Inschriftenkatalog: Stadt Darmstadt und Landkreise Darmstadt-Dieburg sowie Groß-Gerau

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 49: Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau (1999)

Nr. 304 Dieburg, Katholische Wallfahrtskirche St. Maria, aus Pfarrkirche 1604, 1613

Beschreibung

Grabinschriften und Herstellungsinschrift an einem Epitaphaltar. Der ursprünglich in der Pfarrkirche aufgestellte Altar steht heute im Ostchor auf einer modernen Mensa. Der ädikulaförmige Aufbau besteht vorwiegend aus Stuck, während das Schreinrelief aus Alabaster und seine rahmenden Vollsäulen aus rotem Lahnmarmor gefertigt sind. Die Bemalung ist neu. Der Sockel trägt auf zwei mit Rollwerk und Fruchtgehängen verzierten Kartuschen links die Inschrift (A) und rechts die Inschrift (B). Die Buchstaben sind in vorlinierten Zeilen flach in den Stuck eingeschnitten und mit Goldfarbe ausgemalt. In der Mitte des Sockels ist Inschrift (C) angebracht, deren Buchstaben tiefer eingeschnitten und nicht ausgemalt sind. Der Schrein zeigt auf einem rechteckigen Relief die Anbetung der Hirten. Auf den beiden von Putten, Voluten und Fruchtgehängen begrenzten Seitenteilen befinden sich jeweils vier Medaillons mit Vollwappen und Beischriften. Davor knien in vollplastischer Darstellung links die zehn Angehörigen der Familie Philipp Ulners und rechts Hartmann Ulner mit seiner Frau. In der Mitte des gesprengten Schweifwerkgiebels halten vier Putten eine Wappenkartusche mit einem Vollwappen. Unter der Wappenkartusche ist die Wappenbeischrift angebracht, und auf ihr steht die Figur des heiligen Nikolaus.

Maße: H. 280, B. 265, Bu. 1,1 (A, B), 2,9 (C), 2,2 (Wappen) cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 49, Nr. 304 - Dieburg, Katholische Wallfahrtskirche St. Maria, aus Pfarrkirche - 1604, 1613

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/6]

  1. A

    ANNO · 1595 DEN 24 TAG MAY / STARB DER EDELL GESTRENGH / VNND VESST PHILIPS VLNER VON DIEPV=/RGH CHVRFVRSTLICHER MENTZISCHRERa) GRO=/SZHOFFMEISTER DEM GOTT GENADT SEINES / ALTTERS 71 IAHR / ANNO · 1576b) DEN 6 TAGc) STARB DIE EDLE / EHRENTHVGENTREICHE ANNA MARIA VLN=/ERIN VON DIEPVRKH GEBORNE VON HEPPEN=/HEIM GENANDT VOM SALL SEIN EHELICH HAVS/FRAW DER GOTT GENADT IRES ALTTERS / 39d) IAHR

  2. B

    ANNO 1602 DEN 2e) TAG / SEPTEMBRIS STARB DER EDELL VNND / VESST HARTTMAN VLNER VON DIEPV=/RGH DEM GOTT GENADT SEINES ALTERS / 64 IAHR / ANNO 16〈13〉 DEN 〈15〉 TAG 〈OCT(O)b(RIS)〉 STARB DIE EDLE / EHRENTVGENTREICHE ANNA VLNERIN / VON DIEPVRGH GEBORNE CRAETZIN VON / SCHARPFFENSTEIN SEIN EHELICHE HAVS=/FRAW DER GOTT GENADT IRES ALTERS /〈76〉 IAHR

  3. C

    A(NN)Of) 1604 DEN 2 IVNY IST DISER ALDAR AVFGERIGT WORD(EN)

    Wappen mit Beischriften
    VLNER; SAL,1) DVHRN,2) OBERSTEIN, LICHTDE/STEIN;3) CRATZ / VO(N) SCHARPFFENST(EIN),g) SCHONBVRG,4) SCHONBVRG VON / OBERWESEL,5) VON WEIER / ZV NITKIRCH.6) 

Kommentar

Die Kapitalis bemüht sich um Klarheit der Buchstaben, doch zeigt ihre Ausführung Unregelmäßigkeiten. Die Breite der Hasten schwankt ebenso wie die Ausprägung der Bogenverstärkungen. Die Linksschrägenverstärkungen sind nur unregelmäßig ausgeführt worden. Während in Inschrift (A) völlig auf Kürzungen verzichtet wurde, ist in Inschrift (B) der Monatsname gekürzt. Diese Kürzung in der Inschrift für Anna Cratz von Scharfenstein wurde notwendig, weil Anna erst neun Jahre nach der Errichtung des Altars starb und ihre Sterbedaten nachgetragen wurden. Die spätere Einfügung von OCT(O)b(RIS) ist erkennbar an den breiteren, aber etwas kleineren Buchstaben sowie an der in den übrigen Inschriften nicht vorkommenden Verwendung eines Minuskel-b, durch dessen Schaft der Kürzungsstrich gezogen ist.

Philipp und Hartmann waren Söhne des Ulrich Ulner von Dieburg und der Margarete Kämmerer von Worms.7) Philipps Frau Anna Maria war eine Tochter des Anton von Heppenheim genannt von Saal und der Anna von Dürn. Die unteren Medaillons auf der linken Seite des Altars zeigen heraldisch links das Wappen von Anna Marias Großmutter mütterlicherseits, Katharina von Lichtenstein, und rechts das ihrer Großmutter väterlicherseits, Katharina von Oberstein.8) Hartmanns Frau Anna9) war eine Tochter des Philipp Cratz von Scharfenstein und der Anna von Schönberg vor dem Sane. Auf der rechten Seite des Altars sind unter diesen beiden Wappen ebenfalls die Wappen der beiden Großmütter, Lise von Weier zu Nickenich und Agnes von Schönburg auf Wesel, angebracht.10) Da Anna die einzige der in den Inschriften genannten Personen ist, die zum Zeitpunkt der Errichtung des Altars noch lebte, war sie vermutlich seine Stifterin.11) Durch die inschriftliche Verewigung der Verstorbenen an dem Epitaphaltar, an dem vermutlich auch die Totenmessen für sie gelesen wurden, sollte ihre Memoria dauerhaft gesichert werden. Zudem trug Anna durch die Errichtung des Altars auch Vorsorge für ihr eigenes Totengedenken und ihr Seelenheil.12)

Textkritischer Apparat

  1. Sic!
  2. Datum fehlt bei Würdtwein; 1580 Herchenröder.
  3. Die Monatsangabe fehlt!
  4. 67 Herchenröder.
  5. 8 Würdtwein; tatsächlich ist unter der 2 die nicht ausgemalte, ungeschickte Ritzung einer 8 zu erkennen.
  6. O klein und hochgestellt.
  7. VO(N) SCHARPFFENST(EIN) ist in deutlich kleinerer Schrift ausgeführt.

Anmerkungen

  1. Heppenheim gen. von Saal.
  2. Dürn.
  3. Lichtenstein.
  4. Schönberg vor dem Sane.
  5. Schönburg auf Wesel.
  6. Weier zu Nickenich.
  7. Möller, Stammtafeln AF I, Taf. XXXVII.
  8. Vgl. Humbracht, Stammtafeln 69.
  9. Vgl. zu Hartmann und Anna auch Nr. 209.
  10. Vgl. Humbracht, Stammtafeln 9.
  11. Die Überlegungen bei Herchenröder 70, der in der künstlerischen Gestaltung des Altars Ähnlichkeiten zum Nassaueraltar von 1601 im Mainzer Dom, aber nicht zum 1609 ebenfalls dort errichteten Scharfensteinaltar sieht, sollten von kunsthistorischer Seite noch einmal überprüft werden; zu den Altären vgl. DI 2 (Mainz) Nr. 529 und Nr. 541.
  12. Zur Funktion und Entwicklung des Epitaphaltars vgl. K. Pilz, Epitaphaltar, in: RDK V (1967) 921 – 932.

Nachweise

  1. Würdtwein, Epitaphienbuch 285 f.
  2. Herchenröder, Kdm. 69 f. mit Abb. 57.

Zitierhinweis:
DI 49, Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Nr. 304 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di049mz06k0030405.