Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 165 St. Goar, Evang. Stiftskirche 1519

Beschreibung

Grabplatte des Stiftsherrn Daniel Placzfus, innen an der Südwand der Krypta befestigt. Schmale Platte aus porösem rotem Sandstein, in den äußeren Ecken je eine vierblättrige Blüte. Die inschriftlosen, mit Arabesken verzierten Leisten sind nach innen von vier sich in den Ecken durchdringenden Stäben begrenzt. Im leicht vertieften Feld unter einer Sturzbogenarkade flachreliefierte Figur des Verstorbenen im geistlichen Gewand mit eckigem Birett, Amikt, Albe und Kasel, den mit beiden Händen gehaltenen Kelch vor der Brust. Unterhalb des Kelches liegt quer über der Figur eine Tafel mit der sechszeiligen Inschrift, die wie auf aufgenageltes Pergament geschrieben erscheint. Die Leisten sind stark beschädigt.

Maße: H. 176, B. 85, Bu. 3,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

Grabplatte des Daniel Placzfus

 Brunhild Escherich (ADW) [1/2]

  1. [DAN]IELIa) · PLACZFVS · SACERDOTI / [..] · VIRO · HVIVS · AEDIS · CA/NONICOb) · CVIVS · CELOc) · A[D/D]ENDO · FAMA · REMANSIT · OB(IIT) / ANN(O) · M · DXIX · CAL(ENDIS) · AVGVST(I) · / FRAT(ER) · PIENTISS(IME) · POSVIT ·

Übersetzung:

Daniel Placzfus, dem in den Himmel eingegangenen Priester und Mann, Kanoniker dieser Kirche, verbleibt sein Ruhm. Er starb im Jahr 1519 an den Kalenden des August (1. August). Sein Bruder setzte (ihm) in frömmster Absicht (dieses Denkmal).

Kommentar

Die in ausgewogenen Proportionen mit deutlicher Linksschrägenverstärkung ausgeführte Kapitalis erinnert durch die stachelförmige Cauda des R, den bis zur Grundlinie herabgezogenen Mittelteil des M, die kleinen, dreicksförmigen Worttrenner und die Suspensionskürzungen an antike römische Vorbilder. Kürzungszeichen fehlen.

Über Daniel Placzfuß, den wenige Jahre vor Einführung der Reformation und der allmählichen Auflösung des Stiftes St. Goar verstorbenen Priester und Inhaber eines der 12 Kanonikate, ist bislang nichts bekannt1). Allerdings scheint die wohl aus dem Rheinischen stammende Familie2) zumindest seit 1501 in St. Goar ansässig gewesen zu sein, als mit Konrad Platzfuß ein neuer landgräflich-hessischer Zollschreiber zu St. Goar sein Amt aufnimmt. Bei dem bis 1527 nachweisbaren Konrad, der als " übergeordnete(r) hess(ischer) Finanzbeamter am Rhein"3) eine bedeutende Stellung innehatte, dürfte es sich um den als Stifter der Grabplatte inschriftlich genannten Bruder des Verstorbenen gehandelt haben.

Das bislang kaum gewürdigte Grabdenkmal4) erweist sich durch die hier zum ersten Mal im Bearbeitungsgebiet auftretende Verwendung einer Tafel statt der umlaufenden Leiste als Inschriftenträger, durch die Kombination von Zierformen und figürlicher Darstellung sowie durch Inhalt und Form der Inschrift als interessantes Bindeglied zwischen Spätgotik und Renaissance. Noch zu klären bleiben Herkunft und Verbreitung des seltenen Motivs der quer über den Körper des Verstorbenen gelegten Inschriftentafel. Nachweisen läßt es sich bisher auf dem Epitaph des 1510 verstorbenen Kanonikers und Kantors Heinrich vom Rhein5) in Frankfurt, in etwas voluminöserer Ausführung auf der Grabplatte des 1514 verstorbenen Peter Kern6) in Mainz, auf der Grabplatte des ebenfalls 1519 verstorbenen Mainzer Domvikars Hermann Hellingk7) in Niederwerth bei Koblenz und auf der des 1527 verstorbenen Domherrn Konrad Hoffmann in St. Justinus in Höchst8). Aufgrund der formalen Ähnlichkeit könnte dieser Typ Grabplatte mit quergelegter Inschriftentafel auf die 1488 in Form einer Grabplatte aus Messing angefertigte Gedenktafel9) für den 1464 in Italien verstorbenen Kardinal Nikolaus von Kues (Cusanus) zurückzuführen sein, die als Kennzeichnung seines Herzgrabes vor dem Hochaltar der Kapelle des Hospitals zu Kues, seiner Stiftung, angebracht wurde. Die aus sieben kleineren Platten zusammengesetzte Platte entspricht ihrerseits in Form und Inhalt weitgehend der erhaltenen Marmorgrabplatte10) des in St. Pietro in Vincoli zu Rom bestatteten Kardinals.

Textkritischer Apparat

  1. ...IELI PIACZEVS Ensgraber. - Vor dem I ist noch das obere Ende eines Schaftes sichtbar. Die von Pauly, Stifte 152f. vorgenommene Ergänzung zu "Philippus" erklärt sich vermutlich durch das irrtümliche Miteinbeziehen des Anfangsbuchstaben des nächsten Wortes.
  2. O klein dem C eingeschrieben.
  3. E verbessert aus O.

Anmerkungen

  1. Pauly, Stifte 152f. und 254 konstruiert aufgrund seiner falschen Lesung des Namens einen sonst nicht nachweisbaren Priester Philippus, dem er entgegen der eindeutigen inschriftlichen Aussage auch noch die Möglichkeit unterstellt, nicht dem Stiftsklerus angehört zu haben.
  2. Vgl. dazu und zum Folgenden Demandt, Rheinzollerbe I Nrr. 37ff. sowie zum Bopparder Zweig der Familie Frauenberger, Bürgerbuch 1, 629 bzw. zum Koblenzer Zweig Eiler, Stadtfreiheit 388 (Register).
  3. So Demandt, Rheinzollerbe I 6.
  4. Pauly, Stifte 152f. weist lediglich auf die auffallend eckige Form der Kopfbedeckung hin. Im Gegensatz dazu trugen die Kanoniker beider Stifte im benachbarten Oberwesel runde Birette, eine Praxis, die erst 1635 mit der Vorschrift zum Gebrauch eckiger Birette im gesamten Bistum Trier untersagt wurde.
  5. Vgl. de Weerth, Frankfurter Dom 232ff. mit Abb. 121.
  6. Vgl. DI 2 (Mainz) Nr. 1105 (mit Abb.).
  7. Vgl. Schmidt 137f. mit Abb. 1 und Kdm. Lkrs. Koblenz 263f. mit Abb. 294.
  8. Vgl. Schäfer, Bestattungen 12 mit Abb.
  9. Vgl. Kdm. Bernkastel 119 mit Taf. IV und Groß-Morgen, Herzepitaph 212 mit Abb. S. 213.
  10. Vgl. dazu Groß-Morgen, Epitaph 95f. mit Abb. S. 96.

Nachweise

  1. Schmidt, Werke 139 mit Abb. 2.
  2. Pauly, Stifte 152f. (erw.).
  3. Ensgraber, Chronik 194 (teilw.).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 165 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0016505.