Inschriftenkatalog: Stadt Wiesbaden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 51: Wiesbaden (2000)

Nr. 4 Wiesbaden, Museum (aus Gräberfeld Schiersteinerweg/Dotzheimerstraße) 5.–6.Jh.?

Beschreibung

Grabstein des/der Municerna.1) 1863 im Gebiet zwischen Schiersteinerweg und Dotzheimerstraße aufgefunden. Quadratischer Kalksteinblock mit dreizeiliger Inschrift zwischen Linien. Darunter Christogramm in einem Kreis mit Alpha und Omega. Buchstaben neu rot ausgemalt, Worttrenner Dreieck.

Maße: H. 25, B. 25, Bu. 1,5-2 cm.

Schriftart(en): Vorkarolingische Kapitalis.

DI 51, Nr. 4 - Wiesbaden, Museum (aus Gräberfeld Schwalbacher-/Luisenstraße) - 5.-6. Jh.?

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. HIC Q(V)IE(S)CIT IN P(ACE) · / MVNICERNA / Q(V)Ia) VIXIT AN(NOS) Lb) / A(LPHA) O(MEGA)c)

Übersetzung:

Hier ruht in Frieden Municerna, der/die 50 Jahre lebte.

Kommentar

Die in scriptura continua geschriebene Inschrift ist in ihrem Buchstabenbefund durch den roten Farbauftrag verändert, die Buchstaben wirken zu breitstrichig, vor allem in der ersten Zeile. Im Einzelbefund kommt A in drei Varianten vor: flachgedeckt mit geknicktem, spitz mit geknicktem und spitz ohne Mittelbalken; der Balken des L ist waagrecht und hochgebogen, M hat stark schrägstehende Schäfte und einen fast bis zur Grundlinie heruntergezogenen Mittelteil; der offene Bogen des Rho (P) ist nach rechts hochgebogen.

Der Name des oder der Verstorbenen wurde als galloromanisch angesehen;2) das ist möglich, wenn man eine mit dem Namen Municius verwandte Form Municerina postuliert, die aber nicht belegt werden kann. Wahrscheinlicher ist die Ableitung aus germanisch *Munigerna3) durch von der romanischen Palatalisierung hervorgerufene Umkehrschreibung für ge oder falsches Graphem C statt G; eine vom Bogen abgesetzte Cauda des G läßt der Stein nicht erkennen. In Anbetracht der zahlreichen Verwechslungen des Genus in Trierer Inschriften, in denen also QVI statt QVAE gesetzt wurde,4) könnte es sich um einen westgermanischen Frauennamen oder einen ostgermanischen Männernamen handeln. Der Stamm *Muni, dem kein deutliches gentiles Profil zugewiesen wurde, kann auch am Mittelrhein seit dem 6. Jahrhundert mehrfach belegt werden. Demgegenüber ist der Stamm des Zweitgliedes *-gerna für männliche Personen früh auf Ostgermanen begrenzt; erst nach 600 kommen fränkische Belege hinzu, während Frauennamen noch später aufscheinen.5) Obwohl der Name formal also einem westgermanischen Frauennamen entspricht, wird ein ostgermanischer Männername um so wahrscheinlicher, je früher man die Inschrift ansetzt. In der Tat sind Burgunder im 5. Jahrhundert in Wiesbaden belegt.6) Da aus Münzfunden ein Ansatz von Ende 6. bis Anfang 7. Jahrhundert erschlossen wurde7) und gewisse Unterschiede zu den übrigen Wiesbadener Steinen bestehen (kein unziales Alpha, Kreis um die apokalyptischen Buchstaben), wird man allerdings die für jene geäußerte Hypothese eines eher frühen Ansatzes im Datierungsrahmen (vgl. Nr. 2) nicht ohne weiteres auf den Municerna-Stein übertragen dürfen.

Textkritischer Apparat

  1. Sic! QVI oder so statt QVAE je nach Deutung des Namens.
  2. I Cohausen.
  3. Griechischer Unzialbuchstabe.

Anmerkungen

  1. Inv.-Nr. 343.
  2. Renkhoff, Wiesbaden im Mittelalter 2.
  3. So schon Förstemann, Namenbuch I Sp. 1136f.; Reichert, Lexikon I 514.
  4. Vgl. Recueil I 620.
  5. Vgl. Haubrichs, Eppo Nr. 3.
  6. Vgl. Quast, Rezension 235 mit weiterer Literatur.
  7. Vgl. Schalk; das Gewicht dieser Aussage konnte nicht beurteilt werden.

Nachweise

  1. Wichtigste Belege (weitere Literatur bei Boppert): Schalk, Die neuesten Funde 360f. (Abb.).
  2. Becker, Die altchristl. Inschriften 185 Nr. 5.
  3. Cohausen, Führer 156, vor 151 (Abb.).
  4. Kraus, Christl. Inschriften I 28 Nr. 48 Taf. VI 2.
  5. Le Blant, Nouveau Recueil Nr. 81.
  6. CIL XIII Nr. 7601.
  7. Kutsch, Vor- und Frühgeschichte 80 und Taf. 30 m. Abb. 56 (Abb.).
  8. Diehl, Inscript. lat. II Nr. 3111 A.
  9. Schoppa, Völkerwanderungszeit 45 Nr. 169.
  10. Boppert, Die frühchristl. Inschriften 147f.
  11. Wolf, Kirchen in Wiesbaden 20 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 51, Wiesbaden, Nr. 4 (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di051mz05k0000407.