Die Inschriften der Stadt Stralsund

2. Historisch-chronologischer Überblick

Die Hansestadt Stralsund, seit Jahr 2002 mit der Hansestadt Wismar UNESCO-Weltkulturerbe, liegt im Nordosten des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. An das Stadtgebiet schließt sich nach Norden und Osten der Strelasund an. Dieser Meeresarm trennt die Stadt von der Insel Rügen und stellt nach zwei Seiten die Zufahrt zur Ostsee dar. Zum Festland hin ist der Altstadtbereich von Teichen umgeben, von dort gewähren lediglich Dämme einen Zugang. Bis zur Reformation gehörte Stralsund zum Bistum Schwerin. Zu dieser Zeit zählte die Stadt ungefähr 12.500 Einwohner.3) Bis 1637 war sie Bestandteil des Herzogtums Pommern,4) zwischen 1648 und 1815 gehörte sie mit Ausnahme weniger Jahre zum Königreich Schweden.

Für die folgende Tabelle wurden die wichtigsten stadt- und territorialgeschichtlichen Daten zusammengestellt.5) Besonderes Augenmerk wurde auf historische Ereignisse und Entwicklungen gelegt, [Druckseite 13] die in den Inschriften einen Niederschlag finden oder die – wie Brände und kriegerische Auseinandersetzungen – negative Auswirkungen auf den Stralsunder Inschriftenbestand hatten.

1234 Fürst Wizlaw I. von Rügen verleiht Stralsund lübisches Stadtrecht nach Rostocker Vorbild (Kat.-Nr. 308, 405).
1251 Gründung des Dominikanerklosters St. Katharinen am westlichen Stadtrand (Kat.-Nr. 44, 107).
1254 Gründung des Franziskanerklosters St. Johannis am nördlichen Stadtrand nahe dem Strelasund (Kat.-Nr. 48, 99, 110).
ca. 1272–1276 Ersterwähnung der Pfarrkirche St. Nikolai am Alten Markt (Kat.-Nr. 1).
1278 Ersterwähnung des St.-Jürgen-Hospitals vor dem Kniepertor.
1283, 1293 Lübeck, Stralsund, Rostock, Greifswald, Wismar und andere Städte (später sog. Wendisches Quartier der Hanse) schließen Bündnisverträge, die gegenseitige militärische Hilfeleistungen vorsehen.
1293 Ersterwähnung eines Stralsunder Bürgermeisters.
1295–1459/78 Das Herzogtum Pommern ist aufgeteilt in die Herzogtümer Pommern-Stettin und Pommern-Wolgast.
1298 Ersterwähnung der Pfarrkirche St. Marien in der Neustadt (Neuer Markt).
1303 Ersterwähnung der Pfarrkirche St. Jakobi südlich des Alten Markts.
1310 Schutzbündnis der Städte Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald.
um 1310 Das noch im Bau befindliche Rathaus wird bereits als ‚Kaufhaus‘ genutzt.
1316 Sieg gegen ein überwiegend dänisches Heer in der sog. Schlacht am Hainholz (Kat.-Nr. 178, 308).
um 1325 Verlegung des Heilgeist-Hospitals an die jetzige Stelle am Strelasund.
seit 1325 Rügenscher Erbfolgestreit: Die Fürsten von Rügen sterben aus, Stralsund wird nach längeren Auseinandersetzungen Teil des Herzogtums Pommern-Wolgast (Kat.-Nr. 20).
1348 Goldene Bulle: Kaiser Karl IV. erkennt die umstrittene Reichsunmittelbarkeit Pommerns an; dennoch muss der Herzog 1479 Brandenburg huldigen. Nach längerem Rechtsstreit zwischen den Bistümern Schwerin und Cammin wird dem Herzog von Pommern das Patronat über die Stralsunder Kirchen zugesprochen (Kat.-Nr. 7, 20).
1370 Stralsunder Frieden: Vertrag der Städte des wendischen Quartiers der Hanse mit dem dänischen König.
1382 od. 1384 Teile des Vorgängerbaus von St. Marien stürzen ein, mit dem Neubau in der jetzigen Form wird begonnen (Kat.-Nr. 43).
1421 Gründung des Birgittenklosters Marienkron vor dem Kütertor (Kat.-Nr. 118).
1452 Goldenes Privileg: Stralsund, Greifswald, Anklam und Demmin erreichen den Höhepunkt ihrer Macht und Freiheit gegenüber der schwachen landesherrlichen Gewalt.
um 1480 Gründung des St. Annenhauses für Schwestern vom gemeinsamen Leben in der heutigen Schillstraße (Kat.-Nr. 136).
1523 1. Juni: Christian Ketelhodt hält die erste reformatorische Predigt in der Stadt (Kat.-Nr. 177, B).
1524 Mit der Ratsherrschaft der Kaufleute unzufriedene Bürger stürmen das Rathaus, das bürgerschaftliche 48er-Gremium wird gebildet.
1525 10. April: Während des sog. Stralsunder Kirchenbrechens werden u. a. die Klöster geplündert. Bildwerke werden auf Veranlassung Franz Wessels eingezogen und vergraben. Für die Stadt wird eine evangelische Kirchen- und Schulordnung erlassen.

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  Nachfolgend werden das Franziskaner- und Dominikanerkloster aufgelöst (Kat.-Nr. 107).
1534 Der von Herzog Philipp einberufene Landtag in Treptow a. d. Rega verabschiedet eine evangelische Kirchenordnung für Pommern, die von Stralsund nicht anerkannt wird.
1560 Im ehem. Dominikanerkloster, in das zunächst die Schwestern des Birgittenordens eingezogen waren, wird das Ratsgymnasium eröffnet (Kat.-Nr. 179, 200, 219, 282, 335).
1615, 1616 Zwischen Bürgermeister, Rat und Herzog Philipp Julius von Pommern wird 1615 nach einem mehrjährigen Konflikt ein Erbvertrag geschlossen: Die Stadt und ihre Bürger sind den Herzögen gegenüber zu Gehorsam verpflichtet. Der Rat darf Geistliche der Stadt berufen und übt weiterhin die Gerichtshoheit in der Stadt und im Umland aus. Als Berufungsinstanz soll das herzogliche Hofgericht an erster Stelle stehen, nur bei größeren Verfahren darf das Lübecker Gericht angerufen werden. Im Jahr 1616 folgt ein Bürgervertrag.
1624 Kirche und Dach der ehem. Klausur von St. Johannis brennen ab.
1628 Mai – Juli: Die Belagerung durch kaiserliche Truppen unter Herzog Albrecht von Wallenstein bleibt aufgrund schwedischer und dänischer Unterstützung erfolglos (Kat.-Nr. 361, 366).
1630 26. Juni: König Gustav II. Adolf von Schweden landet mit einer Armee bei Peenemünde (Insel Usedom); in Stralsund am 10. September (Kat.-Nr. 345, 349, 350, 405).
1637 Tod Bogislaws XIV., des letzten Pommernherzogs. Schwedische Militärbefehlshaber übernehmen die Kontrolle über Pommern (Kat.-Nr. 242, 405).
1647 10. August: Ein Blitzeinschlag in den Kirchturm von St. Marien verursacht einen großen Brand, durch den das Langhaus mitsamt der Ausstattung stark in Mitleidenschaft gezogen wird (Kat.-Nr. 405, 417).
1648 Artikel 10 des Osnabrücker Friedens: Vorpommern mit Rügen, die Inseln Usedom und Wollin, die Odermündung, das Haff sowie die Städte Stettin, Gollnow, Gartz und Damm fallen als Reichslehen an die Krone Schwedens. Der schwedische König wird damit Reichsfürst und Herzog von Pommern.
1662 Stadtbrand, von dem auch die Türme und das Dach von St. Nikolai betroffen sind: Die vorhandenen Glocken werden zerstört.
1678 Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg belagert und bombardiert Stralsund, etwa die Hälfte der Wohnhäuser wird zerstört, St. Jakobi beschädigt.
1680 Während eines Stadtbrandes wird das Rathaus stark beschädigt, der Artushof zerstört.
1720 Schwedisch-Pommern umfasst das Gebiet nördlich des Flusses Peene. Stralsund wird Verwaltungssitz.
1815 Wiener Kongress: Vorpommern und Rügen gehen aus schwedischem in preußischen Besitz über.
1896 In St. Nikolai findet die letzte Bestattung statt.
1944 6. Oktober: Durch einen Bombenangriff werden viele Wohnhäuser sowie u. a. die Ratsapotheke, das Semlower Tor, die Kirchen St. Johannis und St. Jakobi schwer beschädigt oder zerstört.
1952 Einrichtung des Bezirks Rostock entlang der Ostseeküste der DDR.
1990 Gründung des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern aus den drei Bezirken Schwerin, Rostock und Neubrandenburg. Stralsund wird kreisfreie Stadt.

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2005 Aufnahme der Stralsunder Altstadt (mit der Hansestadt Wismar) in das UNESCO-Weltkulturerbe.
2011 Stralsund verliert die Kreisfreiheit und wird Teil des Landkreises Vorpommern-Rügen.

Zitationshinweis:

DI 102, Stralsund, Einleitung, 2. Historisch-chronologischer Überblick (Christine Magin), in: inschriften.net, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di102g018e009.

  1. Nach Berwinkel, Weltliche Macht, S. 39. »
  2. Zu den Bistumsgrenzen in der Region vgl. Lexikon Mecklenburg-Vorpommern, S. 110f. Zur historischen Entwicklung des Herzogtums Pommern vgl. Köbler, Historisches Lexikon, S. 489–492, auch Atlas Mecklenburg-Vorpommern 2, S. 31 (Pommern 1295–1478) und S. 49 (Pommern 1478–1637). »
  3. Darstellungen zu den verschiedenen Phasen der Geschichte Stralsunds bietet der bereits 1984 erschienene Sammelband von Ewe (Hg.), Geschichte Stralsunds. Für den im Inschriftenband behandelten Zeitraum sind die folgenden Einzelbeiträge zu nennen: Fritze, Entstehung; Schildhauer, Stadt; Langer, Innere Kämpfe; Hacker, Stralsund 1630. Konzise und aktuell für die Zeit bis zur Reformation ist Huyer, Nikolaikirche, S. 15–20; zum 15. und 16. Jh. vgl. Berwinkel, Weltliche Macht, S. 37–62; zum 16. und 17. Jh. vgl. Bugenhagen, Musikgeschichte, S. 29–39. »