Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 166 Boppard, Karmeliterkirche 1519

Beschreibung

Epitaph für Margarethe von Eltz geb. von Helmstatt, plan in die Nordwand des Chors eingelassen. Hochrechteckige Tafel aus Jurakalkstein mit eingezogenem Rundgiebel, das ehemals dort angebrachte Relief1) ist verschollen. In den seitlichen breiten Rahmenleisten sitzen zwischen teilweise erhaltenen Füllungen aus geschliffenem marmorähnlichem Kalksinter je vier reliefierte Ahnenwappen. Im Feld flachreliefierte Darstellung des Gnadenstuhls: Gottvater mit der päpstlichen Tiara auf dem Haupt präsentiert den hingestreckten Leichnam seines Sohnes, über beiden schwebt die Taube; die Szene wird umgeben von acht assistierenden Engeln, von den einige die Leidenswerkzeuge Christi in Händen halten. Im Vordergrund kniet betend der als Deutschordensritter dargestellte Stifter Georg von Eltz im Harnisch, darüber den mit dem Ordenskreuz geschmückten Ordensmantel, den Helm zu Füßen; hinter ihm kniet seine betende Mutter in einem kostbaren Kleid mit geschlitzten Puffärmeln, darüber einen pelzverbrämten Mantel. Die untere Rahmenleiste besteht aus einer Tafel mit der Grabinschrift (A) in vier Zeilen. Die Meisterinschrift (B) befindet sich in der Mitte der unteren Randleiste. Bis auf die erwähnten fehlenden Teile und die abgeschlagenen Hände des Stifters hat sich das Grabdenkmal hervorragend erhalten. Die Inschriften waren ehemals schwarz ausgemalt.

Maße: H. 191, B. 125, Bu. 2 (A), 1 (B) cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (A), Kapitalis (B).

Epitaph der Margarethe von Eltz

 Heinz Straeter (GDKE Denkmalpflege) [1/4]

  1. A

    Nach gotlichem willen ist die Edell vn(d) frum fraw Margreth von Eltz geporn von helmstat / des · 1 · 8 · tags des Monats marcÿ Im Iahr 1500 gestorbe(n) der gott genad vn(d) hat ir Eltetstera) son Georg / des teutschen Or densz Oberster Marschalk vnd landkomenthur der Baleÿ Elsasz e(t)b) c(etera) der heÿligen triualtigkaÿt Zuc) lob Zwd) trost allen glaubige(n) selen dise gedechtnusc) machen lassen Im 1 · 5 · 1 · 9 · Iar

  2. B

    LOŸ · H(ERING) · IN EIGSTET

Wappen2):
EltzHelmstatt
Waldbott von Bassenheimvon der Leyen (mit dem Pfahl)
Romilian von Kobern3)Flersheim
Boos von WaldeckRandeck

Kommentar

Die mit großer Meisterschaft ausgeführte gotische Minuskel weist einige Besonderheiten auf: g mit waagerecht am Beginn des Schaftes angesetztem Balken, i mit i-Punkt, k mit zur Quadrangel reduziertem oberen und waagerechtem, nach links durchgezogenem unteren Schrägbalken, auf drei Schäfte reduziertes w mit unverbundenem linken Schaft und zweistöckiges z mit schräglinkem Deckbalken. Zudem sind die oberen Schaftendenden von h, k, l, t gespalten, und die unteren Schaftenden von g, h, s und der Balken des e laufen in gerollte Zierstriche aus. Bemerkenswert sind weiterhin die zahlreichen, Schreibmeisterbücher wie typographische Schriften rezipierenden Versalien4), die der Minuskel als überraschend oft eingesetzte Großbuchstaben dienen. Das M mit zwei assymetrischen Bögen an einem Schräglinksschaft ist ein typischer Buchstabe der Hering-Werkstatt und im Inschriftenmaterial des Mittelrheins sonst nicht nachweisbar. Nicht zuletzt verdient die in ausgewogenen Formen mit Linksschrägenverstärkung ausgeführte Kapitalis der Meisterinschrift Beachtung, die allenfalls durch die kurze Cauda des G sowie durch die als Ringe gestalteten Punkte über I und Y auffällt. Als Worttrenner der Kapitalis dienen kleine Dreiecke.

Margarethe, Tochter Jakobs von Helmstatt und seiner Frau Adelheid von Flersheim, war spätestens seit 1461 mit Johann von Eltz dem Älteren5) verheiratet. Obwohl das bedeutende, in einem Seitental der Mosel sitzende Geschlecht alte Beziehungen zu Boppard unterhielt, dürfte sich erstmals mit Johann und Margarethe von Eltz ein Ehepaar dieser Familie dauerhaft in der Stadt niedergelassen und den später nach ihm benannten Eltzer Hof6) bewohnt haben. Zu klären bleibt, ob es mit dem ambivalenten Verhalten Johanns von Eltz im sogenannten Bopparder Krieg von 1497 und seinen Folgen7) zusammenhing, daß die im Jahr 1500 im Chor der Karmeliterkirche8) begrabene Margarethe nicht von diesem, sondern von ihrem ältesten Sohn Georg das vorliegende Epitaph erhalten hat. Zudem fällt auf, daß ihr 1504 verstorbener Ehemann in der Inschrift nicht genannt wird. Georg9) studierte zunächst von 1487 bis 1492 als Trierer Domherr an den Universitäten zu Heidelberg, Erfurt und Bologna, wechselte dann zum Deutschen Orden und gelangte dort zu großer Bedeutung: Er war Generalprokurator des Ordens in Rom, oberster Marschall in Preußen, Stellvertreter des Hochmeisters und Landkomthur der Balleien Elsaß und Koblenz. Den Auftrag für das Epitaph seiner Mutter10) könnte er während seiner häufigen, in diplomatischem Auftrag seines Ordens unternommenen Reisen und Aufenthalte in Süddeutschland gegeben haben, vielleicht sogar 1518 auf dem Reichstag zu Augsburg. Georg starb 1532 und wurde in der Deutschordenskapelle in Koblenz bestattet; sein jüngerer Bruder Johann ließ sich dagegen zusammen mit seiner Frau wieder in der Karmeliterkirche begraben11).

Das epigraphisch wie bildhauerisch herausragende Epitaph stammt vom dem in Augsburg - dem süddeutschen Zentrum der Renaissance - ausgebildeten und zunächst auch dort tätigen, dann 1513 nach Eichstätt übersiedelten Bildhauer Loy Hering12). Als Vorlage seiner Darstellung des die Dreifaltigkeit symbolisierenden Gnadenstuhls diente ein 1511 zu datierender Holzschnitt von Albrecht Dürer13), den Hering um die knienden Stifterfiguren erweiterte. Das vermutlich in Eichstätt aus Solnhofer Kalkstein angefertigte Grabdenkmal nimmt im über 130 Einzelobjekte umfassenden Oeuvre des 1555 verstorbenen Meisters eine besondere Stellung ein, da es nicht nur sein einziges namentlich signiertes Werk darstellt, sondern auch drei typische, von ihm und seiner Werkstatt zeitlebens nahezu unverändert gebrauchte Schriftformen14) aufweist und zudem mit der Meisterinschrift auch den ersten gesicherten Beleg für die Verwendung der Kapitalis im Werk Loy Herings15) bietet.

Textkritischer Apparat

  1. Sic!
  2. Emmendiert aus r.
  3. u mit klein überschriebenem o.
  4. Sic! w mit klein überschriebenem o.

Anmerkungen

  1. Bei dem in der Abb. bei aus'm Weerth an dieser Stelle wiedergegebenen Wappen Pyrmont/Ehrenberg handelt es sich seiner nachträglichen Anmerkung zufolge um einen nicht zugehörigen, hölzernen Totenschild, der ehemals im Chor aufgehängt war. Vermutlich war das Rundbogenfeld mit dem um das des Deutschen Ordens vermehrten Wappen des Stifters Georg von Eltz versehen.
  2. Trifft die von Schlad kurz nach 1854 gemachte Beobachtung zu, wonach bereits damals mehrere Wappenschilde fehlten und nur noch die "der Elz, der Boos, Helmstatt, Schöneck (d.i. Flersheim, Anm. d. Verf.) und Bassenheim" zu sehen waren, müssen die Wappen Romilian von Kobern, von der Leyen und Randeck nachgemacht und die Wappen insgesamt bei der Anbringung teilweise vertauscht worden sein. Als Zeitpunkt dieser Maßnahme kommt eine von aus'm Weerth 151 erwähnte, vor 1876 erfolgte Kirchenrestaurierung in Frage. Die genealogisch korrekte Abfolge wäre heraldisch rechts: Eltz, Waldbott, Boos von Waldeck, Romilian von Kobern; heraldisch links: Helmstatt, Flersheim, von der Leyen, Randeck.
  3. Hier sechs 3:2:1 gestellte Adler statt sonst üblich drei 2:1 gestellte Adler.
  4. Vgl. dazu Bornschlegel, Inschriften Taf. 2 und ders., Druckschriften mit Abb. 209.
  5. Vgl. dazu und zum Folgenden Möller, Europ. Stammtafeln AF I Taf. 24 und Roth 119ff.
  6. Vgl. dazu ausführlich Pauly, Beiträge 7ff.
  7. Vgl. dazu Volk, Bopparder Krieg 234f.
  8. Vgl. dazu Milendunck. - Laut dem 1516 verfügten Testament ihres Mannes wandte er für ihr Begräbnis 160 Gulden auf, zudem sollten am Todestag sowie an Allerseelen "brennende Kerzen aufs Grab seiner Gattin selig" gestellt werden; vgl. dazu Roth 132f. und 141.
  9. Vgl. zum Folgenden Roth 142ff.
  10. Obwohl Georg das Epitaph zum Gedächtnis seine Mutter stiftete, ließ er es nicht mit ihrer, sondern mit seiner Ahnenprobe versehen.
  11. Vgl. Nr. 196.
  12. Vgl. zu ihm und zum Folgenden ausführlich Reindl pass.
  13. Vgl. dazu Mader 17f. mit Abb. des Dürer-Stiches S. 18.
  14. Vgl. dazu eingehend Bornschlegel, Inschriften pass. mit dem auch für das Bopparder Denkmal interessanten Hinweis auf eine in Eichstätt praktizierte, vermutlich auf eine fürstbischöfliche Verordnung zurückgehende Schrifthierarchie, derzufolge lateinische Texte mit Kapitalis für die Epitaphien der Kleriker, hingegen deutsche Texte mit Kapitalis nur für den Hochadel und die engste bischöfliche Verwandtschaft vorgesehen waren. Die Grabdenkmäler des niederen Adels, der Bürger und Dorfpfarrer wurden mit gotischer Minuskel und Fraktur versehen.
  15. Vgl. dazu Franz-Albrecht Bornschlegel, Die Kapitalis der Renaissance in Augsburg. Masch.-Diss. München 1993.

Nachweise

  1. Milendunck, Historia fol. 55 und fol. 77 (A).
  2. d'Hame, Confluvium II 2, 686f. (A).
  3. Nolden, Karmeliterkirche 7f.
  4. Kugler, Kleine Schriften 2, 274 (teilw.).
  5. Schlad, Chronick 1, o. P.
  6. Rhein. Antiquarius II 5, 535.
  7. aus'm Weerth, Grabmäler I 150 mit Abb. Taf. 9.
  8. Roth, Eltz 1, 128 mit Abb. 1.
  9. Mone, Wappenbild 19.
  10. Mader, Loy Hering 17 (teilw.) mit Abb. S. 18.
  11. Klein, Geschichte 307f.
  12. Martini, Carmel 305.
  13. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 122.
  14. Kreuzberg, Grabmale 58 und 62.
  15. Kreuzberg, Bopparder Karmel, Abb. S. 64.
  16. Boppard am Rhein 1977, Abb. 37.
  17. Reindl, Loy Hering 284 mit Abb. S. 283.
  18. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 378 mit Abb. 265.
  19. Schmidt, Erzbistum, Abb. 9.
  20. Mißling, Karmeliterkirche 16 mit Abb. S. 17.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 166 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0016603.