Inschriftenkatalog: Die textilen Inschriften der Stadt Bamberg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

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DIO 6: Stadt Bamberg (Textilien) (2015)

Nr. 1 Bamberg, Diözesanmuseum vor 1196

Beschreibung

Eingewebte Beischriften auf einer brettchengewebten Goldborte, die auf zwei Pontifikalschuhen befestigt ist. Heute im Depot des Diözesanmuseums Bamberg (Inv. Nr. 2728/3-39). Die Schuhe wurden 1933 zusammen mit weiteren Textilien aus dem Grab Bischof Ottos II. († 1196, Nr. 2) geborgen1).

Die erhaltenen Reste der Goldborte mit ehemals wohl roten, heute stark verblassten Inschriften befinden sich auf der Fersennaht beider Pontifikalschuhe (I und IIa) sowie auf dem Rist eines Schuhs (IIb). Die hintere, innenliegende „Knöchelöffnung“ des Schuhs I ist mit einem längs halbierten Fragment derselben Borte, darauf heute nicht mehr identifizierbare Buchstabenreste, eingefasst.

Der fragmentarische Erhaltungszustand aller Borten erlaubt keine Rekonstruktion des Textes.

Maße: H. (Schuhe) 14 cm, B. (Schuhe) 9 cm, L. (Schuhe) 30 cm, B. (Borte) 1,1 cm, L. (I) 10cm, L. (II) 11,5 cm, L. (III) 8 cm, Bu. 0,6 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DIO 06, Nr. 1 - Bamberg, Diözesanmuseum - vor 1196

 © BAdW München, Inschriftenkommission (Tanja Kohwagner-Nikolai) [1/2]

  1. I.

    · CALCIATI · PEDES ·

  2. II.


  3. a)

    · CALCIAMENTA ·

  4. b)

    [...] IN PEDIBVS ·

Übersetzung:

An den Füßen gestiefelt. (I)

Schuhe an den Füßen. (II)

Bibel- und Schriftstellerzitat(e):

  • Nach Eph 6, 152)? (I)
  • Nach Ex 12, 113)? (II)

Kommentar

Es handelt sich um eine Romanische Majuskel mit fast ausschließlich kapitalen Buchstaben. Alle Buchstaben besitzen Sporen, bei den Rundungen sind Bogenschwellungen erkennbar. Das A ist als kapitales A mit Deckbalken und breiterem, rechten Schrägschaft gebildet, wohingegen bei V der linke Schrägschaft kräftiger gearbeitet ist. B, P und zum Teil D zeigen leicht „aufgeblähte“ Bögen. Das E kommt sowohl in der kapitalen wie unzialen Form vor, wobei beide durch Sporen annähernd geschlossen sind, während das C stets offen ist. Das M ist symmetrisch unzial mit spitz auslaufenden Bogenenden gestaltet.

Diese Borten stehen in einem unmittelbaren Werkstattzusammenhang mit den ebenfalls im Grab Ottos II. gefundenen Bortenfragmenten (Nr. 2).

Nach Braun mahnen die Inschriften der beiden Schuhe an die stete Bereitschaft des Bischofs zur Verkündigung des Evangeliums4). Gleichermaßen zeigen sie die typologische Legitimation des Bischofsamtes.

Pontifikalschuhe fanden schon früh, nachweislich seit dem 5. Jahrhundert, liturgische Verwendung und wurden später als bischöfliches Vorrecht fast ausschließlich von Päpsten und Bischöfen oder kraft eines besonderen Privilegs auch von Äbten angezogen, während sie die Vorbereitungsgebete zur Messe verrichteten. Das Gebet, welches der Träger der Pontifikalschuhe nach dem römischen Missale bei der Anlegung der liturgischen Fußkleidung sprach, lautet: „Calcea, Domine, pedes meos in praeparationem evangelii pacis, et protege me in velamento alarum tuarum.“5) Dieser Gebetstext bezieht sich auf die Ermahnung des Apostels Paulus in seinem Brief an die Epheser, beschuht zu sein, um die Frohe Botschaft zu verbreiten (Eph 6, 15), wie es wohl auch am linken Schuh ursprünglich vollständig zu lesen war. Schon Jesus gebot den zwölf Aposteln, den ersten Bischöfen, bei ihrer Aussendung, außer einem Wanderstab und Sandalen an den Füßen nichts mitzunehmen (Mc 6, 9//).

Die Schuhe selbst bestehen aus einem heute hellbraun erscheinenden Seidengewebe (Samit) mit Streifenmuster in Grün und Violett, in dem sich ein Netz aus regelmäßig angeordneten Medaillons zeigt, wobei die Farbigkeit von Hintergrund und Motiv von Positiv zu Negativ alterniert. In den Medaillons befinden sich in Gold (Goldlahn um Seidenseele) entweder ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln oder ein florales Ornament. Der Schnitt zeigt knöchelhohe Schuhe, die den Fuß komplett umschließen. Neben Fersenkappe und Schaft bilden zwei seitliche Laschen die Öffnung des Schuhs. Damit sind die Schuhe sowohl in Größe als auch im Schnitt vergleichbar mit den überlieferten Pontifikalschuhen des 12. Jahrhunderts, wie sie beispielsweise im sogenannten Schuh des Heiligen Gotthard in Niederaltaich (Benediktinerabtei St. Mauritius, Lkr. Deggendorf/NB) und dem Schuh Bischof Bernhards I. von Hildesheim (1130-1153) überliefert sind6), allerdings ohne die Durchbrechungen im Schaft. Sie gehören somit zum älteren Sandalentyp, der im Laufe des 12. Jahrhunderts immer weiter geschlossen wurde7). Auch die ausschließliche Verwendung von Seide, die Laufsohle aus Leder ist vergangen, spricht für eine Datierung ins späte 12. Jahrhundert.

Dennoch legen der gute Erhaltungszustand der aus dem Grab Ottos II. geborgenen Textilien, der an einer direkten Umhüllung der Leiche zweifeln lässt, sowie das Fehlen einer über der gefunden Dalmatik zu vermutenden Kasel die Vermutung nahe, dass Teile der Textilien erst bei einer Umbettung der sterblichen Überreste ins Grab gelangt sind8). Inwieweit hierbei zeitgenössische oder bereits ältere Textilien Verwendung fanden, muss derzeit offen bleiben, spricht die Datierung der Pontifikalschuhe doch nicht gegen einen originären Zusammenhang.

Die Ärmel der ebenfalls aus dem Grab Ottos II. geborgenen Dalmatik (DMB, Inv. Nr. 2728/3-43)9) aus weißem Seidengewebe mit ineinander greifenden und sich überschneidenden Kreisen, die mit Blattwerk und Palmetten gefüllt sind, tragen jeweils etwa eine Handbreit über den Besätzen des Ärmelsaums eine eingewebte, ehemals wohl rote Borte mit hellem Rankenornament. Diese Borte rahmt einen Streifen mit einer fortlaufenden, wortweise an einer senkrechten Achse gespiegelten, blauen, unpunktierten arabischen Inschrift10). In stetigem Wechsel wird ein Substantiv wiederholt, bei dem entweder der Artikel al- präfigiert ist, wobei der erste Buchstabe des Artikels, das alif, aus dekorativen Gründen vor das Spiegelbild gesetzt ist. Oder es könnte sich statt um den Artikel al- um das Präfix li- "für, zu" handeln. Allerdings ist dadurch das dem Substantiv folgende Graphem unverständlich. Das Substantiv könnte entweder يمن yumn(un)11) "Glück, Erfolg" oder فرح faraḥ(un)12) "Freude" sein. Zum ersten ist anzuführen, dass dort der erste, unvokalisierte Buchstabe kaum sichtbar erscheint; der Kreis des zweiten Buchstabens m ist nicht wie in normaler Schrift auf Papier nach unten geschrieben, sondern nimmt eine Mittelstellung ein; der letzte Buchstabe n findet sich wie im Duktus mancher Handschriften weit nach oben gezogen, um ihn – unpunktiert – unverwechselbar mit dem Buchstaben r zu machen. Für die zweite Lesung spricht, dass der erste, unpunktierte Buchstabe f nicht wie in normaler Schrift auf Papier nach oben geschrieben ist, sondern eine Mittelstellung einnimmt und wie der Buchstabe m aussieht; der mittlere Buchstabe r ist weit nach links gezogen. Somit könnte hier اليمن al-yumn(u) (= das Glück) oder, aufgrund des verhältnismäßig großen Schwungs des letzten Buchstaben wahrscheinlicher, الفرح al-faraḥ(u) (= die Freude) geschrieben sein, falls man nicht das Graphem des Artikels al- völlig anders interpretieren muss.

Auch die im unteren Bereich zwischen Vorder- und Rückenteil offenen Seitennähte sind mit schmalen Streifen eines in zwei Brauntönen gemusterten Samits mit kufiartiger Musterung ohne Inschrift besetzt13).

Anmerkungen

  1. AEB Rep. 2, Nr. 2312/6. Laut Protokoll der Öffnung vom 29. November 1933 befand sich die Bestattung bei der Verlegung der Tumba Bischof Ottos II. in die Ostkrypta nicht mehr in ursprünglicher Lage. Die dabei geborgenen Textilien wurden in München restauriert und von 1960 bis 1986 im Diözesanmuseum Bamberg ausgestellt; Paschke, Domstift II 79. An dieser Stelle ist Frau Sibylle Ruß (Bamberg) für die kollegiale Zusammenarbeit zu danken.
  2. … et calciati pedes in praeparatione evangelii pacis: an den Füßen gestiefelt mit der Bereitschaft für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen.
  3. Sic autem comedetis illum renes vestros accingetis calciamenta habebitis in pedibus tenentes baculos in manibus: So aber sollt ihr es essen: eure Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand.
  4. Braun, Gewandung 385.
  5. Übersetzung: Beschuhe, o Herr, meine Füße zur Verkündigung des Evangeliums des Friedens und beschütze mich unter dem Schirm deiner Fittiche. Vgl. Martène, Ecclesiae ritibus 353.
  6. Braun, Gewandung 406.
  7. Vgl. Die Pontifikalschuhe aus Castel S. Elia (Com. Castel Sant’Elia, Prov. Viterbo/Italien) sowie die Schuhe der Trierer Bischöfe Albero von Montreuil (1131-1152), Hillin von Falmagne (1152-1169) und Arnold I. von Valcourt (1169-1183), die ebenfalls die Tendenz zur Schließung verdeutlichen (Braun, Gewandung 404-409).
  8. Kdm NF OF IV, II, 1 (Teil 2) 1858-1862.
  9. Seidengewebe, Lampas mit Double-face-Effekt, 125 cm × 190 cm, Spanien oder Ägypten (?), Ende 12. Jahrhundert/Anfang 13. Jahrhundert (?); vgl. Kdm NF OF IV, II, 1 (Teil 2) 1859.
  10. Für den kollegialen Austausch und die umfangreiche Unterstützung ist an dieser Stelle Frau Kathrin Müller (Kommission für Semitische Philologie, München) zu danken.
  11. Für diese Lesung ist an dieser Stelle Herrn Markus Ritter (Universität Wien) sowie Frau Isabelle Dolezalek (Freie Universität Berlin) zu danken.
  12. Für diese Interpretation ist Frau Reingard Neumann (Greven) zu danken.
  13. Einige Fragmente separat (ohne Inv. Nr.) im Diözesanmuseum Bamberg deponiert.

Nachweise

  1. Sakrale Gewänder 28; Kdm NF OF IV, II, 1 (2) 1859.

Zitierhinweis:
DIO 6, Stadt Bamberg (Textilien), Nr. 1 (Tanja Kohwagner-Nikolai), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio006m002k0000100.