Die textilen Inschriften der Stadt Bamberg

3. Die Schriftformen

Die Inschriften auf textilen Trägern sind in sehr vielfältigen Techniken ausgearbeitet: gewebt, gewirkt, gestickt mit Seiden- bzw. Metallfäden und gemalt. Daraus ergeben sich in Hinblick auf die Buchstabengestaltung einige Besonderheiten im Vergleich zu Inschriften in Stein, Holz oder Metall3). Zu den unterschiedlichen Techniken siehe 5. Textile Techniken.

Romanische Majuskel

Die Beischriften der drei ältesten Objekte sind in romanischer Majuskel ausgeführt. Hier sind die brettchengewebten Borten auf den Pontifikalschuhen aus dem Grab Ottos II. (Nr. 1) und die in derselben Werkstatt hergestellten brettchengewebten Borten (Nr. 2) zu nennen, die ebenfalls dem Grab Ottos II. entnommen worden und wenigstens zum Teil auf einem Kissen befestigt sind. Beide Objekte zeigen eine Romanische Majuskel mit fast ausschließlich kapitalen Buchstaben, wobei F und E sowohl in der kapitalen wie unzialen Form vorkommen. Beide E-Formen sind durch Sporen annähernd geschlossen, während das C stets offen ist. Das M ist symmetrisch unzial mit spitz auslaufenden Bogenenden gestaltet. H wurde unzial gebildet. G ist stark eingerollt. Das A ist als kapitales A mit Deckbalken und breiterem, rechten Schrägschaft gebildet, wohingegen bei V der linke Schrägschaft kräftiger gearbeitet ist. B, P, R und zum Teil D zeigen leicht „aufgeblähte“ Bögen. Q besitzt eine eingestellte Cauda. Alle Buchstaben besitzen Sporen, bei den Rundungen sind Bogenschwellungen erkennbar.

Auch die gestickte Romanische Majuskel auf dem Circulus, der dem Grab Papst Clemens II. entnommen worden ist (Nr. 3), nutzt fast ausschließlich kapitale Buchstaben. Das A ist flachgedeckt mit einer leichten Schwellung am linken Schaft. Der folgende Buchstabe ist ein eingerolltes, fast geschlossenes G mit sehr langem, die äußere Kreislinie berührendem Sporn. Das sehr breite N weist einen Nodus in der Mitte des Schrägbalkens auf. Das S hat einen kleineren, nach links ausgreifenden unteren Bogen. Alle Buchstaben, bis auf das V, haben (kleine) Sporen.

Gotische Majuskel

Zwei Objekte sind in Gotischer Majuskel ausgeführt. Aus epigraphischer Sicht spricht beim Bamberger Antependium (Nr. 4) nichts gegen eine Datierung um 1260. Der Variantenreichtum der in Metallstickerei ausgeführten Buchstaben liegt in der Technik und der anzunehmenden arbeitsteiligen Herstellung begründet (siehe 5. Textile Techniken).

Die gestickten Buchstaben der sog. Pius Mitra (Nr. 6) sind ebenfalls in Gotischer Majuskel gestaltet. Auffallend sind hier große Punktverdickungen an Schäften und Bögen, innen oder außen liegende, parallel zu den Schäften geführte, dünne Zierstriche sowie sehr variantenreich gestaltete, zum Teil mehrfach aufgefächerte Sporen. Mit der sehr verspielten Ausführung (das zweite A ist z.B. spiegelverkehrt ausgeführt) machen die Buchstaben eine Datierung Mitte des 14. Jahrhundert wahrscheinlich. Aus diesem Grund ist ein originaler Zusammenhang der Borte mit einer Mitra Papst Pius I. (ca. 142–155) auszuschließen.

Auch bei den Beschlägen am sog. Kunigundengürtel (Nr. 8), die als einzige im vorliegenden Bestand nicht in einer textilen Technik ausgeführt, sondern in Metall graviert sind, negiert der epigraphische Befund neben der Bildgestaltung der Beschläge einen zeitlichen Zusammenhang mit einem Kleidungsstück Kunigundes.

Gotische Minuskel

Nur ein erhaltenes Objekt zeigt eine Gotische Minuskel. Der aufgestickte Kreuztitulus im linken unteren Bildfeld des Passionsteppichs (Nr. 9) zeigt eine spätere fehlerhafte Überarbeitung. Der Grund für diese zu einem nicht näher zu bestimmenden späteren Zeitpunkt ausgeführte Überarbeitung liegt wohl in einem Verlust durch Abrieb oder Wollausfall begründet, wodurch der Titulus – wie auch das zweite noch original erhaltene i nahelegt – nicht mehr klar zu lesen war. Dabei wurde aus einem Minuskel-r ein kapitales K, so dass im heutigen Befund inKi zu lesen ist.

Kapitalis

In Kapitalis sind ausschließlich Kreuztituli (Nr. 18 und Nr. 19) sowie Initialen gearbeitet. Die Initialen auf der sog. Festtagskrone der Hl. Kunigunde (Nr. 11) sind als Perlstickerei ausgeführt, wobei die Perlen bis auf rudimentäre Reste verloren sind, so dass offen bleiben muss, inwieweit die ursprüngliche Überstickung mit Perlen das Erscheinungsbild der Buchstaben veränderte. Die Initialen auf dem Fürhangtuch der Weißgerber (Nr. 16) sind – wie für Führhangtücher üblich – gemalt und wenig aussagekräftig.

Fraktur

Vier Objekte zeigen eine Fraktur. Auf dem Tüchlein mit Inschrift des Totengedenkens für Hieronymus Imhoff (Nr. 12) ist nur mehr der ehemals überstickte Vordruck in Neudörfer-Andreä-Fraktur 1526 erhalten4). Die drei anderen Objekte gehören zur Gruppe der Fürhangtücher (Nr. 13, Nr. 18, Nr. 19). Die gemalten Buchstaben in Fraktur zeigen den durchaus typischen Variantenreichtum des frühen 17. Jahrhunderts. Beim Fürhangtuch der ehemaligen Veitspfarrei (Nr. 13) könnten die andere Farbigkeit und Gestaltung des ersten diakritischen Zeichens bei Furhang einen Hinweis auf eine spätere Überarbeitung geben. Die Buchstaben haben in der Regel im Laufe der Jahre stark gelitten (vgl. z.B. Nr. 18). Oft sind die Buchstaben nur mehr an den Veränderungen, die sie auf dem Leinengrund hinterlassen haben, zu erahnen und nicht immer ist zweifelsfrei festzustellen, was originaler Befund und was Übermalung des 20. Jahrhunderts ist. Am Fürhangtuch eines Bamberger Schwesternhauses (Nr. 19) fällt auf, dass kaum Kürzungen und nur wenige Ligaturen eingesetzt wurden, deren Gestaltung jedoch bemerkenswert ist. Die ff-Ligatur ist einmal mit gespiegeltem zweiten Buchstaben gebildet. Ein anderes Mal ist das p ungewöhnlich gestaltet, um eine Ligatur eingehen zu können.

Zur hebräisierenden Inschrift auf dem Passionsteppich (Nr. 9) siehe auch 5. Textile Techniken.

Eine Besonderheit in dem bearbeiteten Bestand sind die arabischen Inschriften, die meist in der kalligraphischen Form der kufischen Schrift erscheinen. Hier sind drei Objekte zu nennen. Auf den Ärmeln der Dalmatik Ottos II. (unter Nr. 1, DMB, Inv. Nr. 2728/3-43) zeigt jeweils eine Borte einen Streifen mit einer fortlaufenden, wortweise an einer senkrechten Achse gespiegelten, blauen, unpunktierten arabischen Inschrift. Auch auf dem Schleier aus dem Grab Clemens II. (unter Nr. 3, DMB, Inv. Nr. 2728/3-8) finden sich als einzige Verzierung zwei eingewebte Streifen, auf denen sich fortlaufend, horizontal gespiegelt eine im textilen Kontext vergleichsweise klar lesbare, unpunktierte arabische Schrift in hellen kufischen Zeichen auf blauschwarzem Grund wiederholt. Auf der Rückseite erscheint die Inschrift invers. Das Gewebe der sog. Pius-Mitra (Nr. 6) zeigt in der Mitte des Samits eine fragmentierte arabische Inschrift, deren Bedeutung derzeit nicht entschlüsselt werden kann. Gerade der bei textilen arabischen Schriften typische Verzicht auf die Punktierung erschwert die Lesung5).

  1. Vgl. zu Besonderheiten textiler Inschriften allgemein Kohwagner, Inschriften 225-262. »
  2. Kohwagner, Kostbarkeiten 341-344; Kohwagner, Dorothea Hegner (in Druckvorbereitung). »
  3. An dieser Stelle geht ein herzlicher Dank für den kollegialen Austausch und die umfangreiche Unterstützung an Frau Kathrin Müller (Kommission für Semitische Philologie, München), Frau Reingard Neumann (Greven), Frau Isabelle Dolezalek (Freie Universität Berlin), Herrn Markus Ritter (Universität Wien) sowie Konrad Lorenz (Bamberg). Auch Frau Friederike Voigt (National Museums Scotland, Edinburgh) und Herrn Hashmat Hossaini (Humboldt Universität Berlin) ist für alle Tipps vielmals zu danken. »