Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 276 St. Goar, Evang. Stiftskirche 1602

Beschreibung

Fragmentarisches Epitaph für das Ehepaar Otto und Margarete Heusner und dessen Sohn Philipp, gegenwärtig verwahrt im Obergeschoß des südlichen Chorflankenturms. Hochrechteckige Schieferplatte mit vielzeiliger, golden gefaßter Inschrift zwischen vorgeritzten Linien, die sich in Grabinschrift (A), Stiftervermerk (B), Todesdaten der Verstorbenen (C) und drei gereimte Grabsprüche (D1-D3) gliedert. Wappen1) und ein früher wohl vorhandener architektonischer Rahmen fehlen.

Maße: H. 79,5, B. 55, Bu. 1-1,5 cm.

Schriftart(en): Humanistische Minuskel mit Kapitalis (A), Humanistische Minuskel (B, C), Humanistische Minuskel, rechts geneigt, mit Kapitalis (D1-D3).

Epitaph des Ehepaars Otto und Margarethe Heusner mit Sohn Philipp

 Heinz Straeter (GDKE Denkmalpflege) [1/1]

  1. A

    EPITAPHIVM. / Clarissimi et Doctissimi Viri Otto(n)is Heusneri olim / illustris- simorum principum D(ominorum)a) Philipporum Patris / (et) Filÿb) / Land- grauiorum Hassiae (et) c(etera) / Questorisc) (et) Teloniographi in S(ancto) Goare, postea, iis / muneribus resignatis consiliarÿ intimi. / Necno(n) ipsi(us) Vxoris Margretae Wigandin honestissimae; / ut (et) Philippi Heusneri, utriusq(ue) Filÿ, Iuvenis ho(n)estate (et) / eruditione exculti;

  2. B

    Omnium in hoc Templo Sepultoru(m), piae me(m)oriae / ergob) / A / Io(hann)e Rödero · I(vris) · V(trivsqve) · D(octor) · Caeterisq(ue) Generis (et) respectiue Affinib(us) / erigi factum Anno 1602

  3. C

    Obÿt Pater · 19 · iunÿ a(nn)o christi 1589 aetatis 69 / Obÿtd) Mater · 27 · Aug(ust)i a(nn)o christi 1595 aetatis 60 / Obÿt Filius · 25 · Marcÿ a(nn)o christi 1602 aetatis 25

  4. D1

    OTTOe) OTTO pi(us) Doctus prudensq(ue) LEONIS adauctor Saepe fui Fisci, a Consiliisq(ue) bonis; In Ponto binus jactabar mortu(s) ast nunc In Portum veni, laeticiaq(ue) fruor.

  5. D2

    MARGRETAe) Intertot gemnicasf) Ceu Margarisg) indica lucet, Sic inter similes clara Wigandin eram.

  6. D3

    PHILIPPVSe) Vestigiis cari dum tendo insistere Patris, Eh[e]u SORS fallax MORSq(ue) inopina vetant

Übersetzung:

(A) Grabschrift2) des hochberühmten und hochgelehrten Mannes Otto Heusner, einst beider erlauchten Fürsten und Herren Philipp, des Vaters und des Sohnes, hessische Landgrafen usw., Finanzbeamter und Zollschreiber in St. Goar, später, nach Niederlegung dieser Ämter, Geheimer Rat. Ebenso (Grabschrift) seiner sehr ersamen Gemahlin Margarete Wigand sowie Philipp Heusners, beider Sohn, eines an Tugend und Bildung herausragenden Jünglings. - (B) Zum frommen Angedenken an alle in dieser Kirche Begrabenen ist dies von Johann Röder, Doktor beider Rechte, und den übrigen Angehörigen der Familie bzw. den ihm Verbundenen errichtet worden im Jahr 1602. - (C) Es starb der Vater am 19. Juni im Jahr Christi 1589 im Alter von 69 (Jahren), es starb die Mutter am 27. August im Jahr Christi 1595 im Alter von 60 (Jahren), es starb der Sohn am 25. März im Jahr Christi 1602 im Alter von 25 (Jahren). - (D1) Otto: Ich Otto, fromm, gelehrt und klug, bin Mehrer des Löwen3) und oft auch (Mehrer) der Staatskasse gewesen und gehörte zu den guten Räten. Zweimal bin ich auf dem Meer herumgeworfen worden, aber erst als Toter bin ich jetzt in den Hafen gekommen und genieße die Freuden. - (D2) Margarete: Gleich wie die besagte Perle unter so vielen Edelsteinen leuchtet, so war ich unter ähnlichen die glänzende Wigandin. - (D3) Philipp: Während ich mich bemühe, den Spuren des teuren Vaters zu folgen, ach! hindern mich das ränkevolle Schicksal und der unvermutete Tod.

Versmaß: Vier Distichen.

Kommentar

Während die Überschriften, die Namen der Verstorbenen, der akademische Grad des Stifters und andere besondere Worte durch Kapitalis von der humanistischen Minuskel abgehoben werden, sind die in Distichen gereimten Sprüche durch die schräggeneigte Variante der humanistischen Minuskel kenntlich gemacht. In zwei Überschriften (A, D2) ist der Mittelteil des M bis zur Grundlinie heruntergezogen, bei den kapitalen Versalien nicht; dort ist einmal N mit nach oben bogenförmig verlängertem Schrägschaft gebildet. Satzzeichen haben die Worttrenner fast vollständig abgelöst.

Der Stifter des Epitaphs, Dr. Johannes Röder, war mit Elisabeth Heusner, einer Tochter des hier gedachten Ehepaars Otto und Margarete Heusner, verheiratet. Während die Inschrift für dessen Sohn Philipp das einzige biographische Zeugnis darstellt, konnten vor wenigen Jahren die Grabplatten seiner Eltern (sowie seines Schwagers) wiederaufgefunden werden4). Otto Heusner war in verschiedenen hohen Funktionen der landgräflich-hessischen Finanzverwaltung5) tätig: Unter Landgraf Philipp d. Ä. (dem Großmütigen) von Hessen war er seit 1552 Nachschreiber am Zoll zu St. Goar, 1558-1568 Keller auf Burg Rheinfels, 1559 Schultheiß zu Kemel, schließlich 1561-1562 Bürgermeister und 1561-1568 Zollschreiber zu St. Goar. Mit dem Regierungsantritt Landgraf Philipps d. J. von Hessen-Rheinfels wurde er 1570 dessen Bauschreiber bzw. Bauaufseher auf Burg Rheinfels und amtierte von 1571-1583 als Obereinnehmer der Getränkesteuer in der Landgrafschaft Hessen-Rheinfels. Nach Philipps d. J. Tod 1583 wurde er von seinem Nachfolger Landgraf Ludwig d. Ä. zum Geheimen Rat ernannt.

Johann Röder hatte bereits im Jahr 1600 seinen drei verstorbenen Töchtern ein ebenfalls nur noch fragmentarisch erhaltenes Epitaph6) gesetzt, das aufgrund seiner Ähnlichkeit in der Ausführung vermutlich in derselben unbekannten Werkstatt hergestellt wurde.

Textkritischer Apparat

  1. Geschrieben als D · D:.
  2. Der Text steht - durch eine Schlängellinie abgesetzt - unterhalb der vorangehenden Worte.
  3. e-caudata.
  4. Die Worte Obÿt, a(nn)o christi und aetatis stehen nur einmal da und sind durch geschweifte Klammern mit dem restlichen Text verbunden.
  5. Name zentriert.
  6. Sic! Wohl aus prosodischen Gründen für gemmas.
  7. Sic! Wohl aus prosodischen Gründen für margarita.

Anmerkungen

  1. Vgl. zu möglichen Wappen Nr. 269 mit Anm. 1.
  2. Vgl. zur doppelten Bedeutung von Epitaph als Monument bzw. (inschriftlich ausgeführter) Grabrede Rädle, Epitaphium pass.
  3. Vermutlich Anspielung auf das hessische Löwenwappen.
  4. Vgl. Nrr. 236, 245 sowie 259.
  5. Vgl. zu den Ämtern Demandt, Rheinzollerbe Bd. 1, Nr. 9 S. 63ff., ders., Landgraf Philipp 98f., Volk, Wirtschaft und Gesellschaft 535ff. sowie den Hinweis bei Napp-Zinn, Grebel 80.
  6. Vgl. Nr. 269. - Allerdings treten im vorliegenden Text Spruchinschriften an die Stelle der Bibelzitate.

Nachweise

  1. Ensgraber, Chronik 198f.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 276 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0027606.