Inschrift im Fokus

Rhein-Hunsrück-Kreis und Lkr. Bad Kreuznach: Heilige Länge

Sogenannte heilige Längen gab es vor allem für Christus und Maria, aber auch für andere Heilige. Überwiegend existieren sie als Amulette in Form von Schnüren, Bändern, Latten und Stäben, sofern sie Grabes- oder ganze bzw. Teile von Körpergrößen bezeichnen. Dabei sind sie meistens verkürzt und symbolisieren nur ein Mehrfaches der Größe. Der Brauch der heiligen Länge fand nach dem Zeugnis Gregors von Tour spätestens im 8. Jahrhundert Eingang ins Christentum. Jerusalempilger hatten die Maße der Geißelsäule als Riemen mitgebracht. Dieses religiöse Brauchtum, das schon im Spätmittelalter als Aberglaube verurteilt wurde, hielt sich bis ins 20. Jahrhundert.

Die Länge Christi leitet sich von zwei vermeitlich authentischen Zeugnissen ab. Zum einen vom Heiligen Grab in Jerusalem und zum anderen von dem seit dem 10. Jahrhundert bezeugten Kreuz mit den Reliquien der arma Christi in der Hagia Sophia zu Konstantinopel. Auf diese crux mensuralis beziehen sich im 13./14. Jahrhundert die illustrierten Darstellungen in Handschriften. Dabei soll der beigegebene Maßstrich um ein Mehrfaches verdoppelt werden, um somit zur wahren Länge der Körpergröße Christi zu gelangen. Im Ergebnis sind dies zwischen 1,65 und 2,10 m. In Oberwesel ist es nicht der Maßstrich, der auf die heilige Länge aufmerksam macht, sondern die Darstellung Christi in Verbindung mit einer Inschrift. Die heilige Länge konnte zudem als pars pro toto einer Christusdarstellung Autorität und Authentizität verleihen. Sie konnte sie sogar stellvertretend ersetzen, wie dies bei einem zweiten Beispiel aus der näheren Umgebung, in Odernheim, der Fall ist. Denn dort weisen nur ein eingeritztes Maß und die Inschrift auf sie hin.

Die Wandmalerei von Oberwesel ist in der Komplexität ihrer Darstellung als monumentales Bildnis des Schmerzensmannes mit Inschrift singulär, und dies nicht nur am Mittelrhein. Da über das Brauchtum der heiligen Länge an sakralen Bauten, die insbesondere auf Christus bezogen, wenig bekannt ist, ist auch die Funktion der Oberweseler heiligen Länge unklar, zumal sie nicht wie in Odernheim zum Massnehmen für Berührungsreliquien dienen konnte. Vermutlich war die doch sehr große Darstellung, die sich zudem an einem hervorgehobenem Ort im Kirchenschiff befindet, nicht nur als Andachtsbild gedacht, sondern mit einem Ablass verbunden, auch wenn die Inschrift nicht explizit auf einen solchen hinweist. Dass jedoch die heilige Länge als solche zuweilen mit einem Ablass verbunden war, geht aus einem – allerdings erst aus dem 17. Jahrhundert stammenden – Dekret hervor, das diesen verbietet.

DI 60, Nr. 140 - Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau - um 1500
DI 34, Nr.207 - Odernheim am Glan, Evang. Pfarrkirche (aus Kl. Disibodenberg) - 15.Jh.
DI 34, Nr.207 - Odernheim am Glan, Evang. Pfarrkirche (aus Kl. Disibodenberg) - 15.Jh.
DI 34, Nr.207 - Odernheim am Glan, Evang. Pfarrkirche (aus Kl. Disibodenberg) - 15.Jh.
DI 34, Nr.207 - Odernheim am Glan, Evang. Pfarrkirche (aus Kl. Disibodenberg) - 15.Jh.

DI 60, Nr. 140Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frauum 1500

Beschreibung

Wandmalerei der Länge Christi, innen am dritten Pfeiler des südlichen Seitenschiffs. Überlebensgroße Darstellung des dornengekrönten Christus als Schmerzensmann, in der Rechten die Geißel, die linke Hand und den linken Fuß mit den Wundmalen vorweisend. Zu seinen Füßen die erklärende, schwarz in zwei Zeilen gemalte Beischrift. Temperamalerei auf Kreidegrund, im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach überarbeitet1).

Maße: H. 245, B. 60, Bu. 3,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal, gemalt.

  1. Disz ist die lengde / vnsers her(r)n ih(es)u chr(ist)ia)

Kommentar

Aufgrund der durchgehend gesetzten i-Punkte und dem auffälligen, vermutlich der zeitgenössischen Druckgraphik entlehnten Anfangsversal2) dürfte die in schlanken Minuskeln ausgeführte Inschrift in die Zeit der Jahrhundertwende3) zu datieren sein. Worttrenner fehlen.

Die sowohl im Gefolge4) der Kreuzzüge als auch durch Palästinapilger des 14. Jahrhunderts vermittelte Kenntnis der (mutmaßlichen) Körperlänge Christi führte im Abendland zu Nennung und Darstellung dieses Maßes in unterschiedlichen künstlerischen Bereichen. Ohne die kirchliche Funktion letztlich nachvollziehen zu können ist anzunehmen, daß zumindest die in Oberwesel gewählte, sonst kaum nachweisbare Form eines Andachtsbildes5) der Verehrung Christi und der Bitte um Schutz und Hilfe diente. Mit der Körpergröße von 210 cm bewegt sich die Oberweseler Länge Christi an der oberen Grenze der zeitgenössischen, zwischen 165 und eben 210 cm schwankenden Angaben.

Textkritischer Apparat

  1. Ursprünglicher Befund wohl xpi mit Kürzungsstrich. - Für die heutige Ausführung des p mit nach rechts (statt nach links) geknicktem unteren Bogenabschnitt dürfte eine fehlerhaft durchgeführte Restaurierung verantwortlich sein.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Kern.
  2. Vgl. dazu Degering, Schrift 160a mit einer nahezu identischen Versalie aus einem 1498 gedruckten Titelblatt.
  3. Kdm. 1. Viertel 16. Jh. - Nach Kern paßt auch der schlanke Duktus der Christusfigur eher zur hier vorgenommenen Datierung.
  4. Vgl. zum Folgenden DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) Nr. 207 mit ausführlichem Kommentar einer vergleichbaren Inschrift des 15. Jh. an der ehem. Zisterzienser-Klosterkirche Disibodenberg.
  5. Vgl. dazu Kern.

Nachweise

  1. Campignier, Rundgang 41.
  2. DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) Nr. 207 Anm. 13.
  3. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 188 mit Abb. 89.
  4. Kern, Wandmalerei (Ms.).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 140 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0014001

DI 34, Nr. 207Odernheim am Glan, Evang. Pfarrkirche (aus Kl. Disibodenberg)15.Jh.

Beschreibung

Beischrift zur Markierung der „Länge Christi“. Eingehauen auf mehreren, nachträglich als Bausteine verwendeten Quadern an der Südseite der Kirche rechts neben dem Südportal. Die Steine stammen aus der Westfassade der Kirche des benachbarten Klosters Disibodenberg1), aus der sie im Jahr 1738 ausgebrochen und zum Neubau der damaligen reformierten Kirche verwendet wurden2). Der heutige Standort der Inschrift war bisher unbekannt. Insgesamt vier (bzw. fünf3) nebeneinander gesetzte, unterschiedlich breite Quader aus gelblichem Sandstein mit einer in der Mitte eingehauenen, die Länge Christi darstellenden Linie; darüber auf dem ersten, dritten und vierten (bzw. fünften) Quader die Inschrift. Die Buchstaben sind wohl noch mit dem alten Verputz gefüllt, der erst im Jahr 1907 von den Außenmauern der Kirche entfernt wurde4).

Maße: H. 45, B. 284 (insg.), Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

  1. longi/tvdo / cristia)

Kommentar

Die jeweils durch einen markanten, vertikalen Abschlußstrich begrenzte Linie mißt etwa 196 cm und steht damit im Widerspruch zu dem von Helwich verschlüsselt angegebenen Maß von 256 cm5).

Das einst an der Klosterkirche der Zisterzienser angebrachte Längenmaß dürfte ursprünglich auf den im 14. Jahrhundert durch die Palästinapilger aufgekommenen Brauch zurückzuführen sein, in Jerusalem die Länge des Grabes Christi – wohl des „Grabtroges“ in der Seitenwand der kleinen Grabkammer in der Grabkapelle6) – zu messen, um damit in Form von entsprechend langen, beschrifteten, schmalen Papierbändern heil- und schutzbringende Amulette zu gewinnen7). Daneben existierten andere Traditionen, die die Körperlänge Christi u.a. nach einem erstmals 1157 erwähnten silbernen Reliquienkreuz8), nach dem Maß auf einer Säule einer Bologneser Kirche9) oder nach den Angaben des apokryphen Lentulusbriefes (wohl 13. Jh.)10) berechneten. Über die Funktion der heiligen Längen an sakralen Bauten, die neben Schutz, Hilfe und Verehrung vielleicht noch anderen Zwecken dienten11), ist wenig bekannt; sie finden sich vereinzelt in Pfarr-, Stifts- und Klosterkirchen sowohl in Stein gehauen12) als auch als Wandmalerei13) oder als Ölgemälde14). Eine direkte Verbindung zu den im Mittelalter weitverbreiteten, der Grabkapelle in Jerusalem nachgebildeten Heiliggrabbauten läßt sich wohl nicht herstellen15).

Da sich die sekundären Längenangaben je nach Quelle stets zwischen 165 und 210 cm bewegen, dürfte sich Helwich bei seiner Umrechnung geirrt haben. Die tatsächliche Länge des jerusalemischen Grabtroges scheint 201 cm zu betragen16), überliefert sind jedoch auch Angaben17) zwischen 162 und 208 cm.

Textkritischer Apparat

  1. Helwich überliefert christi und gibt die gesamte Inschrift in Großbuchstaben (gotischen Majuskeln!) wieder.

Anmerkungen

  1. Helwich notierte sich die ungewöhnliche Inschrift am 24. Oktober 1615 mit der Bemerkung „ad templi introitum linea lapidi incisa cernitur, cum hac inscriptione...“.
  2. Vgl. Schworm, Odernheim am Glan und Disibodenberg 169. – Ein Großteil der Kirche (und der Häuser des Ortes) wurde mit zugehauenen Steinen und geigneter Bauplastik aus dem Klosterbereich erbaut.
  3. Der vierte Quader weist nur anfänglich eine, wohl später nachgezogene Kerbe auf, scheint also nicht dazuzugehören; die eigentliche Linie läuft demnach über vier Quader.
  4. Wie Anm. 2.
  5. Helwich gibt am Rand seines Manuskriptes eine ca. 16 cm lange Linie wieder, die „decies sexies repetita“ wohl der originalen Länge entsprechen soll.
  6. Vgl. dazu G. Dalman, Das Grab Christi in Deutschland (Studien über christliche Denkmäler NF 14). Leipzig 1922, 24.
  7. Vgl. dazu ausführlich A. Jacoby, Heilige Längenmaße. Eine Untersuchung zur Geschichte der Amulette, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 29 (1929) 1-17 und 181-216, zu einem hessischen Beispiel O. Stückrath, Die Länge Christi, in: Nassauische Heimatbll. 16 (1912) 58-60, zu einem pfälzischen A. Becker, Pfälzer Volkskunde. Bonn 1925, 132, sowie zusammenfassend LThK 6 (1961) Sp. 785 und jüngst die Bestandsaufnahme von G. Otruba, Die Bedeutung „heiliger Längen“ im Rahmen der Kulturgeschichte insbesondere des österreichischen Raumes, in: Österreichische Zs. für Volkskunde XLVI/95 (1992) 181-200.
  8. Vgl. Jacoby (wie Anm. 7) 187.
  9. Vgl. ebd. 181f. sowie Baudenkmale III Anm. S. 131.
  10. Vgl. RGG 4 (1960) 318 und zu einer entsprechenden Umsetzung auf einem Mitte des 17. Jh. angefertigten Ölgemälde mit einer ebenfalls verschlüsselten Größenangabe DI 7 (Naumburg) Nr. 338.
  11. Möglicherweise spielte die Länge des Grabes, bzw. die Körpergröße Christi eine (unbewußte?) Rolle bei der Anfertigung der Grabplatten; so weisen etwa die auf dem Disibodenberg gefundenen Exemplare des 14. Jh. im Durchschnitt eine Länge von etwas über zwei Meter auf.
  12. Besonders schön an der den südlichen Kreuzgangflügel bildenden Außenwand der Kirche des Zisterzienserklosters Bebenhausen bei Tübingen, wo im Jahr 1492 neben der Länge des Grabes Christi (200 cm) auch die der Muttergottes (173 cm) angebracht und mit ausführlichen Inschriften versehen wurde (vgl. die Abb. bei E. Paulus, Die Cistercienser-Abtei Bebenhausen. Stuttgart 1886, 135). – In die Pfarrkirche Maria Rain bei Klagenfurt integrierte man noch Ende des 17. Jh. eine Grabkapelle, die am Ausgang zum Kirchenschiff auf zwei Steinen die Inschrift Ecce homo mensura Christi aufweist (vgl. Dehio-Handbuch Kärnten, bearb. von E. Bacher u.a., Wien 21981, 374).
  13. So in der Liebfrauenkirche zu Oberwesel an einem Pfeiler des Mittelschiffs mit der gemalten Beischrift Diß ist die lengde vnsers her(r)n ih(es)u chr(ist)i aus dem Ende des 15. Jh. (Freundliche Mitteilung von Frau Susanne Kern, Mainz, die demnächst ihre Dissertation über ‘Wandmalerei im Mittelrheingebiet‘ vorlegen wird).
  14. Ähnlich wie im vorliegenden Fall wird auf einem Ende des 16. Jh. angefertigten Ölbild in der Kirche zu Golmsdorf bei Jena (vgl. O. Mühlmann, Seltene Funde und Forschungen eines Denkmalpflegers. Nürnberg 1977, 52 mit Abb. 7) die Größenangabe verschlüsselt geboten: über einem 18,7 cm langen Stab steht die Inschrift Seine Lenge ist dieser Linien zehen. In der ehem. Zisterzienserabtei Neuberg in der Steiermark wird ein weiteres, um 1700 angefertigtes, „realistisches“ Ölgemälde des Leichnams Christi aufbewahrt, das laut Inschrift seine „wahre Länge“ wiedergibt (vgl. dazu Jacoby (wie Anm. 7) 187f.).
  15. Wie Anm. 6, pass.
  16. Ebd. 90.
  17. Vgl. Otruba (wie Anm. 7) 184.

Nachweise

  1. Helwich, Syntagma 442.
  2. Roth, Syntagma Sp. 10.
  3. L. v. Eltester, Cistercienser-Kloster Disibodenberg a.d. Nahe (LHAK 700, 30 Nr. 927).
  4. Kraus, Christliche Inschriften II Nr. 279.
  5. Baudenkmale III 131.
  6. Stanzl, Klosterruine 42.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 207 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di034mz03k0020708