Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 383 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau 1.H.17.Jh.

Beschreibung

Dreiflügeliges Altarretabel mit Szenen aus der Passion und der Verherrlichung Christi. Vermutlich aus einer der zahlreichen Oberweseler Kirchen bzw. Kapellen stammend1), ist es erstmals 1933 in St. Martin nachgewiesen und wurde nach 1945 an der Innenwand des südlichen Seitenschiffs von Liebfrauen angebracht. Ölmalerei auf Holz, Außenseiten unbemalt. Auf der Innenseite werden die Szenen in zwei Registern mit insgesamt siebzehn hochrechteckig gerahmten Bildern dargestellt, wobei die Schreinmitte durch die (den Platz von vier Einzelbildern einnehmende) Kreuzigungsszene mit Titulus (A) betont wird. Kommentiert wird diese durch eine in schwarzer Farbe gemalte Bibelparaphrase (B) auf der oberen und durch ein ebenso angebrachtes zweizeiliges Bibelzitat (C) auf der unteren Rahmenleiste der Mitteltafel. Die übrigen, in weißer Farbe ausgeführten Inschriften befinden sich auf einem schmalen Streifen zwischen beiden Bilderreihen und beziehen sich stets auf das jeweils obere Bild. Die Erzählung beginnt am linken Flügel oben mit dem Letzten Abendmahls (mit nur 7 Aposteln) (D) und der Fußwaschung (E), setzt sich auf der Mitteltafel mit der Ölbergszene (F), dem Judaskuß (G) sowie der Vorführung vor Pilatus und der Verspottung Christi mit einer gemeinsamen Inschrift (H) fort und läuft anschließend in den oberen Feldern des rechten Flügels mit der Geißelung (I) und der Vorführung Christi vor Kaiphas (K) weiter, bevor die acht Bilder der unteren Reihe einschließlich des registerübergreifenden Mittelbildes (Dornenkrönung, Ecce-Homo-Szene, Kreuztragung, Kreuzannagelung, Kreuzigung, Kreuzabnahme, Grablegung, Auferstehung und Höllenfahrt) ohne erklärende Inschriften folgen. Obwohl das Retabel insgesamt gut erhalten ist und offenbar noch nicht grundlegend restauriert wurde, dürften die Buchstaben übermalt worden sein.

Maße: H. 143, B. 401, Bu. 2,5 (B-C), 1-1,5 cm (D-K).

Schriftart(en): Kapitalis, gemalt (A-D), humanistische Minuskel (E-K).

Christusretabel

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/3]

  1. A

    · I(ESVS) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDEORVM)2)

  2. B

    IPSE VVLNERAT(VS) PROPTER INIQVITATES NOSTRAS ATTRITVS EST PROPTER SCELERA NOSTRA ·

  3. C

    PLACEBIT DEO SACRIFICIVM HOC SVPER VITVLVM NOVELLVM CORNVA PRODVCENTEM ET VNGVLAS / VIDEANT PAVPERES ET LAETENTVR PSAL(MVS) 683) ·

  4. D

    ACCIPITE ET MANDV/CATE EX HOC OMNES4) ·

  5. E

    Exemplum Dedi vobis5)

  6. F

    Factus in agonia prolixius / orabat6) ·

  7. G

    Captus e(st) in peccatis nostris / threnorum · 4 cap(ut)7)

  8. H

    Corpus meum dedi percutientibusa) et genas meas vellentibus / · Isaia cap(ut) 508) ·

  9. I

    Quoniam ego in Flagella parat(us)9)

  10. K

    Ductus ad occisionem10) ·

Übersetzung:

(B) Er selbst ist verwundet worden wegen unserer Sünden, mißhandelt wegen unserer Verbrechen. - (C) Dies Opfer wird Gott mehr gefallen als ein junger Stier, dem Hörner und Hufe wachsen. Die Armen sollen es sehen und sich freuen. - (D) Nehmt und eßt alle davon. - (E) Ich habe euch ein Beispiel gegeben. - (F) Als ihn die Todesangst befiel, betete er inständiger. - (G) Gefangen wegen unserer Sünden. - (H) Meinen Leib gab ich den Schlagenden hin und meine Wangen den Raufenden. - (I) Denn ich bin der Geißelstreiche gewärtig. - (K) (Wie ein Lamm) zur Schlachtbank geführt.

Kommentar

Die auffälligen Schwankungen der Strichstärke der in Kapitalis ausgeführten Buchstaben sind wohl auf ausbessernde Nachmalungen zurückzuführen. Der Schriftwechsel von Kapitalis zu humanistischer Minuskel hätte wohl schon bei der ersten Bildbeischrift durchgeführt werden sollen.

Die die einzelnen Szenen der Passion kommentierenden Bildbeischriften sind nicht nur den einschlägigen Stellen des Neuen Testamentes entnommen, sondern zitieren auch vorausdeutende Passagen des Alten Testamentes. Die Bibelparaphrase (B) könnte aufgrund der signifikanten sprachlichen Formulierung in Zusammenhang mit paraliturgischen Frömmigkeitsübungen - wie etwa Kreuzwegandachten11) - zu sehen sein. Die verwendeten Motive gehen teilweise auf holländische und flämische Stichvorlagen des 16. und 17. Jahrhunderts zurück12). Die fehlende Predella des Retabels dürfte aufgrund der inhaltlichen Bezüge in dem heutigen Unterbau13) des Martha-Altars zu suchen sein. Die Datierung orientiert sich an der kunsthistorisch getroffenen Einordnung, die durch die verwendeten Schriftformen, insbesondere durch das Fehlen des runden U, unterstützt wird.

Textkritischer Apparat

  1. perentientibus Kdm.

Anmerkungen

  1. Vgl. die Hinweise bei Kdm. - Zudem ist weder für St. Martin noch für Liebfrauen ein Passionsaltar nachgewiesen; vgl. dazu Pauly, Stifte 324f. und 417f.
  2. Joh 19,19.
  3. Ps 68,32f. (teilw.).
  4. Mt 26,26f. (teilw.).
  5. Joh 13,15 (teilw.).
  6. Lk 22,43 (teilw.).
  7. Klgl 4,20 (teilw.).
  8. Jes 50,6 (teilw.).
  9. Ps 37,18 (teilw.).
  10. Apg 8,32 (teilw.)
  11. Freundlicher Hinweis meines Bonner Kollegen Clemens M. M. Bayer, M.A.
  12. Vgl. dazu Kdm. 302.
  13. Vgl. die folgende Nr.

Nachweise

  1. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 299 mit Abb. 175-177.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 383 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0038305.