Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 257 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau 1598

Beschreibung

Grabplatte für das Ehepaar Hieronymus und Agatha Becker und seine (zum Teil noch lebenden) Kinder, zu unbekannter Zeit1) außen links neben dem Südportal in die Wand eingelassen. Große Platte aus Schiefer mit Umschrift (A) zwischen Linien; unten im Feld in einem vorgeritzten Zweiliniensystem vierzehn untereinander stehende, durch eine geschweifte Klammer verbundene Namenseinträge2) (B). Darüber eingetiefte Rollwerktafel mit zwei flachreliefierten, durch Initialen (C) bezeichneten Marken der Eltern im Wappenschild, darunter Steinmetzzeichen (Nr. 51). Die bis auf kleinere Beschädigungen gut erhaltene Platte ist im unteren Bereich durch eingeritzte Namen, Initialen und Jahreszahlen, meist des 18. und 19. Jahrhunderts, verunstaltet.

Maße: H. 175, B. 93, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Kapitalis und Fraktur (A), Kapitalis (B, C).

Grabplatte des Ehepaars Hieronymus und Agatha Becker

 Heinz Straeter (GDKE Denkmalpflege) [1/2]

  1. A

    ANNO · CHRISTI · 1598 · DE(N) 5a) · / IVNII · ISTb) · DISER · STEINc) · VFFGERICHTd) · zur begrebnusz · e) · DENf) · ERSAMENb) / HIERONIMOg) · BECKERh) · VND · SEINERi) · / EHEHAVSFRAWENk) · AGATHEN · VND · KINDEREN ·

  2. B

    IOHANNES ORGANISTl) / ADAMVS / LEONARDVS / MARCVS ORGE- NISTl) / HIERONYMVS / + IODOCVS · BECKERm) / + PAVLVS / + EBER- ARDVS / + EBERARDVSn) / + BARBARA / + AGATHA / + OTILIA / + CHRISTINA / + HENRICVS

  3. C

    H(IERONYMVS) B(ECKER) / A(GATHA) P(- - -)

Wappen:
Becker3)unbekannt4)

Kommentar

Das zum Teil gedrängt wirkende Schriftbild der Umschrift entsteht durch die Verwendung von Nexus litterarum, Enklaven und kleinen auf oder über die Zeilenmitte gestellten Buchstaben. Unterstützt wird dies durch die Eigenart, bei dem Zusammentreffen von Buchstaben mit ausladenden (platzraubenden) Buchstabenteilen den linken Schaft des rechten Buchstabens zu verkürzen (AM in ERSAMEN, RA in EHEHAVSFRAWEN) oder bei dem Zusammentreffen von R mit I oder I mit S das untere Schaftende des I vorzeitig enden zu lassen. Zudem wird das Schriftbild durch eine Anzahl auffälliger Formen geprägt, die bereits auf dem Weiman-Epitaph von 1597 verwendet wurden5). Die beiden in Fraktur nachgetragenen Worte stehen aufgrund der großteils noch gebrochen ausgeführten Kleinbuchstaben unter starkem Einfluß der gotischen Minuskel. Als Worttrenner dienen kleine Dreiecke. Während angesichts ihrer formalen Gestaltung ein Zusammenhang der Grabplatte mit der spätestens seit 1571 nachweisbaren Werkstatt (I) der Oberweseler Grabplatten6) anzunehmen ist, legt die zum Teil deutliche Übereinstimmung in der Ausführung der Buchstaben eher eine Verbindung zu der Werkstatt (II) nahe, in der ein Jahr zuvor das Epitaph für Hans Wendel Weiman entstanden war. Allerdings ist aufgrund der zeitlichen und räumlichen Nähe davon auszugehen, daß es sich beide Male um dieselbe, sich personell und künstlerisch weiter entwickelte Oberweseler Werkstatt gehandelt haben dürfte. Das hier erstmals nachweisbare Steinmetzzeichen läßt sich sonst nicht mehr belegen.

Die vermutlich noch während der Ausführung der Grabplatte vorgenommene Tilgung eines bereits gehauenen (nicht mehr rekonstruierbaren) Textteiles sowie die Verbesserung von DEM zu DEN hängen vermutlich mit der funktionellen Erweiterung zusammen, die aus der Grabplatte eines Ehepaars die Deckplatte jener Familiengruft machte, in der die Eltern Becker und neun ihrer vierzehn Kinder bestattet wurden. Als Auftraggeber darf man die fünf inschriftlich genannten überlebenden Kinder annehmen, von denen Johannes und Marcus Becker wohl als Organisten im Kirchendienst tätig waren. Sollten die beiden ihren Beruf in Liebfrauen ausgeübt haben, hätten sie eigentlich Kleriker sein müssen, da zumindest noch um 1550 die Vikarie des Petrus-Altars mit dem Organistenamt7) verbunden war. Die vorliegende Grabplatte ist bislang das einzige bekannte Zeugnis für das Schicksal dieser Oberweseler Familie, die - wie viele andere - der Ende des 16. Jahrhunderts im Rheintal wütenden Pest zum Opfer gefallen ist.

Textkritischer Apparat

  1. Ziffer klein.
  2. Letzter Buchstabe klein auf Zeilenmitte gestellt.
  3. E klein auf Zeilenmitte gestellt.
  4. H klein auf Zeilenmitte gestellt.
  5. Von dem ursprünglichen, in Kapitalis ausgeführten Text sind noch die Enden einiger Schäfte zu sehen. Er wurde wohl noch zur Herstellungszeit der Platte getilgt und durch den heutigen, in Fraktur ausgeführten Textteil ersetzt.
  6. Wohl verbessert aus DEM. - Letzter Buchstabe klein auf Zeilenmitte gestellt.
  7. Beide O klein über Zeilenmitte gestellt.
  8. K und R klein auf Zeilenmitte gestellt.
  9. E klein auf Zeilenmitte gestellt.
  10. S klein auf Zeilenmitte gestellt. - Es liegt kein Anhaltspunkt vor, die hier gewählte ungewohnte Titulatur zu EHELICHEN HAVSFRAWEN (so Kdm.) aufzulösen.
  11. Die Berufsbezeichnung ist in abweichender, deutlich flacherer Schrift über die eingeritzte Klammer geschrieben und wurde daher später nachgetragen.
  12. An dieser Stelle ist der eng von der Klammer umschlossene Familienname als Stellvertreter eingesetzt.
  13. Der Vorname wird wiederholt; ein Versehen des Steinmetzen ist nicht auszuschließen.

Anmerkungen

  1. Die älteste erkennbare eingeritzte Jahreszahl scheint 1724 zu sein, möglicherweise ein Hinweis auf die Verbringung und Aufstellung der Platte nach außen.
  2. Die letzten neun Kinder sind durch vorgesetzte buchstabengroße Kreuze als verstorben gekennzeichnet.
  3. Marke Nr. 49, begleitet von den Initialen H B.
  4. Marke Nr. 50, begleitet von den Initialen A P.
  5. Vgl. dazu Nr. 252.
  6. Vgl. dazu Einleitung Kap. 4.5.
  7. Vgl. dazu Pauly, Stifte 327f.

Nachweise

  1. Meyer, Alte Grabkreuze 3, Nachzeichnung S. 132.
  2. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 322f. mit Abb. 200.
  3. Schumacher, Natursteine Abb. 27.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 257 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0025700.