Inschriftenkatalog: Die textilen Inschriften der Stadt Bamberg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 6: Stadt Bamberg (Textilien) (2015)

Nr. 12 Bamberg, Historisches Museum (Depot) 1571

Beschreibung

Gedruckte Inschrift des Totengedenkens für Hieronymus Imhoff und seine zwei verstorbenen Ehefrauen Magdalena Tucher und Barbara Letscher mit Resten ehemaliger Stickerei auf einem querrechteckigen, ungesäumten Leinentüchlein im Auftrag bzw. hergestellt von der dritten Gattin Dorothea Hegner in der Sammlung des Historischen Vereins Bamberg (Inv. Nr. HVB Rep. 21, Nr. 749).

Im Schriftfeld stehen die ursprünglich vollständig mit schwarzer Seide überstickten, gedruckten Buchstaben in Neudörfer-Andreä-Fraktur 15261) als Vorzeichnung. Zwei horizontale ornamentale Bordüren begrenzen das Schriftfeld oben und unten. Sie führen an beiden Seiten über das Schriftfeld hinaus bis zum Rand und setzten sich ursprünglich wohl noch weiter fort. Zwischen diesen beiden beschränken zwei senkrechte, etwas breitere Bordüren das Schriftfeld. Die unterschiedliche Musterung der Bordüren ist nur mehr an den Nadellöchern, der Verfärbung des Trägers und den Resten der ursprünglichen Stickerei erkennbar.

Maße: H. 17,3 cm, B. 25,8 cm, H. (Schriftfeld) 10,6 cm, B. (Schriftfeld) 21,8 cm, Bu. 0,8 cm.

Schriftart(en): Fraktur.

DIO 06, Nr. 12 - Bamberg, Historisches Museum - 1571

 © BAdW München, Inschriftenkommission (Tanja Kohwagner-Nikolai) [1/1]

  1. Hieronymus im Hofa) · het dreyb) weiber · Erstlich Ma=/dalena Lienhard Tuchers Tochter · die starb An(n)o / 1544. Die ander Barbara Caspar Lethschers toch=/ter · die starb An(n)o 1558. Und mich Dorothea Pau=/lus Hegners Tochter · leb nun mehrb) in dem Witwe=/stand · betrübt und trawrig bisz an mein end · o Gott / wo dein wortb) nicht mein trost gewest were · so were / ich vergangen in meinem elende: im 1571. Jarc). ·

Bibel- und Schriftstellerzitat(e):

  • Nach Ps 119, 92 (wo dein wort ... elende).

Kommentar

Die Buchstaben waren ehemals in heute zum größten Teil ausgefallener schwarzer Seide mit einer Art Kreuzstich überstickt, der zusätzlich durch einen Knötchen- oder Schlingstich gehöht war. In der Regel sieht man die Einstichlöcher unmittelbar neben dem gedruckten Buchstaben. Deswegen ist davon auszugehen, dass die Schrift im überstickten Zustand etwas kräftiger, nicht ganz so fein gewirkt hat. An manchen Stellen hat die Farbe des Stickfadens ausgeblutet, sodass die Ränder verschwommen wirken.

Die Tatsache, dass die Buchstaben gedruckt sind, legt den Schluss einer Serienproduktion nahe, zumal sich in der Graphischen Sammlung des Germanischen Nationalmuseums ein Leinenstreifen (Inv. Nr. GNM HB 870) erhalten hat, der im rechten von drei Textblöcken denselben gedruckten Text trägt2). Links befinden sich zwei weitere Textblöcke, die jeweils eine Ahnenprobe bieten3). Hier lassen sich keinerlei Reste ehemaliger Stickerei erkennen.

Hieronymus Imhoff4) wurde am 18. Juni 1518 als Sohn von Hans Imhoff zu Malmspach (* 6. Februar 1488, † 2. Juli 1526) geboren, dem Begründer der sog. Hansischen Linie der Familie Imhoff. Dieser Hans Imhoff ehelichte am 23. Januar 1515 Felicitas Pirckheimer (* 7. Februar 1497, † 29. Mai 1530), Tochter Willibald Pirckheimers und Crescentia Rieters. Aus dieser Ehe gingen sechs Kinder hervor. Nach einer Tochter Felicitas (* 16. Januar 1516, † 3. Juni 1550) wurden mit Hieronymus und Willibald (* 16. November 1519, † 25. Januar 1580) zwei Söhne geboren. Hieronymus Imhoff war Inhaber des Sitzes zu Malmspach und stimmberechtigter Teilhaber der Imhoffschen Handelsgesellschaft5). Er war dreimal verheiratet: Die erste Ehe ging er am 20. Oktober 1543 mit Magdalena Tucher (* 28. Januar 1517, † 31. August 1544) ein. Sie war die Tochter Leonhard Tuchers (* 10. Februar 1487, † 13. März 1568; Vorderster Losunger und Reichsschultheiß zu Nürnberg) und der Catharina Stromer von Reichenbach (* 1485?, † 7. Juli 1520). Die Ehe blieb kinderlos. In den Jahren 1545/46 war Hieronymus als Vertreter der Imhoffschen Handelsgesellschaft in Venedig und Aquila unterwegs6). Am 7. August 1548 ging Hieronymus Imhoff eine zweite Ehe mit Barbara Letscher (* 1525?, † 21. März 1558) ein, deren Eltern Caspar Letscher (* 1493?, † 1536/1547?) und Ursula Holzschuher (* 1496?, † 1566/71?) waren7). Aus dieser Verbindung ging Anton (Anthoni) Imhoff von und zu Malmspach (* 8. Dezember 1549, † 8. Juni 15848)) hervor, der später mit Ursula Tucher von Simmelsdorf (* 13. Februar 1556, † 20. September 1603) verheiratet war, aber kinderlos verstarb. Zwei weitere Töchter des Hieronymus und der Barbara, Magdalena (* 13. Januar 1552, † 25. Februar 1552) und Barbara (* 21. November 1556, † 1. Dezember 1556) verstarben im Säuglingsalter. Seine dritte Ehe ging Hieronymus Imhoff mit Dorothea Hegner (* 1530?, † 26. September 1595) ein. Sie war die Tochter Paul Hegners von und zum Altenweiher (* 1470?, † 1536) und der Dorothea Kastner von Schnaitenbach (* 1500?, † 1559) und in erster Ehe mit dem Witwer Wolfgang oder Endres Linck verheiratet gewesen9). Diese dritte Ehe wurde nach noch nicht einmal sechs Monaten Trauerzeit, die seit dem Tod der zweiten Ehefrau verstrichen waren, bereits am 13. September 1558 geschlossen und blieb kinderlos.

Hieronymus Imhoff war 1561 Besitzer des Hauses Hauptmarkt 19, durchgehend zur Winklerstraße 20, das auf seinen Sohn Anton überging10). Nach dem Tod Hieronymus Imhoffs wurde ein umfangreiches Nachlassinventar angelegt11), das Besitzungen in Bamberg und Beziehungen zum Bamberger Dompropst und Bischof zeigt.

Es kann sich sowohl bei der Bamberger Stickerei als auch bei dem Nürnberger Leinenstreifen kaum um einen Bahrtuchbesatz zur Individualisierung des über den Sarg gebreiteten Tuchs gehandelt haben, da die Witwe und ihre Trauer zu sehr im Vordergrund stehen12). Die Maße des Nürnberger Streifens und die beschnittene Borte des Bamberger Stücks legen die Vermutung nahe, dass zumindest die Stickerei ursprünglich länger gewesen war.

Ob Dorothea als Stickerin anzusprechen ist oder nur als Auftraggeberin fungierte, muss offen bleiben. Allerdings werden ihr zwei weitere Textilien zugeschrieben, die sie im Kontext des Todes ihres Ehegatten anfertigen ließ oder selbst fertigte13). Soweit anhand der wenigen Stickereireste des Bamberger Stücks Aussagen getroffen werden können, verbindet das Bamberger Fragment und die feine Leinendecke derselbe, durchaus nicht alltägliche Stickstich.

Textkritischer Apparat

  1. Die nachfolgenden Worttrenner in Form von Schrägstrichen.
  2. Bogen-r.
  3. Nach dem abschließenden Punkt folgt ein Ornament in Form einer durch ein x geviertelten Raute.

Anmerkungen

  1. Crous/Kirchner, Gotische Schriftarten 63. Für den freundlichen Hinweis ist an dieser Stelle Herrn Peter Zahn (Inschriftenkommission München) zu danken.
  2. Nürnberg, um 1571; Typen-Druck auf Leinen; H. 19,5 cm, B. 79 cm. Das Leinen ist etwas fester als das Trägergewebe des Bamberger Stücks. Links besitzt es eine umgeknickte Webekante. Auf der Rückseite findet sich der Hinweis „Imhof. Biographie Nr. 54“. Vgl. hierzu Kohwagner, Kostbarkeiten 342.
  3. Transkription und genealogischer Nachweis bei Kohwagner, Dorothea Hegner (in Druckvorbereitung).
  4. Biedermann, Nürnberger Patriziat 235.
  5. Jahnel, Imhoff 158.
  6. Jahnel, Imhoff 161; Müller, Geschäftsreisen 159.
  7. Gatterer, Holzschuherianae 261.
  8. Lebensdaten nach Biedermann, Nürnberger Patriziat 235.
  9. AHVOR O MS 869 105; vermutlich handelt es sich um Wolf(f) Endres Linck(en), der am Nürnberger Gesellenstechen von 1546 teilnahm und Wilhelm Schlüsselfelder eine tödliche Verwundung zufügte. Barack, Behaim 781 sowie Endres, Turniere 276.
  10. Grieb, Personendatei zu Hieronymus I. Imhoff (1512-1571). Obwohl hier verschiedene Personen des Namens Hieronymus Imhoff mit einander vermischt werden, muss dieser Hinweis sich auf den hier behandelten Hieronymus beziehen, da nur er einen Sohn namens Anton hatte.
  11. GNM HA, Imhoff-Archiv Teil I, Fasz. 41 Nr. 3a.
  12. Vermutung auf Bildbeischrift Neg. Nr. GNM HB 870, 1/1333a (Aufnahme 1986). An dieser Stelle ist Frau Sibylle Ruß (Bamberg) für die kollegiale Zusammenarbeit zu danken, ebenso Frau Birgitt Borkopp-Restle (Bern), Frau Anne Wanner (Rheinfelden) und Frau Ulrike Herrmann (München) für ihre Einschätzungen und den Austausch. Zur Funktion des Fragments und der übrigen Stickereien im Kontext Dorothea Hegners vgl. Kohwagner, Dorothea Hegner.
  13. Es handelt sich um eine große schwarzgrundige, reich bestickte Wolldecke (GNM Inv. Nr. Gew 2491), die neben einer Zwiesprache zwischen dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen ebenfalls die Trauer Dorothea Hegners und ihr Vertrauen in Gott thematisiert, den sie um Trost im Witwenstand bat. Aufgrund der Professionalität der Arbeit wurde bereits an der Urheberschaft Dorothea Hegners gezweifelt. Doch konnten gerade Damen der oberen Gesellschaftsschichten ein hohes Maß an Perfektion erzielen, da der Erwerbsdruck fehlte. Beim zweiten Objekt handelt es sich um eine feine Leinendecke (GNM Inv. Nr. Gew 2586), die ebenfalls an den verstorbenen Hieronymus erinnert.

Nachweise

  1. Kohwagner, Kostbarkeiten 341; Kohwagner, Dorothea Hegner (in Druckvorbereitung).

Zitierhinweis:
DIO 6, Stadt Bamberg (Textilien), Nr. 12 (Tanja Kohwagner-Nikolai), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio006m002k0001207.