Inschriftenkatalog: Stadt Wiesbaden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 51: Wiesbaden (2000)

Nr. 107 Wiesbaden, Kath. Pfarrkirche St. Mauritius (aus ehem. Mauritiuskirche) 1664

Beschreibung

Epitaph des Hans Reichard, an der Südwand des Kirchenschiffs aufgestellt. Hochrechteckige Platte aus rotem Sandstein mit 19zeiliger Grabinschrift, jede zweite Zeile eingezogen; im Giebel zwei Wappen mit Initialen, darunter Totenschädel. Ehemals an der nördlichen Eingangstür der alten Mauritiuskirche, seit deren Brand 1850 in den SNA des Museums aufbewahrt, 1975 als Dauerleihgabe an die Pfarrkirche abgegeben. Bis auf einige Verwitterungsspuren gut erhalten. Buchstaben der Initialen erhaben.

Maße: H. 129, B. 59,5, Bu. 3-4 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 51, Nr. 107 - Wiesbaden, Kath. Pfarrkirche St. Mauritius (aus ehem. Mauritiuskirche) - 1664

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. HERR HENRICH REICHARDT WOLGEEHRTLANDT BREITTER DIESER ORTENWIE IEDER KVNDTBAHR HIER ANHÖRTEHRLICH GEBOHRN IST WORDENEIN TAVSENT VND SECHSHVNDERT ZEHNIN WAHRHEIT ISTS ZV SAGENWAS EHR VND TREWE THVT ANGEHNDEM THAT ER STEHTS NACH IAGENIM EH STANDT LEBT IN FRIED VND WONNGERTRAVDT SEIN LIEB HAVS EHREGEBAHR IHM EINEN EINGEN SOHNGOTT IHM DAS LEBEN MEHRTa)ALSZ MAN ITZ TAVSENT ZEHLEN WOLTSECHS HVNDERT SECHSZIG VIERBEKAM ER AVCH DER SVNDEN SOLDTVERSANCKT DER LEIB LIEGT HIERDIE SEEL IN GOTTES SAHLGOTT GEBS VNSZ ALLZVMAHLATATISb) SVAc) OBIIT MENSE FEBRVAR(II) · DEN · 15

Versmaß: Deutsche Reimverse: Kreuzreim und Endreim.

Wappen:
Reichard1); unbekannt2).

Kommentar

Die Kapitalis ist mit zahlreichen Nexus litterarum durchsetzt, die Zeilenanfänge und zahlreiche Wörter durch Versalien hervorgehoben. Der kreuzgereimte Text verweist am Schluß des Totenlobes auf die Trennung von Leib und Seele.

Die Herkunft Hans Reichards ist ungewiß. Aus den Quellen läßt sich in Wiesbaden zeitgleich nur ein Burggraf Hans Reinhard (!) nachweisen, der 1655 vom Grafen Johannes von Nassau-Wiesbaden-Idstein zum Landbereiter angenommen wurde.3) Mit großer Wahrscheinlichkeit war dieser der Sohn des Wiesbadener Besitzers des Badehauses „Zum Salmen“ Peter Reinhard, der aus Niederwöllstadt stammend seit 1607 Wiesbadener Bürgerrecht besaß und 1620 verstarb. Merkwürdigerweise ist dieser Hans Reinhard im Wiesbadener Taufbuch nicht nachzuweisen, obwohl üblicherweise Kinder von Badehausbesitzern schon recht früh Patenschaften in der Stadt übernahmen. Er könnte identisch sein mit dem ab der Mitte der 1620er Jahre im Wiesbadener Taufbuch als Pate belegten Hans Reinhard aus Dotzheim.4)

Die Funktionen des Landbereiters5) waren um die Mitte des 16. Jahrhunderts das Bereiten der herrschaftlichen Güter und die Beaufsichtigung der Erhebung der „Früchte“ (=Zehnte) zusammen mit dem Keller. Nach Renkhoff6) unterstützte er den Amtmann gemeinsam mit dem Rentmeister im Strafvollzug, vor allem bei Verhören, im jährlichen Rügegericht und bei der Prüfung der Landwehren und Gebücke im Amt Wiesbaden. Er nahm auch an Hinrichtungen teil.

Textkritischer Apparat

  1. Paßt nicht ins Reimschema, wohl Fehler statt MEHRE.
  2. Sic!
  3. Sic! Danach kein Freiraum für die Altersangabe.

Anmerkungen

  1. Drei Sterne übereinander, mit Initialen H(EINRICH) R(EICHARDT).
  2. Ein Herz, mit Initialen G(ERTRAUD) R(...).
  3. Freundl. Hinweis von Dr. Martina Bleymehl-Eiler vom 12. Juli 1999 mit Beleg HHStAW 137 IIb 15.
  4. Vgl. u.a. Stern/Stern, Wiesbadener Taufbuch 132 zum 30. September 1627.
  5. Nach Hinweis Bleymehl-Eiler auf HHStAW 137 IIb2 von 1544 und HHStAW 137, 4606 von 1627, 137, 4610 von 1631 in der Grafschaft Nassau-Idstein im 17. Jh.: Einsammeln des Wegegeldes und der Grenzzölle, Aufsicht auf die herrschaftlichen Zollanteile auf den Wiesbadener Jahrmärkten. Im 18. Jh. überbringt er Bekanntmachungen, vgl. StadtAWI WI/1/227.
  6. Renkhoff, Wiesbaden im Mittelalter 145 und 165.

Nachweise

  1. Rossel, Kirchl. Alterthümer 33.
  2. Roth, Geschichte Wiesbaden 282f.
  3. Buschmann, Nordfriedhof 153f. Nr. 8, 469 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 51, Wiesbaden, Nr. 107 (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di051mz05k0010707.