Inschriftenkatalog: Die textilen Inschriften der Stadt Bamberg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 6: Stadt Bamberg (Textilien) (2015)

Nr. 9 Bamberg, Diözesanmuseum um 1490-1500

Beschreibung

Gewirkte und gestickte Beischriften im linken unteren Bildfeld des Passionsteppichs in der Dauerausstellung des Diözesanmuseums Bamberg (Inv. Nr. 2720/2-30), ursprünglich aus dem ehemaligen Dominikanerinnenkloster zum Heiligen Grab.

Der Bildteppich gliedert sich umgeben von einer floralen Bordüre mit der Darstellung zweier Wirkerinnen in Ordenstracht in neun hochrechteckige Bildfelder mit Szenen aus der Leidensgeschichte Christi, die durch schmale Bordüren von einander getrennt sind. Ausgehend von der Fußwaschung, bei der im Hintergrund das Abendmahl und das Gebet am Ölberg sowie der den Saal verlassende Judas zu sehen ist, wird in der oberen Reihe die Gefangennahme und Christus vor Pilatus dargestellt. In der mittleren Reihe folgen die Geißelung, die Dornenkrönung sowie die Verspottung, jeweils von Nebenszenen begleitet. Das erste Bildfeld der unteren Reihe zeigt die Kreuztragung im Vordergrund mit einer hebraisierenden Inschrift (I) auf einer Fahne sowie im Hintergrund die Kreuzigung mit gesticktem Titulus (II). Den Passionszyklus schließen die Szenen der Grablegung und der Auferstehung ab.

Maße: H. (Teppich) 400 cm, B. (Teppich) 320 cm, Bu. ca. 5,4 cm (I), ca. 1 cm (II).

Schriftart(en): Hebräisierende Schrift (I), Gotische Minuskel (II).

DIO 06, Nr. 9 - Bamberg, Diözesanmuseum - um 1490-1500

 © Bamberg, Diözesanmuseum [1/3]

  1. I.

    צאטa)

  2. II.

    inrib)

Kommentar

Die seitenverkehrte Einarbeitung der hebraisierenden Zeichen ist auf den Arbeitsprozess der Wirkerei zurückzuführen (s. 5. Textile Techniken). Der Kreuztitulus wurde in einem abschließenden Arbeitsschritt durch Stickerei ergänzt. Dadurch war er abriebgefährdet. Die spätere Überarbeitung führte zu dem heute fehlerhaften Befund.

Sechs der neun Szenen sind nach der Großen Passion Israhel van Meckenems d. J.1) (* um 1440, † 10. November 1503) gearbeitet, während die Grablegung auf einem Stich Martin Schongauers (* um 1445/1450, † 2. Februar 1491) basiert. Die direkten Vorlagen für die Teppichwirkerinnen sind wohl einem Bamberger Maler in der Nachfolge des sog. Meisters des Hersbrucker Altars, vielleicht dem sehr jungen Paul Lautensack (* 1478, † 15. August 1558) zuzuschreiben2).

Stilistisch und technisch nah verwandt ist das Antependium mit der Anbetung der Hl. Drei Könige im BNM (Inv. Nr. T 3803)3). Am unteren Rand findet sich mit der Darstellung einer Nonne am Wirkstuhl eine vergleichbare Künstlersignatur, was die Vermutung nahelegt, dass das Antependium ebenfalls in der Werkstatt der Dominikanerinnen im Kloster zum Heiligen Grab hergestellt wurde, obwohl sich eine Wirktätigkeit dort archivalisch nicht belegen lässt. Dies trifft jedoch häufig auf Textilwerkstätten in Frauenkonventen zu4).

Der Passionsteppich könnte aufgrund seiner Thematik als Fastentuch zur Verhüllung des Altars oder des Chorraums während der Fastenzeit verwendet worden sein5). Das Inventar des Klosters zum Heiligen Grab aus dem Jahr 1803 nennt einen großen Passionsteppich6). Der Bildteppich gelangte später in den Besitz der Marianischen Bürgersodalität und wurde 1956 durch das Metropolitankapitel angekauft7).

Textkritischer Apparat

  1. Seitenverkehrt, tsat, tset oder (von links nach rechts): tats oder tets. Als hebräische Abkürzung ist diese Zeichenfolge nicht aufzulösen. Für den freundlichen Hinweis ist an dieser Stelle Frau Margaretha Boockmann (Heidelberg) und Herrn Martin Arneth (München) zu danken.
  2. Anstelle des r erscheint im heutigen Befund ein kapitales K, bei dem es sich eindeutig um eine nachträgliche Überarbeitung handelt. Die Spuren der ursprünglichen Stickerei lassen ein r erahnen.

Anmerkungen

  1. Thieme/Becker, Künstler 24 325-326.
  2. Baumgärtel, Kunstwerke 54.
  3. Bamberg, um 1490/1500, aus der Sammlung Reider; Wollwirkerei mit Seide und Häutchensilber; H. 90,5 cm, B. 201 cm. Vgl. Durian-Ress, Meisterwerke 170-171.
  4. Vgl. z.B. Kohwagner, Bildteppiche.
  5. Kohwagner, Bildstickereien 178.
  6. AEB Rep. 4/11 Ms 1934/35.
  7. Baumgärtel, Kunstwerke 54; Machilek, Dominikanerinnenkloster 18.

Nachweise

  1. Baumgärtel, Kunstwerke 55 (Abb.).

Zitierhinweis:
DIO 6, Stadt Bamberg (Textilien), Nr. 9 (Tanja Kohwagner-Nikolai), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio006m002k0000909.