Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 277 Altenberg, kath. Pfarrkirche (aus Oberwesel, kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau) 1602

Beschreibung

Hölzerne Kanzel. Vor 18441) zugunsten einer neu angefertigten Kanzel abgebaut, wurde ihr Korb zunächst in der Michaelskapelle zu Oberwesel aufbewahrt, dann im Jahr 1910 an den Altenberger Domverein für die katholische Pfarr- und ehemalige Zisterzienser-Klosterkirche Altenberg (Gem. Odenthal, Rheinisch-Bergischer Kreis) abgegeben2). Dort konnte bis 1912 der beschädigte Kanzelkorb restauriert werden, Kanzelfuß, Treppe und Schalldeckel wurden dagegen neu angefertigt und in der Kirche am siebten nördlichen Langhauspfeiler aufgestellt3). Der Kanzelkorb besteht aus fünf Brüstungsfeldern, die je einen in Intarsie gearbeiteten, Quaderwerk imitierenden Bogen aufnehmen. Er wird von einem auf Volutenkonsolen ruhenden Gebälk nach oben abgeschlossen, in dessen Frieszone das Bibelzitat (A) umläuft. In den Bogenfeldern erscheinen (von links nach rechts) ein Wappen mit der Jahreszahl der Restaurierung (B), eine Marke im Wappenschild mit den Initialen (C) sowie das Oberweseler Stadtwappen mit Jahreszahl (D). Zudem befanden sich weitere, heute verlorene Initialen (E) auf der Kanzel.

Nach Lehfeldt (E).

Maße: H. 128, B. 64 (eine Seite des Kanzelkorbes), Bu. 5 (A), 2 (C), 3 (D) cm.

Schriftart(en): Kapitalis, erhaben (A), eingelegt (B, D), gemalt (C).

Kanzel

 Dr. Eberhard J. Nikitsch (ADW) [1/2]

  1. A

    DOMINVS · DABIT · VERBVM · EVANGELIZANTIBVS · VIRTVTE · MVLTA · PS(ALMO) 674) ·

  2. B

    1913

  3. C

    I H

  4. D

    1602

  5. E†

    C H

Übersetzung:

Der Herr wird das Wort den Verkündern der frohen Botschaft mit großer Kraft geben.

Wappen:
unbekannt5); unbekannt6); Stadt Oberwesel7)

Kommentar

Die sehr flach gehaltenen Buchstaben der Hauptinschrift wurden aus Holz ausgeschnitten und einzeln auf den eingeschwärzten Untergrund aufgeklebt. Die klassizierende Kapitalis weist durchgehend Linksschrägenverstärkung auf, der Mittelteil des M reicht bis zur Grundlinie.

Die in der mittelrheinischen Literatur bislang völlig unbeachtete Kanzel gehörte zu zwei wohl gleichzeitig entstandenen Holzaltären, die der 1842-45 durchgeführten "Restauration"8) der Liebfrauenkirche zum Opfer fielen. Die fast zwanzig Jahre jüngere, vollständig erhaltene Kanzel aus St. Martin in Oberwesel9), die gegenwärtig in der Michaelskapelle aufbewahrt wird, scheint aufgrund ihrer großen Ähnlichkeit mit dem Exemplar aus der Liebfrauenkirche nach dem Vorbild desselben entstanden zu sein. Dafür sprechen auch die technisch und inhaltlich übereinstimmend ausgeführten Inschriften an den Gesimsen der Körbe. Für beide Kanzeln dürften unbekannte Familien aus Oberwesel - vielleicht auch der Rat der Stadt - als Stifter in Frage kommen.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu NN., Schicksale und die Hinweise bei Lehfeldt.
  2. Die Kanzel bzw. der noch erhaltene Kanzelkorb wird in dem 1910 von E. Hensler zusammengestellten "Verzeichnis alter kirchlicher Ausstattungsstücke" in der Michaelskapelle als "stark beschädigt" und für Oberwesel als "nicht wieder zu benutzen" bezeichnet und deshalb zum Verkauf freigegeben (LHAK Best. 441 Nr. 30930); vgl. dazu ein genau diesen Zustand dokumentierendes Foto (Rheinisches Bildarchiv Köln; freundlicher Hinweis von Herrn Martin Banniza, M.A., Solingen) und die Notiz im Jahres-Bericht des Altenberger Dom-Vereins von 1908/10, 34.
  3. Vgl. dazu ebd., Jahres-Bericht 1912, 4 und Denkmäler mit Abb. 233. - Ein als Skizze vorliegender Entwurf von 1912 (freundlicher Hinweis von Herrn Martin Banniza M.A., Solingen) zur Ergänzung des Schalldeckels mit umlaufender Inschrift nach Vorbild der Oberweseler Kanzel von 1618/19 (Nr. 327) wurde offensichtlich ausgeführt.
  4. Ps 67,12 (gr.).
  5. Drei 2:1 gestellte goldene Löwenköpfe in Grün. - Vermutlich handelt es sich um das Wappen der Kölner Familie van der Zypen, die 1913 den Erwerb des Kanzelkorbes finanziert hatte; vgl. dazu Denkmäler.
  6. Marke Nr. 58, begleitet von den Initialen I H.
  7. Ein schwarzer Adler in Gold.
  8. So NN., Liebfrauenkirche 50.
  9. Vgl. dazu ausführlich Nr. 327.

Nachweise

  1. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 616 (C-E).
  2. Rheinisches Bildarchiv Köln, Nr. 602884.
  3. Hensler, Wiederherstellung 63 (D).
  4. Denkmäler des Rheinlandes, Rheinisch-Bergischer Kreis 2, 113.
  5. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 149 (D).
  6. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 276 (D).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 277 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0027704.