Die Inschriften der „deutschen Nationalkirche“ Santa Maria dell’Anima in Rom. Teil 1: Vom Mittelalter bis 1559.

5. Sprache und Schrift

Nr. 89  1529
 Dr. Eberhard J. Nikitsch | Nr. 89 1529

Wie in Rom nicht anders zu erwarten, sind in der Anima bis auf eine signifikante Ausnahme alle 120 Inschriften bis 1559 in lateinischer Sprache abgefasst68). Wie bereits erwähnt, dringen – vermutlich durch die beginnende Renaissance befördert – in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts allmählich auch versifizierte Inschriften in die in der Regel in Prosa verfassten Grabinschriften ein. Handelt es sich bei der ältesten, 1467 entstandenen Inschrift dieser Art noch um zwei unsicher überlieferte Distichen (Nr. 29), so bieten die zahlreichen folgenden, meist in elegischen Distichen verfassten Verse eindrucksvolle Beispiele gelehrter lateinischer, mit antiker Metaphorik spielender Grabdichtung. Zu unterscheiden sind dabei eigenständige, vollständig versifizierte Grabinschriften (Nrn. 34, 74, 103) von denen, die Verse und Prosa kombinieren (Nrn. 36, 46, 67, 69, 70, 78, 91, 97, 102, 108, 110, 117, 120).

Die schriftgeschichtliche Charakterisierung des in der Anima vorhandenen Bestandes steht vor dem Problem, dass sich aufgrund der großen Verluste des 15. Jahrhunderts keine allgemein gültigen Entwicklungslinien aufzeigen lassen, sondern allenfalls Einzelbeobachtungen möglich sind69). Da sich in der Anima die im nordalpinen Bereich für das 15. Jahrhundert so dominante gotische Minuskel weder real noch in kopialer Überlieferung nachweisen lässt, ist es umso bedauerlicher, dass sich die gerade in Rom so auffallend kurze Übergangsphase von der gotischen Majuskel zur renaissancezeitlichen Kapitalis70) gerade nur einmal ansatzweise fassen lässt. Zwar haben wir mit den beiden (allerdings nicht aus der Anima stammenden) Fragmenten (Nrn. 1 und 2) gute Beispiele für die von Rundungen geprägte Formensprache der gotischen Majuskel im 14. Jahrhunderts vor uns, charakterisiert durch Schaftverbreiterungen, Bogenschwellungen, die Bevorzugung runder Gestaltung selbst kapitaler Formen und der Tendenz zur Abschliessung offener Buchstaben. Doch bereits bei der ersten erhaltenen, aus der Anima stammenden Inschrift aus dem Jahr 1432 (Nr. 6) handelt es sich um eine stark von kapitalen Formen geprägte Schrift. Entsprechend ihrer antiken Vorbilder ist sie zwar in gleichmäßiger Strichstärke ausgeführt, zeigt aber doch sowohl durch ihre keilförmig verbreiterten Schaft- und Balkenenden als auch durch vermeintlich geringe Abweichungen wie etwa ein halbhoher Mittelteil bei M und eine geschwungene und stark einwärts gekrümmte Cauda bei R durchaus noch Anklänge an die Formensprache der gotischen Majuskel. Andererseits wird durch den vollständigen Verzicht auf die Verwendung runder Formen sowie auf abgeschlossene Buchstaben und Bogenschwellungen zweifellos angezeigt, dass es sich hier bereits um eine im Kern ausgebildete Renaissance-Kapitalis handelt. Da sich Kapitalis dieser Art in Rom erstmals auf der Grabplatte der 1425 verstorbenen Andreozza Normanni in Santa Maria in Aquiro einigermaßen gesichert nachweisen lässt71), handelt es sich bei dem Beispiel aus der Anima sogar um einen verhältnismäßig frühen Beleg. Vierzig Jahre später lässt sich bei den fünf Buchstaben des kurz nach 1484 entstandenen Wappensteins mit der Devise Kaiser Friedrichs III. (Nr. 43) eine deutliche Veränderung beobachten. Die exakt gehauenen Buchstaben orientieren sich nun an der klassischen Antike72), sie sind mit einer (wenn auch kaum wahrnehmbaren) Linksschrägenverstärkung versehen, die bei der Schattenachse des O ein wenig stärker ausgeprägt ist. Zudem zeigt E in Übereinstimmung mit den antiken Vorbildern drei gleichlange Balken. Geringe Abweichungen von der idealen Form sind bei den an der Casa Sander im Jahr 1508 angebrachten Inschriften (Nr. 55) zu beobachten. Sie sind ebenfalls mit kaum merklicher Linksschrägenverstärkung in einem breiten Duktus und ausgewogenen Proportionen ausgeführt und weisen an den Buchstabenenden nur schwach ausgebildete Serifen auf. Auffällig sind dabei das sehr spitz zulaufende A mit Mittelbalken, E mit leicht verlängertem unteren Balken und R mit stachelförmiger Cauda. Dagegen findet sich eine deutlich ausgeprägte Linksschrägenverstärkung bei der Widmungsinschrift über dem Portal der Anima-Kirche (Nr. 61), deren monumentale Buchstaben interessanterweise nach dem Vorbild der Bauinschrift des 1513 fertiggestellten Palazzo della Cancelleria angefertigt worden sind. Auffallend dünnstrichig ausgeführt, aber breit proportioniert mit einer gerade noch angedeuteten Linkschrägenverstärkung, zeigt sich die Kapitalis auf einer 1516 entstandenen Tafel (Nr. 64), die ehemals über dem Eingang zum Hospital angebracht war.

Mit jedem weiteren Beispiel aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird die erstaunliche Variationsbreite der Kapitalis deutlich, die natürlich auch den verschiedenen Händen der ausführenden Werkstätten zu verdanken ist. So sind etwa bei der 1518 gehauenen Grabinschrift für die Anima-Provisoren Bernhard Sculteti und Johannes Knibbe (Nr. 69) Schaft-, Balken- und Bogenenden keilförmig verbreitert, E zeigt einen deutlich verkürzten Mittelbalken und R eine raumgreifende, leicht nach innen gebogene Cauda, die weit außen am Bogen ansetzt. Dagegen ist die Cauda des R in der Inschrift des 1523 verstorbenen Camillo Eliazario stachelförmig (Nr. 73) ausgeführt, zudem weist das L einen auffällig verkürzten Balken auf. Mit der Schaftverlängerung am oberen Schrägschaft des N lässt sich erstmals auf dem Epitaph des 1525 verstorbenen Bartolomeo Saliceto (Nr. 79) eine deutlich von antiken Formen abweichende Neuerung beobachten. Weitere Neuerungen zeigen sich mit erhöhten Versalien erstmals bei dem Epitaph des 1528 in der Anima beigesetzten Melchior von Frundsberg (Nr. 87), auffällig sind hier zudem M mit klassizierendem, bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil, Q mit auffällig weit nach rechts ausgezogener Cauda und T mit weitem, sich über zwei Buchstaben erstreckenden Balken. Daneben ist es wenig erstaunlich, dass sich die Inschriften am 1529 fertiggestellten monumentalen Epitaph für Papst Hadrian VI.(Nr. 89) wieder verstärkt an den klassisch-augustäischen Formen orientieren. Sowohl die beiden in monumentalen erhabenen Bronzelettern ausgeführten Papstnamen im Boden vor dem Epitaph und auf dem Sarkophag, als auch die beiden anderen, konventionell eingehauenen Inschriften weisen den gleichen weit spationierten Schriftduktus aus. Die feinstrichig ausgeführten Buchstaben sind mit kräftigen Serifen und einer dezenten Linksschrägenverstärkung versehen. Klassisch ist die Gestaltung des E mit (fast) gleich langen Balken, M mit bis auf die Grundlinie reichendem Mittelteil und P mit offenem Bogen. Weitere Varianten der Renaissance-Kapitalis zeigen sich auf der Grabplatte des 1534 verstorbenen Bischof Paulus von Middelburg (Nr. 93), hier fehlt etwa bei B der Mittelteil, G hat lediglich eine bogenverstärkte Cauda, zudem wird offenes P und offenes R eingesetzt. Die Inschrift auf dem 1538/40 fertiggestellten Grabdenkmal für Kardinal Wilhelm van Enckenvoirt fällt ebenso durch großzügig gesetzte Buchstaben- bzw. Wortabstände auf wie durch die quadratischen Proportionen einzelner Buchstaben. E und F zeigen einen leicht verlängerten unteren bzw. oberen Balken, rudimentäre obere Schaftverlängerung beim linken Schrägschaft des M sowie beim Schrägschaft des N, dazu offenes P und R mit weit außen am Bogen angesetzter Cauda. Als Worttrenner dienen Dreiecke mit halbkreisförmig ausgezogener, bis zur Grundlinie verlängerter unterer Spitze. Ebenfalls weit spationiert ist die Inschrift auf dem 1550 hergestellten Epitaph des Georg Sauermann (Nr. 106), hier fällt vor allem die QVE-Kürzung auf, die durch einen kräftigen rechtsschrägen Strich durch die linksschräge Cauda des Q angezeigt wird. Ähnliche Formen sind bei weiteren Grabdenkmälern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zu beobachten (Nrn. 108, 109, 118, 119).

Zitationshinweis:

DIO 3, Santa Maria dell’Anima, Einleitung, 5. Sprache und Schrift (Eberhard J. Nikitsch), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio003r001e008.

  1. Vgl. zu den vereinzelten Ausnahmen in spanischer, französischer und italienischer Sprache Koch, Epigraphik 36 Anm. 59. – Im Bereich der Anima sind bis jetzt lediglich zwei deutschsprachige Inschriften bekannt geworden, eine verschollene Spruchinschrift aus dem Jahr 1516 (Nr. 65) und eine den hl. Nepomuk anrufende Inschrift aus dem Jahr 1888, die heute im Innenhof des Priesterkollegs vermauert ist.  »
  2. Vgl. dazu die Kommentare in den einzelnen Katalogartikeln. – Zur spätmittelalterlichen Schriftentwicklung in Rom vgl. ausführlich Koch, Epigraphik pass. »
  3. „Im vierten Jahrzehnt [des 15. Jahrhunderts] drang die Renaissance-Kapitalis schlagartig in großem Umfang in die Inschrift ein und verdrängte fast völlig die gotische Majuskel“, so Koch, Epigraphik 32; vgl. auch die dies verdeutlichende Graphik bei dems. Grabinschriften mit Abb. IV S. 453 sowie bereits die entsprechenden Beobachtungen bei Kajanto, Origin 16 und ders., Studies 14f. »
  4. Vgl. dazu Kajanto, Origin 13 mit Abb. 2 und Koch, Spätmittelalterliche Grabinschriften 459. »
  5. Man orientierte sich offensichtlich an der klassischen Form der römischen Monumentalschrift, wie sie sich in der augustäischen Zeit herausgebildet hatte. Während zuvor die Buchstaben stets in gleicher Strichstärke ausgeführt waren, war man durch die neue Technik des Einmeißelns mittels einer beidseitig ausgeführten Kerbe in der Lage, die Stärke der nun spitz zulaufenden Kerben zu variieren. Schäfte und Balken wurden dabei streng senkrecht bzw. waagerecht ausgeführt, Bögen als genaue Kreissegmente mit dem Zirkel gezogen und die Buchstaben insgesamt so gestaltet, dass sie ein Quadrat bildeten; vgl. dazu Meyer, Einführung 37ff. »