Die Inschriften der Stadt Lüneburg

4. Personen und Inschriften

Schon mehrfach war in den voraufgegangenen Kapiteln davon die Rede, dass die Lüneburger Patrizierfamilien die in den Inschriften der Stadt bis 1650 dominierende Bevölkerungsschicht bilden. Letztlich unterscheidet sich Lüneburg dadurch nicht wesentlich von den anderen großen Städten wie Braunschweig oder Hannover, wo es ebenfalls überwiegend die regierenden Eliten sind, die die Grabdenkmäler in den Kirchen anbrachten oder Ausstattungsgegenstände stifteten. Allerdings ist die Zahl der Sülfmeister- und Ratsfamilien in Lüneburg überschaubar: unter den von Büttner79) verzeichneten Patriziergeschlechtern sind es knapp 50 Familien, die in der Zeit vom 14. bis zum 17. Jahrhundert die Ratsmitglieder stellten, aus nur 26 Familien stammten die 40 Mitglieder der 1461 gegründeten Theodorigilde (s. Kap. 3.3.4.).80)

Eine Zählung der im Namenregister dieses Bandes besonders zahlreich verzeichneten Familien ergibt 27 Namen, von denen sich viele in der Theodorigilde wiederfinden lassen: Abbenborg, Borcholt, Bromes, Dassel, Dithmers, Döring, Dusterhop, Elver, Garlop, Glöde, Hoyemann, Lafferde, Lange, von der Molen, Mutzeltin, Sanckenstede, Schellepeper, Schomaker, Semmelbecker, Sneverding, Springintgut, Stöterogge, Stuver, Töbing, Tzerstede, Viskule und Witzendorff. Darunter sind besonders die verschiedenen Zweige der Familie Töbing zu nennen, aus denen 121 Angehörige in Verbindung mit Inschriften der Stadt Lüneburg stehen. Die Familie Töbing hebt sich damit deutlich ab von den anderen mit immerhin noch 40 bis 60 Namen im Register verzeichneten Familien von Dassel (60 Namen), Elver (50 Namen), Schomaker (46 Namen), Witzendorff (43 Namen), Tzerstede (40 Namen), Semmelbecker (40 Namen) und Dusterhop (39 Namen). Im Fall der Familien von Dassel und Witzendorff ist dabei zu berücksichtigen, dass sie trotz der zahlreichen in den Inschriften vorkommenden Familienmitglieder erst seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts genannt sind.

Vergleicht man die genannten Zahlen mit einer Stadtbevölkerung, die innerhalb der seit 1371 bestehenden Begrenzungen bis zum Dreißigjährigen Krieg auf ca. 14000 Einwohner geschätzt wird,81) so wird deutlich, wie klein die Gruppe der am Stadtregiment beteiligten Bürger war, ohne dass dies – abgesehen von dem eher ‚außenpolitisch‘ bestimmten Prälatenkrieg – zu dauerhaften und ernsten Konflikten geführt hätte. Mörke bezeichnet Lüneburg in der Zeit vor der Reformation als eine Stadt mit geringem Konfliktpotential und begründet dies durch die gemeinsamen Interessen der Sülfmeister- und Ratsfamilien bei fehlender geschäftlicher Konkurrenzsituation auch [Druckseite 48] im Hinblick auf die städtischen Gewerbe.82) Diese Einschätzung kann man durchaus auf die Zeit während und nach der Reformation bis zum Ende des 16. Jahrhunderts ausdehnen.

Eine statistische Auswertung der inschriftlich genannten Personen nach ihrer Zugehörigkeit zu den Patriziern, Bürgern, städtischen Bediensteten, Geistlichen und zum Adel zeigt zunächst in auffallender Weise, dass der Adel in der Stadt Lüneburg inschriftlich kaum vertreten ist. Bei den wenigen in den Inschriften vorkommenden Adligen handelt es sich zum überwiegenden Teil um Konventualen des Klosters St. Michaelis oder deren Verwandte, die ein Begräbnis in der Klosterkirche besaßen. Adlige Paare wie Eitel Rau von Holzhausen und Margaretha von Badendorf (Grabdenkmäler Nr. 469, 507, 514) oder Fritz von dem Berge und Leveke Hahn (Wappentafel Nr. 631) sind eine Ausnahme, besonders letztere, aus deren Stadthaus Egersdorffstr. 1 (Nr. 625) das große Inschriftenprogramm einer Holzbalkendecke überliefert ist. Obwohl die Familie von Meding in St. Michaelis ein Familienbegräbnis besaß, sind nur für Levin von Meding die Inschriften seines Epitaphs überliefert (Nr. 470).

Mit den Konventualen von St. Michaelis ist bereits die Gruppe der Geistlichen erwähnt, deren Inschriften zumeist auf Grabdenkmälern oder auf von ihnen gestifteten Stücken der Kirchenausstattung angebracht sind. Vor der Reformation bleibt diese Gruppe mit 14 Inschriften bis 1450, 10 Inschriften bis 1500 und 14 Inschriften bis 1550 recht überschaubar. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stehen 24 Inschriften – zumeist Grabinschriften – im Zusammenhang mit den nun evangelischen Pastoren und Superintendenten, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts 21 Inschriften. In der Regel handelt es sich bei diesen Geistlichen nicht um gebürtige Lüneburger. Das gilt auch für die an den Lateinschulen von St. Johannis und St. Michaelis nach der Reformation beschäftigten Lehrer und Rektoren, für die acht Grabinschriften überliefert sind, darunter auch die Grabinschrift für den Konrektor und Dichter Lucas Lossius (Nr. 541, 1582). Ebenfalls als Auswärtige, die im Bereich der Kirchen tätig waren, sind inschriftlich noch drei Musiker bezeugt: die Komponisten Christoph Praetorius (Nr. 644, 1596) und Johannes Chustrovius (Nr. 774, 1605) sowie der inschriftlich hochgerühmte, aber völlig unbekannte Instrumentalist Georg Stein (Nr. 461, 1571).

Vergleicht man die großen Gruppen der in den Inschriften vorkommenden Patrizier und Bürger miteinander, so ergibt sich für die Zeit bis 1550 ein deutlich höherer Anteil der Patrizier: 111 Inschriften bis zum Jahr 1550 beziehen sich auf die Sülfmeister- und Ratsfamilien, nur 38 Inschriften auf Bürgerfamilien. Das Verhältnis verschiebt sich – nicht zuletzt dank der dichten kopialen Grabschriftenüberlieferung durch Rikemann – in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zugunsten der Bürger, denen nun 61 Inschriften zuzuordnen sind gegenüber 74 auf Patrizierfamilien bezogenen Inschriften. Erst in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird das Verhältnis ausgeglichen (61 Patrizier, 62 Bürger). Die in den Inschriften vorkommenden Einwohner ohne Bürgerrecht bleiben bis zum Ende des Bearbeitungszeitraums eher die Ausnahme; allerdings sind sie auch ohne größere Recherche nicht immer sicher von den Bürgern zu unterscheiden.

Nur sehr selten werfen gleich mehrere Inschriften auf unterschiedlichen Inschriftenträgern ein Schlaglicht auf einen ‚einfachen‘, allerdings höchst vermögenden Bürger. Der Lüneburger Kaufmann und Ratsherr Lucas Daming (Nr. 349, 389, 587) ist hier ebenso zu nennen wie der bereits erwähnte Hinrich Kroger83) (s. Kap. 3.1.), über dessen berufliche Tätigkeit nichts bekannt ist. Auffallend ist, dass die Bevölkerungsgruppe der Handwerker und Künstler in dieser Edition zwar in der Ausübung ihres Berufes als Hersteller von Inschriftenträgern, also z. B. als Gießer, Goldschmied, Maler oder Bildhauer, in Erscheinung treten, nicht aber durch Stifter- oder Grabinschriften als hier lebende und beerdigte Bürger bezeugt sind, obwohl sich sowohl ihr Bürgerstatus als auch ihr Wohnsitz und ihre Beerdigung in Lüneburg nachweisen lassen. Eine Ausnahme bilden nur der Gießer Hermann Snitker, für den die Inschrift seiner Grabplatte überliefert ist (Nr. 62, 1432), und der Goldschmied Cord van Hagen, der einen Pokal für das Ratssilber stiftete (Nr. 257, 1522).

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Als letzte, aber durchaus wichtige Gruppe sind noch die höheren städtischen Bediensteten (insgesamt 26 Inschriften) zu nennen, bei denen es sich in der Regel nicht um Lüneburger Bürgersöhne handelte, sondern zumeist um Auswärtige, die sich nach einem Universitätsstudium, oft auch nach Erlangung eines akademischen Grades um eine Stelle als Protonotar,84) Syndikus,85) Arzt86) oder Apotheker87) bewarben. Hinzu kamen die mit militärischen Aufgaben betrauten Hauptleute.88) Besonders die Anstellung als Protonotar oder Syndikus, beides in der Hierarchie der städtischen Ämter ganz oben angesiedelte Posten, die nach der Reformation auch mit dem Amt des Propstes von St. Johannis in Personalunion verknüpft wurden, konnte als Karrieresprungbrett dienen und bei entsprechender Heiratsverbindung mit einer Patrizierfamilie durchaus zum Aufstieg in diese Kreise verhelfen (vgl. Nr. 151, 314, 790).

Die Kommentare zu den personenbezogenen Inschriften und die darin enthaltenen Verweise zeigen besonders die engen Verflechtungen der Patrizierfamilien untereinander, aber auch die Verbindungen zwischen den Bürgerfamilien, den Stadtbediensteten und den Familien der evangelischen Geistlichkeit. Einblicke in den Lebensstil der genannten Personen vermitteln die Inschriften besonders dort, wo neben den Grabdenkmälern auch andere Arten von Inschriftenträgern etwas dazu beitragen wie die in Lüneburg recht seltenen Inschriften an Privathäusern, die Bild-/Textprogramme auf den Balkendecken innerhalb dieser Häuser oder für den persönlichen Gebrauch oder die Stiftung ins Ratssilber in Auftrag gegebene Goldschmiedearbeiten. In etlichen Fällen lassen sich Inschriften bzw. die Inschriftenträger in Verbindung mit Urkunden, ganz besonders mit den in großer Zahl erhaltenen Testamenten bringen,89) aus denen man etwas über die Entstehungsgeschichte von Kelchen, Pokalen oder Grabdenkmälern erfährt.

Grundlage der allgemeinen Kommentierung personenbezogener Inschriften sind hier neben den zahlreichen Archivalien des Lüneburger Stadtarchivs, soweit es die Patrizier betrifft, besonders Büttners 1704 gedruckte Genealogiae oder Stamm- und Geschlecht-Register der vornehmsten Lüneburgischen Adelichen Patricien-Geschlechter. Das umfangreiche Werk stellt immer noch die solide Grundlage aller Arbeiten über die Lüneburger Patrizier dar, weil Büttner hierfür unzählige Quellen ausgewertet hat. Die in jüngeren Publikationen gelegentlich nachgewiesenen Fehler in Büttners Stammtafeln sind angesichts der hier verarbeiteten Materialmenge eher marginal.90) Eine gute Ergänzung für die Personenkommentierung stellt die von Stahl bis 1600 aufgestellte Ratslinie dar.91)

Für die Personennachweise der Bürgerfamilien wurden neben den Archivalien des Stadtarchivs und den ab 1573 einsetzenden Kirchenbüchern92) besonders die von Fritz Brandt angelegte Personenkartei und die Häuserordner herangezogen, die – wenn auch nicht immer einfach zu durchschauen – wichtige Hinweise auf Archivalien enthalten. Inzwischen ist die Personenkartei auch in eine im Stadtarchiv benutzbare Datenbank umgesetzt. Die Häuserordner Brandts enthalten Besitzerlisten zu den einzelnen Grundstücken. Wo sich die Nachweise auf Archivalien beziehen, sind sie sehr zuverlässig; Vorsicht ist allerdings bei den aus der Literatur übernommenen Angaben zu den Personen angebracht. Ganz besonders hilfreich für [Druckseite 50] die Kommentierung der personenbezogenen Inschriften war die Möglichkeit zur Online-Recherche im Stadtarchiv Lüneburg.93)

  1. Büttner, Genealogiae. Gezählt sind hier nur die Familien, die über mehrere Generationen Ratsmitglieder stellten. »
  2. Reinecke, Geschichte, Bd. 1, S. 377. »
  3. Reinecke, Geschichte, Bd. 1, S. 59. Der Berechnung liegt eine Zahl von 2000 Häusern innerhalb der Stadtmauern zugrunde, für die man durchschnittlich sieben Bewohner veranschlagt. »
  4. Mörke, Rat und Bürger, S. 74f. »
  5. Nr. 465, 476, 558, 559, 689, A1 44»
  6. Nr. 151, 313, 315, 316, 790»
  7. Nr. 314, 339, 390, 404, 416, 581, 760, 776, 857, 902. Unter den Syndici finden sich im Gegensatz zu den anderen hier genannten städtischen Bediensteten auch Lüneburger Bürgersöhne. »
  8. Nr. 87, 627, 643, 692, 772»
  9. Nr. 139, 619, 744, 808»
  10. Nr. 359, 393, 489»
  11. Bis zum Jahr 1500 ediert bei Reinhardt, Testamente. Die Originale in verschiedenen Bestandsgruppen des Stadtarchivs Lüneburg. »
  12. Die wenigen „Ergänzungen und Berichtigungen“ Witzendorffs (Witzendorff, Stammtafeln), der ansonsten die Stammtafeln Büttners übernimmt, sind aus Mangel an präzisen Quellennachweisen nur selten nachvollziehbar. »
  13. Stahl, Ratslinie. Das Stadtarchiv Lüneburg enthält darüber hinaus zahlreiche Quellen mit Verzeichnissen der jeweiligen Amtsinhaber im Rat, aus denen sich auch die Zeit nach 1600 ergänzen lässt. »
  14. Evangelisches Kirchenbuchamt Lüneburg: St. Johannis, Taufen und Trauungen seit 1573, St. Lamberti, Taufen und Trauungen seit 1596, St. Michaelis, Taufen und Trauungen seit 1585, St. Nicolai, Taufen seit 1585, Trauungen seit 1575. Kirchenbücher über Beerdigungen sind für den Zeitraum bis 1650 nicht erhalten. »
  15. http://www.stadtarchiv-lueneburg.findbuch.net. »