Inschriftenkatalog: Stadt Wiesbaden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 51: Wiesbaden (2000)

Nr. 21† Wiesbaden-Klarenthal, ehem. Kloster Klarenthal nach 1332?, 1361

Beschreibung

Tumba für Graf Gerlach I. von Nassau und seine Ehefrau Agnes von Hessen, „im niedern Chor uf der rechten Seite des Altars erhoben in einem Bogen“,1) d.h. an der Nordwand des Chores, offenbar in einer Nische. Helwich überlieferte 1614 nur den Text der Grabinschriften des „monumentum elevatum“, Dors zeichnete 1632 die Figurenplatte; in einer bei Andreae überlieferten Zeichnung wurde zudem noch der mit Blendarkaden versehene Tumbenunterbau in Schrägansicht wiedergegeben. Die reliefierte Tumbendeckplatte zeigte das unter einer doppelten Kielbogenarkade stehende, in Gebetsgestus leicht nach rechts gewandte Paar: links den barhäuptigen Grafen im Ringelpanzer und Waffenrock mit Langschwert am Gürtel, rechts seine Ehefrau in zeitgenössischer Tracht, bestehend aus langem Kleid, Mantel, Kopf- und Kinnschleier. Zu Füßen des Ritters ruhten zwei voneinander abgewendete Löwen; seine Frau stand auf einem Löwen. In den Bogenzwickeln saßen vier Wappen. Die Grabinschriften waren auf den beiden Zeichnungen unterschiedlich wiedergegeben: Bei Andreae laufen sie auf der Länge der Mannesseite entlang, die für Gerlach außen, die für Agnes innen, und setzen sich auf der Fußleiste fort. Hingegen setzte Dors in seiner Zeichnung beide Inschriften auf der Mannesseite jeweils in zwei Zeilen übereinander: die des Grafen (A) auf der Plattenschräge, die der Gräfin (B) darunter. Daß die Inschriften auf der Fußleiste fortgesetzt wurden, ist wahrscheinlich; ihre Position zueinander kann nicht entschieden werden. Die Tumbenanlage wurde lange nach der Aufhebung Klarenthals, nicht vor 1632, in die Wiesbadener Mauritiuskirche verbracht und im Chor aufgestellt.2) Dort wurde sie ein Opfer des Kirchenbrandes von 1850. Als Worttrenner werden Quadrangeln überliefert.

Nach Dors.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 51, Nr. 21 - Wiesbaden-Klarenthal, ehem. Kloster Klarenthal - nach 1332?, 1361

 Gemeinfrei [1/1]

  1. A

    + an(n)o · d(omi)ni · mo · ccclxio · i(n) crassti(n)oa) · e(pi)ph(an)ie · o(biit) · illustri(ssim)(us) · d(o)min(us)b) · gerlac(us) · comes · dec) · nassavd) filius · / sereniss(im)i · d(omi)ni · adolfid) · regis · roma(n)or(um).

  2. B

    + an(n)o · d(omi)ni · mo · ccco · xxxo iio · i(n) oct(av)a · e(pi)ph(an)ie · o(biit) · serenissi(m)a · d(omi)na · agnes · cu(n)iuxa) · nobiliss(im)i · d(omi)ni · gerlaci · com(it)is / de nassau ·

Übersetzung:

(A) Im Jahre des Herrn 1361, am Tag nach Erscheinung des Herrn (7. Januar) starb der hochberühmte Herr Gerlach, Graf von Nassau, Sohn des erlauchten Herrn Adolf, des römischen Königs.

(B) Im Jahre des Herrn 1332, am achten Tag nach Erscheinung des Herrn (13. Januar) starb die erlauchte Frau Agnes, Ehefrau des hochedlen Herrn Gerlach, Graf von Nassau.

Wappen:
Nassau; Landgrafschaft Hessen (je zweimal).

Kommentar

Das Gerlach-Grabmal zeigt in der Figur des Ritters zumindest motivisch eine enge Verwandtschaft zu der Tumbendeckplatte des 1311 verstorbenen Grafen Eberhard I. von Katzenelnbogen in Kloster Eberbach im Rheingau3) sowie zu den frühen Landgrafendenkmälern in der Marburger Elisabethkirche.4) Hier wie dort sind die Ritter bartlos mit offenen Haaren, gekrauster Stirn, im Kettenhemd und Waffenrock mit tiefgegürtetem Langschwert wiedergegeben, die Füße in spitzen Kettenschuhen mit Sporen auf Löwen ruhend. Trotzdem werden selbst Kostümdetails wie herabhängende Fäustlinge nicht genügen, das Klarenthaler Denkmal kurz nach dem Tod der Agnes, also in die zeitliche Nähe der möglichen Vorbilder, zu setzen. Gerlachs Grablege steht vielmehr in enger Verbindung zu der seines Sohnes Adolf (folgende Nr.) aus der Ehe mit Agnes von Hessen, dem die Einrichtung dieses Denkmales zugeschrieben werden kann. Anderenfalls müßte Gerlach selbst das Denkmal vor seiner zweiten Eheschließung mit Irmengard von Hohenlohe-Weikersheim im Jahre 13375) veranlaßt haben. Die Nachahmung der Minuskel bei Dors zeigt zwar einen frühen Typus ohne Versalverwendung, kann aber kaum dazu benutzt werden, die Inschrift der Agnes so früh zu datieren, da die Minuskel überhaupt erst in dieser Zeit über die Mainzer Bischofsdenkmäler Eingang in die Epigraphik des Mittelrheingebietes fand.6)

Gerlach war ein Sohn König Adolfs von Nassau und der Imagina von Isenburg-Limburg, die gleichfalls in Klarenthal bestattet lag7). Ursprünglich für die geistliche Laufbahn bestimmt, studierte Gerlach 1304 in Bologna und übernahm nach dem Tode seines Bruders Ruprecht 1305 die Regierung der Grafschaft. Gerlachs erste Ehefrau Agnes war eine Tochter des Landgrafen Heinrich von Hessen und der Agnes von Bayern.8) Am 29. November 1344 verzichtete Gerlach auf die Regierung zugunsten seiner beiden Söhne Adolf und Johann. Gemeinsam mit ihnen stand er in den Auseinandersetzungen anläßlich der Besetzung des Mainzer Erzbischofsstuhles auf Seiten Kaiser Ludwigs des Bayern, mit dem sie 1346 ein Bündnis schlossen.9) Auf der Gegenseite, der Partei des Papstes, stand Gerlachs dritter Sohn Gerlach, der nach der Absetzung des gewählten Erzbischofs Heinrich von Virneburg dessen Nachfolger wurde. Bevor es 1347 zum Entscheidungskampf kam, starb Ludwig der Bayer; die Grafen schlugen sich dann auf die Seite des luxemburgisch-böhmischen Königs und späteren Kaisers Karl IV. Klarenthal blieb in dieser Zeit von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont. Graf Gerlach nahm als erster der nassauischen Grafen seine Residenz in Wiesbaden.10)

Galt König Adolf als Gründer Klarenthals, so ist Gerlach der eigentliche Förderer des Klarissenklosters.11) Im Jahr nach dem Tode seiner ersten Gattin machte er ansehnliche Schenkungen an geistliche Institute; zu Klarenthal, in dem seine Schwester Adelheid (Nr. 14) zwischen 1311 und 1338 als Äbtissin regierte, hatte er eine besonders enge Bindung. Er setzte die Förderung dieser nassauischen Hausstiftung fort, indem er das Kloster durch Abgabenfreiheiten und die Übertragung des Patronatsrechts über die Pfarrkirche in Erbenheim unterstützte; zudem wählte er es als Begräbnisstätte für sich und seine Gemahlin.12) Das Ehepaar ist im Klarenthaler Nekrolog, allerdings mit abweichendem Tag, eingetragen: Gerlach zum 10., Agnes zum 11. Januar.13) Gerlachs zweite Frau, Gräfin Irmengard von Hohenlohe-Weikersheim, überlebte ihn um 10 Jahre und starb am 3. Januar 1371 in Kloster Liebenau bei Worms,14) wohin sie sich in den letzten Lebensjahren nach längeren Aufenthalten auf Burg Sonnenberg und in Kloster Klarenthal zurückgezogen hatte.15)

Textkritischer Apparat

  1. Sic!
  2. dnin mit Kürzungen Dors.
  3. d mit Kürzung Dors.
  4. Letzter Buchstabe hochgestellt.

Anmerkungen

  1. Dors gab die Ortsangabe zweimal an, wobei die hier wiedergegebene Fassung auf eine Nische („Bogen“, vgl. folgende Nr.) hindeutet. Diese Angabe fehlt in der ersten Erläuterung; dort heißt es: „ist ein liegender, erhobener Stein in der Mauer im niedern Chor“.
  2. Renkhoff, Wiesbaden im Mittelalter 176-178.
  3. Vgl. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 21 und Suckale, Hofkunst 103-105 zur Datierung um 1325-1330.
  4. Leppin, Elisabethkirche 72f. (Abb.); Czysz, Klarenthal 351 Anm. 367 sah noch Ähnlichkeiten zum Grabmal des Grafen Otto von Cappenberg in der ehem. Stiftskirche St. Johannes in Kappenberg, vgl. zu diesem Howe, Gottfried von Cappenberg 10ff. mit Abb. 12.
  5. Europ. Stammtafeln NF I,1 Taf. 61.
  6. Zur Spätdatierung des Tumbendeckels für Peter von Aspelt († 1320), der seit Arens in DI 2 (Mainz) Nr. 33 als früheste ausgebildete Minuskel in Stein galt, vgl. Kessel, Sepulkralpolitik 17-19.
  7. Für Imaginas Figurenplatte, die Dors abzeichnete, ist keine Inschrift überliefert, vgl. Dors, Genealogia fol. 13r, bearb. Hauck/Laufer 94 Nr. 5 mit Abb. 17; zur Genealogie vgl. Europ. Stammtafeln NF I,1 Taf. 61, dort allerdings falscher Todestag (1. Januar 1371) und Begräbnis in Kloster Liebenau bei Worms angegeben – beides gehört zu seiner zweiten Ehefrau Irmgard, vgl. bei Anm. 14; Renkhoff, Nass. Biographie 553 Nr. 3047.
  8. Europ. Stammtafeln NF I,2 Taf. 239.
  9. Czysz, Klarenthal 128f.
  10. Renkhoff (wie Anm. 7).
  11. Czysz, Klarenthal 127ff.
  12. Vgl. Langkabel, Das Kloster Klarenthal 22f; zur Begräbniswahl auch Colombel, Geschichte Graf Gerlach 169-171.
  13. Vgl. Otto, Necrologium 43 Nrr. 9, 10.
  14. Vgl. DI 29 (Worms) Nr. 151.
  15. Czysz, Sonnenberg 51, ebd. auch 41f. und Renkhoff, Nass. Biographie 553 Nr. 3058 zu Gräfin Irmengard.

Nachweise

  1. Helwich, Syntagma 129.
  2. Dors, Genealogia fol. 21r, bearb. Hauck/Laufer 103 mit Abb. 23.
  3. Andreae, 1. Genealogienbuch zw. 84 u. 85 (bei Hauck/Laufer Abb. 24), 2. Genealogienbuch fol. 77v (Text).
  4. Hagelgans, Nass. Geschlechtstafel 15f., XXI, XXXI.
  5. St. George, Kopie 37 (bei Hauck/Laufer Abb. 25).
  6. Kremer, Origines II 458 Nrr. IV, VII.
  7. Rossel, Kirchl. Alterthümer 33 (Abb. nach Dors).
  8. Colombel, Geschichte Graf Gerlach 172 Anm. 3 (B, nach Hagelgans); 191 Anm. 3 (A, nach Kremer).
  9. Otto, Clarenthaler Studien II 43 Nrr. 8, 9 (nach Helwich).
  10. Geschichte des Klosters Clarenthal 43 Abb. 8, 9 (Abb. nach Dors).
  11. Renkhoff, Wiesbaden im Mittelalter Taf. XII (Abb. nach Dors).
  12. Czysz, Klarenthal 146 (Abb. nach Dors).
  13. Czysz, Sonnenberg 50 (Abb. nach Dors).

Zitierhinweis:
DI 51, Wiesbaden, Nr. 21† (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di051mz05k0002107.