Inschriften: Santa Maria dell’Anima

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 3: Santa Maria dell’Anima, Rom (2012)

Nr. 100† Santa Maria dell’Anima 1544

Beschreibung

Grabplatte für den Rotanotar und Anima-Provisor Johannes Sander aus Nordhausen in Thüringen. Ehemals im Boden des linken Seitenschiffes vor der damaligen Mariä Geburt-Kapelle, wurde die originale, vermutlich mit seinem Wappen1) versehene Marmorplatte im Jahr 1774 entfernt2) und durch eine neu angefertigte Grabplatte ersetzt3), die sich heute an vermutlich gleicher Stelle vor der seit 1770/80 dem hl. Johann Nepomuk geweihten Kapelle befindet (Plan Nr. 68).

Nach Chacon.

DIO 3, Nr. 100 - Santa Maria dell’Anima - 1544

 Santa Maria dell’Anima, Rom (Dr. Ingo Seufert) [1/2]

  1. DEO AETERNO OMNIPO(TENTI) IOANNES SANDER NORTHVSANVS GERMANE PROXIMVS SILVE NATVS DVRINGVS ERFVRDIE MAGVNTINE DIOCESIS CANONICVSa) L AN(NOS) CVRIALIS ROTAE NOTARIVS PRIME DOMVS HOSPITALIS TEVTONICO(RVM) VRBIS STRVCTOR ILIVSQ(VE) ET HVIVS CAPELLAE EXCVLTORb) CONSIDERANS HOMINEM VANITATI SIMILEM FRVSTRAQ(VE) TVRBARI ET FVGERE VELVT VMBRAM PRIVSQVAM ABIRET ET AMPLIVS NO(N) ESSET4) LXX[V]III AETATIS SVAE AN(NO) VIVENS HOC MONVMENTVM POSVIT AN(NO) SAL(VTIS) M D XXXIII VIX(IT) A(NNOS) LXXXIX DIES XXVIII OBIIT XIc) AVGVSTI M D XXXXIIIId)

Übersetzung:

Dem ewigen allmächtigen Gott. – Johannes Sander, gebürtig aus dem thüringischen Nordhausen in der Nähe des deutschen Waldes4), Kanoniker in Erfurt in der Mainzer Diözese, 50 Jahre lang Rotanotar an der Kurie, Erbauer und Ausstatter sowohl des Hauses Nr. 1 im deutschen Hospital der (Ewigen) Stadt, als auch dieser Kapelle, hat, die Vergänglichkeit des Menschen bedenkend, der sich vergeblich müht und gleichsam wie ein flüchtiger Schatten erscheint, vor seinem Weggang und Tod in seinem 78. Lebensjahr dieses Monument errichtet im Jahr des Heils 1533. – Er lebte 89 Jahre und 28 Tage und starb am 11. August 1544.

Kommentar

Laut seiner Grabinschrift wurde Johannes Sander am 14. Juli 1455 in der nordthüringischen, am Rande des Harz gelegenen Reichsstadt Nordhausen geboren. Ab 1476 studierte er zwei Jahre an der Universität Leipzig Jurisprudenz5), um sich dann dem geistlichen Stand zuzuwenden. Für das Jahr 1506 als Inhaber von sechs Vikarien in Nordhausen und Umgebung nachgewiesen, erlangte er 1508 ein gut dotiertes Kanonikat an der Liebfrauenkirche zu Erfurt. Vermutlich bereits seit 1494, sicher aber seit 1496, war Sander an der römischen Kurie tätig und gehörte dort bis 1542 dem 48köpfigen Notar-Kollegium der Rota6), dem höchsten kirchlichen Gerichtshof, an. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagierte sich Sander in ungewöhnlich intensiver Weise in der Anima-Bruderschaft. Am 10. Februar 1505 als Notar an der Rota („palatii causarum apostolici notarius“) beigetreten, stiftete er sogleich für den Bau der neuen Kirche zwei große Golddukaten7). Bereits zu Beginn des Jahres 1508 verpflichtete er sich vertraglich, das direkt an die Animakirche grenzende, infolge der Bauarbeiten an der Kirche baufällig gewordene Haus Nr. 1 in Erbpacht zu übernehmen und auf eigene Kosten neu zu errichten und auszustatten8). Wie auch heute noch unschwer zu erkennen, geriet das Haus prächtig9), und wohl auch aufgrund dieser Verdienste wurde Sander im Juli 1509 neben Wilhelm von Enckenvoirt als Regens zum zweiten der drei Provisoren der Anima gewählt mit der Hauptaufgabe der Vermögensverwaltung sowie der Finanzierung und Betreuung des laufenden Kirchenneubaus10). Zudem bestimmte ihn die Anima-Bruderschaft am 17. März 1513 als Nachfolger Enckenvoirts zum Provisor-Regens, ein Amt, das er in den Jahren 1521, 1526 und 1528 wiederholt ausübte11). Noch zu Lebzeiten kümmerte er sich um die Ausstattung der früheren Anselm-Kapelle12) im linken Seitenschiff, die er der Muttergottes widmete und als seine Grabkapelle bestimmte. Wie bei der benachbarten Barbara-Kapelle und der Markgrafen-Kapelle wurde auch hier der niederländische Meister Michael Coxcie mit der inzwischen verschwundenen Ausmalung13) betraut. Sander bedachte in seinem abschriftlich in Auszügen erhaltenen Testament14) nicht nur seine Kapelle mit einem großzügigen Legat, sondern regelte auch den Ablauf der Feier seines jährlich wiederkehrenden Todestages: Über seine Grabplatte vor der Marienkapelle – die er ja bereits im Alter von 78 Jahren hatte anfertigen lassen – soll das schwarze Bahrtuch der Anima gebreitet werden, an dessen vier Enden sollen je vier vierpfündige Kerzen brennen, auf dem Altar der Kapelle hingegen vier einpfündige aus weißem Wachs. Das Requiem soll von den Kaplänen gesungen und von einem Kaplan und Messdienern soll die Totenmesse zelebriert werden. Alle Beteiligten sollen dafür entlohnt werden, auch die armen Bettler. Johannes Sander starb im hohen Alter von 89 Jahren.

Textkritischer Apparat

  1. IOAN. SANDER NORTHVSANAE GERMANAE HERCINIAE SYLVAE PROXIMVS NATVS TVRINGVS ERFVRDIAE MOGVNTINENS(IS) DIOC(ESIS) CANON(ICVS) Schrader; NN. Inschriften.
  2. EXECVTOR Schrader.
  3. Laut Lib. Confr. 256 starb Sander am 12. August 1544.
  4. Befund 1544.

Anmerkungen

  1. Gespalten, rechts ein halbes Kreuz, links ein halber Reichsadler.
  2. Vgl. dazu Einleitung Kap. 6.
  3. Es handelt sich hierbei um eine hochrechteckige 200 x 98 cm messende Platte aus hellem Marmor, oben befindet sich das in Ritzzeichnung ausgeführte, mit barocker Rahmung versehene Wappen des Verstorbenen, darunter die in 19 Zeilen ausgeführte Grabinschrift. Dass es sich um eine Kopie handelt, lässt sich neben der zeitgenössischen Gestaltung des Wappens vor allem daran erkennen, dass die in einer ebenfalls zeitgenössischen Kapitalis eingehauene Inschrift die im 16. Jahrhundert völlig ungebräuchliche Schreibung des vokalischen U für V verwendet. Zudem ist der im Original anlässlich seines Todes zwangsläufig nachgetragene Teil der Inschrift ab VIXIT mit der Angabe des genauen Todesdatums zweifellos zur gleichen Zeit wie die vorhergehende Grabinschrift ausgeführt worden.
  4. Die Kernaussage der Grabinschrift basiert auf Ps. 144,4: „homo vanitati similis est, dies eius sicut umbra praetreunt“; freundlicher Hinweis PD Dr. Michael Oberweis, Schreiben vom 17. September 2012.
  5. Seit der Antike gebräuchlicher Name der deutschen Mittelgebirge, insbesondere der Sudeten und des Erzgebirges; hier ist sicherlich der Harz gemeint.
  6. Vgl. dazu und zum Folgenden die bis heute maßgebliche Monographie von Schäfer.
  7. Vgl. dazu Schuchard, Rotanotare 815f. – Im letzten Jahrzehnt seines Lebens fungierte er sogar als Dekan der Rotanotare.
  8. Lib. Confr. 117; vgl. die Transkription und das Faksimile seines eigenhändigen Eintrags bei Schäfer 20 Abb. 2.
  9. Vgl. dazu Schäfer 23-34 und zu den zahlreichen Inschriften der Casa Sander ausführlich Nr. 55.
  10. Vgl. zur architektur- und kunsthistorischen Einordnung (mit genauen Plänen) und zum heutigen Aussehen Iannaccone, La casa pass.
  11. Vgl. dazu Nr. 61. – Im Rahmen einer 1509 unter den Mitgliedern der Bruderschaft erhobenen Anleihe steuerte auch Sander 50 Dukaten zum Bau der Kirche bei, vgl. Schmidlin, Anima 256f.
  12. Unterstützt wurde er dabei von seinem aus Münster (Westfalen) stammenden Mitarbeiter Joachim Meynder, dessen (bislang noch unveröffentlichtes) Notizbuch aus den Jahren 1525 bis 1539 sich im Archiv der Anima erhalten hat (Misc. Lib. E tom. 13); vgl. dazu Schuchard/Schulz, Thomas Giese 88f.
  13. Vgl. Nr. 7.
  14. Vgl. Nr. 96.
  15. Vgl. zum Folgenden ASMA, Lib. Instr. 3 fol. 298, transkribiert bei Schäfer 93f.

Nachweise

  1. Chacon, Romanas Epitafios fol. 223v.
  2. Schrader 144.
  3. Rikemann S. 94.
  4. Magalotti fol. 693.
  5. Grabplatte (1774).
  6. Forster, Inschriften fol. 15.
  7. Forcella 3 Nr. 1098.
  8. NN., Inschriften fol. 291.
  9. Schäfer, Johannes Sander 71 mit Abb. 16 (Kopie).

Zitierhinweis:
DIO 3, Santa Maria dell’Anima, Rom, Nr. 100† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio003r001k0010002.