Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 148 Boppard, Karmeliterkirche 1502

Beschreibung

Glocke des Meisters Heinrich von Prüm. Ehemals im Dachreiter, wurde sie 1941 zu Kriegszwecken abgeliefert1), kehrte 1947 zurück, stürzte aber während des Kirchenbrandes im August 1984 herab und wurde schwer beschädigt; heute ist sie allgemein zugänglich unter der Empore aufgestellt. Kleine Glocke mit zweizeiliger Schulterumschrift, in der ersten Zeile zwischen Rundstegen der Beginn des Ave-Maria-Gebetes in lateinischer Prosa, in der zweiten Zeile gereimte Namensnennung und Meisterinschrift in deutscher Sprache. Der Textbeginn wird durch eine große, floral verzierte Raute markiert. Darunter ein Rundmedaillon mit Maria inmitten der Heiligen Sippe, über ihr ein von drei Engeln gehaltenes unleserliches Schriftband. Auf der gegenüberliegenden Seite unterhalb des Namens maria rautenförmiges Relief der Muttergottes mit Kind im Strahlenkranz, rechts daneben ein Rundmedaillon mit einer vielfigurigen Gruppe mit drei Kreuzen, dabei unleserliches Spruchband. Auf dem Schlagrand rechteckiges Relief des Martyriums einer weiblichen Heiligen. Die Krone geborsten, der Mantel vielfach gesprungen.

Maße: H. 55 (o. Kr.), Dm. 70, Bu. 2,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Marienglocke

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/2]

  1. aue maria gr(ati)a ple(n)a d(omi)n(u)s tecu(m) bened(ic)ta tu i(n) mulierib(us) et benedict(us) fruct(us) ue(n)tris tui ie(su)s chr(istu)sa) ame(n) / maria heis ich henrich uon pruem gois mich an(n)o d(omi)ni m ccccc ii · s(an)c(t)a anna · b)

Versmaß: Deutsche Reimverse.

Kommentar

Die insgesamt unauffällige Minuskel ist teilweise mit Schaftspaltung an den oberen, gelegentlich auch an den unteren Buchstabenenden ausgeführt. Die oberen Schaftenden des u sind nicht gebrochen sondern links abgeschrägt. Worttrenner fehlen.

Der Weihe der 1502 gegossenen Glocke erfolgte am 10. Januar des Jahres 1503, zusammen mit einer zweiten, heute verschollenen Glocke. Anläßlich eines Gastmahls am Tag der Glockenweihe konnte der Konvent für die Anschaffung beider Glocken von ungenannten Gönnern 60 Gulden einnehmen; der Gießer wurde dagegen mit 6 Gulden entlohnt2). Sowohl der Name der Glocke als auch die Wahl des Ave-Maria-Gebetes als Inschrift dürften auf die ausgeprägte Marienfrömmigkeit der Karmeliter im Spätmittelalter zurückzuführen sein3). Dem in einer großen Trierer Werkstatt4) arbeitenden Meister Heinrich von Prüm sind zwischen 1494 und 1513 weit über dreißig Glocken nachzuweisen, die sich vor allem durch die Verwendung figurenreicher Reliefs von denen seiner Vorgänger unterscheiden.

Möglicherweise hatte der Meister diese Art der sogenannten Auflagen-Reliefs (Intaglien), die im 15. Jahrhundert im Rhein-Main-Gebiet für die Herstellung von feinem Gebäck entwickelt worden waren5), erst am Mittelrhein kennengelernt. Die runden, viereckigen oder rautenförmigen Reliefs wurden aus Stein- bzw. Tonmodeln gewonnen und umfaßten inhaltlich profane wie geistliche Darstellungen. Ein um 1500 entstandenes Tonmodel, das die vorliegende Darstellung der Heiligen Sippe zeigt, konnte bislang in drei Museen, darunter auch im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, nachgewiesen werden6). Das Relief der Kreuzigungsgruppe geht auf ein Tonmodel zurück, wie es im heutigen Museum für Stadtgeschichte Frankfurt7) aufbewahrt wird.

Textkritischer Apparat

  1. Befund ihs xps mit Kürzungszeichen.
  2. Die Namensinschrift steht zwischen einem Medaillon mit Sonne und einer Münze.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu und zum Folgenden Kdm.
  2. "Item anno 1503 procuratur nova campana choralis, cum altera minore campanella pro missis privatis pulsanda et uter(que) consecratur in Dominica post Epiphaniam eod(em) die celebratum est convivium in quo ab amicis pro sub (sic!) subsidio campana(rum) ablati sunt 60 flor(eni) in auso campanae fusor accepit 6 g(old)g(u)l(den)", so Milendunck, Historia fol. 55v. - Offen bleibt, ob es sich bei der erhaltenen Glocke um die größere Chorglocke oder das kleinere, für Privatmessen genutzte Glöckchen gehandelt hat.
  3. Vgl. dazu den Schlußkommentar zu Nr. 72.
  4. Vgl. dazu und zum Folgenden Poettgen, Trierer Glockengießer 95ff. und die Werkliste des Gießers 120f.
  5. Vgl. zum Folgenden den Hinweis bei Poettgen, St.-Anna-Wallfahrt 42 sowie Arens, Stein- und Tonmodel 106ff.
  6. Vgl. dazu Arens, Stein- und Tonmodel 114 Nr. 15 mit Abb. auf Taf. 24. - Weitere Abdrücke befinden sich auf den 1509, 1521 und 1522 gegossenen Glocken des Heinrich Ciegeler im Landkreis Naumburg; vgl. zu ihm Eichler, Handbuch 69f. und DI 9 (Lkrs. Naumburg) Nrr. 411, 420 und 421 mit Abb. 67. Auf dem Relief der Glocke von 1522 konnte Schubert mit Gl(oria) · in · excelsis · deo · noch den Text des Spruchbandes entziffern.
  7. Vgl. dazu Arens, Stein- und Tonmodel 116 Nr. 22 mit Abb. auf Taf. 26 und der Inschrift vere filius dei erat iste. - Dieses seit 1462 nachweisbare, vielverwendete Relief wurde ebenfalls von Ciegeler benutzt; vgl. dazu DI 9 (Lkrs. Naumburg) Nrr. 408, 411 und 423.

Nachweise

  1. Nolden, Karmeliterkirche 12.
  2. Schlad, Chronick 1, o. P.
  3. Rhein. Antiquarius II 5, 537.
  4. Martini, Carmel 307.
  5. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 128.
  6. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 390f. mit Abb. 281f.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 148 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0014805.