Inschriftenkatalog: Stadt Darmstadt und Landkreise Darmstadt-Dieburg sowie Groß-Gerau

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 49: Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau (1999)

Nr. 238 Groß-Gerau, Rathaus 1578, 1579

Beschreibung

Bauinschriften, Bibelzitat und Jahreszahl an den Außenseiten des Fachwerkbaus. Im massiven Untergeschoß ist auf der westlichen Traufseite eine Tafel aus gelb-braunem Sandstein mit der Bauinschrift (A) eingemauert. Als Worttrenner dienen Sterne und Dreiecke. Die Maßangaben beziehen sich nur auf diese Inschrift. Auf der östlichen Traufseite ist im Obergeschoß eine Holztafel mit der Bauinschrift (B) angebracht, die sich ursprünglich auf der nördlichen Giebelseite befand.1) Die eingekerbten Buchstaben sind mit weißer Farbe ausgemalt worden, wobei die Kürzungsstriche und u-Haken jedoch nicht berücksichtigt wurden, und auch die Ausmalung der Versalien ist an mehreren Stellen fehlerhaft. Der Mittelständer des Nordgiebels trägt das Bibelzitat (C), und auf dem nordwestlichen Eckständer befinden sich auf der Nordseite die Inschriften (D) und (E) sowie auf der Westseite die Jahreszahl (F) und die Inschrift (G).

Maße: H. 35, B. 54, Bu. 5–7 cm.

Schriftart(en): Fraktur. Kapitalis.

DI 49, Nr. 238 - Groß-Gerau, Rathaus - 1578, 1579

 Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/4]

  1. A

    G(OTT) A(LLEIN) D(IE) E(HR)2) / I · H · Sa) / 1 · 5 · 7 · 8 / DIE 29 MAY

  2. B

    Anno d(omi)ni 1578 ist der erst / stein disses haus(es) gelegt worden / Alsz Ludwig Hirtz zentgreff vnd / Philips Scheffer vnd Hans Senffelder Bvrgermeister ware(n) · Anno aber · 79 · ist der baw von Meister Thoma(s) Geltze(n)leuch/ter vo(n) Arheilige(n) vnder Martin Helffma(n) / vnd Best Hentzeln Bvrgerm(eister) gesetzt worde(n)

  3. C

    PS(ALM) · 127 / wo der / herr die / Statt nit / behüt so / wacht der / wechter / umb sun/sten ·3)

  4. D

    ANNO · / 15 · 79

  5. E

    RENO=/VIERT / 1909 / U(ND) / 19294)

  6. F

    1579

  7. G

    RENO/VIERT / 1986

Kommentar

Die Fraktur der Inschrift (B) zeigt bei den Kleinbuchstaben neben einstöckigem a auch ein zweistöckiges, kastenförmiges a, f und langes s sind mit Unterlängen gebildet, und als Schluß-s wird ein geschlossenes Schleifen-s verwendet. Insgesamt weisen die Gemeinen noch deutliche Anklänge an die Formen der gotischen Minuskel auf, was sich in der Beibehaltung der Hastenbrechungen etwa bei e und o sowie im weitgehenden Verzicht auf Schwellschäfte und Schwellzüge bemerkbar macht.

Laut Inschrift (B) wurde der Grundstein zum Rathausbau 1578 gelegt, und dasselbe Jahr nennt auch Inschrift (A) in Verbindung mit dem Tagesdatum 29. Mai, bei dem es sich um den Tag des Baubeginns handeln könnte. So geht aus der ältesten noch vorhandenen Bürgermeisterrechnung von 1583 hervor, daß 1578 bereits Baumaterialien für den Estrich des Rathauses gekauft wurden.5) Von den im ersten Teil der Inschrift (B) genannten Amtsträgern ist Ludwig Hirtz auch 1588 noch als Zentgraf belegt.6) Im zweiten Teil werden der für die Bauausführung verantwortliche Meister Thomas Geltzenleuchter aus Arheilgen sowie die bei der Fertigstellung des Rathauses 1579 amtierenden Bürgermeister Martin Helffmann und Best Hentzeln genannt.

Textkritischer Apparat

  1. So für IH(ESV)S.

Anmerkungen

  1. Nach Winter, Bürgerhaus 280 ist die Tafel erst bei der Restaurierung 1908 an diese Stelle versetzt worden, nachdem die dort endende Außentreppe abgebrochen worden war, vgl. auch Spille, Rathäuser 171; laut Flach 14 wurde die Tafel jedoch bereits im 18. Jahrhundert an ihren heutigen Platz versetzt; es ist aber nicht daran zu zweifeln, daß die Tafel aus der Erbauungszeit stammt, was auch die Schriftanalyse belegt.
  2. Dtn 32,3; vgl. auch Wander, Sprichwörter-Lexikon 2, 1 Nr. 17 f.; der Spruch ist in Inschriften häufig, vgl. Nr. 373 sowie DI 1 (Main und Taubergrund) Nr. 44; DI 42 (Einbeck) Nr. 56; DI 45 (Goslar) Nrr. 96, 139, 151.
  3. Ps 127,1 (Hebr).
  4. Zur Renovierung von 1908/1909 vgl. Jahresbericht der Denkmalpflege II 102 f.
  5. Flach 8 f.
  6. Müller, Ortsnamenbuch 244.

Nachweise

  1. Mößinger, Starkenburger Hausinschriften 241, Nr. 20 (C).
  2. Flach, 400 Jahre 7 und 14.

Zitierhinweis:
DI 49, Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Nr. 238 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di049mz06k0023808.