Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 248 St. Goar, Evang. Stiftskirche 1597

Beschreibung

Epitaph für Melchior Schott (Scotus), innen an der Südwand der Chors in etwa vier Meter Höhe befestigt. Hochrechteckige Tafel aus Schiefer mit nach unten hin gestaffelt angeordneter Grab- und abschließender, golden gefaßter Stifterinschrift. Wappen sowie ein möglicher architektonischer Rahmen fehlen. Reste der ehemals goldenen Fassung der Buchstaben sind noch erkennbar. Der heutige Holzrahmen ist modern. Laut Grebel wurde das Grabdenkmal bei der Restaurierung der Kirche 1843 beseitigt1).

Maße: H. 107, B. 83, Bu. 2 cm.

Schriftart(en): Humanistische Minuskel mit Kapitalis.

Epitaph des Melchior Schott

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. · D(eo) · O(ptimo) · M(aximo) · / Reuerendus et Doctiss(imus) Vir D(ominus) MELCHIOR SCOTVS / GOARIN(VS), Inspector Ecclesiarum Inferioris Comitat(us) Catze(n)=/elnbogen, Decanus (et) Pastor hui(us) loci Vigilantiss(imus) Initio / Ministerÿ sui Ecclesiae, Eÿmsa) fideliter inseruiens: ac Inde / tempore persecutionis Pontificiae, Quod INTERIM Voaca/runt, ob orthodoxam doctri- nam, pia cum Coniuge / MARGARITA in Exilium eiect(us), in Patriam rediens, ibiq(ue) / Euangelium Chr(ist)i non minus pure docens in Annum / usq(ue) XLVII. Superattendentis Vero munere Sub quat=/tuor Principib(us) Hassiae Land- grauÿs (et cetera)b) perfunctus, Annos / XLIII · ueram (et) sÿnceram Religionem christiana(m) iuxta nor=/(m)am Aug(ustanae) confessionis inviolataec) A(nn)osd) XXX · Imp(eratore) Carolo V. / exhibitae, a principio ad extremum vitae exitum usq(ue) non / obstante varia tribulatione, summa cum constantia / Profess(us), Tandem ex hac aerumnosa Vita in coele=/stem migrauit Patriam, Obÿt Anno Salutis / M. D. XCVII · Die IV. Augusti AEtatis LXXIX / REINH(ARDUS) SCOT(US) ex XII · Liberis unice / adhuc Superstes F(ilius) caeteriq(ue) hae=/ redese) pietatis ergo F(ieri) F(ecerunt)

Übersetzung:

Dem besten und größten Gott. - Der ehrwürdige und hochgelehrte Mann Herr Melchior Schott aus (St.) Goar, Kircheninspektor der Niedergrafschaft Katzenelnbogen, sehr wachsamer Dekan und Pfarrer dieses Ortes, übte anfänglich sein Kirchenamt zuverlässig in Ems aus und wurde darauf zur Zeit der päpstlichen Verfolgung, die Interim genannt wird, wegen Befolgung der wahren Lehre mit seiner frommen Ehefrau Margarete in die Verbannung geschickt und kehrte dann in die Heimat zurück, wo er das Evangelium Christi nicht weniger rein bis ins 47. Jahr lehrte. Das Amt des Superintendenten bekleidete er unter vier fürstlich-hessischen Landgrafen 43 Jahre lang. Er bekannte er mit größter Standhaftigkeit die wahre und reine christliche Religion nach Maßgabe der unverletzlichen Augsburger Konfession, die auch in den 30 Jahren unter Kaiser Karl V. ausgeübt wurde, von Beginn an bis zur letzten Stunde von verschiedenen Widrigkeiten nicht gehindert. Schließlich wanderte er aus diesem trübseligen Leben in das himmlische Vaterland. Er starb im Jahr des Heils 1597, am Tag des 4. August, 79 Jahre alt. - Reinhard Schott, aus zwölf Kindern der einzig bis jetzt überlebende Sohn und die weiteren Nachkommen haben dies aus Liebe machen lassen.

Kommentar

Die gut ausgeführte humanistische Minuskel weist zahlreiche Versalien auf, die von vergrößerten Kleinbuchstaben nicht immer eindeutig zu unterscheiden sind. Der spezielle Begriff INTERIM, Orts- und Personennamen sowie römische Zahlzeichen sind durch Kapitalis hervorgehoben; die Ordinalzahlen sind zudem mit einem waagerechten, oben ausgebuchteten Strich gekennzeichnet.

Der laut Inschrift im Jahr 1518 in St. Goar geborene Melchior Schott studierte ab 1535 an der Universität zu Marburg2) und ist erstmals in den Jahren 1542 bis 1545 als Schulmeister zu St. Goar3) nachzuweisen. Im Jahr 1545 wurde er als Pfarrer nach Ems berufen. Dort bei Einführung des Interims abgesetzt, kehrte er 1549 nach St. Goar zurück und erhielt die zweite Pfarrstelle an der ehemaligen Stiftskirche. 1552 ist er als Inspektor bezeugt und 1558 als Inhaber der ersten Pfarrstelle in St. Goar, die zeitweise mit dem hohen Amt des Superintendenten4) für die landgräflich-hessische Niedergrafschaft Katzenelnbogen verbunden war. Kurz nach dem Tode seiner Frau Margaretha 1589 fast erblindet, verstarb Schott schließlich an der damals grassierenden Pest, der im gleichen Jahr auch die Tochter seines Sohnes Reinhard5) zum Opfer fiel.

Textkritischer Apparat

  1. Sic!
  2. Tachygraphisches Symbol.
  3. In anderer Schrift über getilgte Stelle gemalt: einstöckiges a und i mit Schaftspaltung unten.
  4. S in kleiner Schreibweise.
  5. ae in kleiner Schreibweise.

Anmerkungen

  1. Grebel, St. Goar 36.
  2. Vgl. dazu und zum Folgenden Heldmann, Diözese 133 und Rosenkranz, Rheinland 2, 465. - Melchior Schott und zwei weitere St. Goarer Bürgersöhne bezogen 1538 und in anderen Jahren ein Stipendium aus den Stiftseinnahmen; freundlicher Hinweis von Herrn Alexander Ritter, Mainz, mit Bezug auf seine in Arbeit befindliche Dissertation.
  3. Vgl. dazu und zum Folgenden Grebel, St. Goar 106 und 391.
  4. Laut Heldmann, Diözese 133 amtierte Schott seit 1552 als Superintendent und wurde 1567 bei dem Regierungsantritt Landgraf Philipps II. nochmals in sein Amt eingewiesen, das er offenbar bis zu seinem Tode höchst erfolgreich ausübte; Demandt, Landgraf Philipp 98 zufolge amtierte Schott lediglich in den Jahren 1568 bis 1578 erneut als Superintendent. Folgt man den Angaben der Inschrift, so fällt seine Ernennung zum Superintendenten ins Jahr 1554, so auch Ritter (wie Anm. 2).
  5. Vgl. Nr. 255.

Nachweise

  1. Ensgraber, Chronik 212.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 248 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0024801.