Inschriftenkatalog: Stadt Wiesbaden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 51: Wiesbaden (2000)

Nr. 35 Wiesbaden-Igstadt, Ev. Kirche 1456

Beschreibung

Namensansage und Herstellungs- bzw. Meisterinschrift sowie Gußjahr auf der kleinsten Glocke des Vierergeläutes1); sie sitzt im mittleren Joch an westlicher Stelle. Glocke mit einzeilig zwischen glatten Stegen auf dem Hals umlaufender Inschrift. Eine kleine Figur steht am Anfang, drei weitere kartuschenförmige Reliefs mit den Evangelistensymbolen sind dem Text eingefügt. Sie sind mit vergossenen und daher unleserlichen Schriftbändern versehen. Auf dem Mantel ist ein kleines Relief einer Heiligenfigur, vielleicht Anna Selbdritt2), aufgelegt. Einige Beschädigungen der Schärfe, sonst gut erhalten. Schlagton cis''.3) Als Worttrenner dienen kleine Quadrangeln.

Maße: H. (m. Krone) 80, Dm. 76 cm, Bu. 3,5-4 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 51, Nr. 35 - Wiesbaden-Igstadt, Ev. Kirche - 1456

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/2]

  1. Sv(nte)a) · annab) heisc) ich ·iostd) vetter · gote) mich ·m · cccc · lvi

Versmaß: Deutsche Reimverse.

Kommentar

Die Minuskeln weisen eine breite Spationierung auf und zeigen den zeitüblichen Formenbestand. Lotz und Luthmer überliefern nicht die vorstehende Glocke für Igstadt, sondern eine angeblich mit dem Gußjahr 1404 versehene Glocke.4)

Die Schriftmerkmale und Dekorationsmittel der Igstadter Glocke unterscheiden sich deutlich von jenen der Glocken des gleichnamigen Straßburger Gießers. Daher vermutet man in den beiden Vater und Sohn.5) Die niederdeutschen Formen sunte und got6) stehen neben oberdeutschen, der Text entspricht Gepflogenheiten am weiteren Mittelrhein. In den Text könnten also Sprachrelikte eines norddeutschen Gießers eingeflossen sein. Da es zwei solcher Formen gibt, kann man sie nicht ohne weiteres als Gußfehler ansprechen.

Textkritischer Apparat

  1. Sic! v überschrieben mit Ring, durch Guß verdrückt. Vor dem Wort kleines Heiligenrelief, von Köster vielleicht als Anna Selbdritt gedeutet, es muß sich aber wohl um das Symbol für den Evangelisten Matthäus handeln. Mit dem folgenden Namen zieht Wolf, Kirchen 86 die beiden Buchstaben zu Susanna zusammen.
  2. Hiernach Relief des Symbols für den Evangelisten Lukas (Stier).
  3. Hiernach Relief des Symbols für den Evangelisten Markus (Löwe).
  4. Hiernach Relief des Symbols für den Evangelisten Johannes (Adler).
  5. Sic!

Anmerkungen

  1. Die übrigen Glocken sind modern.
  2. Köster erwähnt diese Figur in seiner Aufzeichnung nicht; er deutet die vierte Figur der Evangelistenreihe des Schriftbandes als Anna Selbdritt.
  3. Angabe Köster.
  4. Vgl. Lotz, Baudenkmäler 249, Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler (1914) 233, ebenfalls nicht erwähnt in seinem Nachtrag von 1921; vgl. auch Einleitung Kap. 6.
  5. Vgl. DGA Baden 22ff. und 84 Anm. 87 auf der Grundlage der Autopsie Kösters.
  6. Zu sunte vgl. u.a. DI 45 (Goslar) Nr. 47; zu unverschoben got/gegoten u.ä. vgl. Belege bei Walter, Glockenkunde 224, 233, 236, 249, 253, 255ff.

Nachweise

  1. Köster, Aufnahmeblatt (Umzeichnung).

Zitierhinweis:
DI 51, Wiesbaden, Nr. 35 (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di051mz05k0003506.