Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 177 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau 1524

Beschreibung

Votivbild der Muttergottes, gestiftet durch den Stiftsdekan Valentin Schonangel, wohl noch am originalen Standort rechts neben dem Eingang zur Sakristei an einem der nördlichen Chorpfeiler befestigt. Tuffstein, gelb gefaßt. Die als Hochrelief ausgeführte Muttergottes mit dem Kind im Arm steht in einer von Pilastern mit Arabeskendekor gerahmten Muschelnische. Umgeben von einem Strahlenkranz ist sie mit weit über die Schultern fallenden Haaren in einem der zeitgenössischen Mode entsprechenden Kleid mit Mantel dargestellt. Über ihrem Haupt hielten ehemals zwei Putten (der rechte Putto ist verloren) eine Krone. Mit dem linken Fuß zertritt sie eine Schlange, die sich über eine Mondsichel ringelt. Daneben kniet in Kanonikertracht1) mit dem Birett in den Händen der zu ihr aufblickende Stifter, von dem ein mehrfach gewundenes Spruchband mit dem dreizeiligen Bibelzitat (A) ausgeht. Der Sockel wird von einer leicht schräggestellten, scheinbar mit skulptierten Schnüren befestigten tabula ansata gebildet, auf der die siebenzeilige Stifterinschrift (B) zu lesen ist. Inschrift (A) ist stark übermalt, die Buchstaben sind zum Teil mit Bleistift nachgezogen.

Maße: H. 173, B. 97, Bu. 1,2 (A), 2,2 (B) cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

Votivbild Muttergottes

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/2]

  1. A

    DIC OBSECROa) TE Q(VOD)b) SOROR MEA SIS VT MIHI / BENE SIT PROPTER TE ET VIVATc) ANIMA / MEA OB GRACIAM TVI · GEN(ESIS) · 122)

  2. B

    AMPLISSIMI PRINCIPIS · D(OMINI) · RICHARDI TREVERORVM / ARCHIPRESVLIS · SACRI ROMANI IMPERII ELECTORIS / GRACIOSO DELECTV EX FRATRE QVONDAM NEPOS / HENRICI HEYGERY EVANGELICE PALESTRE ADMINISTRA/TORIS EDIS HVIVS VALEN- TINVS SCHONANGEL DECA/NVS HANC CELATVRA(M) DIVE MARIE SVBORNAVIT · ANNO / SALVTIS CHR(IST)IANEd) M D XXIIIIe) DIE XIIf) IVLII ·

Übersetzung:

Sage, ich bitte dich, du seist meine Schwester, damit es mir um deinetwillen wohl gehe und meine Seele deinethalben am Leben bleibe (A). - Valentin Schonangel, durch die gnädige Wahl des erlauchtesten Fürsten, des Herrn Richard, des Erzbischofs von Trier und Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches, Dekan dieser Kirche und als Sohn des Bruders einst Neffe des Heinrich Heyger, des Leiters der Stiftsschule (Schule der christlichen Lehre), hat dieses erhabene Werk der heiligen Maria errichten lassen im Jahr des christlichen Heils 1524 am 12. Juli (B).

Kommentar

Bei der Stifterinschrift entsteht durch die quadratisch proportionierte Kapitalis ein gleichmäßiges und durchaus repräsentatives Schriftbild, das nur durch die wenigen Worttrenner (kleine Dreiecke) und einige erhöhte Anfangsbuchstaben aufgelockert wird. Mit der Proportion geht der Versuch einher, durch Linksschrägenverstärkung und Schattenachsen eine klassizierende Wirkung zu erzielen. Dies ist allerdings nicht einheitlich ausgeführt worden, wie bei A, N, V und X zu bemerken ist. Von einem klassizierenden Duktus entfernen sich auch das E mit verlängertem unteren Balken, das M mit sehr schräggestellten äußeren Schäften und meist nur knapp bis zur halben Buchstabenhöhe hochgezogenem Mittelteil sowie das R mit gerader Cauda.

Valentin, Sohn des wohl in Oberwesel wohnenden Ehepaars Konrad und Elisabeth Schonangel3), ist seit 1487 als Vikar an Liebfrauen nachweisbar4), 1501 als Pleban und seit 1507 als Kanoniker. 1508 ist er als Oberweseler Stadtschreiber belegt. Nur die Stifterinschrift belegt seine Ernennung zum Dekan des Liebfrauenstiftes im Jahr 1524 durch den Trierer Erzbischof Richard von Greifenklau. Bis 1529 ist Schonangel Inhaber des Marienaltars im Oberweseler Zisterzienserinnenkloster Allerheiligen gewesen, zudem wird er 1532 als Kanoniker des Stiftes St. Kastor in Koblenz erwähnt und erhält im gleichen Jahr auf Anordnung Kaiser Karls V. eine Präbende von der Abtei Maria Laach5). Da Michael Torney, sein Nachfolger als Dekan, am 1. August 1534 seinen Amtseid leistet, muß Schonangel kurz zuvor verstorben sein. Ein Grabdenkmal hat sich nicht erhalten.

Das wohl zum Dank für seine Ernennung zum Dekan (am 12. Juli?) gestiftete Muttergottesbild ist neben seiner exzellenten Ausführung auch noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Zunächst fällt die Wahl des in diesem Zusammenhang äußerst ungewöhnlichen Bibelzitats auf, mit dem sich Schonangel auf dem Spruchband an die Kirchenpatronin wendet. Die dem Buch Genesis entnommene Stelle bezieht sich dort auf Abraham und seine Frau Sarah, die von ihm vor dem Betreten Ägyptens gebeten wird, sich für seine Schwester auszugeben, damit sie ihm von den lüsternen Ägyptern - aufgrund ihrer Schönheit - nicht weggenommen und er nicht getötet werde. Schonangel versteht den Text offensichtlich in einem weiteren Sinn und wendet ihn auf die Muttergottes als der - nach zeitgenössischer Auffassung - den Menschen am nächsten stehenden Fürbitterin an, die für ihn bei Gott um ein im christlichen Sinne gutes Leben bitten möge. Weiterhin verwundert die an so prominenter Stelle der Stifterinschrift ungewöhnliche Erwähnung seines Onkels Heinrich Heyger6), die möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß Schonangel unter ihm die Stiftsschule absolviert und er als Lehrer einen gewissen Ruf genossen haben könnte.

Das im äußeren Aufbau den in der Liebfrauenkirche verwahrten Epitaphien für Petrus Lutern und Elisabeth von Ottenstein7) ähnelnde Votivbild gehört zu dem im Spätmittelalter entwickelten Typus der Muttergottes auf der Mondsichel8), die vom Himmel auf dem Mond stehend herniederfährt und das durch die zertretene Schlange symbolisierte Böse überwindet. In frühen Renaissanceformen gearbeitet, wurde es zunächst einem unbekannten Backoffen-Schüler9), dann Meister Jakob Kern10) zugeschrieben, gilt aber heute eher als "unter dem Einfluß der Schule Backoffens"11) entstandenes Werk. Für die Meisterdiskussion wird man beachten müssen, daß die Epitaphien für den Trierer Erzbischof Jakob von Baden († 1511)12) und den Trierer Dompropst Otto von Breitbach († 1523)13) nicht nur stilistisch und kompositorisch verwandt sind, sondern auch identische Schriftformen aufweisen.

Textkritischer Apparat

  1. OBSECCR Kdm. 2.2.
  2. O Kdm. 2.2.
  3. DIVINAE Kdm. 2.2.
  4. Befund XPIANE mit Kürzungsstrich.
  5. MDXXIII Lehfeldt.
  6. XXII NN.; Lehfeldt; Pauly; Kdm. 2.2.

Anmerkungen

  1. Superpelliceum mit Almutie über der linken Schulter.
  2. Gen 12,13.
  3. Vgl. dazu Heinzelmann, Fabrikbruderschaft 75 Nr. 421 mit dem bislang unbeachteten Nachweis im Buch der Fabrikbruderschaft von Liebfrauen.
  4. Vgl. zum Folgenden Pauly 374.
  5. Vgl. Resmini, Inventar Nr. 880 (freundlicher Hinweis von Herrn Josef Heinzelmann, Oberwesel-Langscheid).
  6. Heyger bezeichnet sich in dem wohl von ihm selbst Ende der achtziger Jahre des 15. Jh. angelegten "Liber fraternitatis fabrice ecclesie Beate marie virginis wesaliensis" als "Her henrich von heyer pherner (Pfarrer) hie zu Unser frauwen, Conraidt Schonangell syne bruder" (zit. nach Heinzelmann, Fabrikbruderschaft 52 und 55). Seit 1476 als Vikar und Pleban an Liebfrauen nachgewiesen (vgl. Pauly 407), ist Heygers Amt als Leiter der Stiftsschule bislang nur aus der Stifterinschrift bekannt. Da er sich - vielleicht aus Haiger (Lahn-Dill-Kreis) stammend - nicht ebenfalls Schonangel nannte, handelte es sich bei Conrad und Heinrich wohl um Halbbrüder.
  7. Vgl. Nrr. 159 und 169.
  8. Vgl. dazu Sachs, Ikonographie 267.
  9. Kautzsch 66f.
  10. So Kahle, Studien 65ff. und Rademacher 463.
  11. Kdm. 2.2, 328.
  12. Vgl. zu dem 1808 von Koblenz, St. Florin in die Stiftskirche zu Baden-Baden translozierten Grabdenkmal Kdm. Stadt Koblenz 62f. mit Abb. 35. - Meinem Heidelberger Kollegen Dr. Ilas Bartusch danke ich für Detailfotos der Inschrift.
  13. Vgl. dazu Ronig, Ausstattung 255 mit Abb. 94 und künftig DI Trier.

Nachweise

  1. NN., Liebfrauenkirche 13f. (B).
  2. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 613 (B).
  3. Kautzsch, Backoffen, Abb. 30 auf Taf. 9.
  4. Campignier, Rundgang 37 (übers.) (B).
  5. Rademacher, Leuchterengel, Abb. 84.
  6. Pauly, Stifte 374 (B).
  7. Bornheim gen. Schilling, Oberwesel, Abb. S. 7.
  8. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, Abb. 24.
  9. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 326f. mit Abb. 195.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 177 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0017708.