Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 283 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau 1605

Beschreibung

Kenotaph für Johann Friedrich von Schönburg auf Wesel, eingelassen in die Südwand des nördlichen Seitenchors. Fragmentarische Ädikula aus hellem Sand- bzw. Tuffstein. Seitliche Lisenen mit jeweils vier heute verlorenen Wappen und Beischriften rahmen eine flache Rechtecknische, vor deren mit einer Draperie gefüllten Hintergrund das nahezu vollplastische Hüftbild des Verstorbenen steht. Johann Friedrich trägt eine zeitgenössische Prunkrüstung mit Schärpe und Kette, Helm und Handschuhe sind zur Linken abgelegt. Vom ehemaligen Giebel haben sich nur noch der bekrönende Totenschädel, seitliche Voluten mit Fruchtgehängen und eine ovale Schiefertafel mit der 17zeiligen Inschrift (A) erhalten. Im Unterhang befindet sich eine querovale Kartusche mit vorliniertem, ehemals rot gefaßtem Bibelzitat bzw. einer Bibelparaphrase (B). Das wohl im Verlauf des 19. Jahrhunderts stark beschädigte Epitaph1) wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt wieder zusammengesetzt, ohne daß man die fehlenden Hände (und anderes) ergänzt hätte. Fünf der ehemals acht Wappen sind noch auf einem Foto des Jahres 1980 zu sehen.

Maße: H. 200 (frgm.), B. 150, Bu. 2,5 (B) cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

Kenotaph des Johann Friedrich von Schönburg auf Wesel

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/2]

  1. A

    DER EDEL GE=/STRENG, VND VESTE / IOHAN FRIDERICH · V(O)N · SCHO(N)=/BVRCK SO IN VNGER(N) WIDER DE(N) / ERBFEI(N)D CRISTLICHESa) NAMESb) ALS / EIN FENDERICH SICH RITERLICH / GEBRAVCHT IST IM 27. IAR SEI(N)ES ALTERSc) / V(N)D BLVE(N)DER IVGE(N)Td) I(N) VNGER(N) IM CRIST=/LICHE(N)e) KEISERLICHE(N)e) FELTLEGER IN / WAHRER CRISTLICHERf) RELIGIO(N)g) VND / AN- RVFV(N)G GOTTES D(E)N 24. FEBRVARII / A(NN)Oh) . 1605 . SELIGe) IM HER(N) E(N)TSCHLAFFEN / V(N)D FOLGE(N)S ZV EPERIES ZVR ERDE(N) BE=/STAT WELCHER WEIL ER EI(N) GVDE(N) / KA(M)PF GEKEMPET V(N)D SEI(N) LAVF / VOLLE(N)T IST IM BEIGELEGT / DIE CRO(N) DER GERECH=/TIGHKEITT2)

  2. B

    VITA MIHI CHRISTVS. / MORS LVCRVM3). CAETERA LVD(VS) NAM DABITVR. DOMINI CUL=/MEN ADIRE THRONI

Übersetzung:

Christus ist mir Leben, der Tod Gewinn, alles Übrige Spiel. Denn es wird mir gestattet werden, zum höchsten Thron des Herrn zu gelangen.

Versmaß: Distichon (B).

Wappen4):
[Schönburg auf Wesel (Stamm IIb)][Riedesel von Bellersheim]
Langeln5)Göler von Ravensburg
Wallbrunnfehlt
Grorodunbekannt6)

Kommentar

Während die in Sandstein gehauene Kapitalis der Inschrift (B) außer M mit schräggestellten Schäften und niedrigem Mittelteil keine besonderen Formen aufweist, sind einzelne Buchstaben der sorgfältig in Schiefer ausgeführten, an Nexus litterarum reichen und zum Teil mit erhöhten Versalien versehenen Hauptinschrift aufwendiger gestaltet: G mit eingestellter Cauda, N mit nach rechts unter die Grundlinie verlängertem, spitz zulaufendem Schrägschaft, O mit linksschräger Achse, V und verschränktes W jeweils mit gebogenem linkem Schrägschaft und sehr spitz auslaufenden Sporen. Worttrenner fehlen.

Der als junger Mann dargestellte Johann Friedrich war der zweite von fünf Söhnen aus der Ehe Meinhards I. von Schönburg auf Wesel mit Dorothea Riedesel von Bellersheim, geb. Göler von Ravensburg7). Aus dem Erbe seines 1596 verstorbenen Vaters erhielt er zwei Jahre später Haus und Hof zu Bacharach und den (ehemaligen) Werschweiler Klosterhof zu Oberwesel8). Wie aus der Inschrift hervorgeht, endete seine militärische Laufbahn während eines Kriegszuges gegen die Türken als Fähnrich mit seinem Tod in einem kaiserlichen Feldlager in Ungarn. Sein Leichnam wurde nicht in die Heimat überführt, sondern in Eperies, dem heutigen Presov (Slowakei)9), begraben. Obwohl er ein Sohn des in Bacharach bestatteten Begründers des protestantischen Zweiges der Schönburger war, wurde sein Kenotaph in der Grablege der katholischen Linie zu Oberwesel aufgestellt. Ob die verwendeten Bibelstellen und der Hinweis, er sei IN WAHRER CRISTLICHER RELIGION verstorben, als Indiz für sein möglicherweise katholisches Bekenntnis zu werten sind, muß offen bleiben.

Aufgrund der großen Übereinstimmung in der Ausführung dürften auch die Grabdenkmäler für Heinrich Eberhard und Simon Rudolf von Schönburg auf Wesel10) in derselben unbekannten Werkstatt hergestellt worden sein.

Textkritischer Apparat

  1. Sic! Zweites I klein eingestellt.
  2. Sic!
  3. T klein eingestellt.
  4. BLV(M)E DER IVGE(N)T NN.; Lehfeldt; Campignier; Kdm.
  5. Zweites I klein eingestellt.
  6. L klein eingestellt.
  7. Erstes I klein eingestellt.
  8. O klein hochgestellt.

Anmerkungen

  1. Noch 1854 erwähnt Kugler, Schriften 181 - wie auch NN. im Jahr 1870 - das Denkmal ohne Hinweis auf etwaige Beschädigungen; dagegen bezeichnet Lehfeldt 1886 die (heute wieder vorhandene) Inschriftentafel als verloren.
  2. Nach 2 Tim 4,7f.
  3. Nach Phil 1,21. - Der folgende Text läßt sich in der Bibel so nicht nachweisen.
  4. Die Edition der heute verlorenen Wappen folgt dem bei Kdm. 336, Abb. 202 veröffentlichten Foto aus dem Jahre 1980. - Obwohl auf dem vor 1907 aufgenommenen Foto bei Hermann noch alle acht Wappen zu sehen sind, sind die Wappenbilder wegen der schlechten Abbildungsqualität nicht mehr zu identifizieren. Zu erkennen ist jedoch, daß die beiden auf dem Foto bei Kdm. fehlenden Wappen der Eltern schräggestellt auf dem Gebälk angebracht waren.
  5. Ein schräglinks gelegter Türbeschlag.
  6. Zwei Balken.
  7. Vgl. dazu Möller, Stammtafeln AF I Taf. 35 und Humbracht, Zierde Taf. 115. - Meinhard war kurpfälzischer Amtmann zu Bacharach, später Generalfeldmarschall in Frankreich. Sein monumentales Epitaph befindet sich in der evangelischen Pfarrkirche St. Peter zu Bacharach.
  8. Vgl. dazu Rhein. Antiquarius II 7, 378.
  9. Vgl. Orbis Latinus II, 23.
  10. Vgl. Nrr. 284 und 290.

Nachweise

  1. NN., Liebfrauenkirche 27.
  2. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 612.
  3. Hermann, Führer, Abb. S 36.
  4. Campignier, Rundgang 51f.
  5. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 335 mit Abb. 202.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 283 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0028309.