Inschrift im Fokus

Was versteckt die Falsche Glocke unter ihrem Mantel?

von Ilas Bartusch


Inhaltsübersicht

Zur Verfertigung von Glockeninschriften

Die Gestaltbarkeit jeder Inschrift hängt in starkem Maße von der jeweiligen Fertigungsmethode und vom Trägermaterial ab. Dies gilt insbesondere für Glockeninschriften, da sie in aller Regel nicht nachträglich ausgeführt, sondern gemeinsam mit dem Schallinstrument gegossen werden.

An den einzelnen Arbeitsschritten im Gußverfahren hat sich über die Jahrhunderte hinweg nur wenig geändert. Um den bronzenen Klangkörper herzustellen, muß man bis heute zunächst ein entsprechendes Modell anfertigen. Im Frühmittelalter verwendete man dafür Bienenwachs, das in die geeignete Glockenform gebracht und danach vollständig mit Lehm ummantelt wurde. Sobald dieser ausgetrocknet war, erhitzte man die Hülle, ließ das geschmolzene Wachs durch eine kleine Öffnung herausfließen und befüllte den Hohlraum schließlich mit Bronze. Da diese Methode aber gerade für größere Glocken erhebliche Mengen an teurem Bienenwachs erforderte, setzte sich seit dem Hochmittelalter immer mehr das sog. Mantelabhebeverfahren durch. Dabei formt man das Glockenmodell, das auch als Falsche Glocke bezeichnet wird, über einem gemauerten Kern nunmehr aus Lehm. Um die entsprechende Rippenstärke zu erreichen und das vorgesehene Außenprofil überall gleichmäßig auszubilden, läßt man eine hölzerne Schablone, die an einer senkrecht im Kern verankerten Spindel befestigt ist, im gewünschten Abstand so oft um den Lehmkörper rotieren, bis jegliche Unebenheiten auf dessen gut modellierbarer Außenhaut beseitigt sind. Schließlich wird die gesamte Oberfläche dick mit Talg bestrichen, der gewährleisten soll, daß der sog. Mantel, der als letzte Lehmschicht auf die Falsche Glocke aufgetragen wird, nach dem Trocknungsvorgang als unbeschädigtes Ganzes wieder ablösbar ist. Dessen Innenseite weist dann den negativen Profilabdruck der Falschen Glocke auf, der nun nach Belieben mit weiteren Verzierungen in Ritzzeichnung ergänzt werden kann. Dazu zählten anfänglich auch die Inschriften, die man an den betreffenden Stellen mit einem Stichel herausgekratzte.

Dies war allerdings recht beschwerlich, weil der Mantel dem darin arbeitenden Künstler kaum Licht und nur wenig Bewegungsspielraum bot. Überdies mußten alle Zeichen und Texte spiegelbildlich ausgeführt werden, wollte man sie auf der fertigen Glocke in Normalstellung sehen. Zahlreiche rückläufige Glockeninschriften belegen indessen, daß dieser Zusammenhang nicht immer Beachtung fand (vgl. z. B. DI 64 Lkr. Querfurt nr. 9). Spätestens seit dem 13. Jahrhundert ging man deshalb dazu über, die Glockenzier schon vor der Erstellung des Mantels positiv auf der Falschen Glocke auszuführen. Dafür benutzte man zunächst entweder wachsgetränkte Bindfäden oder dünne Teigrollen, die in der gewünschten Form am Zierlehm haften blieben und im Mantel einen entsprechenden Abdruck hinterließen. Später schnitt man die Buchstaben und Ornamente auch aus Wachstafeln aus oder benutzte entsprechende Holzmodel.

Dieses Verfahren zur Inschriftenerstellung war zwar deutlich bequemer, brachte aber das Risiko mit sich, daß nur lose befestigte Text- bzw. Zierelemente während des Überstreichens mit Talg und Lehm verrutschten oder gar abfielen. Solche Mißgeschicke ließen sich nachträglich nicht mehr beheben und zeugen noch nach Jahrhunderten vom handwerklichen Pech ihrer Urheber (vgl. z. B. DI 64 Lkr. Querfurt nr. 141 Anm. h).

Photographien der Glocken

DI 64, Nr. 9 - Alberstedt, ev. Kirche St. Peter u. Paul - 2. H. 13. Jh.
 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) | Nr. 9, Abb. 1
DI 64, Nr. 9 - Alberstedt, ev. Kirche St. Peter u. Paul - 2. H. 13. Jh.
 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) | Nr. 9, Abb. 2
DI 64, Nr. 9 - Alberstedt, ev. Kirche St. Peter u. Paul - 2. H. 13. Jh.
 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) | Nr. 9, Abb. 3
DI 64, Nr. 141 - Hornburg, ev. Kirche St. Ulrich - 1593
 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) | Nr. 141, Abb. 1
DI 64, Nr. 141 - Hornburg, ev. Kirche St. Ulrich - 1593
 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch) | Nr. 141, Abb. 2

Beispielinschriften

DI 64, Nr. 9 Alberstedt, ev. Kirche (St. Peter u. Paul) 2. H. 13. Jh.

Beschreibung

Glocke, Bronze. An der Schulter, die sich ohne Absatz an die gewölbte Glockenhaube anschließt, treten zwischen zwei doppelten Riemenstegen vier Gottesbezeichnungen, ein Synonym für Christus sowie der Name der Gottesmutter rückläufig und spiegelverkehrt hervor. Knapp 1 cm darunter befinden sich auf der Flanke in nahezu gleichen Abständen vier Quadrate mit einer Seitenlänge von etwa 7,5 cm. Ihre Flächen sind allesamt gitterartig gestaltet, die Rasterbereiche jedoch unterschiedlich gefüllt. Das erste unter dem Invokationskreuz der Inschrift verfügt über 16 Binnenfelder, in deren Mitte jeweils ein Punkt sitzt. 1) Das zweite 2) ist nur in vier Quadrate unterteilt, von denen jedes ein x-förmiges Kreuzchen umrahmt. Das dritte 3) Viereck ist durch zwei Diagonalen in vier Dreiecke aufgeteilt. Darin weisen weitere vier gleichschenklige Dreiecke mit ihren Spitzen zum Zentrum. Das letzte Quadrat 4) ist wie das zweite in vier kleinere Bereiche untergliedert, die hier jedoch von jeweils zwei Diagonalen zur Gänze durchkreuzt werden. Die sonst unverzierte Flanke begrenzen am Wolm zwei Stege.

Maße: H.: 90 cm; Dm.: 106 cm; Bu.: 4,6–5,2 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. +a) ALFAb) ET O5) ·c) TETRAGRAMATON6) ·c) EL7) · ELOYd) 8) · MESSIASe) · MARIA

Übersetzung:

Alpha und O(mega), Tetragrammaton, Gott, mein (?) 7) Gott, der Gesalbte, Maria.

Kommentar:

Die gratigen Schäfte der im Mantelritzverfahren erstellten, gleichwohl sehr regelmäßig angeordneten Buchstaben heben sich deutlich von der Wandung ab. Das trapezförmige A verfügt über einen beiderseits weit überstehenden Deckbalken. Schaft und Balken des L sowie das Y sind stark gebogen. Das unziale E ist vollständig geschlossen, der Kapitalbuchstabe besitzt drei gleich lange Balken. Das G verfügt über eine relativ kleine, eingerollte Cauda. Das O und der hier rechts erscheinende linke geschlossene Bogen des unzialen M sind spitzoval geformt. Die geschwungene Cauda des R und der andere Bogen des M enden in einem Zierhaken. Die kräftigen, mitunter keilförmigen Sporen besitzen am S einen zusätzlichen gekrümmten Abstrich. Als Worttrenner fungieren einfache Punkte in Zeilenmitte.

Die Inschrift ist eine Gottesanrufung in apotropäischer Absicht. 9) Dabei fällt auf, daß die in der christlichen Symbolik zentrale Drei- bzw. Vierzahl 10) hier sowohl sprachlich als auch in der Gestaltung zum Ausdruck gebracht wurde. Einerseits liest man vier Varianten des Gottesnamens, die andererseits mit Christus und Maria zusammen eine Dreiergruppe bilden. Parallel dazu finden sich Verknüpfungen von Drei- und Vierecken in den geometrischen Figuren auf der Flanke. Über diese allgemeine Feststellung hinaus ist bisher jedoch noch keine überzeugende Interpretation der Quadrate gelungen, obwohl ähnliche Gitterzeichen auch auf anderen Glocken begegnen. 11) Formal gleichen sie frühen Steinmetzzeichen, auch manchen Schreiber- bzw. Notarsigneten, denen neben ihrer Funktion als Verweis- bzw. Beglaubigungszeichen auch eine magische Kraft zugeschrieben wird. 12)

Die Zeitstellung läßt sich vor allem anhand einiger Buchstabenformen näher eingrenzen, die in erstaunlicher Ähnlichkeit auf der datierten Glocke von 1290 in Gonna bei Sangerhausen wiederkehren. 13) Dazu zählen vor allem das trapezförmige A , das spitzovale O und das M mit dem Zierhaken. Drei übereinandergesetzte Punkte als Worttrenner finden sich außerdem auf einer Mindener (1251), einer Tornower (Lkr. Ostprignitz-Ruppin; 1276) und einer Kittendorfer Glocke (Lkr. Demmin; 1288). 14)

Textkritischer Apparat

  1. Griechisches Kreuz, bewinkelt von vier Punkten.
  2. ALFA ] Das erste A mit Deck- und gebrochenem Mittelbalken, der linke Schrägschaft stark verkürzt, der rechte geschwungen und unten eingerollt.
  3. Drei senkrecht übereinanderstehende Punkte.
  4. ELOY ] Eloy(m) Kdm., Glockenbestandserfassung 1. Wk., Neuß.
  5. MESSIAS ] Das letzte S im Mittelteil durch einen ovalen Ring verziert.

Anmerkungen

  1. Vgl. Fig./Stz./M. 3.
  2. Vgl. Fig./Stz./M. 4. Unter den Buchstaben ETR des Wortes TETRAGRAMATON .
  3. Vgl. Fig./Stz./M. 5. Unter den Buchstaben ON des Wortes TETRAGRAMATON .
  4. Vgl. Fig./Stz./M. 6. Unter den Buchstaben ME des Wortes MESSIAS .
  5. Vgl. Apc 1, 8; 21, 6; 22, 13.
  6. Gemeint ist der Gottesname ‎‏יהוה‏‎, der aus vier Buchstaben besteht, vgl. Jüd. Lex. 4/2, 1930, Sp. 926f. Auf Glocken u. a. nachweisbar in Diemeringen (Elsaß, dép. Bas-Rhin), vgl. Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 4, in Hartmannsweiler (Elsaß, dép. Haut-Rhin), vgl. Otte 1884, S. 124, in Straßburg, vgl. Walter 1913, S. 159, in Strögen (Gem. Horn, Niederösterreich), vgl. ebd., in München, vgl. ebd., S. 270f.
  7. EL ist die transliterierte Form für die hebräische Gottesbezeichnung ‎‏אֵל‏‎, vgl. Gesenius 1915, S. 36; Jüd. Lex. 2, 1928, Sp. 1235. Auf Glocken u. a. nachweisbar in Diemeringen, vgl. Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 4.
  8. Die Form ELOY läßt sich in mittelalterlichen Gebetstexten und auf Glocken mehrfach nachweisen, vgl. Franz 2, 1909, S. 92, 101; Oratio Sancti Brandani in: CCM 47, 1977, S. 19; DI 9 (Lkr. Naumburg) 1965, Nr. 364; Otte 1884, S. 124 (Glocke von Hartmannsweiler im Elsaß). Sie scheint neben ELOHIM eine gebräuchliche Transliteration der hebräischen Gottesbezeichnung ‎‏אֱלהִֹים‏‎ gewesen zu sein, in der das Schluß- M keine Berücksichtigung fand, vgl. z. B. die Übertragung Petrus Abaelardus’ in seinen Epitome theologiae christianae, in: Migne PL 178, 1885, Sp. 1705f. Zur Herleitung der im Alten Testament nicht belegten Form aus der Singularbildung ‎‏אֱלֹהַּ‏‎ in Verbindung mit dem Possessivsuffix der 1. Pers. Sing. im Sinne von „mein Gott“ vgl. HdA 2, 1930, Sp. 793.
  9. Vgl. zu ALFA ET O Nr. 3, HdA 1, 1927, Sp. 310, Poettgen 1999/2000, S. 70–72; zu TETRAGRAMATON Otte 1884, 124; zu ELOY und MESSIAS die Segensformel gegen Stürme in Franz 2, 1909, S. 92: „(...) inclitus Ely Eloy Ely Messias Yeye Sother (...).“ S. a. Mc Kenzie 1948, S. 170–181.
  10. Vgl. zu Dreizahl bzw. Dreieck LCI 1, 1994, Sp. 524f.; Meyer/Suntrup 1987, Sp. 214-331; zu Vierzahl bzw. zum Quadrat LCI 4, 1994, Sp. 459f.; LCI 3, 1994, Sp. 485; Meyer/Suntrup 1987, Sp. 332-402. Zur Zeremonie der Glockenweihe gehörte es, den Himmelsrichtungen entsprechend vier Kreuze mit Chrisam aufzutragen, vgl. Steffens 1893, S. 179.
  11. Vgl. die Köchstedter Glocke (Saalkreis) in Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 286; die Untergreißlauer Glocke (Lkr. Weißenfels) in DI 62 (Weißenfels) 2005, Nr. 73 oder Schilling 1988, S. 151. S. a. das Quadrat auf der Großosterhausener Glocke, vgl. Nr. 13 Anm. b, oder die sehr ähnlichen geometrischen Verzierungen auf dem Benndorfer Taufstein (Lkr. Mansfelder Land) in Kdm. (Merseburg) 1883, S. 8.
  12. Vgl. List 1986, S. 32 (Basel), 40 (Trifels), 41 (Worms); Schuler 1996, S. 675, 677 (Abb. 11), 678 (Abb. 19), 679 (Abb. 26); Mateu Ibars/Mateu Ibars 1996, S. 488 (Abb. 52–57).
  13. Vgl. das Faksimile der Abreibung Nr. 28 in Grössler 1878, o. S. (Taf. 3); Schilling 1988, S. 147 (Abb. 280).
  14. Vgl. DI 46 (Minden) 1997, Nr. 16 (Abb. 9); Schilling 1988, S. 135 (Abb. 229), 138 (Abb. 241). S. a. die Burgdorfer Glocke (Lkr. Hannover; 1270) in Schönermark 1889, Sp. 181 (Abb. 11, Bl. 7) oder die Glocke der Ascherslebener St.-Stephanus-Kirche (Lkr. Aschersleben-Staßfurt) in Kdm. (Aschersleben) 1904, S. 62 Nr. 7.

Nachweise

  1. Grössler 1878, S. 37f.
  2. Sommer 1889, S. 405.
  3. Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 3f.
  4. LfD Halle, Glockenbestandserfassung 1. Wk., Aufnahmebogen zu Alberstedt vom 13. März 1917.
  5. Schmeißer 1922, Nr. 41, S. 164.
  6. Schilling 1988, S. 136.
  7. Neuß 1999, S. 325f.

Zitierhinweis:
DI 64, Querfurt, Nr. 9 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002k0000900

DI 64, Nr. 141Hornburg, ev. Kirche (St. Ulrich)1593

Beschreibung

Glocke, Bronze. Sie ist die einzige der drei früheren Turmglocken, die von beiden Weltkriegen verschont blieb. Sie hat eine waagerechte Deckplatte, eine fast rechtwinklige Schulter sowie eine sich gleichmäßig verbreiternde Flanke. Direkt am Schulteransatz verläuft zwischen zwei Stegen der Gußvermerk (A). Auf der sonst schmucklosen Flanke befindet sich im oberen Drittel ein 14 cm großes Medaillon, das in einem Lorbeerkranz die reliefierte Kreuzigungsszene wiedergibt. Über dem Haupt Christi ist das Schild mit dem Kreuztitulus (B) als entrolltes Schriftband wiedergegeben. Links und rechts des sich zum Weinstock verwandelnden Kreuzes stehen in fußlangen Gewändern Maria und Johannes. Sie sind mit Nimben versehen und halten die Hände vor der Brust im Betgestus zusammen. Hinter ihnen schweben zwei Engel heran, um mit je einem Kelch das aus den durchbohrten Händen fließende Blut des Gekreuzigten aufzufangen. Unter dessen Oberarmen liest man zwei Initialen (C). Die Figurengruppe umgeben am Rand zwei Blütenornamente sowie Sonne, Mond und Sterne. Den unteren Abschnitt des Bildes füllt das zweizeilige Bibelzitat (D). Den Wolm der Glocke verziert ein Bündel von drei Stegen. Nahe der Schärfe umlaufen den Schlag zwischen zwei begleitenden Stegen zwei weitere Bibelzitate unter Hinzufügung einer Namensangabe und der Datierung (E).

Maße: H.: 75 cm; Dm.: 97 cm; Bu.: 2,7 cm (A), 1,9 cm (E), 0,6 cm (B), 0,5 cm (C, D).

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. A

    AVS · DEN · FEVER · BIN · ICH · GEFLOSSENa) · HANS · BECK · VON · LEIPZIGK · HAT · MICH · GEGOSEN ·

  2. B

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)b)1)

  3. C

    N //c) L2)

  4. D

    IOH 1d) SIHE DAS IST DAS [LA]/ ·e) [MM]f) GOTTESg) W[E]3)

  5. E

    HIEMMEL · VNT · ERDEN · VERGEHEN · AVER · MEINE · WORT · VORGEHEN · NICHT4) · V(ERBVM)h) T(OMINI)i) M(ANET) I(N) ET(ERNVM)5) · DOWIASj) · HARTMAN · ZV · TISER · ZEIT · IN HORWERKk) · 15 · 93l) ·

Übersetzung:

Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit (E).

Versmaß: Zwei freie, gereimte Knittelverse (A).

Kommentar

Die Lettern sind bis auf wenige Ausnahmen, deren Wachsmodelle beim Auflegen etwas verrutscht waren, senkrecht und in regelmäßigen Abständen auf die Glocke gebracht worden. In Inschrift (E) sind die Spatien allerdings ungewöhnlich breit ausgefallen. An charakteristischen Buchstabenformen fällt vor allem das asymmetrisch aus der Achse verschobene A auf, dessen rechter Schaft deshalb senkrecht steht. Die Schrägschäfte des K sind geradlinig oder wenig gewölbt. Das M ist schwach konisch gebildet, der Mittelteil endet in der Zeilenmitte. Das W ist verschränkt, das Z besitzt einen Mittelbalken. Im Unterschied zu (A) und (E) erscheint in Inschrift (D) ein offenes D. Als Worttrenner dienen kräftige, paragraphzeichenförmige Quadrangel in Zeilenmitte.

Die hier verwandte Glockenrede (A) läßt sich auch sonst in verschiedenen Varianten zahlreich belegen.6) Hans Beck (oder Becke bzw. Becker) gehört zu den weniger bekannten Gießern Mitteldeutschlands. Er erhielt am 25. April 1590 das Bürgerrecht der Stadt Leipzig.7) Bisher ist aus seiner Werkstatt neben der Hornburger Glocke nur noch eine Uhrschlagglocke in Düben (Lkr. Anhalt-Zerbst) von 1594 bezeugt.8)

Tobias Hartmann wurde in Artern um das Jahr 1556 geboren.9) Nach dem Studium der Theologie trat er 1589 sein erstes Pfarramt in Hornburg an.10) Ein Jahr später heiratete er Maria, die Tochter des Eislebener Buchdruckers Andreas Petri, mit der er bis zu seiner 1606 erfolgten Übersiedlung nach Alberstedt acht Kinder hatte.11) Die inschriftliche Erwähnung seines Namens, vor allem aber sein Ringsiegel, das einen Wappenschild mit einer Glocke zeigte,12) deuten darauf hin, daß er zur Finanzierung der Glocke maßgeblich beigetragen hatte.

Textkritischer Apparat

  1. GEFLOSSEN] gegossen Schmeißer.
  2. Der gesamte Kreuztitulus nur äußerst schwach erkennbar.
  3. Unterbrechung durch den Kreuzstamm.
  4. 1] Fehlt in Kdm., Schmeißer.
  5. Blütenornament.
  6. [LA] / · [MM]] Ergänzung nach Jh 1, 29.
  7. GOTTES] Das G spiegelverkehrt.
  8. V(ERBVM)] Der Buchstabe etwas nach oben und zugleich in eine linksschräge Lage verrutscht.
  9. T(OMINI)] Lies: D(OMINI).
  10. DOWIAS] Das D spiegelverkehrt. Dorvias Schmeißer; Tobias LfD Halle, Glockenbestandsaufnahme.
  11. HORWERK] So für HORNBVRG oder HORNBERG; zu den verschiedenen Schreibvarianten des Ortsnamens vgl. Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 278.
  12. 15 · 93] Der Schaft der 1 oben nach links umgebrochen und unten mit einem Zierhaken versehen; die 9 geschlossen, die 3 spitz.

Anmerkungen

  1. Io 19, 19.
  2. Initialen nicht auflösbar. Möglicherweise handelt es sich um die Signatur des unbekannten Medaillon-Formschneiders.
  3. Jh 1, 29.
  4. Mt 24, 35.
  5. 1 Pt 1, 25. Siehe dazu Nr. 114.
  6. Vgl. DI 49 (Darmstadt) 1999, Nr. 275; DI 11 (Merseburg) 1968, Nr. 120; DI 39 (Lkr. Jena) 1995, Nr. 208, 323, 336, 337; Kdm. (Nordhausen) 1888, S. 98; Kdm. (Hohenstein) 1889, S. 24.
  7. Vgl. LfD Dresden, Jungwirth 1941, S. 44.
  8. Vgl. Eichler 2003, S. 39; AKL 8, 1994, S. 137.
  9. Vgl. Biering 1742, S. 154; Etzrodt 1940, Nr. 9, S. 70: Er war zu Beginn des Jahres 1620 im 64. Lebensjahr.
  10. Vgl. PfA Hornburg, Kb. 1, o. S.; Biering 1742, S. 154.
  11. Vgl. Etzrodt 1940, Nr. 9, S. 67–72. Am 2. März 1606 verabschiedete er sich von seiner Gemeinde in Hornburg, vgl. PfA Hornburg, Kb. 1, o. S., Beichtliste. S. a. Nr. 167.
  12. Vgl. Etzrodt 1940, Nr. 9, S. 65, 70.

Nachweise

  1. Kdm. (Mansf. Seekr.) 1895, S. 281 f.
  2. Schmeißer 1927, Nr. 2, S. 8.
  3. Etzrodt 1940, S. 67.
  4. LfD Halle, Glockenbestandserfassung 1. Wk., Aufnahmebogen zu Hornburg vom 9. 3. 1917.

Zitierhinweis:
DI 64, Querfurt, Nr. 141 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di064l002k0014106