Inschrift im Fokus

Stadt Helmstedt: Der sog. Doktorring Martin Luthers

Der Ring wurde im Jahre 1702 aus der Sammlung des Herzogs Rudolph August von Braunschweig-Lüneburg der Universitätsbibliothek Helmstedt zugewiesen. Dort machte sich der Professor und Bibliothekar Hermann von der Hardt emsig daran, den Ring als Lutherreliquie darzustellen, indem er ihn mit dessen Promotion in Zusammenhang brachte. Allen älteren Lesarten zum Trotz weist der Ring äußerlich keinen Hinweis auf den Reformator oder die 1512 erfolgte Promotion auf. Die von Johann Carl Conrad Oelrich 1750 vermeintlich auf dem Ring erkannten Initialen Luthers, entpuppen sich beim genaueren Hinsehen als Blumenranken, das Wappenbild stimmt in Wahrheit nicht mit der Lutherrose überein. Entscheidend ist aber die Inschrift:

Obwohl die letzte Ziffer der vierstelligen Zahl nicht mehr zu erkennen ist, lässt die nicht vom Luthermythos beeinflusste Epigraphikerin keine Zweifel an der Lesart des vorletzten Zahlzeichens. Es hat die „die Form einer spitzen 3 mit schräggestelltem Deckbalken“. Damit ist eine Entstehung im Jahr der Promotion Luthers ausgeschlossen. Das Stück befindet sich heute im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig.

DI 61, Nr. 48Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum1530–1539

Beschreibung

Ring, sog. Doktorring Martin Luthers. Gold, gegossen; Bergkristall. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts in Helmstedt nachweisbar (vgl. Kommentar), verblieb hier bis zur Auflösung der Universität, kam zunächst in die Herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel, die jetzige Herzog August Bibliothek, und Ende der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts in das damalige Herzogliche Museum, das jetzige Herzog Anton Ulrich-Museum1). Siegelring mit dickem, schlichtem Reif und schwach-ovalem Kopf. Dieser vom Reif abgesetzt durch Profilring und Perlschnur. Im Kopf Wappenschild aus Bergkristall. Darüber florale Ornamente. Inschrift zu beiden Seiten des Wappenschildes, gold auf schwarzem Grund2).

Maße: Dm.: 2,3 cm (innen), 3 cm (außen); Ziffern: 0,1 cm.

  1. 15 / 3[.]a)

Wappen
?3)

Kommentar

Die Ziffer 1 ist als gerader, schlichter Schaft gestaltet, die 5 besteht aus kurzem Deckbalken, schräggestelltem Schaft und Bogen, die von Oelrich als 1 gelesene dritte Ziffer (vgl. Anm. a) hat die Form einer spitzen 3 mit schräggestelltem Deckbalken.

Nach Wappenbild (vgl. Anm. 3) und Jahreszahl der Inschrift läßt sich keine Beziehung des Ringes zu Luther und seiner Promotion, die im Jahre 1512 erfolgte, herstellen. Der Ring war zusammen mit dem sog. Trauring Martin Luthers (Nr. 80) Teil der Bücher- und Raritätensammlung des Herzogs Rudolph August, die 1702 auf Betreiben des Helmstedter Professors und Universitätsbibliothekars Hermann von der Hardt (vgl. Nr. 479) der Universitätsbibliothek zugewiesen wurde (vgl. Nr. 376). Die Ausdeutung und publizistische Nutzung beider Ringe lag in den folgenden Jahrzehnten bei Hermann von der Hardt und dessen Neffen und Nachfolger in allen Universitätsämtern, Anton Julius von der Hardt (vgl. Nr. 511). Hermann von der Hardt stellte die Ringe 1703 als amtierender Prorektor in einer feierlichen Doktorpromotion der Öffentlichkeit als Lutherreliquien vor. In der dabei gehaltenen und von ihm veröffentlichten Rede teilt er mit, daß der sog. Doktorring „durch ein einzigartiges Geschick aus dem oberen Sachsen nach Niedersachsen .. in diese Hochschule nach Helmstedt gekommen sei“4). Diese Nachricht wird 1706 durch den Lutherreliquiensammler Christian Juncker aufgegriffen und aufgrund eigener Nachforschungen dahingehend konkretisiert, daß August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, den sog. Doktorring und den sog. Trauring Luthers dem Braunschweiger Herzog Rudolf August einige Jahre zuvor zum Geschenk gemacht habe5). In Helmstedt wurden beide Ringe Bildungsreisenden als Lutherreliquien vorgeführt, so 1709 Zacharias Conrad von Uffenbach, der die Inschriften des sog. Brautringes mitteilt, für den sog. Doktorring indes keine Inschrift erwähnt, aber die Abweichung des Wappenbildes bemerkt6). 1750 las Johann Carl Conrad Oelrich, wohl unter dem Eindruck der ihm von Anton Julius von der Hardt dabei vorgetragenen angeblichen Verbindung des Ringes zu Luthers Promotion, die dazu passende Jahreszahl 1512 (vgl. Anm. a) und Luthers Initialen. In den drei Ringen des Wappenbildes sah er eine Form der Lutherrose7). Es fällt auf, daß alle ermittelbaren Nachrichten, die den Ring zum Doktorring Luthers erklären, direkt oder indirekt zurückgehen auf Hermann von der Hardt. Angesichts dieses Befundes liegt die Vermutung nahe, daß er die Legende um den Ring bewußt gefördert, wenn nicht sogar selbst erfunden hat.

Textkritischer Apparat

  1. 15 / 3[.]] 15/02 Ms. Wolfenbüttel, 1512 Oelrich, 15[..] Kat. Kostbarkeiten.

Anmerkungen

  1. Vgl. R.-A. Schütte in: Kat. Kostbarkeiten, S. 83. Ebendaher die Angaben zum Material.
  2. Oelrich, Tagebuch, S. 54 sah 1750 über dem Wappen zusätzlich die Initialen M. L. D. Möglicherweise hat er die hier befindlichen Blumenranken falsch gedeutet. Spuren einer Inschrift sind nicht vorhanden. Kratzer unterhalb des Wappens bieten ebenfalls keine diesbezüglichen Anhaltspunkte.
  3. Wappen ?: drei ineinander verschlungene Ringe. Zu Luthers Wappen vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 5, 1. Abt., ND Bd. 9, S. 38 „Ring, in welchem eine Rose mit einem von einem Kreuz belegten Herzen“ und seine eigene Beschreibung in: D. Martin Luthers Werke, Briefwechsel 5, Weimar 1934, Nr. 1628, S. 444f., Brief an Lazarus Spengler vom 8. 7. 1530. Weitere Wappen der Familie Luther bei Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 5, 3. Abt., ND Bd. 9, S. 83. Die vor 1530 von Luther geführten Wappenbilder besprochen bei D. Richter, Genealogia Lutherorum, Berlin/Leipzig 1733, S. 665 und bei J. K. F. Knaake, Zur kritischen Behandlung des Lebens Luthers. In: Zs. für die gesammte lutherische Theologie und Kirche, 33. Jg., 1872, S. 462–490, hier S. 478ff. Danach läßt sich das auf dem sog. Doktorring angebrachte Wappen bei Luther nicht nachweisen.
  4. Vgl. H. von der Hardt, Solennis promotio trium philosophiae doctorum .. in qua panegyri .. cimelia .. annulus Lutheri aureus doctoralis et annulus Lutheri aureus pronubus .. exhibita, Helmstedt 1703: qui (sc. annulus aureus doctoralis) singulari fato ex superiori Saxonia in hanc inferiorem .. in hanc .. Academiam Helmstadiensem migravit.
  5. Chr. Juncker, Das Ehren-Gedächtniß .. D. Martini Lutheri, Frankfurt/Leipzig 1706, S. 282f. So auch NStA Wolfenbüttel 37 Alt Nr. 1075, Bl. 84v, ein Bibliotheksinventar, verfaßt nach 1745.
  6. Uffenbach, Reisen, S. 208.
  7. Oelrich, wie Anm. 2.

Nachweise

  1. NStA Wolfenbüttel 37 Alt Nr. 1075, Bl. 84v.
  2. Oelrich, Tagebuch, S. 54.
  3. Kat. Kostbarkeiten, S. 83 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 48 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0004806