Inschriftenkatalog: Stadt Darmstadt und Landkreise Darmstadt-Dieburg sowie Groß-Gerau

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 49: Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau (1999)

Nr. 303 Weiterstadt, Evangelische Kirche 1604

Beschreibung

Epitaph der Jacobe Strung, geborene Hammer. Das Epitaph aus rotem Sandstein ist heute außen in der Südwand des Langhauses eingemauert. Der rechteckige Stein wird oben von einer Rundung abgeschlossen, in deren Scheitel ein Wappenbild angebracht ist, das sich jedoch nicht in einem Schild befindet. Die Grabinschrift (A) läuft auf den Leisten um und wird im eingetieften Feld durch ein Grabgedicht fortgesetzt. Darunter sind das Grabgedicht (B) und das Bibelzitat (C) angeordnet.

Maße: H. 115, B. 85, Bu. 5 (A), 4 (B, C) cm.

Schriftart(en): Kapitalis. Fraktur.

DI 49, Nr. 303 - Weiterstadt, Evangelische Kirche - 1604

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/2]

  1. A

    JACOBE HAMERA ANNO 1604 DIE 25 / FEBRVARII CIRCA VESPERAM PIE DEFVNCTA / CONRADVM STRVNGIV(M) MARITVM SVV(M) / MOESTISSIMVM CONSOLATORIE ALLOQVITVR // NVNC MIHI GRATA QVIES, ME FLES CONRADE QVID ECCE /IN CHRISTI LAETOR, VIVO, TRIVMPHO SINV: /CORPVS HABENT VERMES ANIMA(M) TIBI CHRISTE FOVEN=/DAMa) /DONEC HVMO SVRGAM CLARIFICATA, DEDI. /ERGO MARITE DEO TE SVBIICEb), MITTE QVERELAS, /SORTIS ET HVMANAE FER PATIENTER ONVS: /EN QVI DISTRAHIMVR FLETV, IVNGEMVR OVANTES, /NEC LONGE, QVANDO CONVENIEMVS, ABEST.

  2. B

    Schaw, was du bist, bin gewesen ich, /was ich nun bin, kompt auch an dich: /Kein bleibens ist auff diser welt, /furn todt hilfft kein kraut, gut, noch gelt. /Drumb bdenck dem endt, vnd furchte Gott, /der hilfft allein avs noth vnd todt:

  3. C

    Phil I / Christus ist mein leben vnd sterben mein gewin1)

Übersetzung:

(A) Die im Jahr 1604, am 25. Februar gegen Abend selig verschiedene Jacobe Hammer spricht tröstend zu ihrem sehr betrübten Ehemann Conrad Strung: Nun habe ich die willkommene Ruhe, warum beweinst du mich, Conrad. Siehe, im Schoß Christi freue ich mich, lebe ich, triumphiere ich. Der Körper gehört den Würmern, die Seele habe ich dir, Christus, gegeben, damit du sie erquickst, bis ich mich verklärt aus der Erde erheben werde. Also, mein Gemahl, unterwirf dich Gott, hör auf zu klagen und ertrage geduldig die Last des menschlichen Schicksals. Ja, die wir unter Tränen getrennt werden, wir werden jubelnd wieder verbunden, und die Zeit ist nicht fern, in der wir zusammenkommen werden.

Versmaß: Vier Distichen (A). – Deutsche Reimverse (B).

Wappen:
Hammer.2)

Kommentar

Die Texte der Grabinschrift und des Grabgedichts (A) sind ungewöhnlich. Die biographischen Angaben beschränken sich auf den Namen der Verstorbenen, ihren Todestag und den Namen ihres Mannes. An ihn richten sich die Inschriften, um ihm Trost zu spenden. Die Grabinschrift bildet die Einleitung des Grabgedichts, in dem Iacobe Hammer ihren betrübten Mann Conrad Strung an ihre Erquickung im Jenseits und ihre künftige gemeinsame Auferstehung erinnert und ihn auffordert, nicht über ihren Tod zu klagen. Die Formulierungen IN CHRISTILAETOR, VIVO, TRIVMPHO SINV und ANIMA(M) TIBI CHRISTE FOVENDAM ... DEDI zeigen, daß hier nicht Luthers Vorstellung vom Todesschlaf, sondern die katholische Lehre von der Erlangung der unmittelbaren Anschauung Gottes nach dem Tode den theologischen Hintergrund bildete. Bis zur Wiederauferstehung freut sich die geläuterte Seele im Schoß Christi und wird durch diesen erquickt. Der starke Auferstehungsglaube, der im letzten Teil des Gedichts zum Ausdruck kommt, läßt allerdings auch deutlich den Einfluß reformatorischen Gedankenguts erkennen.3) Die Verbindung dieser beiden Vorstellungen in dem Gedicht ist besonders interessant, weil Iacobes Mann Conrad Strung von 1585 bis zu seinem Tod 1611 Pfarrer in Weiterstadt war.4) Er dürfte auch den Text des Epitaphs verfaßt haben. Das Gedicht zeigt somit einmal mehr, wie stark ältere Traditionen gerade in bezug auf die Jenseitsvorstellungen weiterwirkten.

Textkritischer Apparat

  1. Die letzten drei Buchstaben stehen in der folgenden Zeile unmittelbar unter dem Wort und sind durch eine runde Klammer von dem Rest der Zeile abgetrennt.
  2. Sic!

Anmerkungen

  1. Phil 1,21.
  2. Zwei gekreuzte Hämmer.
  3. Vgl. zu dem gesamten Komplex F. Wintzer, Auferstehung III, in: TRE 4 (1979) 530 f.; G. Greshake, Auferstehung der Toten, in: LThK 1 (1993) 1201; DI 38 (Lkr. Bergstraße) XXX.
  4. Hassia sacra I 111; Conrad Strung stammte aus Gießen und war vor seinem Amtsantritt in Weiterstadt von 1582 bis 1585 Schulmeister in Rüsselsheim.

Zitierhinweis:
DI 49, Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Nr. 303 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di049mz06k0030306.