Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 440† St. Goar, Burg Rheinfels 1683

Beschreibung

Silberbecher mit gravierter Stiftungsinschrift, sogenannter Dritter Hansenbecher. Der bis dahin gut erhaltene Becher wurde am 5. Mai 1996 aus einer Vitrine des Museums auf Schloß Rheinfels gestohlen1) und gilt seitdem als verschollen. Der auf drei Kugeln ruhende, eimerförmige Silberbecher trägt einen abnehmbaren, mit Fruchtgehängen verzierten Deckel mit kugeligem Knauf und ist außen mit drei großen getriebenen Reiterreliefs verziert, die von Fruchtgehängen umrahmt werden. Die eingravierte Inschrift läuft einzeilig zwischen Doppellinien am oberen Lippenrand um. Im Boden sind nebeneinander drei winzige Marken2) punziert. Von dem teilvergoldeten Becher existieren neben einer Replik aus Silber3) zahlreiche weitere unmaßstäbliche aus Zinn.

Nach der Silber-Replik.

Maße: H. 19 (mit Deckel), Dm. 11, Bu. 0,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

Hansenbecher III

 Dr. Eberhard J. Nikitsch (ADW) [1/1]

  1. ·a) EX MUNIFICENTIA SERENISS(IMI) D(OMINI) D(OMINI) ERNESTI HASSIAE LANDGRAVII RHENOFELSENSIS · A(NN)Ob) · 1683

Übersetzung:

Aus Wohltätigkeit des erlauchten Herrn, Herrn Ernst, des Landgrafen von Hessen-Rheinfels, im Jahr 1683.

Kommentar

Die in regelmäßiger Konturschrift ausgeführte Kapitalis zeigt Linksschrägenverstärkung bei A, N und X sowie Ansätze zu Bogenverstärkung; beides könnte man als Streben nach klassizierendem Duktus deuten.

Der 1623 geborene Landgraf Ernst4), einer der zahlreichen Nachkommen des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel, begründete 1648/49 die (seit 1652) katholische Linie Hessen-Rheinfels(-Rotenburg) und wählte als Residenz die über St. Goar gelegene Burg Rheinfels. Der Überlieferung nach soll der bis 1693 regierende Landgraf den silbernen Becher anläßlich seiner Aufnahme in den Hansenorden5) gestiftet haben. Nach dem Verlust der beiden älteren Hansenbecher6) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieser Becher - bis zu seinem Diebstahl - für die Aufnahmezeremonie verwendet; zudem dient er dem heutigen Hansenorden als Wahrzeichen. Aufgrund seiner charakteristischen Form mit den drei Kugeln als Standvorrichtung dürfte es sich um eine Nürnberger7) bzw. Augsburger8) Arbeit handeln.

Textkritischer Apparat

  1. Textbeginn nach einer Rosette.
  2. O klein hochgestellt.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu die Berichte im Hansenblatt 49 (1996) 39 und 50 (1997) 53. - Der Becher wurde auf das Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes für das Jahr 1997 mit den 12 meistgesuchten Kunstwerken Deutschlands aufgenommen.
  2. Eine Rosette, ein Pinienzapfen, unkenntlich. - Der Pinienzapfen deutet auf ein Augsburger Beschauzeichen; vgl. dazu Rosenberg, Merkzeichen 30.
  3. Die in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts angefertigte Replik befindet sich in Verwahrung bei dem jeweiligen Hansenmeister, gegenwärtig bei Herrn Dipl.-Ing. Rudolf Ackermann, dem ich herzlich für die Gelegenheit zur Autopsie am 7. September 2000 danke.
  4. Vgl. dazu und zum folgenden Europ. Stammtafeln NF I Taf. 98 und 101 sowie Grebel, St. Goar 129ff.
  5. So Grebel.
  6. Vgl. Nrr. 239 und 240.
  7. Vgl. dazu Pechstein, Goldschmiedekunst 310.
  8. Vgl. dazu Ensgraber/Kahl, Hansenbecher pass.

Nachweise

  1. Grebel, St. Goar 325.
  2. Grebel, Rheinfels 355.
  3. Rhein. Antiquarius II 7, 266.
  4. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 631.
  5. Heyl, Hansel-Orden pass.
  6. Knab, St. Goar mit Abb. S. 203.
  7. Titelblatt Hansenblatt 1 (1963) bis 10 (1967)
  8. Hungenberg, Vom "Hansen" 334 mit Abb. 3.
  9. Betrachtungen 5.
  10. Hansen-Blatt 50 (1996) 35f. mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 440† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0044009.