf, die in der Buchillustration, soweit die Kontur des Buchstabens betroffen ist, seit langer Zeit nur geringen Veränderungen unterworfen war. Aus dem zeitlichen Abstand muß man daher erwägen, daß in den meisten Fällen die Verwendung neuer Schriftformen nicht unmittelbar aus handschriftlichen Vorlagen abzuleiten ist, sondern aus der Anregung selbst schon innovativer Denkmäler. Man müßte auch erwarten, daß die älteren Denkmäler mit neuen Einflüssen noch handschriftlichen Vorlagen am nächsten und damit am Anfang von Innovationsreihen stehen. Vielleicht ist aber bei Gelegenheit doch viel vorsichtiger zu formulieren, indem man sagt, daß ein Denkmal wie das Grabmal [Druckseite LVIII] für Erzbischof Peter von Aspelt (†1320)253) einer neuen Entwicklung Bahn brach und nur bedingt als direktes Vorbild für die speziellen Formen nachfolgender Denkmäler, hier mit ungewohnter gotischer Minuskel, gelten kann. Gemessen an Inschriften in Stein stehen die Beschriftungen von Textilien gelegentlich zeitgenössischen Handschriftenvorlagen wesentlich näher; in der Monumentalpaläographie erst der gotischen Majuskel des 13. Jahrhunderts zugeschriebene Flächigkeit von Buchstaben zeigen in dieser Hinsicht etwa die Decke der hll. Ewalde aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und die Herrschermäntel Kaiser Heinrichs II. in Bamberg.254) Das Charakteristikum Flächigkeit, erreicht üblicherweise durch Ausrundung von Schaft-zu-Bogenübergängen sowie Hasten- und Bogenschwellungen, später erst durch Abschlußstriche, in handschriftlichen Vorlagen wiederzufinden, trifft auf die Schwierigkeit, zwischen den allein durch die Federdrehung bewirkten Verdickungen sowie ihren quasi-Imitationen in großen flächigen Buchstaben einerseits und gewollt körperhafter Gestaltung gotischer Buchstaben andererseits differenzieren zu müssen. Nicht das Merkmal an sich ist problematisch, sondern seine Anwendung.

5. 1. Frühe Schriften — Frühchristliche, angelsächsische, karolingische Schriften

Als aus einer römischen Militärsiedlung erwachsene Bischofsstadt nahm Worms im Raum zwischen Speyer und Mainz den Platz eines politischen und kulturellen Zentrums ein, dem nur bis zur ausgehenden Karolingerzeit das Kloster Lorsch den Rang streitig machen konnte. Enge Verbindung der Bischöfe zum Herrscher seit dem 9. und wieder ab dem Ende des 10. Jahrhunderts und dadurch Intensivierung der Klerikerausbildung bildeten eine der Voraussetzungen für künstlerische Aktivitäten und damit verstärkte Inschriftenproduktion, umfangreiche Bauprogramme seit Bischof Burchard I. eine weitere. Aus spätrömischer Zeit war freilich die Sitte, Verstorbenen einen Grabstein zu setzen, am Leben geblieben und somit das Medium Inschrift auch im Frühmittelalter, wenngleich gegenüber der Römerzeit in erheblich verdünnter Überlieferung, präsent. Die in und bei Worms gefundenen Exemplare weisen alle noch der römisch-christlichen Schrift verhaftete Merkmale auf und nicht die des von Konrad F. Bauer erarbeiteten rheinfränkischen Typs.255) Dessen Hauptmerkmal besteht in der Vermischung schon vom klassischen Ideal gelöster römischer Kapitalschrift mit runenartigen Elementen, die sich insbesondere in eckigen Buchstaben und der Neigung zur Hastenverlängerung bemerkbar macht; der Stein des Unfachlas (Nr. 1) zeigt einige solcher Kriterien in unvollständiger Durchbildung, so daß man leicht eine Datierung im späteren 6. Jahrhundert suchen könnte, was aber nicht zwingend ist. Aus dem insularen Kulturbereich hingegen schöpft die Schrift des Aldualuhus/Aldualahus-Steines (Nr. 4) wohl des 8. Jahrhunderts,256) in die wie in kaum eine andere charakteristische Erscheinungen handschriftlicher Auszeichnungsschriften eingeflossen sind. Für die Zeit der karolingischen Schriftreform haben sich keine epigraphischen Beispiele in Worms erhalten. Aus dem benachbarten Lorsch mag die Grabschrift eines Klosterlehrers einen Eindruck davon vermitteln,257) wie die Inschriften des Stiftes Neuhausen, dessen Gründer Samuel auch Abt von Lorsch war, ausgesehen haben könnten.

Epigraphische Formen, auf denen die Schriften der Romanik aufbauten, lassen sich in Worms nicht belegen. Dieser Mangel ist nicht gravierend, da anders als Jahrhunderte später regional greifbare Entwicklungsschritte im 11. Jahrhundert eine wesentlich geringere Rolle spielten und daher die Hauptkriterien, falls es denn solche gibt, auch aus fremden Materialien abzuleiten sind.

5. 2. Romanische und gotische Majuskel

In gewisser Weise stellt sich die Schriftgeschichte nach der karolingischen Schriftreform als eine Geschichte ihrer Entfernung von wiederaufgenommenem klassischem Stilgefühl in Proportion und Einzelbuchstaben dar. Auf der erst jüngst wiederaufgefundenen Weiheinschrift der Nikolauskapelle des Wormser Domes (Nr. 11) ist die früheste hochmittelalterliche Schriftform belegt, auf einem ehe-[Druckseite LIX]-dem prominenten Träger überdies, dessen Ausführungsqualität einer Steininschrift die meisten zeitnahen Inschriften am Rhein in den Schatten stellt und daher wiederum nur bedingt als Fixpunkt für Vergleiche nützt. Die Schrift unterscheidet sich erheblich von den stark verschachtelten der Mainzer Willigis-Tür und der zeitlich näher liegenden Grabinschrift des Wignandus,258) aber auch von den mit Unzialen schon stärker durchdrungenen Grabinschriften der Äbtissin Ruothildis von Pfalzel und des Abtes Gumbert von Limburg259) durch ihre klare Linienführung und bis auf geringe Ausnahmen kapitale Dominanz. Sporenbildung und die unterschiedlichen Strichstärken bei Schäften und Bögen unterstreichen ein an besten Vorbildern geschultes Formengefühl, das mit dem der qualitätvollen Hildesheimer Produktion durchaus vergleichbar ist. Bislang selten zu beobachten,260) wurden kapitale E am Wortende mit Cauden versehen, obwohl eines zusätzlich auch mit einem A ligiert ist. Monumentalschrift des 11. Jahrhunderts zu beurteilen, heißt nach dem Grad ihrer Abkehr von klassisch-karolingischem Ideal kapitaler Schriftform und nahezu quadratischer Proportion zu fragen. Das neue Stilgefühl zeigte sich entweder in der zunehmenden Zahl von Unzialen (Ruothildis, Gumbert) oder der übertriebenen Anwendung von Buchstabenverbindungen (Willigis-Tür, Wignandus-Stein in Mainz-St. Stephan). In dieser Hinsicht hat sich die Weiheinschrift von 1058 eine bedenkenswerte konservative Form bewahrt und steht daher auch im Kontrast zu späteren in weniger qualitätvoller Ausführung sowie zu früheren und gleichzeitigen, deren Öffnung für unziale Inschriften dem Einfluß der kluniazensischen Reformbewegung zugeschrieben wurde.261) Nur in Schannats Nachzeichnungen überlieferte Inschriften von beiden Enden des 11. Jahrhunderts (Nr. 8, 17) dürfen streng genommen nicht für eine positive Rekonstruktion zeitgenössischer Schriftformen herangezogen werden, da man die Qualität und Realitätsnähe der Abbildung nicht kennt; immerhin läßt sich bei beiden feststellen, daß keine gravierenden Indizien gegen den jeweiligen Ansatz zu sprechen scheinen, sieht man einmal davon ab, daß das seltene unziale M der Hildebold-Inschrift (Nr. 8) unten geschlossen ist, in seiner Symmetrie aber dem M auf der Grabinschrift der Äbtissin Ruothildis von Pfalzel entspricht.

Das 12. Jahrhundert wurde gelegentlich als die entscheidende Phase für den Entwicklungssprung zur gotischen Majuskel als eigentlich seit der Antike ersten neuen Schrift angesehen; wie die dazu ausgewählten Beispiele erkennen lassen, trifft dieser zeitliche Ansatz für schon gotisch zu nennende Merkmale nur auf herausragende Werke der Metallkunst zu.262) Die Neigung zur flächigen Ausgestaltung in Form von Verbreiterung der Hasten an den Enden und durch Ausziehen der Sporen, die im Laufe der Zeit in sogenannte, nicht zur Substanz des Buchstabens gehörende Abschlußstriche mündeten, und Bogenschwellungen gewann im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts insbesondere bei in Goldschmiedearbeiten eingelegter Emailschrift an Boden. In der Lapidarpaläographie ist von diesen neuen und für die gotische Majuskel determinierenden Merkmalen zunächst nur selten etwas zu spüren und auch die Inschriften an den Wormser Domskulpturen verraten von den neuen Entwicklungsschritten nur in bescheidenen Ansätzen etwas, nämlich in der Ausrundung der vorher rechten Winkel am Übergang zwischen Hasten und Bögen vor allem bei B, D, R des Juliana-Bildes (Nr. 18)263) und beginnenden Schwellungen bei Danielgruppe und südlichem Portaltympanon (Nr. 21-23).264) Die weitaus stärker von der Gotik geprägten Formen des Nikolaus-Tympanons (Nr. 39) mußten daher erheblich nach der mutmaßlichen Entstehungszeit des Reliefs angesetzt werden. Erst in der monumetalen Wandmalerei des Christophorus im Dom (Nr. 30) tritt spätestens zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine ausgebildete gotische Majuskel entgegen;265) da korrigierende Übermalungen nicht auszuschlie-[Druckseite LX]-ßen sind, geben ihre Einzelformen keinen sicheren Anhaltspunkt für den zeitgenössischen Schriftstandard, der bei Wandmalereien ohnehin der Lapidarschrift entwicklungsgeschichtlich vorauseilt.266) Obwohl geringe Bogenschwellungen und die Unterscheidung von Haar- und Schattenstrichen auch schon im 11. Jahrhundert zu beobachten sind, gelten nur deren oft schwer meßbare Auswirkung auf die zunehmende Flächigkeit des Buchstabens und das Vorkommen von Abschlußstrichen als sichere Indizien der Gotisierung; in unvollkommener Realisierung solcher Merkmale ist diese daher nur schwer zu beurteilen. Galt für die Definition der neuen Schrift der romanischen Majuskel nur generell ein Abrücken von klassischem und karolingischem Formenideal, so ist auch die fortschreitende weitere Entfernung davon zu einem neuen Formengefühl in der Gotik nicht mit einem sauberen zeitlichen Trennungsstrich zu belegen, die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Entwicklungsstufen daher nur natürlich. Wenn im nachfolgenden Katalog schon für Inschriften der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Bezeichnung „Gotische Majuskel, früh” gewählt wurde, sollte damit ihre weitgehende Abkehr von dem romanischen Duktus charakterisiert werden, die sich aber in nur gelegentlichen Abschlußstrichen wie beim südlichen Tympanon der Martinskirche (Nr. 31) und Ansätzen von Schwellungen darstellt. Keinem Zweifel darf die Feststellung unterliegen, daß bei den meisten frühen Inschriften und insbesondere bei den kurzen der Pauluskirche keinesfalls an eine Durchbildung der Merkmale gotischer Majuskeln gedacht werden kann. Bei den wenigsten läßt die Ausführungsqualität eine durchgehende Realisierung zeitgenössischer Formensprache erwarten, doch sind in Abschlußstrichen und dem fast einhellig verwendeten R, dessen Bogen und Cauda sich nicht berühren, enge Verbindungen zum Martinstympanon mit seiner mindestens gotisierten Majuskel gegeben.267)

Für eine lückenlose Nachzeichnung der Entwicklungsschritte der gotischen Majuskel fehlen in Worms sicher datierte Objekte im frühen 13. Jahrhundert; um so mehr macht sich dieser Mangel bemerkbar, als gerade auch Träger in sogenannten weichen Materialien, Farbe, Glas, Edelmetalle, die eine gewisse Vorreiterrolle für die Verwendung von neuen Formen in Stein beanspruchen können, für keinen Zeitraum in nennenswerter Dichte vorhanden sind. Zwischen den isolierten Zeugnissen am Ende des 12. Jahrhunderts und den Bronzegefäßen von 1278 liegen eben zahlreiche Schriftbelege in Stein mit zu den progressiven Erstanwendungen scheinbar retardierenden Elementen. Erst 1278 (Nr. 49f.) zeitigen die angestrengten Bemühungen des Graveurs, das gotische Streben nach Flächigkeit jedenfalls bei den größeren Buchstaben mittels Doppellinien zu verwirklichen, Erfolg, und man kann sie als durchgebildete gotische Majuskeln bezeichnen, obwohl hier noch das oft als Leitbuchstabe bezeichnete pseudounziale A fehlt; es begegnet aber schon in früheren Steininschriften und setzt sich nach 1280 in stark variierten, oft spielerischen Formen durch. An dem am besten erhaltenen Bestand des Klosters Maria Himmelskron in Worms-Hochheim läßt sich dann ab 1290 eine dichte Folge von datierten Majuskeln beobachten; alle genannten Merkmale der gotischen Formensprache sind verwirklicht, freilich oft mit spielerischen und für den Bestand charakteristischen Varianten: Die frühen Hochheimer Inschriften zeichnen sich durch unter die Begrenzungslinie geführte eingerollte Cauden und Zierstriche aus,268) eine Erscheinung, die schon kurz nach 1301 abbricht, 1321 (Nr. 104) in dünn und spitz auslaufender Form und schließlich 1344 und 1346 (Nr. 62, 124) nachahmend kurzfristig wieder aufgegriffen wird. Bis auf eine einzige Ausnahme (Nr. 59) ist diese Besonderheit allein dem Bestand Hochheim zuzuschreiben und zudem in sich so konsistent, daß eine Vordatierung des Guda-Steines (Nr. 58) um 20 Jahre auf 1295 möglich wurde, wie sich auch durch eine späte Abschrift beweisen ließ. Eine zweite Eigentümlichkeit, die der Hochheimer Bestand nur mit wenigen anderen Wormser Inschriften zwischen 1290 und 1350 teilt, bildet das in unterschiedlichsten Formen auftretende A, das sowohl in der konventionellen pseudounzialen Form als auch dazu spiegelbildlich mit rechts geschwungenem Spielbein sodann breit mit kräftigem Deckbalken achsensymmetrisch oder mit in ihren Strichdicken wechselnden Hasten, einmal sogar symmetrisch gerundet mit gebrochenem Mittelbalken vorkommt; nach der Jahrhundertmitte weicht diese Typenvielfalt einem fast einhellig durchgehaltenen pseudounzialen A, bis “späte gotische Majuskeln” wieder mit dem Buchstabentyp als dekorativem Element spielerisch umzugehen beginnen. War vor der Mitte des 13. Jahrhunderts in der „Gotischen Majuskel, früh” noch das Nebeneinander mit romanischem Repertoire und fast bis zum Jahrhundert das Suchen nach einem Formenkanon zu konstatieren, so bildete sich ziemlich genau mit dem Jahr 1300 in Worms eine bis auf wenige Ausnahmen zu weiten Bereichen konforme Majuskel aus, die im 14. Jahrhundert weitgehend den allgemeinen Entwicklungslinien folgte. Differenzierungen in den Bezeichnungen teils sehr verschiedener gotischer Majuskeln sollten in dem großen Bestand die Orientierung erleichtern und Vorstufen wie Nachzügler im groben Rahmen kenntlich machen. Der Bearbei-[Druckseite LXI]-ter ist sich dessen bewußt, daß hier nur ein weitmaschiges zeitliches Raster vorgelegt werden kann, das Bedürfnisse der Automatisierung in ein reichlich formales Gerüst preßten. Die Bezeichnungen „früh”, „vor 1300”, „spät”, „sehr spät” heben das Vorkommen gotischer Majuskeln außerhalb ihrer Domäne des 14. Jahrhunderts hervor; gerade angesichts überaus häufiger Doppelverwendungen von Inschriftenträgern sollen so in der editorisch notwendigen Zusammenfassung möglicherweise verschiedene Entwicklungsstufen nicht zuletzt für das Register transparent gemacht werden. Vorzubeugen ist hier dem Mißverständnis, mit diesen groben Kategorien seien abgeschlossene oder konsistente Entwicklungsschritte der Majuskel greifbar, im Zweifelsfalle gilt immer die Schriftbeschreibung im jeweiligen Kommentar zu einer Inschrift.

Als besonders heikel erwies sich in Worms die Proportion als Datierungsmerkmal gotischer Majuskeln. Relative Schlankheit der Majuskeln im 14. Jahrhundert wurde, wenn nicht als Indiz für spätere Herstellung genommen,269) dann wenigstens als progressiver angesehen.270) Einst durchaus berechtigte Generalisierungen dieser Art bedürfen der Einschränkung und bestandsgerechten Relativierung, wenn in Würzburg allerdings in unzureichender Deutlichkeit nach 1350 das Nebeneinander von breiter und hoher Form konstatiert,271) im insgesamt als konservativ angesehenen Bestand des Landkreises Ludwigsburg eine schlankere Form schon auf einer Platte von 1307 erkannt wurde.272) Hüten muß man sich also vor der unzulässig vereinfachenden Sichtweise, der hohe Grad der Schlankheit deute auf relativ späte Entstehung im 14. Jahrhundert; dieser gängigen Faustregel, die für die gotischen Buchstaben bisher auch nicht durch exakte Proportionalzahlen untermauert wurde,273) widersprechen in Worms relativ schlanke Majuskeln noch vor der Jahrhundertwende (Nr. 55, 59), die neben breiteren Formen standen und um 1300 von jenen verdrängt wurden. Deren Dominanz in der ersten Dekade und die Konsistenz der Formen erzwangen sogar die Vordatierung einer Grabplatte um 50 Jahre (Nr. 71). Je nach Raumbedarf der Schrift muß man aber schon in der zweiten Dekade wieder mit erheblich schlankeren Formen rechnen, wie die Platten für Dekan Philipp (Nr. 99), übrigens mit breiten Formen für Zweitverwendungen um 1349, und Ritter Dirolf (Nr. 98) mit freilich eigenwilligem Duktus erkennen lassen. Zeitlich nicht fern davon stehen bei den beiden erhabenen Majuskeln des Lukard-Steines (Nr. 100) und des Posaunenengels vom Domsüdportal (Nr. 110) in Ausführungsqualität und Proportion ebenfalls gegensätzliche Tendenzen auf zwei Denkmälern zeitnah beieinander, die sogar einem einzigen großen Werkstattkomplex zugeordnet worden sind. Eine wirkliche Durchsetzung schlanker Proportion erfolgt erst nach der Jahrhundertmitte; der Schlankheitsgrad nimmt fast ohne Ausnahme kontinuierlich zu bis etwa zum Ende des Jahrhunderts. Im Jahre 1381 weisen die zu Spitzen ausgebildeten Bogenschwellungen auf der Grabplatte des Philipp von Morschheim charakteristische Merkmale der zweiten Jahrhunderthälfte auf, für die es vermehrt in Würzburg schon maniriert zu nennende frühere Beispiele gibt.274)

In fast allen Inschriftenbeständen sind Verwendungen gotischer Majuskeln auch im 15. Jahrhundert nachgewiesen, nur höchst selten bis in die Neuzeit hinein; verstreute Beispiele wurden gleichsam als Epigonen, gelegentlich als Anwendungen aus bewußt historisierender oder mystifizierender Absicht heraus gewertet.275) Daß in Worms eine Vielzahl von Denkmälern des 15. Jahrhunderts mit einer sonst überall außer Mode gekommenen Schrift beschrieben wurde, kann nicht nur auf Zufällen der Erhaltung beruhen, da hier gerade in der ersten Jahrhunderthälfte eine nur vergleichsweise geringe Erhaltung und überhaupt Inschriftenüberlieferung gegeben ist. In gewisser Weise stimmig dazu ist freilich das relativ späte Auftreten der gotischen Minuskel als Konkurrenzschrift, das mit dem Jahr 1403 gut eine Generation später als in den meisten benachbarten Beständen erfolgt.276) Frühere Zählungen mit [Druckseite LXII] dem heute vollständigen Material ergänzend,277) ergibt sich als signifikante Verteilung aussagefähiger, also noch erhaltener oder fotografisch überlieferter Majuskeln: 40 Anwendungen zwischen 1350 und 1399, 17 zwischen 1400 und 1459, 13 nach 1460, bis 1459 noch 3 zusätzliche Inschriften mit Versalien oder Monumentalbuchstaben, nach 1460 noch mindestens 6, die letzte davon sicher datiert auf 1527 (Nr. 415).278) Man hat späten Exemplaren der gotischen Majuskel keine eigene Formenentwicklung mehr zugetraut und in den oft zitierten Beispielen von Erbach und Weinheim279) sicher zu Recht eine Umsetzung des Formenrepertoirs in erster Linie des 14. Jahrhunderts mit nur geringen Abwandlungen erkannt.280) Wenn die Schrift auf der Grabpatte der Katharina von Landeck281) von berufenem Mund als von lapidarschriftlichen Traditionen gelöst und als Buchinitialen nachgebildet bezeichnet wurde, trifft das sicher den eigenwilligen Charakter der im allgemeinen sonst nicht mit Abschlußstrichen versehenen Buchstaben A, F, N, X.282) Weniger konsequent ist dieses Merkmal auch auf den späten Wormser Exemplaren ausgebildet, die freilich daneben auch andere Entwicklungsschritte erkennen lassen, und zwar in teils gegenläufiger Tendenz: Die für Gotisierung von Buchstaben konstitutive Flächigkeit wird weitergetrieben, indem Bogenschwellungen verbreitert einen noch größeren Raum einnehmen und daher der Anteil der ausgehauenen Fläche an der Gesamtfläche eines Buchstabens ansteigt; obwohl die Aufschwellung nicht nur dem äußeren Bogen zugutekam, hatte diese Entwicklung eine wesentliche und dynamische Verstärkung der Sinus-Krümmung zwischen Bögen und Cauden zur Folge. Für die verhältnismäßig schlanken bis überschlanken Majuskeln des 15. Jahrhunderts, die also nicht eine um 1400 angesetzte breitere Form fortsetzen,283) hält das erste Drittel nur vier beurteilbare Exemplare in Worms bereit, die freilich noch nicht den einheitlichen Charakter gerade der Inschriften um die Jahrhundertmitte besitzen, sondern einerseits überstreckte Buchstaben des Wachenheim-Steines (Nr. 177) fortschreiben, aber auch dort nicht auftretende Ausrundungen zwischen Mittelbalken und Bogen des unzialen E aus dem Ende des 14. Jahrhunderts übernehmen, auch nicht konsequent die Überhöhung des Bogens über den niedrigen Schaft bei D anwenden.284) Kurz vor der Jahrhundertmitte wird dann ein verbreiteter sehr flächiger Buchstabentyp greifbar, dessen Eigenheiten sogar auf die Werkstattidentität von mindestens vier Steinen hinweisen; dazu gehören außer identischer Proportion, unzialem A mit schrägem Mittelbalken, kleinem Schaft des D vor allem die Ligatur OR und eben ganz ungotisch wenigstens teilweise auf gerade, stumpfe Striche zurückgeführte Cauden von R und K.285) Kurz darauf setzt sich um 1458/1460 eine gewisse Übersteigerung der Krümmungselemente durch,286) die eine Abkehr von dem einmal erreichten Formenstandard einleitet; das pseudounziale A verliert seinen Deckbalken und schon 1468 (Nr. 265) kommen C ohne Abschlußstriche und unziales D vor. Neue Schriften werfen ihre Schatten voraus.

5. 3. Übergangsschriften, Frühhumanistische Kapitalis

Eine vollends neue Qualität eröffnet die Grabplatte der Elisabeth Eisenhut von 1488 (Nr. 312), bei der die Verfremdung zuvor immer noch gotischer Majuskeln neue Dimensionen erhält und endlich [Druckseite LXIII] lokalisiert werden kann. Gotisch sind sicher noch Schwellungen, Abschlußstriche an C, E, M, X; Bogenschwellungen von A, H, N und R besitzen jedoch nicht mehr die Dynamik der Sinus-Krümmungen, sondern hängen sackartig unter dem Scheitel der Krümmungen und gehen abrupt in kurze, nur leicht geschwungene Cauden oder Zierstriche über. Diese erhebliche Verfremdung wird unterstützt durch Nodi beim I, symmetrische A mit breiter Trabs und gebrochenem Mittelbalken, retrogradem kapitalem N, Nebeneinander auch von kapitalen und unzialen Formen des U/V und T, wobei dem kapitalen T die sonst ausgeprägten spätgotischen Serifen fehlen, und teils offenen unzialen E, die das Epsilon-E durch innere Ausrundung vorwegnehmen. Damit ist die Richtung gewiesen, aus der die neuen Anregungen stammten, nämlich aus dem Alphabet der frühhumanistischen Kapitalis.287) Wenngleich für einen Stein von 1499 (Nr. 344) quasi ein Rückschritt zu mehr Gotik zu verzeichnen ist, läßt sich in Worms ein zweigleisiger Weg zur schließlich im 16. Jahrhundert dominierenden Kapitalis erkennen, wovon einer in gewissen Übergangschritten von gotischem Formengefühl, so sehr das der Einführung humanistischer Schriften widersprechen mag, abgeleitet ist. Schon früher hat der Bearbeiter aus diesen Besonderheiten des Wormser Bestandes auf eine bodenständige Wurzel der Übergangsschriften zwischen Gotik und Humanismus hingewiesen;288) in der Tat sind entgegen früheren Annahmen, diesen Ansatz jedoch bekräftigend, noch zwei Inschriftenträger in die betreffende Zeit datiert worden, die weiteres Ausscheiden von Gotik zugunsten der neuen Formen dokumentieren, ohne daß hier etwa einer konsistent verlaufenden Entwicklung das Wort geredet werden soll: Zu den mit den genannten durchaus vergleichbaren Grabplatten des Nikolaus Wormbs von 1491 in Liebfrauen (Nr. 324) und der Elisabeth Mon[d] von Cassel von 1502 in Ladenburg289) sind die Platten des Vikars Jakob Henel von Pfeddersheim von 1502 und wohl einer angehörigen Person von nach 1502 aus dem Andreaskreuzgang (Nr. 367) sowie die des Kustos von St. Andreas Johannes Indaginis (Nr. 377) hinzuzuziehen. Beim Ladenburger Stein fiel besonders kapitales E ins Gewicht; ebenso deutlich sind aber die gotischen Elemente. Er gehört übrigens streng genommen auch zum Wormser Material, weil er während des Exils des Wormser Klerus, hier von Geistlichen aus dem Andreasstift, für die Mutter eines Wormser Klerikers geschaffen wurde. Gegenüber 1491 finden sich beim Henelschen Denkmal von 1502 weitere Neuerungen in spitzem, symmetrischem A neben einem breiten mit kräftiger Trabs und deutlichen Hastenschwellungen, den offenen C, den schon nicht mehr spätgotischen E, der Anwendung eines Hundertermultiplikators beim Jahr wie beim Ladenburger Stein. Den entscheidenden Schritt von der gotischen Majuskel mit Kapitaliselementen zur nicht-klassischen Kapitalis mit gotisierenden Typen und Formteilen vollzog die Schrift auf den drei Fragmenten der Grabplatte des Johannes Indaginis: Aus dem Gemisch von gotischer Majuskel und gotisch beeinflußter frühhumanistischer Kapitalis stammen Bogenschwellungen bei B, D, O und S, in Dreiecke ausmündende Hastenenden, N wie bei den früheren retrograden mit dünnem Schrägschaft, nach unten gebauchter Nodus des H, während alle Buchstaben doch einem mäßig schlanken kapitalen Typ entsprechen.290) Betreffs der Morphologie der Buchstabenteile entspricht keines der vorgenannten Wormser Beispiele den viel stärker an verfremdeten Kapitalisbuchstaben orientierten Paradebeispielen für frühhumanistische Kapitalis, die, was kaum noch bestritten werden kann, aus Italien über die oberrheinischen Konzilsorte und den habsburgischen Hof in das künstlerische Schaffen Süddeutschlands Eingang fand. Ihre frühesten und besten Anwendungen kamen ohne Einwirken gotischer Majuskeln zustande;291) das heißt jedoch nicht automatisch, daß jede Schriftinnovation und schon gar nicht ihre lokale Weiterentwicklung allein auf Import von Anregungen zurückgeführt werden muß. In extremer Weise polarisiert findet sich die Kombination frühhumanistischer Typologie mit noch gotischer Buchstabenmorphologie in den Nomina sacra des Rüppurr-Kelches (Nr. 411), wie überhaupt im Bereich der metallenen Inschriftenträger diese Kombination lange gepflegt wurde;292) in Worms selbst wurde dieser morphologische Ansatz auch mit der Typologie der Renaissancekapitalis weiterentwickelt, und zwar im Typar des Stadtsiegels von 1550, indem Bögen innen geschwellt und schon verbreiterte Hastenenden an den Füßen gespreizt [Druckseite LXIV] wurden. Die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten am Ende des 15. Jahrhunderts tritt vor diesem Hintergrund besonders deutlich hervor, wenn man bedenkt, daß das zwar in Speyer gedruckte, aber sicher in Worms konzipierte Titelblatt der Stadtrechtsreformation von 1499293) und seine Nachdrucke zeitgleich zu gotisierenden Schriften sozusagen reine frühhumanistische Buchstabenmorphologie zeigen, in die freilich mit unzialen D, G neben Epsilon-E auch aus der Gotik stammende Buchstabentypen eingeflossen waren.

Wenngleich in jüngster Zeit allgemeine Übereinstimmung darüber erzielt wurde, daß die unklassischen Kapitalisschriften, also die Kapitalis vor der Renaissancekapitalis im strengeren Sinne, ihre Anregungen aus der Vermittlung italienischer Einflüsse über die oberrheinischen Konzile bezogen und bestimmte Ausformungen die Benennung „frühhumanistische Kapitalis”294) rechtfertigen, so dürfen unzweifelhaft gotische Formenelemente der Sonderformen nicht vernachlässigt werden und sollten, wenn nicht über die Terminologie, doch in den Schriftcharakteristiken gebührende Beachtung erfahren; je weiter man sich von den kulturschaffenden Zentren Süddeutschlands entfernt, um so stärker werden die neuen Formen von „alten”, gotischen, geprägt sein und um so später wird man sie antreffen. Da eine gleichmäßige Ausbreitung der Sonderformen nicht zu erwarten ist, wird man nach weiteren Ausstrahlungszentren Ausschau halten müssen.

Grundsätzliche Einwände gegen die vordergründige Annahme einer kontinuierlich verlaufenden Entwicklung von späten gotischen Majuskeln zur Kapitalis sollen nicht verschwiegen werden: Erstens wird das hier nirgends ernsthaft als allgemeingültige Beobachtung behauptet; das Wormser Material zeigt nur die Verformung einer in langer Tradition stehenden Majuskel in eine Übergangsschrift des Zweilinienschemas. Zweitens entstammt das neue Repertoire zwar frühhumanistischen Einflüssen, wurde aber schon vorher, wie späten Majuskelkennzeichen zuwiderlaufende Tendenzen andeuteten, aus älteren Monumentalalphabeten gespeist; noch gotisierende Elemente der Übergangsschriften zwischen 1468 und 1502 greifen zum Teil also auf frühe Entwicklungsstufen der Majuskel zurück. Das langsame Wirksamwerden der neuen Formideen begleitete ein Rückgang der übertriebenen Schwellungen oder zumindest ihre Verlagerung; sie waren mit dem konkurrierenden Modell kapitaler Einflüsse nicht oder nur schwer zu vereinbaren. Dementsprechend stammen die nichtkapitalen Reste der späteren Wormser Übergangsschriften auch nicht aus der extrem späten Majuskel um und nach der Jahrhundertmitte, sondern lehnen sich wie bei offenen unzialen E meist an Frühformen an. Mit diesen Beobachtungen stimmt überein, daß bei vielen Inschriftenträgern mit Übergangsschriften oder gar noch späteren gotischen Majuskeln eine Tendenz zur Archaisierung bestand, wenngleich diese meist nicht so auffällig zum Tragen kam, wie beim Mainzer Fastrada-Stein295) oder dem Rech-Grabstein in Hagenhausen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.296) Archaisierung oder besondere Dekorationsabsicht ist aber den meisten Anwendungen von Übergangsschriften und vor allem der frühhumanistischen Kapitalis nicht abzusprechen. Eine Verknüpfung von Archaisierungstendenz und in geringerem Maße sach- und mitteilungsbezogenem Text ließ sich im weiteren Umkreis des Mittelrheines noch nicht bestätigen.297)

Wie die Schriftgeschichte der Kapitalis in Worms lehrt, bildete der skizzierte Formenbestand nicht das einzige Repertoire für Schriftinnovation. Die bislang nicht begründbaren Formveränderungen, ihre Geschwindigkeit und Richtungswechsel, zeigen vielmehr an, wie — wenigstens kleinräumig — die Übernahme von Formen in der Mischung mit Neuem nicht an Kopieren gebunden war, wie im vorlie-[Druckseite LXV]-genden Falle die Präsenz einer Zweilinienschrift zum Experimentieren einlud, gegen die zweifache Konkurrenz von Minuskel und vereinzelter Renaissancekapitalis einen Wormser Sonderweg am Leben erhielt und daraus selbst einen Weg zur Schriftinnovation zu finden schien. Es ist geradezu erstaunlich, für wie lange an klassischem Vorbild orientierte Kapitalis nach ihrer Erstverwendung von 1488 ausblieb und in welchem Maße sie später davon abwich.

5. 4. Kapitalis und ihre Varianten, Renaissancekapitalis

Aus dem Vorangehenden möchte man vermuten, daß es in Worms eine ganze Reihe von Inschriftenträgern mit von klassischer Kapitalis abweichender Formensprache gab; das stimmt so nur zum Teil, weil viele vor 1502 ja noch der gotischen Majuskel zuzurechnen sind. Mehrere frühe Schriftbestimmungen der Kapitalis beruhen auch auf Beschreibungen oder entsprechenden sekundären Benennungen, gar Hypothesen, die sich hinsichtlich der Formentreue nicht abschätzen lassen.

Die Rezeption neuer Stilformen beginnt in der Epigraphik des Reichsgebietes zwar schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts,298) macht sich aber am Mittelrhein erst in den beiden letzten Dekaden bemerkbar. Ihr weithin leuchtendes Vorbild der römischen Antike fand zuvor Eingang in ein neues Bildungsstreben und in den Buchdruck, insbesondere auch in die gestalterische Seite der Drucklettern.299) Nur natürlich ist es daher, die frühe Verwendung von an klassischem Standard der Capitalis quadrata orientierten Inschriften jeweils im Umkreis humanistisch geprägter Persönlichkeiten zu suchen, auch umgekehrt ihre Existenz an das Wirken einer solchen Person zu knüpfen; denkbar wäre sogar die Forderung, die Umstände, die für die frühe, gegebenenfalls zu einer Datierung zeitgenössischen Verwendung sprechen, zwingend zu klären und jeweils den Weg für das Eindringen humanistischen Gedankengutes nachzuzeichnen. Nach der ersten sicheren Verwendung einer an klassischen Vorbildern orientierten, ja sie bis in Einzelheiten nachahmenden Schrift auf dem Stammbaumrelief des Humanisten Johann von Dalberg (Nr. 316) blieben alle anderen frühen Kapitalisanwendungen hinter dieser Qualität zurück, sowohl die Schrift auf dem Titulus des Friedhofskruzifixes (Nr. 331) als auch auf dem Dalbergdenkmal in Herrnsheim (Nr. 297) und der Platte des Johannes Indaginis (Nr. 377). Die Platte der Katharina zum “Pfeilbackhaus” von 1514 (Nr. 385) zeigt Kapitalis mindestens mit starken frühhumanistischen Formen, außer bei den Ziffern ohne nennenswerten Einfluß der Gotik, nämlich nur typologisch beim Epsilon-E, unzialem D und G, H und I mit Nodus, spitzem A mit zentrierter oder nach links weisender Trabs, sich nicht regelmäßig berührenden Cauden und Bögen bei R, N mit hauchdünnem Schrägstrich; morphologische Merkmale wie Schwellungen sind nicht zu erkennen. Die gemalte Inschrift am Relief der Geburt (Nr. 391) ist in so unvollkommenen Resten überliefert, daß man verfälschende Überarbeitungen für den frühhumanistischen Charakter, nicht aber für dessen Einzelheiten ausschließen kann. Wie vergleichsweise wenig selbst der Neubau des Domkreuzganges die Rezeption der neuen Schriftform Kapitalis vorangetrieben hat, mag man daran ersehen, daß als einziger der Schlußstein des Erpho von Gemmingen (Nr. 390) mit Kapitalis beschrieben wurde und diese keinesfalls klassische Proportion oder Formen wahrt, während die Schlußsteine der Stifter von Bildreliefs, die auch mit Kapitalis beschrieben waren, nämlich zumindest derjenige Johanns von Dalberg (Nr. 321) und der des Jakob Meintzer (Nr. 388), eine dekorative Minuskel erhalten hatten.300)

In Proportion, Strichführung, Sporenbildung und Dreiecken als Worttrennern folgt die Stifterinschrift Dalbergs (Nr. 316) besten Vorlagen; trotz seiner Formschönheit am weitesten von klassischen Vorbildern entfernt steht das R, dessen Cauda konvex vom nicht geschlossenen Bogen zur Zeile läuft, eine übrigens bei vielen fast vollkommenen Humanisteninschriften verbreitete Variante, die aber üblicherweise bald der klassischen spornartig am geschlossenen Bogen vorn ansetzenden Cauda wich.301) Die Voraussetzungen für die Entstehung der Inschrift um das Stiftungsjahr 1488 sind in jeglicher Hinsicht gegeben, war doch der Initiator ein gefeierter Humanist, dem sogar eine noch frühere Verwendung der Kapitalis bei den von ihm geschützten Römersteinen (Nr. 300) zuzutrauen ist. Die Vorreiterrolle Dalbergs ist wohl zwingend notwendig, wenn man die Verwendung von rudimentären Kapitalis-[Druckseite LXVI]-buchstaben beim nachgetragenen Sterbevermerk für seinen Onkel Philipp (†1492) in Herrnsheim (Nr. 297) verstehen will; die Kapitalis des Kreuztitulus (Nr. 331) läßt sich hingegen auch aus der Umsetzung griechischer Versalien erklären, wenngleich dieses Verfahren gleichartiger Schriften nicht bei allen zeitnahen Tituli angewandt wurde. In der Inschrift des Johannes Indaginis (Nr. 377) treffen die Entwicklungslinien zusammen, ohne daß sie sich konsequent weiterverfolgen ließen, denn die schlanken Kapitalisbuchstaben des Gemmingenschen Schlußsteines (Nr. 390) mit geringsten Resten gotischer Elemente302) und die undifferenzierten des Kreuztitulus auf der Wiesoppenheimer Kasel (Nr. 412) schließen nicht die Lücke zur dem Standard nahen Schrift auf dem Kelch des Lorenz Truchseß von Pommersfelden (Nr. 417).303) Bei allem Bemühen um Proportion und Buchstabenformen zeigte auch die Monstranz des Caspar Naysar von 1523 (Nr. 409) in symmetrisch breitem A und offenem D unklassische Buchstaben. Wiederum weit entfernt von diesen sind die schlanken Kapitalisbuchstaben der Grabplatte des Albert Aschenbenner von 1535 (Nr. 422).

In Worms kann man für die 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts mangels dicht beieinanderliegender und ausreichend langer Texte wenig Aussagen zur Kapitalis machen. Wie in den meisten anderen Beständen auch setzt eine dichtere und damit aussagefähige Überlieferung erst um die Mitte des Jahrhunderts ein. Trotz zeitlicher Nähe und Verwandtschaft erhielten die Kapitalisbuchstaben auf Dalberger Denkmälern in Herrnsheim und Abenheim unterschiedliche Proportionen (Nr. 435, 462, 464, 473, 477). Es überwiegen außer bei diesen dalbergischen Epitaphien und einem weiteren im Dom (Nr. 435, 462, 464, 470, 477) relativ große Buchstaben mit klaren, nach klassischen Formen strebenden, meistens jedoch etwas schlankeren Kapitalen. Ebenso wie bei diesen Denkmälern weicht die Schrift noch erheblich von gutem Standard ab beim Widmungsstein des Andreas Rauber von 1550 (Nr. 449) und dem ersten Stein des Lutherfriedhofes für Daniel von Krickenbeck (†1562) (Nr. 482), in deren Umgebung möglicherweise sogar das Weinsheimer Steinkreuz (Nr. 418) zu setzen wäre. Gegenüber ihren R und K mit konvexen Cauden, durchweg schlanken Proportionen, konischen M mit kurzem Mittelteil erkennt man bei dem Stein des Nikolaus Vorwort von 1552 (Nr. 453) wenigstens die Bemühung um klassische Formensprache in spornartigen R-Cauden, zu Beginn fast kreisförmigen O, quadratischen M, Verteilung der Schattenlinien und dreieckigen Worttrennern. Die Mehrzahl der im Umkreis der Familie Dalberg entstandenen Denkmäler wurden mit kleineren, teils sehr individuellen Kapitalisbuchstaben beschrieben, wobei sich die beiden großen Epitaphien des Endres Wolff (Nr. 470, Heppenheim-Denkmal im Dom von 1559; Nr. 477, Dalberg-Denkmal in Herrnsheim von 1561) von den ebenfalls miteinander verwandten in Herrnsheim und Abenheim durch die größere Nähe zu quadratischer Proportion und klassischer Form abhoben. Die Schrift auf den Epitaphien Rechberg und Breidbach zeichnet sich durch eigenwillige Nodi bei I, nach links zeigender Trabs der A, am Schaft anliegender Cauda des R und kräftige, zum Teil schon im Schaft vorbereitete Sporenendungen aus. Schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts fanden sich in Worms also aus verschiedenen Quellen gespeiste Ausformungen der Kapitalis und nur bei wenigen Denkmälern wird man direkte Abhängigkeit der Schrifttypen untereinander feststellen können. Über mögliche Vorlagen und Muster ist zu wenig bekannt, als daß man Hände von Herstellern durchgängig bestimmten Vorbildern zuweisen könnte. In der ersten Entwicklungslinie der größeren Buchstaben stehen die meisten Umschriften in Kapitalis. Bei vielen Denkmälern des lutherischen Friedhofes lief demgegenüber bald eine weitere Kräftigung der Linienführung bei relativ kleinen Buchstaben nebenher, die dann bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zu einer deutlich vergrößerten ausgehauenen Fläche pro Buchstabe führte und eine erhebliche Zusammendrängung verursachte; diese führte aber nicht zu schlanken Formen. Auch bei der großen am ehesten noch Renaissancekapitalis zu nennenden Spielart schlichen sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts und verstärkt nach 1610 experimentelle Formen ein wie das R mit nicht am Schaft zusammentreffenden Bögen und Schäften (Nr. 567, 642, 643, 650, 657, 658, 663). Interessant ist, daß das R mit leicht unter die Zeile geschwungener Cauda sowohl auf dem nach klassischen Idealen strebenden Rodenstein-Denkmal wie auch auf den eben angegebenen stärker abweichenden und auch auf den Denkmälern der anderen, gedrängten Spielart vorkommt. Erst recht ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts muß man in Worms also auch innerhalb der Kapitalis mit erheblichen Differenzierungen rechnen, da mindestens abhängig vom Rang des Auftraggebers und des künstlerischen Anspruches nur bei einem Teil der Denkmäler eine Formensprache der Antike in damaliger Verkleidung angestrebt wurde. Gefährlich wäre es, anhand von einzelnen Leitbuchstaben oder vordergründig typischen Ausprägungen einen Gradmesser für antikisierende Ambitionen zu suchen, da bei den wenigsten Exemplaren eine stilistisch befriedigende Durchbildung zum Tragen kommt und am Ende des Jahrhunderts auch bei Inschriften mit [Druckseite LXVII] deutlichem Anspruch klassischer Gelehrsamkeit die zeitgenössische spielerische, dekorative Schriftgestaltung das wohlbekannte ideale Formenrepertoire überdeckt, ja eigenwillige Konstruktionen zum Vorschein bringt wie das insbesondere bei größeren Schriften gebrauchte R mit nicht zusammentreffenden Bögen und Cauden oder G und R mit unter die Zeile geführten Cauden. Das heißt nicht, daß es so etwas wie das Streben nach klassisch klaren Formen nicht mehr gegeben hätte; es fehlen aber zunehmend Indizien, unter welchen Bedingungen dieses zum Tragen kam, wenn für schlichte deutschsprachige Grabinschriften „idealere” Formen erreicht wurden als für manche sich sogar mit antiker Gelehrsamkeit brüstende.304) Meistens begegnet dagegen das Nebeneinander entgegengesetzer Tendenzen; so verwirklichte der Hersteller des Printschen Epitaphs (Nr. 616) die schräge Schattenachse des O und die Verstärkung gerade von schrägen Linien, spielt ebenso wie der des Rodenstein-Epitaphs von 1604 (Nr. 611) mit den Cauden von G und R.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stößt zu beiden Entwicklungslinien ein weiterer Verfremdungseffekt, der, so muß man vermuten, aus Einflüssen zeitgenössischer Druckschrift stammt. Sowohl bei einzelnen Versalien als auch innerhalb größerer Textpassagen werden nun Buchstaben mit Zierstrichen, Kursiven, wieder epsilonartigen E, U und A mit gebrochenem Mittelbalken benutzt,305) besonders auffällig in den werkstattgleichen Denkmälern Rühle und Oswald (Nr. 718, 722); viel stärker als vorher scheidet in jener Zeit schließlich Schriftwechsel verschiedene Textpassagen voneinander.

Nahezu alle Schriftbeschreibungen in den Bänden des Inschriftenwerkes flechten in die allgemeinen Charakterisierungen nach Stil und Ausführungsqualitäten gewöhnlich Beschreibungen einzelner Buchstaben und ihrer Sonderformen durch die Zeiten hindurch ein. Groß ist daher die Versuchung, aus einzelnen Merkmalen Leitformen herauszufinden und daran Entwicklungsstufen oder Datierungsindizien zu knüpfen. In keiner Weise läßt sich das Wormser Material jedoch nach den von Rudolf M. Kloos für München formulierten drei Stufen der Kapitalisentwicklung einteilen und vor allem nicht an einem Leitbuchstaben M messen.306) Für das Münchner Material hat die Hypothese zumindest eingeschränkte Gültigkeit, wenngleich auch nach 1600 einige Ausnahmen von nahezu quadratischem M mit herabgezogenem Mittelteil als angeblich typischem Buchstaben zu nennen sind;307) die vereinzelten Wormser Belege von 1488, 1573, 1582, vor 1594, 1658308) sind oft noch mit anderen M-Formen vermischt und widersprechen in ihrer Verteilung der genannten Hypothese, die man als generelle Regel wohl nur auf Denkmäler besonderer Wertigkeit von Inhaber und Künstler bei starken Tendenzen zur Antikisierung anwenden darf. In durch ihre soziale Schichtung dafür nicht prädestinierten Beständen muß man ohne diesen Anhaltspunkt auskommen, da etwa in Worms auch bei nach dem Vorzeigen antiker Gelehrsamkeit strebenden Denkmälern im Gegenteil gerade nicht klassische M der Capitalis quadrata benutzt wurden. Am nächsten kommt diesem Ideal noch 1634 die Platte des Wolff Johann von Dalberg (Nr. 683) mit in weiten Teilen, auch bei kreisrunden O, M und R, klassischen Formen. Der Vergleich einer ganzen Reihe mindestens verwandter, wenn nicht gar werkstattidentischer Denkmäler zeigt jedoch, daß zumindest M mit bis zur halben Zeile reichendem Mittelteil sowohl gerade als auch konisch zeitnah oder sogar nebeneinander auf einem einzigen vorkommen können (Nr. 525); damit entfällt diese Formenvariation als Datierungselement. Übereinstimmend mit Kloos muß man aber rundem U vor der Mitte des 17. Jahrhunderts Mißtrauen entgegenbringen;309) danach kommt es mit Abstrich, im 18. Jahrhundert sogar regelmäßig ohne Abstrich vor.

Höchst schwierig gestaltet sich das Herausfinden von Stilzusammenhängen für die an lutherischen Denkmälern beteiligten Werkstätten. So kann man zwar dem Meister GH drei Denkmäler (Nr. 521, 525, 535) aufgrund von Initialen und Steinmetzzeichen zuschreiben, was durch Stil und Schrift bestätigt wird, darf dieses Ergebnis jedoch nicht auf die unmißverständlichen Belege der Meisterzeichen beschränken. In der Gestaltung von Schrift, man vergleiche die Ligaturen, Einstellungen von Buchstaben, R und nach rechts nicht ausgerundetes G, Ornamentformen, Wappenhelme von 1574, 1583 und 1588, bestehen durchaus enge Parallelen zu den Denkmälern der Schlatt (Nr. 506, 554); ein Werkstatt-[Druckseite LXVIII]-zusammenhang ist umso wahrscheinlicher, als Wilhelm Keberer (Nr. 535), der Inhaber des letzten sicheren Steines von GH, mit einer Schlatt verheiratet war. Auch der Stein der Familie Ayermann (Nr. 527) paßt stilistisch zu dieser Gruppe, die gegebenenfalls noch durch weitere Denkmäler zu erweitern wäre, die nicht in demselben Maße eindeutige Zuordnungsmerkmale aufweisen, etwa durch den Geuderschen Stein von 1573 wegen Helmzier und Mittelsäule sowie Buchstabenverbindungen (Nr. 503) oder den Grabstein der Helena Drach von 1568 (Nr. 494) wegen Schriftduktus und Pilasterornamenten.310) Bezeichnenderweise existiert aber am Ende des 16. Jahrhunderts eine sichere künstlerische Verbindung zwischen Denkmälern der lutherischen Dalberg in Herrnsheim und solchen des lutherischen Friedhofes der Reichsstadt. Auch nach dem Dreißigjährigen Krieg konnten Schrifteigenheiten auf Denkmälern des lutherischen Friedhofes von 1667 und 1671 (Nr. 718, 722) für Werkstattgleichheit der Kapitalisbuchstaben reklamiert werden.

Insgesamt erlaubten die vielfältigen Aussprägungen der Kapitalis in Worms nur eingeschränkte Zuweisungen zu gemeinsamen Werkstätten; bei einer ganzen Reihe von Denkmälern paßten sie in zeitübliche Schemata, ohne sich durch besondere Eigenheiten in zeitliche Schichtungen trennen zu lassen. Für eine systematische Schriftbeschreibung ebenfalls fruchtlos erwiesen sich sowohl singulärer Verlust von Sporen (Nr. 673) als auch durch alle Zeiten, Denkmaltypen und Personengruppen zu verfolgende unter die Zeile gezogene R-Cauden. Plumpe Monogramme meist bei Bauzahlen und seltsame Blüten treibende Verschachtelungen einer Kanzelinschrift aus Mariamünster (Nr. 524) blieben ebenfalls als Randerscheinungen ausgeklammert. Kursive Kapitalis, zuerst bei gemalten Inschriften des Bettendorff-Epitaphs von 1580 (Nr. 514), spielen mit zwei weiteren Exemplaren (Nr. 621, 734) keine beachtenswerte Rolle in der monumentalen Schriftentwicklung in Worms. Gemeinhin wird die Datierung von Kapitalisbuchstaben dadurch erschwert, daß eben verschiedenste Ausprägungen nebeneinander vorkommen können; so ist immer wieder, auch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, einzelnen Schriften das Streben nach klassischer Proportion, Klarheit und Formensprache anzumerken, obwohl zeitgleich auch völlig anders gestaltete Werke entstanden.

Bei der Suche nach Verteilungsmustern wird gewöhnlich darauf hingewiesen, daß für lateinische Texte im 16. Jahrhundert bevorzugt Kapitalis, für deutsche noch gotische Minuskel oder Fraktur benutzt wurde. Diese grobe Vereinfachung gilt für Worms nur sehr eingeschränkt, da schon die Grabplatte der Katharina “Zum Pfeilbackhaus” von 1514 (Nr. 385) in deutscher Sprache beschrieben ist und um die Mitte des 16. Jahrhunderts eine lange Reihe adliger (Nr. 435) und auch bürgerlicher (Nr. 454) Denkmäler in deutscher Sprache einsetzt. Die Kombination von Kapitalis und deutschem Text legen immerhin eine Spätdatierung des Weinsheimer Steinkreuzes zum Todesfall von 1531 (Nr. 418) nahe. Es ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß die drei frühesten Oppenheimer Kapitalis-Belege (1519, 1522, 1525)311) trotz Strebens nach klassischen Formen alle in deutscher Sprache geschrieben sind, während doch sonst die Kombination von Volkssprache mit früher Verwendung klassischer Kapitalisformen jener Antikenimitation als dem auslösenden Faktor der Kapitalisverwendung zu widersprechen scheint und dementsprechend selten blieb.312) Ein bezeichnendes Licht auf den Ausnahmecharakter dieser Kombination wirft das 1492 eben lateinisch und in Kapitalis nachgetragene Datum beim sonst deutsch und in gotischer Minuskel beschriebenen Dalberg-Denkmal (Nr. 297). Im klerikalen Bereich wurde bei Grabinschriften ausschließlich Latein verwendet313) und nach 1550 wirklich meist mit Kapitalis verbunden. Mindestens drei Denkmäler benutzten für die Grabinschrift des Mannes Kapitalis oder humanistische Minuskel beim lateinischen Text und Fraktur für den deutschen Text der Ehefrau.314) Eine bezeichnende Ausnahme von einer weitgehend regelhaften Kombination der Volkssprache mit Fraktur bildeten der Gedenkstein der Hochheimer Nonnen und die Grabplatte der Äbtissin Margaretha Halpquart (Nr. 425, 431), bei denen früheste Frakturen für lateinische Texte gewählt wurden.

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5. 5. Gotische Minuskel

In handschriftlichen Gebrauchsschriften dominierte seit der Karolingerzeit die Minuskel. Besonders herausgehobene Texte und Textteile, also Initialen, Überschriften, Bildbeischriften, waren jedoch seit jeher repräsentativeren Majuskelschriften vorbehalten. Die meisten früheren Inschriften lassen sich durchaus mit diesen Textgattungen vergleichen; daher verwundert es nicht, daß sie ebenfalls und zudem ausschließlich in Majuskeln geschrieben sind, und zwar noch lange nachdem handschriftliche Minuskeln für ranghohe Texte in Übung kamen. Um Minuskeln, also eine Buchschrift des Vier-Linien-Schemas, in Monumentalschrift zu übersetzen, mußte man sich eine künstlerisch und für das repräsentative Anliegen befriedigende Variante aus Handschriften heraussuchen. In der Regel folgen Minuskelinschriften spätestens ab dem Beginn des 15. Jahrhunderts den gitterartig eng beieinanderstehenden Formen der Textura oder Textualis formata bzw. Textus quadratus.315) Da es sich innerhalb der Monumentalschriften um etwas völlig neues handelte, beanspruchte diese Veränderung zwischen den Protagonisten und der allgemeinen Durchsetzung einen verhältnismäßig großen Zeitraum. Es ist nur natürlich, daß auch bei dieser Innovation Objekten mit nichträumlichen, also gemalten Inschriften eine Vorreiterrolle zufiel, weil der Weg von handschriftlichen Vorlagen zur Umsetzung in anderes Material geringer war.316) Das Grabmal des Mainzer Erzbischofs Peter von Aspelt (†1320) gilt im Reichsgebiet als das Denkmal mit der ältesten, und zwar gemalten Minuskel zumindest innerhalb dieser Gattung; Glasmalereien in Wienhausen und Eßlingen317) könnten ebenfalls so früh anzusetzen sein.

Im Vergleich mit umliegenden Beständen scheint die Übernahme in Worms extrem lange gedauert zu haben, denn das erste sicher datierte Denkmal mit einer gotischen Minuskel stammt erst aus dem Jahre 1403 (Nr. 206), wenn man von einer sehr hypothetischen Datierung einer stark fragmentarischen und nur fotografisch überlieferten Platte von nur vielleicht 1390 (Nr. 173a) absieht, und liegt damit mindestens eine Generation nach den umliegenden Bereichen.318) Die nächsten Belege sind um 1430 (Nr. 222) und auf 1449 (Nr. 238) zu datieren und scheinen ebenfalls der anderweitig gültigen Tendenz einer seit Ende des 14. Jahrhunderts zunehmenden Dominanz der gotischen Minuskel zu widersprechen. Die lange anhaltende Verwendung der gotischen Majuskel, so könnte man leicht schließen, habe die Entwicklung und Übernahme der Minuskel zuerst verhindert und dann gebremst. Ganz uneingeschränkt dürfen diese Aussagen nicht stehenbleiben, weil eine Eigenart der Wormser Überlieferungssituation berücksichtigt werden muß: Von 70 Inschriften zwischen 1350 und 1399 sind immerhin 40 hinsichtlich der Schrift aussagefähig, alle ausnahmslos in gotischer Majuskel, jedoch davon nur 3 von überhaupt nur 5 überlieferten Inschriften aus dem Bereich des Domes. Von 40 weiteren Inschriften bis 1450 sind 18 aussagefähig und wieder nur verhältnismäßig wenige, nämlich 2 von 12 des Domstiftes. Somit zeigt heute erfaßbar derjenige Bestand in der Stadt Worms, in dem man vorrangig die Verwirklichung einer Schriftinnovation etwa nach Mainzer Vorbild erwarten dürfte, in dem weitesten möglichen Zeitraum zwischen 1350 und 1450 nur einen verhältnismäßig kleinen Anteil der gesamten Wormser Inschriftenproduktion. Für die fragliche Zeit existieren und existierten auch früher kaum bischöfliche Grabdenkmäler oder Bau-, Meister- und Ereignisinschriften, in deren Umfeld gotische Minuskeln früh und stärker verbreitet waren. Die ungünstige Überlieferungssituation, die im Falle des Domstiftes wohl schon auf die spätgotischen Kreuzgangumbauten zurückzuführen ist, könnte daher auch für das scheinbar verzögerte Auftreten der Minuskel verantwortlich gemacht werden, sie erklärt jedoch allenfalls eine mindere Dichte der Minuskel. Verspätet und zudem wenig ausgeprägt kam hingegen die Tradierung der neuen Schrift in Worms zustande, als ein real existierendes Phänomen des Bestandes und nicht nur seiner Überlieferung, wenn man bedenkt, daß frühe Minuskelinschriften in anderen, besser [Druckseite LXX] dokumentierten Kirchen Nachahmungen gefunden haben müßten,319) noch um die Mitte des 15. Jahrhunderts Majuskeln bei dicht gedrängten Schriftbelegen als besondere Kennzeichen einer Werkstatt oder gar eines Meister zu erkennen sind, es sich also um eine lebendige Tradierung handelte, und daß erst mit dem Kreuzgangneubau ab 1484 die Minuskel zur wirklich dominierenden Schrift wird.

Vor jenem Zeitpunkt können Minuskeln nur als Einzelfälle beschrieben werden; Aussagen etwa zum Formenbestand und zur Behandlung von Versalien sind angesichts der geringen Bestandsdichte nicht generalisierbar. Das früheste Exemplar von 1403, die Grabplatte für Gudichin Kämmerer von Worms geb. Landschad von Steinach, preßt die Buchstaben in Übereinstimmung mit der These einer verspätet einsetzenden Minuskel noch in ein altes Zwei-Linien-Schema und zeigt gewisse Unsicherheiten in der senkrechten Linienführung; Proportionen der Brechungen und Abstände zwischen Schäften fallen ebenfalls unregelmäßig aus.320) Die beiden sich in weitem Abstand anschließenden Belege von 1430, Dreijungfrauenstein (Nr. 222), und 1449, Glöckner Johannes Gunther aus Seligenstadt (Nr. 238), sind beide nicht im gesamten Text vollständig ausgehauen; wenigstens die Vorritzungen streben schon einen besseren Formenstandard an, der 1454 auf der Grabplatte der Äbtissin Lieba zum Guldenring (Nr. 250) in eindrucksvoller Gestaltung erreicht wird. Bei der trogartigen Minuskel sind die meisten Brechungen durch gebogene Linien aus den Schäften herausgeführt, wodurch die Spitzen der Quadrangeln in besonderer Weise betont werden. Die Tendenz, auch die Minuskeln in ein artfremdes Zwei-Linien-Schema zu zwingen, ist damit in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts jedoch noch nicht überwunden, wie noch ein entsprechendes Beispiel zu 1479 (Nr. 235) zeigt.

Mit zunehmender Dichte der Denkmäler mit Minuskelschrift ab etwa 1480 stellen sich alsbald Veränderungen bei Versalien und Minuskeln ein: So übertreffen die sehr ähnlichen Schriften auf den Denkmälern des Johannes Koler und der Kapellenstifter Philipp und Barbara Kämmerer von Dalberg (Nr. 287, 297) die klare und saubere Gestaltung auf jenem des Dieter Kämmerer (Nr. 264) durch Zierstriche und in eingerollte Cauden überführte gespaltene Schaftenden. Einen erheblichen Schub, der sich auch auf die Gestaltung der Versalien auswirkte, erhielt die Minuskel durch den Bau des spätgotischen Kreuzganges. Statt gelegentlich benutzter Versalien aus der gotischen Majuskel dringen vor allem hier seit spätestens 1486 (Nr. 310) wiederum neue Formen ein, die an schreibschriftliche Vorlagen gotischer Buchschriften anknüpfen; manieristische Verdoppelungen von Schäften und Bögen, Auszierungen von S in unten nach rechts weisende Bögen, sehr charakteristisch eine Spaltung zwischen nach links oben auslaufendem Schaft und Bogen des R, jeweils Elemente auch der späteren Fraktur-Versalien. Es handelt sich dabei durchweg um Buchstabenformen der Gebrauchsschrift, während Initialen in Handschriften noch weitgehend in gotischer Majuskel geschrieben waren. Fremdformen anderer, in diesem Falle sehr individueller Art bildeten die Grundlage für die Zuschreibung von mindestens Werkstattidentität zweier Grabplatten von 1483 (Nr. 293, 294): Augenfällige Übereinstimmung besteht in links geschlossenem doppelstöckigem a mit durchgezogenem Querbalken wie bei Versalien und einer noch schwach ausgeprägten Tendenz, untere Brechungen von f und i (Nr. 293) sowie obere Brechungen von u (Nr. 294) in Spitzen auslaufen zu lassen; die zweite Platte zeigt in rundem unzialem D und h eigenwillige experimentelle Formen einer schriftgeschichtlichen Umbruchzeit. Versalien und Mittelbalken des a, kombiniert mit Zierstrichen und i-Punkten, lassen bei mindestens drei Kreuzgangschlußsteinen aus dem Dom ebenfalls an eine identische und gegebenenfalls von voriger beeinflußte Werkstatt denken (Nr. 329, 335, 337). Bis zum letzten datierten Exemplar einer gotischen Minuskel in Worms auf der Grabplatte der Barbara Krapff (Nr. 428) verstärkte sich die Tendenz zur Schaftspaltung, die mit sehr ornamentalen Formen 1481 (Nr. 287, 297f.) begann. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts kündigt sich die Aufbrechung des starren Buchstabensystems der gotischen Minuskel darin an, daß bei einzelnen Buchstaben öfter und bei einzelnen Inschriften fast experimentierend das Hauptkennzeichen der Schaftbrechung zurückgedrängt wird; so werden die Fußquadrangeln nicht nur bei der letzten Haste des m zugunsten einer unter die Zeile reichenden Spitze aufgegeben, sondern auch bei i und analog oben bei v und u (Nr. 293f.) Quadrangeln durch Spitzen ersetzt. Durchbiegung von Schäften kann Verschleifung der Schaftbrechung zu runden Übergängen an den Schaftfüßen herbeiführen; es verwundert nicht, daß bei der betreffenden Inschrift von 1505 (Nr. 373) die langen s und f nicht mehr konsequent auf der Zeile stehen und verschiedenste Versalien benutzt wurden. Nur eine einzige erhabene Minuskelschrift gehört nicht zu den Inschriftenträgern Glocken und Metallarbeiten; [Druckseite LXXI] die Bauinschrift der Liebfrauenkirche von 1465 (Nr. 259) zeigt denn auch die mit erhabenen Inschriften in Stein häufig auftretenden Schwierigkeiten in Zeilentreue und Proportionen.

Auf original erhaltenen Inschriftenträgern läßt sich die Ablösung römischer Zahlbuchstaben durch gotische Ziffern erst relativ spät 1478 bei einer Bauzahl (Nr. 280) und 1483 bei einem Grabdenkmal (Nr. 297) belegen, und schon bald beginnen arabische Ziffern in den Regelformen des 16. Jahrhunderts die gotischen zu verdrängen, wie man an der 4 von 1492 (Nr. 297) und der 5 von 1507 (Nr. 379) erkennen kann; daneben ist die halbe acht freilich noch bis 1514 (Nr. 385, 388) nachweisbar.

5. 6. Fraktur

Als Konkurrenzschrift zur Kapitalis wurde die gotische Minuskel von der Fraktur abgelöst. Da diese bald nach 1500 in Prachtdrucken benutzt wurde und als Ausgangspunkt zahlreicher gebrochener Drucktypen bis ins 20. Jahrhundert gilt, außerdem in mannigfaltigen Ausprägungen durch Schreibmeister und bildende Künstler verbreitet wurde, steht ihre epigraphische Verwendung gegenüber den vorangehend besprochenen Schriften in engerem Zusammenhang mit Verwendungen in Handschriften und vornehmlich Drucken. Es wird heute kaum mehr bestritten, daß ihre Wurzeln in handschriftlichen Bastarden321) des 15. Jahrhunderts liegen322) und sich schon vor den kaiserlichen Prachtdrucken bei den Schreibmeistern des 15. Jahrhunderts ein gegenüber der Textualis neuer Formenkanon herauszubilden begann,323) ein Formenkanon freilich, der bei der Offenheit der neuen Buchstaben zu künstlerischer Ausgestaltung einen ungewöhnlichen Reichtum hervorbrachte. Aus der epigraphischen Verwendung läßt sich das bestätigen, da erste, die Tendenzen und Merkmale der Fraktur vorausnehmende Versalien schon ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts benutzt wurden.324) Sie stammen allesamt aus Vorlagen, die offenbar auf Versalien in Buchschriften zurückgehen, jedoch nicht auf die weiterhin für repräsentative Versalien genutzten gotischen Majuskeln, sondern auf Buchstaben, die das Ideal der einfachen Linienführung verlassen haben und auf schmückende, nicht zum Wesen des Buchstabens gehörende Elemente nicht verzichten: Es handelt sich dabei um manieristische Verdoppelungen von Schäften und Bögen, Auszierungen von S in unten nach rechts weisende Bögen, sehr charakteristisch eine Spaltung zwischen nach links oben auslaufendem Schaft und Bogen bei R und B, Brechung und teilweise Verdopplung von Bögen, jeweils Elemente auch der späteren Fraktur-Versalien.325) Bei diesen frühen, in der Lapidarpaläographie quasi noch experimentellen Formen herrscht eckige Linienführung in den zusätzlich unterbrochenen und mit neuem Ansatz weitergeführten Bögen vor. Sozusagen als Ausnahmen geltende, an schreibschriftlichen Vorlagen orientierte Versalien machen eine Schrift noch nicht zur Fraktur, deren Merkmale in den Formen der Gemeinen zu suchen sind, wenn man sie von gotischen Minuskeln, denen eben Frakturversalien nur beigegeben sind, unterscheiden will. Eine Erörterung der kontroversen Diskussion über die determinierenden Merkmale einer Fraktur kann hier unterbleiben;326) nennen muß man für die Definition bei den Versalien S-förmige Anschwünge, sogenannte „Elefantenrüssel”, die bei Inschriften in Stein jedoch oft nicht realisiert werden konnten, Streckung der Gemeinen, leicht geflammte Quadrangeln, unter die Zeile reichende f und s,327), außerdem Spaltung der Oberlängen, nach Fichtenau allesamt Ausflüsse der künstlerischen Gestaltung „offener Buchstaben”,328) und das einstöckige a. Statt der gotischen Brechungen trifft man häufig zum Fuß auslaufende gebogene Schäfte an, deren Bildung sich auch im Schwung der oberen Schaftteile niederschlug. Trotzdem wird es oft vorkommen, daß charakteristische Frakturbuchstaben neben noch ganz gotischer Minuskel verpflichteten stehen; umso näher sind sich die Formen, je mehr man sich an die Nahtstelle kurz vor der Mitte des 16. Jahrhunderts begibt.

[Druckseite LXXII] In Worms ist schon der kollektive Gedenkstein der Hochheimer Nonnen von 1535 (Nr. 425) in Fraktur geschrieben, ebenso wie die Grabplatte der Äbtissin Margaretha Halpquart von 1543 (Nr. 431) mit U-förmigem A; die Schäfte der Gemeinen besitzen noch in Reste von Quadrangeln auslaufende Füße. Vergleichbare Formen mit zusätzlich mehr Fraktur-Versalien enthält die Geudersche Grabplatte von 1548 (Nr. 438). Alle bis 1559 folgenden Anwendungen unterscheiden sich nur unwesentlich von diesen, wenn man davon absieht, daß die Fraktur auf der Platte des Ehepaares Eberhard Kämmerer und Ursula von Hutten (Nr. 461) in Herrnsheim nicht die eigentlich charakteristischen und auf dem väterlichen Denkmal (Nr. 443) vorbildhaft verwirklichten bis unter die Zeile reichenden f und s aufweist. Spät zum Jahre 1572 überraschen dann die Buchstabenformen auf der Grabplatte der Apollonia Renner (Nr. 499) noch mit dem Nebeneinander von aufwendig gestalteten Fraktur-Versalien und auf die Schaftbrechungen gotischer Minuskel zurückgreifenden Gemeinen. Weniger konsequent sind die gotischen Brechungen beim Grabstein des Peter Offenmacher (Nr. 508) und der Platte der Philipp Engelmann (Nr. 593), bei der allerdings nochmals o mit Brechungen vorkommt. Beide Tendenzen halten lange und erstaunlicherweise auch bei ansonsten reich ausgestalteten Schriftformen der Fraktur an, etwa auch besonders deutlich beim Denkmal der Anna Zorn (Nr. 667). Die Verquickung von Elementen aus gotischer Minuskel und Fraktur, und zwar nicht nur in der Kombination von Minuskel-Gemeinen mit Fraktur-Versalien, ist ein Phänomen, das in allen Beständen mit genügender Dichte beobachtet wurde.329) Sehr verbreitet ist jedoch auch eine Annäherung der Gemeinen aus Fraktur und humanistischer Minuskel.330) In diese Richtung geht in Worms die zur Kursive neigende ausführliche Beschriftung der beiden Dalberger Familienepitaphien von 1591 (Nr. 551f.); zur Mischung von Fraktur- und kapitalisnahen Versalien treten Unterlängen von f und s, einstöckige a, insgesamt jedoch ohne die typischen Schwünge stark gerundete Buchstaben mit teils deutlichen Aufstrichen der Kursive. Die eigenwillige Form resultiert aus der Anbringung als gemalte Inschrift.

Es ist gewiß richtig, gerade bei Frakturbuchstaben Ausschau nach Vorlagen oder Werkstattbeziehungen zu halten. In der Tat konnten ja nicht nur im außergewöhnlich dichten Bestand der bürgerlichen Nürnberger Friedhöfe331) paläographische Beziehungen von Denkmälern herausgefunden werden; stilistische Identifizierungen von Werkstätten wurden in den Landkreisen Enzkreis und Ludwigsburg durch Vergleiche der Frakturbuchstaben erhärtet.332) Die ritterschaftliche Prägung dieser Standorte und deren Vorliebe für deutschsprachige Inschriften legten zusammen mit der Verpflichtung qualifizierter Werkstätten den Grundstein für die hohe Dichte qualitätvoller Denkmäler mit Frakturbuchstaben. In weniger ausgeprägten Werkstattlandschaften und ohne Hilfe durch besonderen Aufbau und Ornamentik der Denkmäler wird es jedoch kaum gelingen, einander ähnliche Frakturschriften ohne etwa Leitfehler und Abnormitäten einer Schule zuzuschreiben, da eine ganze Reihe von Frakturanwendungen an die Vorlage von Schreibmeisterbüchern geknüpft werden muß, wie das etwa für die genannten Bestände in Nürnberg und im Enzkreis auch getan wurde.

5. 7. Humanistische Minuskel

Als Gebrauchsschrift für Handschriften und Drucke entwickelte sich im 15. Jahrhundert eine gut lesbare Minuskelschrift, die dem Streben italienischer Humanisten nach antiken Vorbildern und ihrer Klarheit entsprang, dabei freilich in ihren ersten Ansätzen auf nachkarolingische Vorlagen zurückgriff.333) Nun ausgeschiedene Bogenverbindungen und durch Rundung bessere Unterscheidbarkeit der Buchstaben erleichterten Schreiben und Lesen und machten die neue Schrift nicht nur zu einer beliebten Buchschrift vorzugsweise antiker oder gelehrter humanistischer Texte; ihre Grundform hätte sie auch für die Umsetzung in Monumentalschrift empfohlen. In der weiteren Umgebung von Worms blieb jedoch die Anwendung der neuen Schrift trotz der Nähe der Heidelberger Humanisten-Universität gering. Außer isolierten Beispielen in Mainz, nämlich den Denkmälern des Administrators Adalbert von Sachsen und der Gebrüder Strohhut jeweils von 1485,334) sind nur die letzteren nahe verwandten [Druckseite LXXIII] des Peter Wolf aus Limburg von 1515 in Ober-Ingelheim335) und des Heinrich Pistor, Kantor in St. Victor zu Mainz, von 1531 in Mainz-Weisenau,336) bekannt geworden. In Heidelberg setzt die Verwendung der humanistischen Minuskel spätestens mit dem Denkmal des Thomas Rhiner 1546 ein,337) gefolgt von dem des Nikolaus Druchlaub (†1559), das dem seines vorverstorbenen, gleichnamigen Vaters in Oppenheim von 1560 in Schrift und Aufbau in höchstem Maße ähnlich sieht;338) in Schaftbrechungen und Unterlängen von f und langem s blieben beide Merkmalen der gotischen Schriftfamilie verhaftet. Die humanistische Schrift hielt sich im Umkreis der Universitätsangehörigen und war in der Regel mit Texten in gelehrter lateinischer Dichtung verbunden. Das trifft auf die frühen Wormser Belege ebenfalls zu: Die Grabinschrift Hans Caspar Meiels von (1587)/1601 (Nr. 534) besteht aus jambischen Trimetern, und auf dem Denkmal der Familie Hermann Wackers von 1608 (Nr. 621) sind die drei heiligen Sprachen benutzt.339) In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzt sich diese Verbindung von Schriftform und anspruchsvollem Text fort; lediglich bei der Stifterinschrift des Johannes Rühle von 1667 (Nr. 717) und dem Lützowschen Grabstein von 1679 (Nr. 731) findet die humanistische Minuskel Anwendung für deutschen Text.

Tabelle der Schriftarten in zeitlicher Untergliederung, ohne Berücksichtigung einzelner Versalien; nach dem Schrägstrich Anzahl der zusätzlich zu originalen und fotografischen Belegen erschlossenen Verwendungen der jeweiligen Schrift.

  -1300 -1400 -1450 -1500 -1550 -1600 -1650 -1689 Summe
Romanische Majuskel 11/5               11/5
Gotische Majuskel 33/8 102/12 15/1 12/2 2       164/23
Übergangsschrift Frühhumanistische Kapitalis       5/1 4       9/1
Kapitalis       3/4 8/3 80/7 75/6 22/3 188/23
Gotische Minuskel   1 3 51/2 20       75/2
Fraktur         5 14/1 9 2 30/1
Humanistische Minuskel           1 2 8 11
  1. Vgl. DI XXV (Ludwigsburg) XLI; Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache 69 zu identischen Schriftformen bei den Wappenbeischriften in “Kaiser Heinrichs Romfahrt” und Wandmalereien in der Wenzelsburg in Lauf a.d. Pegnitz; für England vgl. die Arbeiten von J. Higgitt. Aufschlüsse aus dem engeren Vergleich erhofft man sich für die Kaisermäntel in Bamberg (s.u.), Textilien überhaupt und die innovativen Schriftentwicklungen der rhein-maasländischen Goldschmiedekunst. »
  2. Vgl. Fuchs, Wormser Inschriften. »
  3. Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache 63. »
  4. Die grundsätzliche Vergleichbarkeit mittelalterlicher Schriftformen in Handschriften und auf Inschriftenträgern schon bei A.v. Brandt, Werkzeug des Historikers. Stuttgart10 1983, 67. »
  5. Vgl. künftig DI Bad Kreuznach, bearb. von E.J. Nikitsch u. ders., Bemerkungen zu einigen neu aufgefundenen Grabplatten und Inschriften des Klosters Disibodenberg, in: Landeskundliche Vierteljahrsbll. 33,1 (1987) 19 - 32; ders., Entdeckung, Abguß und Bedeutung der mittelalterlichen Grabplatten des Zisterzienserklosters Disibodenberg, in: MZ 83 (1988) 11 - 21; ders., Zur Sepulchralkultur mittelrheinischer Zisterzienserklöster, in: Epigraphik 1988. »
  6. Autopsie; insgesamt in Otterberg weniger ausgeprägt, auf dem Disibodenberg dafür keine figürlichen Darstellungen vor der Mitte des 14. Jahrhunderts. »
  7. Vgl. DI XII (Heidelberg) Nr. 15, 17. »
  8. Einige Zierformen, insbesondere die Cauden am Mittelbalken des E, gleichen solchen bei Glasmalereien. »
  9. Vgl. O. Pächt, Buchmalerei des Mittelalters. Eine Einführung, hg. von D. Thoss u. U. Jenni. München 1984, 85ff. »
  10. DI II (Mainz) Nr. 33. »
  11. Vgl. auch L. v. Wilckens in: Ornamenta Ecclesiae. Kunst und Künstler der Romanik. Katalog zur Ausstellung des Schnütgen-Museums in der Josef-Haubrich-Kunsthalle I, hg. von A. Legner. Köln 1985, 62f. zu A 8; zur Schrift auf den Heinrichsmänteln R. Baumgärtel, Der Sternenmantel Kaiser Heinrichs II. und seine Inschriften, in: Epigraphik 1988, im Druck. »
  12. Bauer, Mainzer Epigraphik 12ff.; Boppert, Frühchristliche Inschriften 5. »
  13. Ausführliche Begründung im Katalog. »
  14. F. Behn, Die karolingische Klosterkirche von Lorsch an der Bergstraße nach den Ausgrabungen von 1927-1928 und 1932-1933. Berlin/Leipzig 1934, 114. »
  15. DI II (Mainz) Nr. 5 u. 655. »
  16. Bauer, Mainzer Epigraphik 26f. »
  17. Frau Dr. Renate Neumüllers-Klauser machte aufmerksam auf Beispiele in Hirsau, künftig DI Landkreis Calw, und Regensburg, proklitisches A in AE am Hezilo-Leuchter, Berges-Rieckenberg, Hildesheimer Inschriften Taf. 26. »
  18. Conrad, Niederrheinische Epigraphik 26ff.; Bedenken bei Kloos, Einführung 125 sicher berechtigt, aber nicht ausführlich begründet. »
  19. Bauer, Mainzer Epigraphik 30. »
  20. Dieses Merkmal von Conrad, Niederrheinische Epigraphik 32 ins 12.Jh. angesetzt, bei Kloos, Einführung 126 als Element der Gotisierung gewertet. Beim Juliana-Bild auffallend die über die Schäfte hinausreichenden Bögen der genannten Buchstaben. »
  21. Die in Worms ins 12.Jh. datierten Inschriften am Dom zeigen allesamt darüberhinaus keine charakteristische Beeinflussung durch die wenigen bekannten Wormser Handschriften, auch nicht durch die Worms-Frankenthaler Bibel oder das nun ja später anzusetzende Speyerer Sakramentar, vgl. auch bei Nr. 23»
  22. Die Identifizierung des Meisters mit Nikolaus von Verdun führte dazu, die Schriftformen der verlorenen Stifterinschrift der Königin Constanze (Nr. 29) ebenfalls schon als gotische Majuskel anzusprechen, da deren Frühformen im Werk des Meisters belegbar sind, Abschlußstriche etwa auf den Schreinen in Siegburg und Klosterneuburg. »
  23. Koch, Paläographie der Inschriften österreichischer Fresken 17. »
  24. Bei Kloos, Einführung 125: “Inschriften der frühen Gotik”. »
  25. Darunter dieser Tendenz entgegenkommend J erstmals 1292 bei Nr. 55f. »
  26. Kloos, Einführung 131f. »
  27. Bauer, Mainzer Epigraphik 38. »
  28. DI XXVII (Würzburg) XXIII mit nicht nachvollziehbaren Beispielen. »
  29. DI XXV (Ludwigsburg) XLIII u. Nr. 22, zurecht nur mit Vorbehalt als schlanke Form im Sinne der oft zitierten 2:1-Proportion gedeutet. »
  30. Zu Proportionalzahlen Berges-Rieckenberg, Hildesheimer Inschriften 14ff; kritisch zur Durchführbarkeit W. Arnold, Anmerkungen zu Wilhelm Berges’ Edition der älteren Hildesheimer Inschriften, in: Deutsche Inschriften. Fachtagung Epigraphik 1984, 49f. »
  31. XXVII (Würzburg) Nr. 74f., 91, 127. »
  32. Kloos, Einführung 133f. »
  33. 1320 DI II (Mainz) Nr. 33; 1356 DI XVI (Rhein-Neckar) Nr. 18; 1366 DI XXI (Karlsruhe) Nr. 9; spätestens 1377 Gabsheim/Landkreis Alzey-Worms nach Autopsie; 1379 DI XII (Heidelberg) Nr. 57; 1397 DI XXIII (Oppenheim) Nr. 43; 1417 DI IV (Wimpfen) Nr. 40 — die relative Verspätung mag hier in der geringen Materialdichte der betreffenden Zeit und vor allem in dem als progressiver zu erwartenden Hochstift begründet sein. »
  34. Vgl. Fuchs, Wormser Inschriften 94. »
  35. Zu vergleichbaren lange anhaltenden Verwendungen gotischer Majuskeln auf Wormser Siegeln, Münzen und sakralen Objekten außerhalb von Worms vgl. Fuchs, Wormser Inschriften 98f. u. ders., Übergangsschriften, im Druck; zu Münzumschriften allgemein schon Kloos, Einführung 133. »
  36. DI XII (Heidelberg) Nr. 100, DI XVI (Rhein-Neckar-Kreis) Nr. 51. »
  37. Kloos, Einführung 133. »
  38. DI II (Mainz) Nr. 63; Bauer, Mainzer Epigraphik 40. »
  39. Niemand wird Abschlußstriche als exklusives Merkmal gotischer Majuskel anzweifeln; hingewiesen sei jedoch auf eine mehrheitlich späteren Inschriften eigene Umkehrung der Tendenz zum Abschluß bei dem Buchstaben M: Im 14.Jh. überall häufig als unziales M auf einem Abschlußstrich stehend, bildete sich in der zweiten Hälfte ein unziales M mit deutlichen Cauden, das man sich aus zwei gegeneinandergestellten N konstruiert denken könnte, wie auch der Konstruktionsfehler bei Nr. 235 Anm. f. zeigt; Wormser Belege für dieses M schon 1303, Nr. 79, und 1373, Nr. 154»
  40. Von Kloos, Einführung 130, 132 wohl unzulässig von Beobachtungen Bauers zum Stein der Katherina von Landeck (†1397) verallgemeinert. »
  41. Zu ersten Beschreibungen der Charakteristiken noch an unvollständigem Material Fuchs, Wormser Inschriften 94. »
  42. Man beachte, daß die für die Standard-Majuskel des 14.Jh.s oft postulierte Symmetrie von C und D nicht mehr gilt, dem gedrungenen Schaft des D ein hoher und dünner, in weit schwingende Spitzen auslaufender Abschlußstrich des C gegenübersteht. »
  43. Man vergleiche die Grabplatten des Friedrich Damm, Nr. 251 u. Abb. 65, und der Agnes Grick von Dirmstein, Nr. 253, abgebildet bei Schalk, Grabsteine Abb. 13. »
  44. Zur frühhumanistischen Kapitalis vgl. man den grundlegenden Beitrag von Renate Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften und das Korreferat des Bearbeiters bei der Fachtagung in Graz 1988 — Fuchs, Übergangsschriften, im Druck. »
  45. Fuchs, Wormser Inschriften. »
  46. DI XVI (Rhein-Neckar-Kreis) Nr. 91. »
  47. Interessanterweise konnte das Rätsel der Fragmente erst gelöst werden, nachdem über die Schriftdatierung der Übergangsform nach 1500 ein zeitlicher und mit dem Andreasstift als einem der betroffenen Standorte ein überlieferungsgeschichtlicher Anhaltspunkt gefunden war. Die Versalien auf der Platte der Katharina Diel von 1505, Nr. 373, sind übrigens in ähnlicher Weise gestaltet. »
  48. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften, im Druck. »
  49. Nur eine kleine Auswahl von Beispielen bei Fuchs, Übergangsschriften, im Druck. »
  50. Kranzbühler, Worms und die Heldensage Taf. XI Abb. 16f.; s.a. allgemein Köbler, Reformation. »
  51. Vgl. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften und Beiträge zum Round-Table-Gespräch in Graz, im Druck sowie die Bezeichnungen “Frühkapitalis” bei R.M. Kloos, DI V (München) XXIII; “Frühhumanistische Kapitalis” R. Neumüllers-Klauser, DI XII (Heidelberg) XX; Kloos, Einführung 156; Leitner, Inschriften von Maria Saal 65ff.; beide Bezeichnungen bei W. Koch, Epigraphica — Ein Leitfaden zur Transkription und schriftkundlichen Einordnung von mittelalterlichen und neuzeitlichen Inschriften, in: Unsere Heimat. ZS des Vereins für Landeskunde in Niederösterreich und Wien 2 (1975) 79; “Bastardkapitalis” bei J.L. van der Gouw, Epigrafica, in: Nederlands Archievenblad 70 (1966) 90, zustimmend A. Seeliger-Zeiss, DI XX (Karlsruhe) XXIX; dies., DI XXV (Ludwigsburg) LXIX; Fuchs, Wormser Inschriften 96f.; „Capitalis goticohumanistica” oder „Gotische Kapitale” bei J. Bauermann, PSM — ein epigraphisches Lehrstück an einem Herforder Fund, in: Westfalen 55 (1977) 384. »
  52. DI II (Mainz) Nr. 1. »
  53. Kloos, Einführung 133. Hinzuweisen ist hier auf vielzitierte Wimpfener Belege, DI IV (Wimpfen) Nr. 125 u. 135 zu 1537 u. 1543, mit eigentümlich flächigen Buchstaben, die weitgehend Elemente des 14. Jahrhunderts verwirklichen; nicht bekannt ist freilich, daß schon eine Platte von 1497 einen Zusatz in Majuskeln enthält, deren Formen wesentliche Merkmale der spätesten Wormser Exemplare besitzen, ebd. Nr. 71. »
  54. Vgl. aber mit guten Gründen Leitner, Inschriften von Maria Saal 67. »
  55. M. Steinmann, Die humanistische Schrift und die Anfänge des Humanismus in Basel, in: Archiv für Diplomatik 22 (1976) 376-437. »
  56. Die Buchstaben für die Inschrift der Madonna der Palästina-Fahrer, DI II (Mainz) Nr. 206, sollen von Antiqualettern aus der Offizin des Nikolaus Jenson in Venedig abgeleitet sein. »
  57. Daß nicht einmal die Denkmäler einer Person in derselben neuen Schrift gestaltet sind, wurde für Würzburger Grabdenkmäler beobachtet, vgl. DI XXVII (Würzburg) XXIV, und ein gewisser Konservativismus zugunsten der gotischen Minuskel bei “traditionsgebundener Sepulchralplastik” festgestellt. »
  58. Vgl. diesen Entwicklungsschritt etwa vom Relief der Madonna der Palästinafahrer (1484) zum Denkmal des Erzbischofs Berthold von Henneberg (†1504), DI II (Mainz) Nr. 206, 278. »
  59. Rundes E, gradlinige Hastenschwellungen, R mit konvexer Cauda. »
  60. Die dort vorkommende spornartige Cauda des R auch in Mainz und Würzburg als zusätzlichen Wirkungsstätten des Stifters vor diesem Wormser Beleg. »
  61. Ein gutes Beispiel dafür ist der Grabstein des Heinrich Nagel von 1635, Nr. 687»
  62. Das Epsilon-E übrigens vereinzelt zusammen mit fast klassischen Buchstaben schon auf dem Denkmal des Georg zur Glocken von 1622, Nr. 656»
  63. DI V (München) XXIIIf.: M im 16.Jh. meist mit schrägen Schäften und variablem Mittelteil, gelegentlich mit geraden Schäften, dann aber nur bis zur Zeilenmitte reichendem Mittelteil; vorzugsweise nach 1600 gerade Schäfte mit tief herabgezogenem Mittelteil. »
  64. Ebd. Nr. 431, 505, 535. »
  65. Nr. 316, 506, 519, 559, 708»
  66. Einige Ausnahmen etwa DI XXII (Enzkreis) Nr. 361, 364, 381, 382 nach 1625. »
  67. Bei den Steinen Neumeyer von 1580 (Nr. 515) und Meffert von 1584 (Nr. 526) besteht nur eine Verwandtschaft in der Gestaltung der Wappen und Helmzieren, allenfalls Anklänge bei der Schrift, bei dem der Anna Maria Knebel von 1593 (Nr. 557) nur eine allgemeine Verwandtschaft zu den Denkmälern der lutherischen Linie in Herrnsheim. »
  68. DI XXIII (Oppenheim) Nr. 138, 135, 145. »
  69. Andere frühe Belege, etwa DI XXVII (Würzburg) Nr. 478 u. DI XXV (Ludwigsburg) Nr. 115, 228, benutzten weit weniger im Sinne klassischer Vorbilder regelhafte Buchstabenformen. »
  70. Die einzige Ausnahme ist der Grabstein für den ehemaligen Rosenthaler Pfarrer Wolfgang Meffert von 1584 (Nr. 526), der aber von Freunden auf dem lutherischen Friedhof aufgestellt wurde; die Abweichung erklärt sich also aus der Entstehungsgeschichte. »
  71. Zur sprachlichen Gestaltung der Wormser Inschriften vgl. unten Kap. 6.5. »
  72. Bischoff, Paläographie 163ff.; M. Steinmann, Textualis formata, in: Archiv für Diplomatik 25 (1979) 301-327; K. Schneider, Gotische Schriften in deutscher Sprache. I. Vom späten 12. Jahrhundert bis um 1300. Wiesbaden 1987, 163 hält den Begriff Textualis formata für unzulänglich hinsichtlich des eigenständigen Charakters der Schrift. »
  73. Neumüllers-Klauser, Sprache und Schrift 63f., anschließend zu frühesten Belegen für gotische Minuskel in der Inschriftenpaläographie schon seit der zweiten Hälfte des 13.Jh.s in Nordostfrankreich. »
  74. Vgl. ebd. 64f. mit Karte; zu Eßlingen H. Wentzel, Die Glasmalereien in Schwaben von 1200 bis 1350 (Corpus vitrearum medii aevi, Deutschland I: Schwaben, Teil 1) Berlin 1958, 135ff. u. Abb. 256ff. mit schreibschriftlichem Duktus sehr ähnlichen Formen. »
  75. Vgl. Belege oben bei Anm. 276. »
  76. Von den allerfrühesten Belegen für die Minuskel abgesehen, vgl. Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache 64ff., stammen viele der frühen Verwendungen nicht von den üblichen Umschrift-Grabplatten des 14.Jh.s, sondern von zeilenweise angeordneten, vgl. DI XIX (Göttingen) Nr. 5 von 1342, DI XVI (Rhein-Neckar) Nr. 18 von 1356, DI XV (Rothenburg o.d.T.) Nr. 29 von 1389. »
  77. Bemerkenswert übrigens die Tatsache, daß bei dieser Platte die erste der überhaupt wenigen Verwendungen deutscher Sprache in Wormser Inschriften zu belegen ist, und zwar nach einem Sprachwechsel ab frawe»
  78. Nach Bischoff, Paläographie 182f. vereinigen Bastarden die „Eigenschaften zweier Schriftgenera”, hier der Notula und der Textura. »
  79. Zahn, Beiträge zur Epigraphik 10ff.; DI XIII (Nürnberg 1) XXII. »
  80. Fichtenau, Lehrbücher 25ff. »
  81. Wegen der Übermacht der Majuskel freilich nicht in Worms; gute Beispiele in DI Bad Kreuznach, bearb. von E.J. Nikitsch in Vorbereitung, Pauluskirche in Bad Kreuznach: Hermann Stumpff von Waldeck (†1412), Rheingräfin Lukard (†1455); Lienzingen, DI XXII (Enzkreis) Nr. 77 von 1450. Beispiele in Worms erst mit den Versalien des Kreuzgangprogrammes auf Schlußsteinen v.a. nach 1488, auffälliges R ab 1492 (Nr. 329). »
  82. Vergleichbare Beispiele in Würzburg, DI XXVII Nr. 335 von 1492 u. 363 von 1499. »
  83. Zahn, Beiträge zur Epigraphik 14ff. »
  84. Bischoff, Paläographie 179. »
  85. Fichtenau, Lehrbücher 26f. »
  86. Vgl. besonders DI XIII (Nürnberg 1) XXIIf. zu den Denkmalgruppen H und J. »
  87. Vgl. DI XII (Heidelberg) XXII zu Nr. 293 von 1559 zu Merkmalmischung am Einzelfall, wobei man sogar noch auf die Brechungen aus der gotischen Minuskel hinweisen müßte in Kombination mit Kapitalis-Versalien(!); DI XXVI (Osnabrück) XXVIIIf. zur überhaupt problematischen Abgrenzung im Corpus, da Frakturinschriften Osnabrücks in Anlehnung an niederländische Schreibmeister stark zur Rotunda neigen und charakteristische Unterlängen von f und s ohnehin nicht konsequent durchgeführt sind. »
  88. Zahn, Beiträge zur Epigraphik, Kap. IV. »
  89. DI XXII (Enzkreis) XXVIIIf.; DI XXV (Ludwigsburg) XLVII. »
  90. Bischoff, Paläographie 186ff. »
  91. DI II (Mainz) Nr. 208, 955. »
  92. Die Kunstdenkmäler des Kreises Bingen von Ch. Rauch. Geschichtliche Beiträge von F. Herrmann (Die Kunstdenkmäler im Volksstaat Hessen) Darmstadt 1934, 499 u. Abb. 413. »
  93. DI II (Mainz) Nr. 1164a. »
  94. DI XII (Heidelberg) Nr. 251. »
  95. Ebd. Nr. 293 u. DI XXIII (Oppenheim) Nr. 163. »
  96. Die fortgeschrittene Verwitterung erlaubt keine vollgültigen Aussagen zu Formen; eine gewisse Nähe zu den zeitgenössischen Ausbildungen in Heidelberg ist festzustellen; 1608 auch eine kursive Version. »