Inschriftenkatalog: Stadt Wiesbaden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 51: Wiesbaden (2000)

Nr. 39 Mainz-Kastel, Kath. Pfarrkirche St. Georg 1498

Beschreibung

Rechts- bzw. Urkundeninschrift auf fast quadratischer Inschrifttafel aus rotem Sandstein, ehemals innen im Chor an der Südostwand unter der Orgelempore,1) heute in der nördlichen Eingangshalle an der Wand angebracht. Dreizehnzeilige Inschrift, gut erhalten bis auf Oberflächenverlust in der letzten Zeile. Ein Quadrangel wird einmal als Worttrenner verwendet.

Erg. nach Arens.

Maße: H. 108, B. 96, Bu. 5,5-7,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalie.

DI 51, Nr. 39 - Mainz-Kastel, Kath. Pfarrkirche St. Georg - 1498

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. Anno 1498a) ist der ersam / peter fluck der aldb) vnd ese sin elich / huszfrav mit hern ciriaco dickhut / pherner zu castell vnnd vberkomec) / den kirchengtslbornd) da selbst das ein / ieder perner oder sin vorweser lalle) · iare / ewiglich vff den helligen karefritag / denf) passion vff das aller bast er ver/magk vsz lege(n) das sollen wnd uollen / ewiglich die kirchen gesweng) so iez=/unt sint oder hernach kome(n) werfu=/gen das solicher passion wnerehinde(r)th) / gehalden vnnd [foln brach]e wer[d]

Kommentar

Die Inschrift wurde in einer qualitätvollen Minuskel in gleichmäßigem Schriftbild im Vierlinienschema ausgeführt. Alle dreizehn Zeilen sind linksbündig übereinander angeordnet, eine Vorlinierung ist aber nicht erkennbar. Die Anfangsversalie A zeigt eine Verdopplung des linken Bogens, dessen Dopplung oben gespalten und nach rechts hochgebogen ist. Nexus litterarum von de wurde mehrfach verwendet. Die professionelle Gestaltung der Schrift steht in merkwürdigem Kontrast zu den nicht aus Dialektformen begründbaren Verschreibungen, Wortbildungen und syntaktischen Verwerfungen. Insbesondere die Schreibung der Labiodentalen f/v und des Vokals u durch f, u, v und w läßt keine Regelhaftigkeit erkennen.

Arens vermutete in der Inschrift die Stiftung einer Passionspredigt. Eine Stiftungsinschrift hätte bestimmte Konditionen, d.h. Leistungen und eventuell Gegenleistungen genannt. Die vorliegende Inschrift fixiert eine Übereinkunft zwischen dem Ehepaar Fluck und dem Kasteler Pfarrer Cyriakus Dickhut über die jährlich von ihm zu haltende Passionspredigt. Er selbst und die Kirchengeschworenen werden in die Pflicht genommen, Vertreter und Nachfolger des Pfarrers diese Predigt auf ewig halten zu lassen. Die Überlegung von Arens ist insofern richtig, als dieser Übereinkunft eine Stiftung zugrundeliegen muß. Eine Urkunde mit entsprechenden Details ist nicht bekannt. Die Vereinbarung zwischen Stiftern und Seelsorger betraf eine Verbesserung des Karfreitagsgottesdienstes, die ein Ausfluß der im Spätmittelalter forcierten Passionsfrömmigkeit ist.2) Seit dem für Reformen aufgeschlossenen ausgehenden 15. Jahrhundert wurden Mahnungen für einen verbesserten Gottesdienst und ein korrektes Verhalten der Pfarrgeistlichkeit mehrfach durch Inschriften fixiert.3)

Textkritischer Apparat

  1. Schlingenförmige 4, am linken Bogen verhauen und korrigiert.
  2. l gehauen wie langes s.
  3. Wörter vertauscht.
  4. Sic! für kirchengesworn.
  5. Sic! verhauen wohl für sall im Sinne von soll.
  6. der Arens, den richtig in der Umzeichnung.
  7. Sic! für gesworn.
  8. Sic! für unverhindert. unverchindet Arens; über letzter Silbe klein hochgestellter Kreis für r.

Anmerkungen

  1. Ortsangabe nach DI 2.
  2. Vgl. zu literarischen Ausformungen Jung, Passion Sp. 1761ff.
  3. Vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis) Nr. 83, DI 41 (Lkr. Göppingen) Nr. 208, DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nrr. 318, 320, DI 49 (Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau) Nr. 110.

Nachweise

  1. Falk, Inschriften aus Mainz Nr. 228.
  2. DI 2 (Mainz) Nr. 1003.

Zitierhinweis:
DI 51, Wiesbaden, Nr. 39 (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di051mz05k0003900.