Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 159 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau 1515

Beschreibung

Epitaph des Stiftsherrn und Propstes Petrus Lutern. Ursprünglich an unbekannter Stelle im Kircheninnern, spätestens seit 1818 am heutigen Standort1) innen an der Westwand des südlichen Seitenschiffs in ca. 3 m Höhe angebracht. Grau gefaßter Tuffstein, Sockel und Inschrifttafel aus Sandstein. Die nahezu vollplastisch gestaltete Figur des Verstorbenen in priesterlichem Gewand2) mit dem Kelch vor der Brust steht mit leicht vorgesetztem linken Bein in einer Nische unter einem doppelt überschnittenen Kielbogenbaldachin. Daneben stehen unter schmalen übereckgestellten Nischen zwei kleine Figuren in zeitgenössischer Tracht auf korbförmigen Konsolen, zur Rechten des Verstorbenen die hl. Martha (von Bethanien), zur Linken - stark beschädigt - wohl ihre Schwester Maria3). Der reich profilierte Sockel zeigt eine von Putten gehaltene tabula ansata mit der fünfzeiligen Grabinschrift, darunter in der Mitte das flachreliefierte Wappen des Verstorbenen. Das Grabdenkmal ist im Unterteil bestoßen, die Schrifttafel aus Sandstein leicht zerkratzt und durch neuzeitliche Ritzinschriften verunstaltet.

Maße: H. 247, B. 105, Bu. 2,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

Epitaph des Petrus Lutern

 Heinz Straeter (GDKE Denkmalpflege) [1/2]

  1. PETRVS · LVTERN · VIR · INTEGER · DIVI · MARTINI · ECCL(ESI)E · P(RE)POSITVS / HVIVSQVE · EDIS · CANO(NI)CVS · POST · ALIA · PROBITATIS · OFFICIA · / SACELLV(M) · ISTVDa) · SVIS · SVMPTIBVS · AD · LAVDE(M) · DEI · ET · HONORE(M) · DIVE · / MARTHE · HOSPITE · CHRISTI · DICARE · CVRAVIT · TANDEM · / FELICITER · OBYT · ANNO · SALVTIS · M · D · XV · NONAS · MARCIASb)

Übersetzung:

Petrus Lutern, ein unbescholtener Mann, Propst der Kirche des heiligen Martin und Kanoniker dieser Kirche, hat - nach anderen Werken der Freigiebigkeit - auf seine Kosten diese Kapelle zum Lobe Gottes und zu Ehren der heiligen Martha, der Gastgeberin Christi, weihen lassen. Schließlich starb er glückselig im Jahr des Heils 1515 an den Nonen des März (7. März)4).

Wappen:
Lutern

Kommentar

Die sorgfältig mit deutlicher Linksschrägenverstärkung und Schattenachse bei O ausgeführte Kapitalis vermittelt durch ihre ausgewogene Gestaltung einen nahezu klassisch-römischen Eindruck, der durch die Verwendung dreiecksförmiger Worttrenner und langer waagerechter Striche als Kürzungszeichen noch verstärkt wird. Lediglich kleine unauffällige Merkmale wie etwa der deutlich verlängerte untere Balken des E, der etwas gedrückte Bogen des G, das durchgehend geschlossene P und die am unteren Scheitel des Buchstabens ansetzende, kurze hakenförmige Cauda des Q verweisen auf die renaissancezeitliche Entstehung dieser Inschrift. Weitere zeittypische Zeichen sind die deutlichen Hinweise auf die Stiftungstätigkeit des Verstorbenen, die antikisierende Wortwahl und die Datumsformel.

Der vermutlich aus dem rechtsrheinischen Bornich (Rhein-Lahn-Kreis)5) stammende Petrus Lutern6) ist seit 1475 als Kanoniker von Liebfrauen bezeugt, 1508 erhält er dort zusätzlich das Amt des Kustoden und wird somit für den geordneten Ablauf des Chor- und Gottesdienstes verantwortlich. Am 6. März 1508 wird Lutern durch den Patronatsherrn Michael von Schönburg auf Wesel - unter Beibehaltung seines Kanonikates in Liebfrauen - zum Propst von St. Martin, der zweiten Oberweseler Stiftskirche, präsentiert und bereits am 23. März durch den Trierer Erzbischof Jakob von Baden eingesetzt. Da dieses hohe Amt von Anfang an eher als Ehren- und Versorgungspfründe eingerichtet worden war, wundert es nicht, daß Lutern nicht St. Martin, sondern die von ihm reich mit Kunstgegenständen ausgestattete und auch teilweise renovierte7) Liebfrauenkirche zu seiner Begräbnisstätte bestimmte. In seiner Grabinschrift kommt eine besondere Verehrung für die hl. Martha zum Ausdruck, die sich durch die nur dort bezeugte Einrichtung einer ihr geweihten Kapelle und die Stiftung des heute auf dem Altar des Südchors stehenden Martha-Retabels aus dem Jahr 1503 ablesen läßt. Da in Liebfrauen kein eigenständiger Kapellenbau bekannt ist, ist wohl davon auszugehen, daß sich die bislang nicht lokalisierte Martha-Kapelle mit Altar, zugehörigem Retabel und Epitaph des Stifters ehemals im südlichen Nebenchor von Liebfrauen befunden hat. Allerdings kann es sich in diesem Fall nur um eine kurze Zeitspanne gehandelt haben, da sich dort seit 1550 der Altar der Marienvikarie8) (als Pfarraltar) nachweisen läßt.

Das mit großer Meisterschaft in der Verwendung spätgotischer und renaissancezeitlicher Formen hergestellte Grabdenkmal zeigt den Verstorbenen porträthaft als älteren Mann und galt lange als eigenhändige Schöpfung des Mainzer Bildhauers Hans Backoffen9). Ob die jüngste stilgeschichtliche Kritik und die damit verbundene Zuweisung des Lutern-Epitaphs an einen unbekannten oberschwäbischen Meister10) plausibel ist, muß der weiteren kunstgeschichtlichen Diskussion überlassen bleiben.

Textkritischer Apparat

  1. In winzigen Buchstaben über dem folgenden Wort (zeitgleich) nachgetragen.
  2. So für NONIS MARCIIS.

Anmerkungen

  1. Das große Epitaph verdeckt die Stelle, an der sich ehemals ein beim Bau des Kapitelhauses verblendetes Westfenster (so Kdm. 323 mit Abb. 248) bzw. der Aufgang von der Kirche zum Kapitelhaus befunden hat (so Rhein. Antiquarius II 8, 6f.).
  2. Manipel über der linken Hand, Kasel mit Kreuzstab, Albe, Amikt, auf dem Kopf ein Birett und in den Händen einen Meßkelch mit flacher, bortengefaßter Bedeckung (palla calicis).
  3. Die Figuren sind heute vertauscht; vgl. dazu die Identifizierung bei Lehfeldt und die Abb. bei Hermann bzw. Kautzsch.
  4. Pauly 272 gibt dagegen als Todestag den 5. Februar an.
  5. Vgl. dazu das Epitaph seiner Mutter Nr. 111.
  6. Vgl. zum Folgenden die Nachweise bei Pauly (Reg.).
  7. Als Stifter ließ er sich mit seinem Wappen auf dem 1503 datierten Retabel des Martha-Altars (Nr. 151), dem Retabel des 1506 datierten Nikolaus-Altars (Nr. 153), ebenso auf der Fünfzehn-Zeichen-Tafel (Nr. 157) und neben einer Renovierungsinschrift (vorhergehende Nr.) darstellen. Zudem findet sich sein Wappen auf einem der Schlußsteine im Südflügel des Kreuzgangs von Liebfrauen. - Die reiche Stiftungstätigkeit Luterns, die sicher mit der Fürsorge für sein Seelenheil verbunden war, wäre eine eigene Untersuchung wert und würde ein ähnlich aufschlußreiches Bild über die Mentalität eines hohen Klerikers um 1500 ergeben, wie es jüngst Fuhrmann für den 1516 verstorbenen Halberstädter Dompropst Balthasar von Neuenstadt zeichnen konnte.
  8. Vgl. dazu Pauly 326.
  9. Erstmals Dehio 151 und Kautzsch 41f., zuletzt Dehio Rheinland-Pfalz 775.
  10. So Goeltzer 53, der demselben Meister - aus rein stilistischen Gründen - das von ihm erstmals in die Zeit um 1520 datierte Grabdenkmal des 1508 verstorbenen Mainzer Erzbischofs Jakob von Liebenstein zuweist. - Nur bedingt nachvollziehbar ist allerdings seine versuchte Identifizierung dieses Bildhauers mit dem unbekannten (sogenannten jüngeren) Meister des Ulrich-Epitaphs aus Kloster Adelberg bei Göppingen; vgl. ebd. 34. Dieser wird von der neuesten kunsthistorischen Forschung zwar als Backoffenschüler bezeichnet, soll jedoch Mainz um 1515 verlassen und in Adelberg in den Jahren 1515 bis 1520 zumindest zwei bedeutende Bildwerke geschaffen haben; vgl. dazu ausführlich Deutsch, Bildhauerwerkstatt 85-97.

Nachweise

  1. NN., Liebfrauenkirche 14f.
  2. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 613.
  3. Hermann, Führer, Abb. S. 31.
  4. Dehio, Gemmingendenkmal 150 mit Abb. 10
  5. Kautzsch, Backoffen, Abb. 28 auf Taf. 9.
  6. Back, Werke, Abb. S. 51.
  7. Müllenbach, Lutern, Abb. S. 87.
  8. Campignier, Liebfrauenstift 47 (übers.) mit Abb. S. 46.
  9. Campignier, Rundgang 43 (übers.) mit Abb. S. 42.
  10. Pauly, Stifte 486.
  11. Bornheim gen. Schilling, Oberwesel, Abb. S. 7.
  12. Goeltzer, Backoffen II 32 mit Abb. 21.
  13. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 323 mit Abb. 194.
  14. Schwarz, Kirche, Abb. S. 14.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 159 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0015902.