Die Inschriften der Stadt Darmstadt und der Landkreise Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau

[Druckseite XXXVI]

5. DIE SCHRIFTFORMEN

Die folgenden Kapitel über die im Bearbeitungsgebiet verwendeten Schriftarten können keine Schriftgeschichte der Region bieten, sondern nur einen Überblick über die zeitliche Ausdehnung der Verwendung einzelner Schriften, die Besonderheiten des Bestandes und die eingesetzten Stilmittel geben und damit datierungsrelevante Phänomene beschreiben. Diese Einschränkungen ergeben sich zum einen aus dem späten Einsetzen der inschriftlichen Zeugnisse und dem inhomogenen Bestand, zum anderen aus dem Fehlen eines kulturellen Zentrums, das die Schriftentwicklung nachhaltig hätte prägen können. Zwar lassen sich für Glocken und vereinzelt auch für andere Werke im Bearbeitungsgebiet Künstler und Werkstätten aus den benachbarten Zentren Frankfurt, Mainz und Speyer oder auch aus weiter entfernten Städten wie Montabaur oder Lüttich nachweisen oder vermuten,187) doch gingen von ihnen keine konkret faßbaren Impulse für die Schriftentwicklung aus. Insgesamt zeigen die in der Region verwendeten Schriften ähnlich wie in der benachbarten Bergstraße eine uneinheitliche Ausprägung mit teilweise retardierenden Elementen.

5.1. Romanische und gotische Majuskel

Die romanische Majuskel ist im Bearbeitungsgebiet nur durch die Wandmalereiinschrift in Altheim (Nr. 5) mit einem geringen Buchstabenbestand vertreten, der stark überarbeitet und somit wenig aussagekräftig ist. Für den Übergang von der romanischen zur gotischen Majuskel fehlen Belege im Bearbeitungsgebiet. Die frühesten Inschriften in gotischer Majuskel befinden sich auf der Babenhausener Friedhofsglocke (Nr. 2), die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegossen wurde, und auf der Glocke des Reinheimer Martin Luther-Hauses (Nr. 3), die aus dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts stammt. Die Schrift der Babenhausener Glocke ist in konturierten Majuskeln ausgeführt. Die Buchstaben weisen mit Ausnahme des unzialen E ausschließlich kapitale Formen auf. Die Bogenschwellungen sind deutlich ausgeprägt, und die freien Buchstabenenden sind keilförmig verbreitert. Eine Abschließung der Buchstaben ist aber nur bei E und X vorhanden. Die Reinheimer Glocke besitzt ebenfalls ein von kapitalen Buchstaben geprägtes Schriftbild. Der einzige Unzialbuchstabe ist ein spiegelverkehrt gebildetes E, das auch als einziger Buchstabe durch einen Abschlußstrich geschlossen ist.

Ein völlig anderes Schriftbild bietet die Grabinschrift der 1330 verstorbenen Elisabeth von Wolfskehlen (Nr. 6). Das A ist pseudounzial, E, M und N erscheinen in unzialer bzw. runder Form, C, E und M sind durch Abschlußstriche geschlossen, und der Balkensporn des L ist bis über die halbe Höhe der Haste hinaufgezogen. Ein ebenfalls von Unzialbuchstaben beherrschtes Schriftbild zeigt die Grabplatte des 1334 verstorbenen Conrad von Wasen (Nr. 7). Die Buchstaben weisen einen bemerkenswerten Wechsel zwischen breiten und sehr dünnen Hasten und Hastenteilen auf. Infolgedessen sind aufgrund der starken Abtretung die dünnen Buchstabenteile ebenso wie die Abschlußstriche oft nicht mehr zu erkennen. Ebenfalls in die 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts kann eine weitere Glocke aus Babenhausen (Nr. 8) eingeordnet werden. Ihr Schriftbild wird von relativ breiten Unzialbuchstaben geprägt, von denen E und M geschlossen sind.

Eine weitere Entwicklungsstufe der gotischen Majuskel zeigt die Grabplatte des 1368 verstorbenen Conrad von Weinsberg, die sich auf dem Heiligenberg bei Jugenheim befindet (Nr. 10). Die Bögen von B, G, N, O und T sind in ihrem Scheitel dreiecksförmig verdickt. Das pseudounziale A weist zweimal eine verdoppelte linke Haste auf. Während C, E, M, U und X durch Abschlußstriche geschlossen sind, wird die Abschließung beim eingerollten G durch die weit nach oben gezogene Cauda erreicht, und auch der weit nach oben gezogene Balkensporn des L vermittelt eine deutliche Abschließungstendenz. Ein vergleichbares Bild bietet die letzte datierte gotische Majuskel in der Grabinschrift für den 1383 verstorbenen Goddelauer Frühmesner Johannes (Nr. 13), doch fehlt hier die dreiecksförmige Verdickung der Bogenscheitel. Diese fehlt auch bei den Buchstaben der ältesten Pfungstädter Glocke, denen aber eine ähnlich starke Tendenz zur Buchstabenabschließung mit den beiden vorangehenden Beispielen gemeinsam ist. Die Glocke kann deshalb ebenfalls in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts eingeordnet werden. In dieselbe Zeit gehört auch die Glocke im Treburer [Druckseite XXXVII] Rathaus (Nr. 17), deren Buchstaben wiederum eine starke Tendenz zur Abschließung aufweisen. Zudem zeigen sie wie die Inschrift von 1368 (Nr. 10) spitz ausgezogene Bogenschwellungen.

5.2. Frühhumanistische Kapitalis

Die frühhumanistische Kapitalis, die ab der Mitte des 15. Jahrhunderts sporadisch und ab dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts vermehrt als epigraphische Schrift Verwendung fand, entwickelte sich aus Elementen der klassischen Kapitalis und der vorgotischen Majuskelschriften unter Einbeziehung griechisch-byzantinischer Schrifteigenarten.188) Gelegentlich lassen sich auch Einflüsse der gotischen Majuskel wie Hastenverbreiterungen und Bogenschwellungen feststellen.189) Im Bearbeitungsgebiet kommen Buchstaben der frühhumanistischen Kapitalis ab 1480 regelmäßig als Versalien in Minuskelinschriften vor,190) doch bleibt ihre Verwendung als eigentliche Textschrift auf fünf Inschriften beschränkt, die in verschiedenen Materialien ausgeführt sind. Hinzu kommt noch eine Inschrift in Stein von 1496 (Nr. 96), die nur aus einem A mit breitem Deck- und gebrochenem Mittelbalken, der links und rechts über die Hasten hinaus verlängert ist, sowie einem offenen unzialen D besteht. Die erste eigentliche Inschrift in frühhumanistischer Kapitalis befindet sich auf dem um 1500 entstandenen Leeheimer Altar (Nr. 111), wo die Schrift aufgrund ihrer dekorativen Formen eingesetzt wurde, wie es auch in anderen Werken der Tafelmalerei zu beobachten ist. Da aber der Entstehungsort des Leeheimer Altars nicht geklärt ist, können seine Inschriften nicht für Aussagen zur epigraphischen Entwicklung im Bearbeitungsgebiet herangezogen werden.191) Die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis auf dem im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts in Darmstadt gefertigten Kelch diente ebenfalls einem dekorativen Zweck, und derselbe Grund dürfte auch einen letzten Rückgriff auf die nicht mehr zeitgemäße Schriftform in der geschnitzten Wixhausener Bauinschrift von 1541 (Nr. 172) veranlaßt haben. Die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis paßt allerdings zu der in der Inschrift benutzten konservativen Minuskel, die im Zweilinienschema ausgeführt ist und in ihrer Ausprägung noch ganz in der Tradition des 15. Jahrhunderts steht. Neben dekorativen Zwecken konnte die frühhumanistische Kapitalis aber auch die Funktion haben, einen altertümlichen Schrifteindruck zu erwecken.192) Dies ist bei der um 1506 entstandenen Grabinschrift für den 1246 verstorbenen Friedrich von Babenhausen (Nr. 118) der Fall, welche die Memoria des Stammvaters des Geschlechts sichern sollte. Der altertümliche Eindruck der Schrift wurde hier durch die Aufnahme gotisierender Elemente wie Hastenverbreiterungen und Bogenschwellungen noch verstärkt.

Späte Wiederaufnahmen der frühhumanistischen Kapitalis, wie sie im angrenzenden Landkreis Bergstraße zu beobachten sind, fehlen im Bearbeitungsgebiet.193) Lediglich einzelne Buchstabenformen werden in der Kapitalis als dekorative Elemente wiederaufgegriffen.194)

5.3. Kapitalis

Die frühesten Inschriften des Bearbeitungsgebiets, die in Kapitalis ausgeführt sind,195) befinden sich auf vier Glocken, die Steffan von Frankfurt zwischen 1513 und 1520 für die Kirchen von Spachbrücken (Nr. 130), Gernsheim (Nr. 135), Wixhausen (Nr. 144) und Gundernhausen (Nr. 145) goß. Die Inschrift der Spachbrückener Glocke von 1513 zeigt eine enge Anlehnung an Vorbilder der klassischen römischen Kapitalis, während sich die Inschriften der späteren Glocken Steffans immer mehr von diesen Vorbildern entfernen.196) Diese Inschriften, die von Frankfurt in das Bearbeitungsgebiet hineinkamen, haben sich dort jedoch nicht auf die Schriftentwicklung ausgewirkt. Eine Ausnahmestellung nimmt auch die geschnitzte Kapitalisinschrift des vermutlich noch vor 1520 geschaffenen [Druckseite XXXVIII] Babenhausener Altars (Nr. 154) ein, der ebenfalls außerhalb des Bearbeitungsgebiets entstand.197)

Ein Schlußstein von 1523 in der Kirche von Darmstadt-Eberstadt zeigt zwar bereits zwei Kapitalisinitialen, aber die regelmäßige Verwendung der Kapitalis für Inschriftentexte setzt im Bearbeitungsgebiet erst mit der Grabplatte des 1538 verstorbenen Grafen Philipp III. von Hanau-Lichtenberg in Babenhausen (Nr. 168) ein. Die Platte trägt eine in Metall ausgeführte Inschrift, deren Orientierung an klassischen antiken Vorbildern an den Linksschrägen- und Bogenverstärkungen, dem E mit leicht verkürztem Mittelbalken, dem M mit einem bis auf die Grundlinie gezogenen Mittelteil, dem mit Schattenachsen gebildeten O und dem R mit einer stachelförmigen Cauda erkennbar ist. Eine Abweichung zu den klassischen Vorbildern macht sich aber in der unterschiedlichen Proportionierung der Buchstaben bemerkbar. Vermutlich handelt es sich bei dieser Inschrift um das Werk eines Gießers aus dem Rhein-Main-Gebiet, da sich vergleichbare Schriftformen auf Nürnberger Arbeiten dieser Zeit nicht finden.198) Auch in diesem Falle wäre die Inschrift also von einem Meister geschaffen worden, der nicht aus dem Bearbeitungsgebiet stammte. Allerdings scheint die Wahl des Schrifttyps vom Auftraggeber beeinflußt worden zu sein, denn die Inschrift des wohl gleichzeitig gefertigten Totenschilds für Philipp III. (Nr. 169) ist ebenfalls in einer Kapitalis ausgeführt worden, die eine ähnliche Orientierung an klassischen Vorbildern erkennen läßt.

Eine andere Gestaltung zeigen die möglicherweise zwischen 1520 und 1540 entstandenen Namensbeischriften zu den Evangelistensymbolen im Chorgewölbe der Kleestädter Kirche (Nr. 40). Ihre Buchstaben zeichnen sich durch deutliche Strichstärkenunterschiede aus und haben nicht die klassische capitalis quadrata zum Vorbild. Dasselbe gilt für die geschnitzte Spruchinschrift von 1544 an einem Babenhausener Haus (Nr. 175), in die auch Elemente der frühhumanistischen Kapitalis und der Fraktur einflossen. Ab 1545 wird die Verwendung der Kapitalis immer häufiger, die nun die gotische Minuskel ablöst und ab 1560 bei den in Stein ausgeführten Inschriften völlig dominiert. Ebenso wie im angrenzenden Landkreis Bergstraße zeigen die Inschriften vielfältige Buchstabenformen, die erkennen lassen, daß man eher mit dem vorhandenen Formenschatz spielte als versuchte, ein bestimmtes Vorbild zu erreichen.199) Schon relativ früh läßt sich eine Verfremdung der Kapitalis durch die Wiederaufnahme von Formen der frühhumanistischen Kapitalis feststellen. Die Grabplatte des 1561 verstorbenen Johanniters Johannes Hertel (Nr. 204) zeigt A mit Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken sowie spitzovales O. In der Bauinschrift von 1570 an der ehemaligen Schaafheimer Friedhofskapelle (Nr. 219) ist das H mit einer Ausbuchtung nach oben gebildet. Entsprechende Formen des H mit Ausbuchtung nach oben oder nach unten kommen noch in einer Reihe weiterer Inschriften vor.200) Die 1571 innen an der Nordwand der Schloßkapelle im Schloß Lichtenberg angebrachte Devise (Nr. 221) enthält offenes D, I mit Nodus und ein M mit kurzem Mittelteil und weit ausgestellten Hasten. Die Verwendung von offenem D läßt sich auch in mehreren anderen Inschriften feststellen.201) Daneben werden auch A mit gebrochenem Mittelbalken202) und zweibogiges E mehrfach verwendet.203)

Eine andere, ungewöhnliche Lösung zur Auflockerung des Schriftbildes wählte man in der Radheimer Bauinschrift von 1577 (Nr. 234). Neben den Kapitalisbuchstaben weist die Inschrift bei E, H und N stets Formen der humanistischen Minuskel auf. Da diese jedoch stets dieselbe Größe wie die Kapitalisbuchstaben besitzen, wurden sie offenbar nicht als Minuskeln aufgefaßt, sondern dienten nur dekorativen Zwecken.

Etwas später als im benachbarten Landkreis Bergstraße setzt im Bearbeitungsgebiet die Verwendung von U für V ein. Während sich dieses Phänomen in der Bergstraße bereits 1595 nachweisen läßt,204) ist es im Bearbeitungsgebiet erstmals 1606 zu beobachten und läßt sich dann vereinzelt immer [Druckseite XXXIX] wieder feststellen.205) Zunächst kommt das U in Steininschriften vor und wird erst 1616 in Metall auf dem Sarg der Magdalena von Brandenburg (Nr. 335) verwendet.

Die Eigentümlichkeiten einiger Inschriften ermöglichen ihre Zuweisung an bestimmte Werkstätten oder Künstler. So sprechen bei dem Babenhausener Epitaph für den 1566 verstorbenen hanau-lichtenbergischen Rat Johannes Fleischbein (Nr. 213) neben Besonderheiten der Darstellung auch die schlanken, noch am Vorbild der klassischen römischen Monumentalkapitalis orientierten Kapitalisbuchstaben für eine Zuweisung an die Werkstatt des Endres Wolff aus Heilbronn.

Das Epitaph für Wilhelm und Simon Peter Kremer in Seeheim (Nr. 261) zeigt Schriftbesonderheiten, die sich auch in den beiden Zwingenberger Epitaphien für Peter Weber und Methusalem Arnold und seine Familie finden.206) Das A ist mit einer geschwungenen linken Haste gebildet, und die Cauda des R ist häufig unter die Grundlinie verlängert. In einzelnen Wörtern werden b und h als Minuskelbuchstaben verwendet. Da die drei Epitaphien zudem in ähnlicher Art gestaltete Ornamente und Brustbilder aufweisen, kann man davon ausgehen, daß sie von derselben Werkstatt gefertigt wurden.

Ebenfalls aus einer Werkstatt dürften das Epitaph des Georg Gans (Nr. 301) und das mit AF signierte Epitaph des Bernhard Magsam (Nr. 308) in Groß-Umstadt stammen. Charakteristisch für die Kapitalis sind die überhöhten Anfangsbuchstaben, das offene D, das E mit einem am Ende angeschrägten unteren Balken und das M mit kurzem Mittelteil. Auch die auf beiden Denkmälern verwendete humanistische Minuskel zeigt dieselben Besonderheiten.

Keine eindeutige Aussage läßt sich hinsichtlich der aus Metall gefertigten Inschriftentäfelchen auf den Särgen in der Fürstengruft der Darmstädter Stadtkirche machen. Allen Tafeln gemeinsam ist die Verwendung überhöhter Buchstaben, die oft in Kontur ausgeführt sind. Besonders häufig kommen die Konturbuchstaben in den Inschriften für Magdalena zur Lippe (Nr. 258), Georg I. (Nr. 283), seinen Sohn Heinrich (Nr. 298), Maria von Braunschweig (Nr. 319) und Eleonora von Württemberg (Nr. 341) vor.207) Die ersten vier der genannten Tafeln zeigen Gemeinsamkeiten beim konturierten H mit Ausbuchtung nach unten, beim konturierten N mit geschwungenem Schrägbalken und dem G mit abgeflachtem oberen Bogenabschnitt. Weitere aussagekräftige Übereinstimmungen in der Schriftausführung lassen sich aufgrund der materialbedingten Ausführungsschwankungen nicht erkennen. Da die Tafeln aber zudem Parallelen in der Gestaltung der Rahmenverzierungen und anderer Ornamente aufweisen, ist ihre Fertigung in einer Werkstatt naheliegend.

Einen völlig anderen Duktus zeigen die Inschriften der beiden Haupttafeln des Epitaphs für Ludwig V. und seine Familie (Nr. 334) in der Fürstengruft. Die Inschriften sind in einer gut proportionierten Kapitalis mit Linksschrägenverstärkung bei A, M, N und V sowie Bogenverstärkungen bei C, D und G geschrieben, was den Einfluß klassizierender Vorlagen verrät. Das Schriftbild wird jedoch durch Verfremdungen aufgelockert, indem beim N der Schrägbalken mehrfach über die rechte Haste hinaus zu einer bogenförmigen Zierlinie ausgezogen und ebenso wie die Cauda des R unter die Grundlinie geführt wird. Auch der untere Balken des Z ist häufig zu einem Zierstrich ausgezogen.

5.4. Gotische Minuskel

Die gotische Minuskel ist eine Monumentalschrift, die der seit dem 11. Jahrhundert aus der karolingischen Minuskel entwickelten Textura verwandt ist. Ihre wesentlichen Merkmale sind die Auflösung der Bögen in Hasten und Brechungen sowie die meist als Quadrangel ausgeformte Brechung der Hasten auf der Grundlinie. Die Verwendung der gotischen Minuskel setzt in Deutschland im 14. Jahrhundert zu unterschiedlichen Zeiten in fast allen Regionen ein.208) Im Bearbeitungsgebiet läßt sie sich erst im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts nachweisen, während im benachbarten Mainz die ersten Minuskelinschriften in Stein bereits aus der Mitte der 30er Jahre des 14. Jahrhunderts stammen.209) Im Kloster Eberbach läßt sich die Verwendung der gotischen Minuskel bereits 1341 und 1346 und dann [Druckseite XL] regelmäßig ab 1351 belegen,210) und im an das Bearbeitungsgebiet angrenzenden Landkreis Bergstraße sind Inschriften in gotischer Minuskel ab 1361 die Regel. Dagegen kommt die gotische Minuskel in Oppenheim erst spät in Gebrauch. Hier stammt der Erstbeleg aus dem Jahr 1397.211) Ab 1400 hat die gotische Minuskel im Bearbeitungsgebiet die gotische Majuskel völlig verdrängt. Sie bleibt bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts die vorherrschende epigraphische Schrift und wird dann von der Kapitalis und der Fraktur abgelöst. Die älteste erhaltene Inschrift in gotischer Minuskel befindet sich auf der Grabplatte Eberhards I. Schelm von Bergen in Groß-Umstadt (Nr. 11). Die Minuskeln stehen unregelmäßig in der Zeile, wodurch Buchstaben ohne Oberlängen oft in den Oberlängenbereich verschoben sind. Die eigentlichen Oberlängen sind nur schwach ausgeprägt, und bei den Unterlängen ist lediglich die des g deutlich unter die Grundlinie gezogen. Besser ausgeprägte Oberlängen zeigt die Babenhausener Bauinschrift von 1383 (Nr. 12) in ihrem ersten Teil, während die Oberlängen im zweiten Teil aufgrund der unregelmäßig gearbeiteten Buchstaben kaum zu erkennen sind. Die Babenhausener Weihenotiz von 1401 (Nr. 19) und die Grabinschrift des in demselben Jahr verstorbenen Johann von Frankenstein (Nr. 20) sind zwar mit deutlichen Oberlängen, aber ohne Unterlängen ausgeführt worden. Ab 1433 (Nr. 29) ist dann bei den Steininschriften die regelmäßige Ausarbeitung von Ober- und Unterlängen zu beobachten, ohne daß jedoch eine gleichmäßige Entwicklung ihrer Ausprägung festzustellen wäre. Allerdings lassen sich im 16. Jahrhundert auch im Zweilinienschema gearbeitete Minuskeln feststellen. In Stein kommen sie auf der Grabplatte des 1530 in Babenhausen bestatteten Ottphilipp von Düdelsheim (Nr. 159), auf der Grabplatte des 1547 zu Ernsthofen verstorbenen Philipp von Wallbrunn (Nr. 181) sowie auf der Grabplatte der Lucia Landschad von Steinach († 1554) (Nr. 197) vor und in Holz in der Bauinschrift von 1541 in der evangelischen Kirche in Darmstadt-Wixhausen (Nr. 172).

Im Vergleich mit den Steininschriften ergibt sich bei den fünf ältesten Glocken mit Minuskelinschriften ein abweichendes Bild. Diese zwischen 1402 und 1437 entstandenen Glocken weisen im Zweilinienschema ausgeführte Minuskeln auf.212) Erst die 1448 von Tilman von Hachenburg für Büttelborn gegossene Glocke (Nr. 38) zeigt eine im Vierlinienschema ausgeführte Inschrift, deren Ober- und Unterlängen aber nur schwach ausgeprägt sind. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, daß alle Glocken, deren Gießer bekannt sind, außerhalb des Bearbeitungsgebiets entstanden.213)

Ebenso wie bei den Ober- und Unterlängen läßt sich auch bei der Verwendung von Zierformen keine einheitliche Entwicklung erkennen. Die Spaltung der oberen Hastenenden ist zum erstenmal auf der Grabplatte des 1456 verstorbenen Pfarrers Johannes Spar in Bischofsheim (Nr. 42a) zu beobachten. Dasselbe Phänomen weisen auch die aus Metall gearbeiteten Minuskeln der Grabplatte des 1480 verstorbenen Grafen Philipp von Hanau-Lichtenberg (Nr. 72) in Babenhausen auf. Bei den in demselben Jahr entstandenen vier Inschriften für Elisabeth Pfot und ihre Familie, die sich auf dem Heiligenberg bei Jugenheim befinden, sind dann zum erstenmal nicht nur die Oberlängen, sondern auch die Unterlängen der Hasten gespalten.214) Die sich daraus ergebenden typischen Buchstabenformen bei den Minuskeln und die Übereinstimmungen bei den verwendeten Versalien lassen es zu, die vier Inschriften einer Werkstatt zuzuweisen. Von dieser Zeit an kommt die Hastenspaltung bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts zwar immer wieder vor, doch bleibt sie mit nur neun weiteren Belegen selten.215)

Auch im 16. Jahrhundert ist die Ausprägung der Minuskeln insgesamt eher konservativ. Erst ab 1540 machen sich Einflüsse aus der Schreibschrift und aus der Fraktur bemerkbar. Eine materialbedingte Ausnahme bildet der in Darmstadt-Eberstadt befindliche Kelch von 1506 (Nr. 119), dessen flach eingeritzte Minuskelschrift eine Mischung aus gebrochenen und kursiven Elementen zeigt und eindeutig von der schreibschriftlichen Bastarda beeinflußt ist. Bei den in Stein ausgeführten Inschriften lassen sich schreibschriftliche Einflüsse nur bei der Groß-Umstädter Bauinschrift am Haus des Otto von Boineburg von 1540 (Nr. 170) feststellen. Häufiger sind hingegen Fraktureinflüsse zu beobachten, die sich vor allem in der Auflösung von Brechungen zu Rundungen bemerkbar machen. Dieses Phänomen zeigt sich aber nur bei sehr späten Minuskeln, und zwar bei der Namensinschrift [Druckseite XLI] des Achatius Forstmeister von Gelnhausen in Dieburg von 1545 (Nr. 177), auf dem Epitaph des Heinrich Groschlag von Dieburg von 1547 (Nr. 183), auf der Grabplatte des 1553 verstorbenen Otto von Boineburg (Nr. 193) und auf dem Epitaph des Hans Wambolt von Umstadt von 1558 (Nr. 200). Mit dieser Inschrift endet die Verwendung der gotischen Minuskel abgesehen von zwei „Nachzüglern”. Auf der 1572 von Gregor von Trier für Nieder-Ramstadt gegossenen Glocke (Nr. 224) ist die Namensinschrift im Nimbus der Maria in gotischer Minuskel ausgeführt, während alle anderen Inschriften in Kapitalis geschrieben sind. Möglicherweise wurde für die Darstellung Marias mit dem Kind ein älterer Model verwendet. Die endgültig letzte gotische Minuskel weist das Epitaph für den 1606 verstorbenen Ludwig von Frankenstein (Nr. 310) auf. Hier wurde für die Wappenbeischriften, von denen nur eine erhalten ist, noch einmal auf die gotische Minuskel zurückgegriffen.

Der Gebrauch von Versalien läßt sich in den Minuskelinschriften des Bearbeitungsgebiets bereits ab dem Ende des 14. Jahrhunderts feststellen. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts kommen Versalien allerdings selten vor und werden nur einmal, höchstens zweimal in einer Inschrift benutzt.216) In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nimmt die Verwendung der Versalien zu und steigt in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts weiter an. Die Versalbuchstaben wurden verschiedenen Alphabeten entnommen. Die Buchstaben der gotischen Majuskel dienten vom Beginn des 15. bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts regelmäßig als Versalien,217) und vor allem das pseudounziale A fand in Anno häufig Verwendung. Nur gelegentlich wurde dabei mit dem Formenmaterial der gotischen Majuskel gespielt, wodurch ungewöhnliche Ausprägungen einzelner Buchstaben entstanden.218) Dieses Phänomen ist aber nicht mit der Verbindung von Formelementen der gotischen Majuskel und der gotischen Minuskel in einem Buchstaben zu verwechseln, die sich im Bearbeitungsgebiet schon früh beobachten läßt. So zeigt der erste Beleg für die Verwendung eines Versals aus dem Jahr 1383 (Nr. 12) ein vom runden F der gotischen Majuskel abgeleitetes F, dessen Bogen oben jedoch gebrochen und somit wie bei einem Minuskel-f gestaltet ist. Diese Annäherung von Buchstaben der gotischen Majuskel an Formen der gotischen Minuskel durch Brechungen einzelner Buchstabenteile, während gleichzeitig bei anderen Buchstabenteilen die typische Gestalt der Majuskel erhalten bleibt, läßt sich in zahlreichen Fällen bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts feststellen.219) Ähnlich häufig kommen die aus den Buchschriften und Schreibmeisterbüchern übernommenen Versalien der gotischen Minuskel vor, deren Verwendung kurz nach der Mitte des 15. Jahrhunderts einsetzt (Nr. 42a, 1456) und dann bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts fortdauert.220) Diese Versalien weisen Grundformen der Majuskel auf, die durch Brechungen, Knickungen und Bogenverdoppelungen umgeformt wurden. Allerdings ist in einzelnen Fällen zu erkennen, daß die Bildung dieser Versalien nicht immer regelhaft geschah, sondern durch andere Einflüsse überlagert wurde. Bei dem Epitaph des 1547 verstorbenen Heinrich Groschlag von Dieburg (Nr. 183) fehlen die Bogenverdoppelungen, während sich gleichzeitig bei A, B und G Anklänge an Kapitalisformen und bei der schwungvollen Bogenbildung des H sowie bei der Verwendung eines Anschwunges beim B Fraktureinflüsse bemerkbar machen. Es läßt sich in diesen Fällen nicht entscheiden, ob die Steinmetze bewußt mit dem Formenmaterial spielten oder ob das Material unbewußt aufgrund eines mangelnden Verständnisses für die Schrift verfremdet wurde.

Die Benutzung eines übergroßen Minuskelbuchstabens als Versal kommt im Bearbeitungsgebiet nur einmal auf der Grabplatte der 1527 verstorbenen Barbara von Wallbrunn (Nr. 157) vor. Ab 1480 lassen sich Versalien feststellen, die aus der frühhumanistischen Kapitalis stammen, aber stark verfremdet sind. In zwei Stiftungsinschriften aus Jugenheim (Nrr. 75, 102) sind die Hasten des trapezförmig, mit beidseitig überstehendem Deckbalken gebildeten A in der Mitte mit dreieckig aufgesetzten Schwellungen versehen. Ein ähnliches A weist auch das 1486 entstandene Epitaph des Neunkirchener Pfarrers Johannes Ruder (Nr. 86) auf. Diese Inschrift enthält noch ein weiteres versales A, das so verfremdet ist, daß sich seine Herleitung kaum noch exakt bestimmen läßt. Daneben wird noch ein unziales D der frühhumanistischen Kapitalis verwendet, das mit einer deutlichen Schwellung des rechten Bogenabschnitts gebildet und mit beidseitig angesetzten Dreiecken verziert ist. Ein gewöhnliches A der frühhumanistischen Kapitalis erscheint zuerst auf der 1489 gegossenen Glocke in Nieder-Beerbach [Druckseite XLII] (Nr. 91). Ab 1500 wurden Versalien der frühhumanistischen Kapitalis regelmäßig bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts benutzt.221)

Die ersten Frakturversalien kommen bereits 1518 und 1522 in den qualitativ hochrangigen Metallinschriften der Grabplatten für Sibylla von Baden (Nr. 142) und Anna von Isenburg (Nr. 150) in Babenhausen vor.222) Die beiden Platten sind im Bearbeitungsgebiet eine absolute Ausnahmeerscheinung, denn die nächsten Frakturversalien lassen sich erst 1541 in der Wixhausener Bauinschrift (Nr. 172) und 1547 auf der Grabplatte Eberhards von Babenhausen (Nr. 184) nachweisen.

Ab 1480 kommen in den Inschriften Versalien verschiedener Schriftformen nebeneinander vor, doch werden, von zwei Ausnahmen abgesehen (Nrr. 184, 200), immer nur Versalienformen von zwei verschiedenen Schriftarten miteinander verbunden. Zunächst lassen sich sowohl Kombinationen von Versalien der gotischen Majuskel mit Versalien der gotischen Minuskel223) als auch Verbindungen dieser beiden Versalientypen mit solchen der frühhumanistischen Kapitalis feststellen.224) Die im Bearbeitungsgebiet in Minuskelinschriften ohnehin seltenen Frakturversalien werden ab 1541 stets in Verbindung mit anderen Versalientypen verwendet.225)

Abschließend sei noch angemerkt, daß sich auch die Funktion der Versalien im Laufe der Zeit verändert. Während sie zunächst nur für Namen, für das M der Jahreszahl und für das erste Wort einer Inschrift verwendet werden, kennzeichnet man mit ihnen ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch den Beginn von Versen und Sinnabschnitten.226) Zudem werden jetzt in einzelnen Fällen Wörter innerhalb des Textes mit Versalien begonnen.227) Diese Tendenz verstärkt sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Von dieser Zeit an werden auch Epitheta wie Honorabilis oder Edel und Erbar durch Versalien hervorgehoben.

5.5. Humanistische Minuskel

Die humanistische Minuskel entstand gegen Ende des 14. Jahrhunderts als Buchschrift durch den bewußten Rückgriff der Humanisten auf die karolingische Minuskel.228) Neben der reinen Nachahmung der karolingischen Minuskel entstand durch ihre Verbindung mit Rotunda-Formen sowie mit gotischen Kursiven und Halbkursiven eine Reihe von Mischschriften, die auch im Buchdruck Verwendung fanden.229) Aus dem Buchdruck wurden diese Schriftformen für die Inschriften je nach Region zu verschiedenen Zeiten und mit sehr unterschiedlicher Intensität übernommen.230) Während im angrenzenden Landkreis Bergstraße nur eine Inschrift in humanistischer Minuskel nachweisbar ist,231) haben sich im Bearbeitungsgebiet fünf Inschriften in humanistischer Minuskel erhalten. Inschriften in gotisch-humanistischen Mischschriften fehlen dagegen wie schon in der Bergstraße. Zuerst läßt sich die humanistische Minuskel auf einem Familienbild in Öl auf Holz von 1576 nachweisen, das den Landgrafen Georg mit seinem Sohn Philipp Wilhelm und seiner Frau Magdalena zeigt (Nr. 229). Die Inschriften weisen hier allerdings schreibschriftliche Einflüsse auf, so daß sie nicht der im Druck verwendeten humanistischen Minuskel (Antiqua) entsprechen. Charakteristisch sind die Rechtsneigung der Buchstaben, das einstöckige a sowie die deutlich unter die Grundlinie reichenden Hasten von f und langem s. Stärker nach dem Vorbild der Druck-Antiqua sind hingegen die beiden Groß-Umstädter Epitaphien des Georg Gans (1603, Nr. 301) und des Bernhard Magsam (1605, Nr. 308) gearbeitet. Bei den beiden wohl aus derselben Werkstatt stammenden Epitaphien fällt aber das zweistöckige a mit seinem weit nach oben gezogenen unteren Bogen auf, das in dieser Form in Drucken unüblich ist. Noch näher an das Schriftbild der Antiqua-Drucktypen kommt die Inschrift auf dem Epitaph des 1611 verstorbenen Mörfeldener Pfarrers Christoph Comenzius (Nr. 320) heran, die durch kräftige Schattenstriche und das Streben nach möglichst runden Bögen geprägt ist. Die [Druckseite XLIII] Gedenkinschrift von 1622 im Deckel der Abendmahlskanne aus der Darmstädter Stadtkirche (Nr. 349) besitzt nur einen geringen Buchstabenbestand, der einstöckiges a und langes, unter die Grundlinie reichendes i beinhaltet.

Die humanistische Minuskel wird fast immer mit anderen Schrifttypen kombiniert. Die einzigen vollständig in humanistischer Minuskel ausgeführten Inschriften befinden sich auf dem Familienbild Landgraf Georgs von 1576 (Nr. 229). Die beiden Groß-Umstädter Epitaphien des Georg Gans (Nr. 301) und des Bernhard Magsam (Nr. 308) weisen zusätzlich Inschriften in Kapitalis auf, auf dem Epitaph des Christoph Comenzius (Nr. 320) und in der Gedenkinschrift im Deckel der Abendmahlskanne (Nr. 349) sind Wörter in Kapitalis eingefügt, auf dem Epitaph der Herzogin Maria von Braunschweig-Lüneburg von 1614 in der Darmstädter Stadtkirche (Nr. 328) ist in den Frakturtext nur ein Wort in humanistischer Minuskel eingefügt, und in den völlig überarbeiteten Wandmalereiinschriften im Mittelschiff der Babenhausener Kirche (Nr. 377) sind wohl nach dem Vorbild des Originals die Bibelstellen in humanistischer Minuskel angegeben.

5.6. Fraktur

Die Fraktur wurde im frühen 16. Jahrhundert aus kalligraphisch gestalteten spätgotischen Kanzleischriften entwickelt und in ausgestalteter Form zuerst in Prachtdrucken Kaiser Maximilians I. (Gebetbuch 1513, „Theuerdank” 1517) verwendet.232) Durch ihre Rezeption als Druckschrift fand die Fraktur rasch Verbreitung, doch wurde sie im Bearbeitungsgebiet und in den angrenzenden Regionen erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts als monumentale Textschrift verwendet.233) Um so bemerkenswerter ist es, daß die ersten Frakturversalien bereits 1518 und 1522 in sehr schöner Ausprägung auf den qualitativ hochrangigen Metallinschriften der Grabplatten für Sibylla von Baden (Nr. 142) und Anna von Isenburg (Nr. 150) in Babenhausen vorkommen. Die Fertigung durch einen Nürnberger Gießer scheidet wohl aus,234) und der im Bearbeitungsgebiet durch seine Glocken gut vertretene Steffan von Frankfurt goß die Inschriften seiner Glocken nicht mehr in gotischer Minuskel, sondern in Kapitalis und hätte diese innovative Schrift vermutlich auch für eine Grabplatte verwendet.235) Zudem starb er 1521 und kommt somit als Gießer für die Platte Annas nicht mehr in Frage, die aber sicher aus derselben Werkstatt wie die Platte für Sibylla stammt.236) Der unbekannte Meister dieser Grabplatten muß auf jeden Fall mit den sich in Süddeutschland entwickelnden Frakturformen vertraut gewesen sein. Seine Versalbuchstaben erinnern an die Frakturversalien des Johann Neudörffer, der bereits 1519 ein Schreiblehrwerk verfaßte und etwa um dieselbe Zeit Proben von Frakturschriften entwarf, die in stählerne Punzen geschnitten wurden.237) Es bleibt jedoch unklar, ob der Meister der Babenhausener Platte frühere Arbeiten Neudörffers kannte oder ob ihre Schriften nur auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehen. Man könnte allerdings vermuten, daß die Grabplatte für Sibylla von Baden erst Jahre nach ihrem Tod im Juli 1518 entstand, doch ist dies unwahrscheinlich, da die Inschrift für die vier Jahre später im Juli 1522 verstorbene Anna von Isenburg noch entwickeltere Frakturversalien zeigt, und man hier ebenfalls eine deutlich spätere Entstehung annehmen müßte. Sicher lag zwischen dem Todesdatum und dem Fertigstellungstermin der Grabplatte ein Zeitraum von mehreren Monaten, aber für die Annahme eines weit darüber hinausgehenden Zeitraumes fehlt jeder Anhaltspunkt.

Als Textschrift für Inschriften wurde die Fraktur im Bearbeitungsgebiet ähnlich wie im angrenzenden Landkreis Bergstraße nur spärlich verwendet, doch dominiert sie bei den gemalten Inschriften. Zu diesen gehört auch die um 1550 entstandene Stiftungsinschrift des Hospitals Hofheim (Nr. 189), bei der es sich um die früheste Frakturinschrift des Bearbeitungsgebiets handelt. Allerdings wurde sie vermutlich zusammen mit den Stiftungsinschriften für die drei anderen durch Philipp den Großmütigen gegründeten Hospitäler in einer Werkstatt außerhalb des Bearbeitungsgebiets geschaffen, und ihre Schrift ist zudem stark überarbeitet. Das Holzepitaph für die 1551 verstorbene Anna Gayling von Altheim (Nr. 191), das sich früher in der Babenhausener Kirche befand, zeigt in der [Druckseite XLIV] ebenfalls gemalten Inschrift Versalien, die nicht den Frakturformen entsprechen, sondern den Grundformen der Kapitalis nachgebildet sind. Die Kleinbuchstaben weisen hingegen die typischen Merkmale der Fraktur auf. Sie sind mit Schwellzügen gebildet, das a ist einstöckig, die Unterlänge des g ist schlingenförmig, und f und langes s sind unter die Grundlinie gezogen. Im Gegensatz dazu lassen die Kleinbuchstaben der 1579 in Holz geschnitzten Bauinschrift am Groß-Gerauer Rathaus (Nr. 238) noch deutliche Anklänge an die Formen der gotischen Minuskel erkennen. Dies macht sich in der Beibehaltung der Hastenbrechungen etwa bei e und o sowie im weitgehenden Verzicht auf Schwellschäfte und Schwellzüge bemerkbar. Die Gegenüberstellung der beiden genannten Inschriften läßt ein typisches Phänomen deutlich werden, das bei der Übernahme der Fraktur für Inschriften eintritt. Obwohl die Fraktur für die Inschriften als voll entwickelte Schrift übernommen werden konnte und hier keine Schriftentwicklung im eigentlichen Sinn mehr feststellbar ist, ist die jeweilige Ausformung und Umsetzung der Schrift sehr unterschiedlich und von den verwendeten Vorlagen und der Geschicklichkeit der ausführenden Handwerker abhängig.

Eine Zuweisung von Inschriften an bestimmte Werkstätten oder Künstler war in drei Fällen möglich. Das Epitaph des 1586 verstorbenen Caspar Spengler (Nr. 256) zeigt die gleiche Form und die gleiche Schrift wie das bereits 1583 für seine Kinder errichtete Epitaph, so daß man von einer Fertigung beider Denkmäler durch dieselbe Werkstatt ausgehen kann. Die Inschriften am Epitaph der Gräfin Magdalena zur Lippe und ihres Mannes Landgraf Georgs I. von Hessen-Darmstadt in der Stadtkirche zu Darmstadt (Nr. 263) wurden 1597 durch Johannes Lösch aus Saalfeld gefertigt. Sie sind auf Kupfertafeln ausgeführt, wobei die Buchstaben aus dem Kupfer getrieben und dann mit Goldfarbe bemalt wurden. Auffällig sind hier vor allem die teilweise bis zur Unkenntlichkeit verzierten Versalien und die Zierformen der Gemeinen, bei denen die Balken, Fahnen oder Verbindungsbögen extrem verlängert wurden, um dadurch Lücken in den Zeilen zu vermeiden. Das 1614 von Nikolaus Dickhart ausgeführte Epitaph für Maria von Braunschweig (Nr. 328), das sich ebenfalls in der Stadtkirche zu Darmstadt befindet, zeigt dagegen eine gekonnt ausgeführte Fraktur, die aber keine besonderen Auffälligkeiten aufweist.

Zitationshinweis:

DI 49, Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Einleitung, 5. Die Schriftformen (Sebastian Scholz), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di049mz06e001.

  1. Zu den Glockengießern vgl. oben Kap. 4. 2.; bei den Epitaphien wären die auswärtigen Meister Endres Wolff (Nr. 213), Nikolaus Bergner (Nr. 247), Johannes Lösch (Nr. 263) und Nikolaus Dickhart (Nrr. 296, 328) zu nennen. »
  2. Vgl. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften 315–328; Koch, Frühhumanistische Kapitalis 337–345. »
  3. Fuchs, Übergangsschriften 334 f.; DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) LXVIII und Nr. 349»
  4. Vgl. dazu unten Kap. 5. 4. »
  5. Letzteres gilt auch für die einzige Glocke mit frühhumanistischer Kapitalis, die 1512 für die Kirche von Darmstadt-Eberstadt von Hans von Frankfurt gegossen wurde, vgl. Nr. 129»
  6. Vgl. Koch, Frühhumanistische Kapitalis 344. »
  7. Vgl. DI 38 (Lkr. Bergstraße) XLIII. »
  8. Vgl. dazu unten bei Anm. 200. »
  9. Vgl. zur Entwicklung der Kapitalis Steinmann, Humanistische Schrift 381 und 387; Kloos, Einführung 153–160; Bornschlegel, Renaissance-Kapitalis 218 f. »
  10. Vgl. Nrr. 130, 135, 144, 145»
  11. Die Werkstatt ist unbekannt und wird im Umkreis verschiedener Künstler wie Grünewald, Riemenschneider und Backoffen gesucht, vgl. Herchenröder/Rock, Führer 35–44. »
  12. Vgl. dazu ausführlich bei Nr. 168»
  13. Vgl. DI 38 (Lkr. Bergstraße) XLIII f. »
  14. Nrr. 227, 231, 258, 283, 298, 319, 356 sowie auf der 1573 von Gregor von Trier für Nieder-Ramstadt gegossenen Glocke (Nr. 224). »
  15. Nrr. 276, 301, 308, 315, 325»
  16. Neben der schon erwähnten Nr. 204 sind hier noch die Nrr. 271, 280, 311, 312, 325 und 351 zu nennen. »
  17. Nrr. 311, 312, 321»
  18. Vgl. DI 38 (Lkr. Bergstraße) XLIV. »
  19. Nrr. 311, 312, 320, 335, 341, 348, 349, 351, 375, 378»
  20. DI 38 (Lkr. Bergstraße) Nr. 179 und Nr. 200»
  21. Auf dem Sarg für Ludwig V. (Nr. 359) ist dagegen nur ein einziger Buchstabe in Kontur ausgeführt. »
  22. Neumüllers-Klauser, Schrift 63–66. »
  23. DI 2 (Mainz) Nrr. 33, 37; zur Datierung der Denkmäler vgl. Kessel, Sepulkralpolitik 17–19. »
  24. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nrr. 56; 66; 78 ff. »
  25. DI 23 (Oppenheim) Nr. 43. »
  26. Vgl. Nrr. 21, 22, 25, 30, 31»
  27. Vgl. dazu oben bei Anm. 172. »
  28. Vgl. Nrr. 7477»
  29. Nrr. 100, 116, 163, 165, 166, 181, 184, 185, 186»
  30. Nrr. 12, 22, 30, 39, 41»
  31. Die frühesten Belege sind Nrr. 22, 39, 41, 44, 46, 49, die letzten Belege sind Nrr. 118, 139, 160»
  32. Vgl. etwa Nrr. 47, 75, 102»
  33. Vgl. als früheste Belege Nrr. 12, 30, 50 und als letzte Belege Nrr. 184186, 193, 194, 200»
  34. Vgl. als weitere frühe Belege Nrr. 47, 59, 61 und als letzte Belege Nrr. 166, 177, 200»
  35. Die letzten Belege sind die Nrr. 172, 174, 184, 186»
  36. Vgl. dazu unten bei Anm. 233. »
  37. Nrr. 73, 132, 139, 148, 166»
  38. Nrr. 102, 124, 138»
  39. Nrr. 172, 184, 193, 200»
  40. Vgl. etwa Nrr. 44, 73, 75, 86, 87»
  41. Nrr. 47, 64, 65, 100»
  42. Steinmann, Humanistische Schrift 382–384. »
  43. Ullman, Origin passim; Steinmann, Humanistische Schrift passim Taf. I-XXXII; Kloos, Einführung 143–153. »
  44. Vgl. etwa DI 12 (Heidelberg) XXII; DI 41 (Lkr. Göppingen) LIV-LVI und LVIII; DI 46 (Minden) XXVI. »
  45. DI 38 (Lkr. Bergstraße) Nr. 248»
  46. Fichtenau, Lehrbücher 25–28; Zahn, Beiträge 10–14. »
  47. Vgl. DI 38 (Lkr. Bergstraße) XLVII und ergänzend dazu DI 41 (Lkr. Göppingen) LVII. »
  48. Vgl. dazu bei Nr. 142»
  49. Vgl. zu ihm Nr. 130 mit weiteren Verweisen sowie Bund, Glockengießer 177. »
  50. Der Nachfolger Steffans von Frankfurt war sein Stiefsohn Simon Göbel, von dem nur wenige Arbeiten bekannt sind, deren Inschriften ebenfalls in Kapitalis ausgeführt sind, vgl. Bund, Glockengießer 182 f. »
  51. Vgl. Zahn, Beiträge 21 f. »