Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 410† Boppard, ehem. Benediktinierinnen-Kl. Marienberg vor 1665?, 1665, 1671

Beschreibung

Zwölf Glasfenster mit Stifterinschriften, Wappen und figürlichen Darstellungen in der zwischen 1663 und 1671 wiederhergestellten Klosterkirche1). Im Jahr 1773 durch d'Hame in Abschrift und mit Standortangaben überliefert, dürften sämtliche Fenster dem Abbruch der Kirche im Jahr 1802 zum Opfer gefallen sein. Vermutlich waren die meisten Glasscheiben nur mit dem Wappen des Stifter und der zugehörigen Namensinschrift versehen, nur einmal wird eine figürliche Ausschmückung mit der Marienklage (VII) erwähnt. Im Folgenden orientiert sich die Abfolge der Inschriften an der Überlieferung bei d'Hame: Beginnend mit den drei Chorfenstern (I-III) werden von Ost nach West nacheinander fünf mit Glasmalerei geschmückte Fenster der Nordseite aufgeführt (IV-VIII), dann von West nach Ost vier Fenster der Südseite (IX-XII). Zumindest ein weiteres Fenster der Nordseite scheint keine Glasmalereien enthalten zu haben, während die geringe Anzahl von Stifterscheiben auf der Südseite damit zu erklären sein dürfte, daß hier Teile der Kirche von angrenzenden Gebäuden des Kreuzgangs verdeckt gewesen waren1).

Nach d'Hame.

I. und II. Stifterinschrift mit Jahreszahl und zwei Wappen der Familie des Stifters in den beiden Chorfenstern hinter dem Hochaltar.

  1. Damian Hartard freÿher von der Leÿen dhomprobst zu Trier anno 1665

 
Wappen:
von der Leyen.

Der 1624 als Sohn des kurtrierischen Landhofmeisters Damian von der Leyen2) und der Anna Katharina Waldbott von Bassenheim geborene Damian Hartard wurde 1653 in den Freiherrenstand erhoben und erlangte nach verschiedenen hohen geistlichen Ämtern in Trier, Koblenz und Köln 1675 die Würde des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz3). Seine damalige Verbindung zum Kloster Marienberg dürfte mit den zahlreich dort als Nonnen lebenden Damen aus den verschiedenen Familienzweigen derer von der Leyen zusammenhängen. Darunter befand sich auch Eva Margareta von der Leyen4), die damalige Priorin des Klosters, die zusammen mit ihrer Cousine Eva Cordula ebenfalls ein Fenster stiftete (s. Fenster Nr. VII).

III. Wappen (ohne Stifterinschrift) im dritten Fenster des Chors.

 
Wappen:
Walderdorff.

IV. Stifterinschrift mit Jahreszahl und Wappen im Fenster über der nordseitig angebauten Sakristei.

  1. Eva Greiffenclau von Volraths Abbatissa Anno 1665

 
Wappen:
Greiffenclau zu Vollrads

Die 1608 als Tochter des späteren Kurmainzer Vizedoms im Rheingau Heinrich Greiffenclau zu Vollrads5) und der Maria von Eltz geborene Eva6) trat im Jahr 1627 zusammen mit ihrer etwas älteren Schwester Catharina Elisabetha7) als Nonne ins Kloster Marienberg ein. Im April 1655 zur Äbtissin des Klosters gewählt, regierte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1688.

V. Stifterinschrift mit Wappen im westlich anschließenden Fenster über dem Kreuzaltar.

  1. Friderich Greiffenclau von Volraths Chur=mäintzischer geheimer Rath und Vice Dhom im Rheingau

 
Wappen:
Greiffenclau zu Vollrads

Der Stifter, der um 1602 geborene ältere Bruder5) der oben genannten Äbtissin, war zunächst Domherr zu Speyer und Mainz, nach seiner Resignation ab 1638 Rheingauer Vizedom und damit dortiger Statthalter des Erzbischofs von Mainz. Da Friedrich gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Georg Philipp (s. Fenster Nr. VI) am 7. Juni 1664 in den Freiherrenstand erhoben wurde, müßte die Inschrift vor diesem Datum konzipiert und auch ausgeführt worden sein.

VI. Stifterinschrift mit Wappen im westlich anschließenden Fenster.

  1. Georgius Philippus Greiffencla von Volraths Churmaintzischer Geheimer Rath und oberamptmann zu Königstein

 
Wappen:
Greiffenclau zu Vollrads

Der Stifter, der 1620 geborene jüngere Bruder5) der oben genannten Äbtissin, war Kurmainzer Oberamtmann der Herrschaft Königstein im Taunus und setzte in zwei Ehen durch zahlreiche Nachkommenschaft die 1664 in den Freiherrenstand erhobene Familie fort. Wie bei seinem Bruder Friedrich (s. Fenster Nr. V), müßte auch diese Stifterinschrift vor diesem Datum abgefaßt worden sein.

VII. Zwei Stifterinschriften mit Wappen und Jahreszahl im daran westlich anschließenden, zweigeteilten Fenster, mit dem auf der Südseite der Bereich des Nonnenchors eröffnet wurde. Im oberen Teil des Fensters war die Stifterin als kniende Nonne betend vor der schmerzhaften Muttergottes dargestellt, darunter vier Ahnenwappen und die Stifterinschrift (A). Im unteren Teil des Fensters befanden sich ebenfalls vier Ahnenwappen und die Stifterinschrift (B), offenbar ohne weitere figürliche Darstellung.

  1. A

    Eva Margaretha von der Leÿen, Conventualin des adelichen jungfräulichen Closter Sankt Marienberg beÿ Boppardt Anno 1665a)

  
Wappen:
von der Leyenvon Orsbeck
von Eltzvon dem Bongart

  1. B

    Eva Cordula von der Leÿen Conventualin des adelichen jungfrau Closter Sankt Marienberg beÿ Boppart 1665a)

  
Wappen:
von der Leyenvon dem Bongart
EltzBeissel von Gymnich

Die beiden Stifterinnen waren Cousinen, die bereits im Jahr 1660 mit einer Altarstiftung8) zur Ausstattung der Klosterkirche beigetragen hatten. Erstaunlicherweise verzichteten sie bei ihrer Fensterstiftung auf die Nennung ihrer Funktionen: Eva Margareta war immerhin die Priorin des Klosters, Eva Cordula die Sangmeisterin.

VIII. Zwei Stifterinschriften mit Wappen und Jahreszahl im daran anschließenden Fenster.

  1. Ludwig Gustav Graff von Hohenlohe und Herr zu Langenburg und Reichs Hoffrat Anno 1671 Anna Barbara Gräffin von Hohenlohe und Frau zu Langenburg gebohrene freÿin von Schönborn Anno 1671

 
Wappen:
HohenloheSchönborn

Der Anstoß zur Stiftung des Fensters durch das seit 1668 miteinander verheiratete Ehepaar9) dürfte von Anna Barbara ausgegangen sein, deren Eltern und Brüder weitere vier Fenster auf der Südseite der Klosterkirche stifteten.

IX. Stifterinschrift mit Wappen im ersten Fenster von Westen auf der Südseite der Klosterkirche.

  1. Melchior Friderich frÿherr von Schönborn der Römischen Käiserlichen majestaet Cämmerer und Reichs Hoffrath

 
Wappen:
Schönborn

Melchior Friedrich10), 1644 geborener Sohn des Philipp Erwein Freiherr von Schönborn und der Maria Ursula Greiffenclau zu Vollrads, dürfte das Fenster sicherlich auf Veranlassung seiner Mutter (s. Fenster Nr. X) gestiftet haben, die Schwester der ebenfalls als Stifterin auftretenden Äbtissin Eva Margareta Greiffenclau zu Vollrads (s. Fenster Nr. IV).

X. Stifterinschrift mit Wappen im östlich daran anschließenden Fenster.

  1. Freÿherr von Schönborn Ambtmann zu Steinheim und Maria Ursula freÿfrau von Schönborn Wittib gebohrene Greiffenclauin von Volraths

 
Wappen:
SchönbornGreiffenclau zu Vollrads

Philipp Erwein Freiherr von Schönborn11), Bruder des Mainzer Erzbischofs Johann Philipp und Kurmainzer geheimer Rat und Oberamtmann zu Steinheim am Main, war seit 1635 mit Ursula Maria Greiffenclau zu Vollrads verheiratet, der Schwester der seit 1655 das Kloster Marienberg regierenden Äbtissin Eva Greiffenclau zu Vollrads. Da Philipp Erwein bereits im November 1668 verstorben war, dürfte die undatierte Inschrift vorher konzipiert und angefertigt worden sein.

XI. Stifterinschrift mit Wappen im anschließenden Fenster.

  1. Frantz Georg Freÿherr von Schönborn Dhom=Custos und Cämmerer zu Maÿntz Dhom=Herr zu Würtzburg Probst des Kaÿserlichen Stiffts Sankt Bartholomaei zu Franckfurt

 
Wappen:
Schönborn

Der 1639 geborene, die geistliche Laufbahn verfolgende Franz Georg war ein weiterer Sohn des Ehepaars Philipp Erwein Freiherr von Schönborn und Ursula Maria Greiffenclau zu Vollrads (s. Fenster Nr. X).

XII. Stifterinschrift mit Wappen im anschließenden Fenster.

  1. Johann Philips Freÿherr von Schönborn des Hospitals Sankt Johannis Orden zu Maltha Ritter auch hoch Fürstlichen Würzburgischen Rath und Ober=Ambtmann zu Carlstatt

 
Wappen:
Schönborn

Auch der 1642 geborene Johann Philipp war ein Sohn des oben genannten Ehepaars (s. Fenster X).

Da das Kloster im 30jährigen Krieg schweren Schaden genommen hatte und zudem die Kirche baufällig geworden war, so daß das Gewölbe „in der ganzen Länge vom Fräuleinchor zum Hochaltar“12) einzustürzen drohte, war eine grundlegende Wiederherstellung notwendig geworden, die offenbar auch die Neuverglasung der Fenster vorsah. Durch die gut überlieferten Stifterinschriften in den Fenstern erweist sich diese zwischen der Mitte der sechziger Jahre und 1671 erfolgte Neuausstattung als das gemeinschaftliche Werk der damaligen Äbtissin Eva von Greiffenclau zu Vollrads, ihrer Priorin Eva Margareta von der Leyen und beider Familien. Während die Priorin ihre mit im Kloster lebende Cousine und einen weitläufigen Verwandten als Stifter aktivieren konnte, veranlaßte die Äbtissin ihre Eltern, eine ihrer Schwestern und deren Ehemann sowie zwei ihrer Brüder dazu, jeweils ein Fenster zu stiften. Auch das mit dem Wappen Walderdorff bezeichnete Chorfenster dürfte aus der Familie stammen, da ihre erst 1678 verstorbene Tante Maria Magdalena mit Johann Peter von Walderdorff verheiratet war13).

Textkritischer Apparat

  1. Emmendiert aus 1656.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu die zeichnerische Wiedergabe der Kirche vor dem Brand von 1738 mit der Position der Fenster bei d'Hame I, 1 (abgedruckt bei Pauly, St. Severus 102).
  2. Vgl. zum Folgenden Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 40 und 41 sowie Laufer, Damian Hartrad pass.
  3. Vgl. zu seinen drei unterschiedlichen Grabdenkmälern im Mainzer Dom Arens, Mainzer Inschriften I Nrr. 1648-1650 sowie Bratner, Grabdenkmäler pass.
  4. Vgl. Nr. 415.
  5. Vgl. dazu und zum Folgenden Europ. Stammtafeln NF XI Taf. 47.
  6. Vgl. Nr. 449.
  7. Vgl. Nr. 399.
  8. Vgl. dazu Nr. 412 mit der genealogischen Einordnung beider Nonnen.
  9. Vgl. dazu Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 140.
  10. Vgl. dazu und zum Folgenden Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 139 und 140.
  11. Vgl. dazu und zum Folgenden Europ. Stammtafeln NF IV Taf. 139 und NF 11 Taf. 47.
  12. So Rhein. Antiquarius 336.
  13. Vgl. dazu Walderdorff, Stammreihe 463

Nachweise

  1. d'Hame, Confluvium II 2, 619-627. – Rhein. Antiquarius II 5, 336f. – Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 159f. – Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 275.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 410† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0041008.