Inschriftenkatalog: Stadt Wiesbaden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 51: Wiesbaden (2000)

Nr. 94 Wiesbaden, Museum (aus ehem. Mauritiuskirche) 1615

Beschreibung

Epitaph des Zacharias Palthenius, ursprünglich „neben der vorderen Kirchenthür“1), 1732 im Chor. Große Platte aus rotem Sandstein. Im Feld 17zeilige Grabinschrift (A), ab der 10. Zeile gestaffelt, darunter vierzeiliges Bibelzitat (B); an beiden Seiten des Feldes kannellierte Pilaster und jeweils als Seitenhang ein geflügelter Putto, Platte oben und unten beschnitten, oben fehlt mindestens eine Zeile und wohl ein Giebel. Das Denkmal überdauerte den Kirchenbrand von 18502) und wurde anschließend ins Museum verbracht, heute im Möbelmagazin.3) Worttrenner fehlen, Interpunktion Kommata.

Erg. nach Schenck.

Maße: H. 86, B. 116, Bu. 2-3,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis (A, B), humanistische Minuskel mit Kapitalisversalien (B).

DI 51, Nr. 94 - Wiesbaden, Museum (aus ehem. Mauritiuskirche) - 1615

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. A

    [CHRISTO JESV SACRVM.] / ZACHARIAE PALTHENIO, / FRIDBERGENSI I(VRIS) V(TRIVSQVE) ET PHILOS(OPHIAE) DOCTORI, / GRAECAE LINGVAE PERITISSIMO, APVD IMPE=/RIALES FRANCOFVRTENSES TYPOGRAPHO ET / BIBLIOPOLAE PRIMARIO, AD LITERARVM ET / LITERATORVM INCREMENTVM NATO, PLA=/CIDE AVTEM, SED IM(M)ATVRE, PROH DOLOR HIC / IN THERMIS IN CHRISTO DEFVNCTO, VIDVA, / FILIOLAEa) DVAE SVPERSTITES, FRATRESQVE / SEX MOESTISSMI, IN / AMORIS ET FIDEI TESTIMONIVM, / MOERORIS SOLATIVM, AC / RESVRRECTIONIS SYMBOLVM, / MONVMENTVMb) HIC IN LOCO SEPVLTVRAE / ERIGI CVRARVNTc). / OBIIT ANNO M. DC.XV DIE . III MAII · AETA=/TIS XLV CLIMACTERICO. / C(VIVS) A(NIMA) R(EQVIESCAT) I(N) P(ACE) AMEN.

  2. B

    PHILI[P]. I. CAP(ITVLVM). / Est mihi mors lucrum, Vita est / mihi CHRISTVS IESVS.4)

Übersetzung:

(A) Christus Jesus geweiht. Dem Zacharias Palthenius aus Friedberg, Doktor beider Rechte und der Philosophie, der griechischen Sprache überaus kundig, vorzüglicher Buchdrucker und Verleger in der kaiserlichen Stadt Frankfurt, der zur Vermehrung der Gelehrsamkeit und der Lehrer geboren wurde, aber sanft, doch, welch ein Schmerz, zu früh hier in den Bädern in Christus verstarb, haben tiefbetrübt die Witwe, die beiden überlebenden kleinen Töchter und die sechs Brüder als Zeugnis der Liebe und Verbundenheit, zum Trost der Trauer und als Zeichen der Wiederauferstehung hier am Ort des Grabes dieses Denkmal errichtet. Er starb im Jahr 1615 am 3. Mai, im Alter von 45 Jahren im Wechseljahr. Seine Seele ruhe in Frieden, Amen. – (B) Phil 1. Kapitel: Mir ist der Tod Gewinn und Christus Jesus das Leben.5)

Kommentar

Die Inschrift zeigt Anklänge an klassizierende Kapitalisvarianten in Linksschrägenverstärkung, M mit schrägstehenden Schäften und kurzem Mittelteil, R mit weit rechts am Bogen ansetzender, allerdings geschwungener Cauda. Abgesehen vom durch größere Buchstaben hervorgehobenen Namen des Verstorbenen zeigt die zweite Zeile drei überhöhte Versalien. Das Bibelzitat am Textende wurde durch eine andere Schrift abgesetzt.

Zacharias Palthenius6) wurde 1570 als Sohn des Stadtschreibers in Friedberg in der Wetterau geboren. Ab 1589 ist er als Student der Philosophie und des Rechts in Marburg nachzuweisen; danach war er als Notar und vor allem als Buchdrucker in Frankfurt tätig. Er hatte dort als Faktor des Druckers Johannes Wechel begonnen. Dieser entstammte der Familie des 1572 der Bartholomäusnacht entronnenen, nach Frankfurt geflohenen französischen Buchhändlers Andreas Wechel, der seine Pariser Druckerei mit Verlag und Buchhandlung nach Frankfurt, seit dem beginnenden 16. Jahrhundert einem Hauptzentrum des europäischen Buchhandels, verlegt hatte.7) Zwischen 1570 und 1630 war Frankfurt das Zentrum für wissenschaftliche juristische Literatur.

Palthenius heiratete nach dem Tod des Johannes Wechel 1593 dessen Witwe Maria Rosina und übernahm deren Offizin. 1605 ging er eine zweite Ehe mit der aus Antwerpen stammenden Iduna Kirschbaum ein. Palthenius' Lebenswerk galt in erster Linie der Drucklegung medizinisch-naturwissenschaftlicher Werke und griechischer Klassiker.

Vielleicht sein Sohn war der 1608 in Friedberg geborene Johann Hartmann Palthenius,8) der seit 1628 an verschiedenen Orten Schulmeister, seit 1640 Pfarrer an verschiedenen Orten und von 1646 bis zu seinem Tode 1650 Pfarrer in Oberingelheim war.

Textkritischer Apparat

  1. Filiolaeque Schenck.
  2. Fehlt bei Schenck.
  3. Curaverunt ebd.

Anmerkungen

  1. Schenck, Geschicht-Beschreibung 334, Schenck, Memorabilia nennt dann 1732 als Standort „im Chor“.
  2. Rossel, Kirchl. Alterthümer 33 Anm. 6 bezeichnete das Epitaph als „das merkwürdigste [der übrigen Denkmäler], und zum Glück unversehrt.“
  3. Inv.-Nr. 90.
  4. Phil 1,21 (Rückübersetzung).
  5. Übersetzung Dr. Sebastian Scholz, Mainz.
  6. Vgl. Renkhoff, Nass. Biographie 599 Nr. 3282, auch zum Folgenden.
  7. Vgl. Schindling, Wachstum und Wandel 250; vgl. auch Benzing, Buchdrucker 129.
  8. Vgl. Telschow/Reiter, Die evangelischen Pfarrer 256.

Nachweise

  1. Schenck, Memorabilia 87.

Zitierhinweis:
DI 51, Wiesbaden, Nr. 94 (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di051mz05k0009402.