Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 141† Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau um 1500?

Beschreibung

Fürbitte an den hl. Martin. Wandmalerei mit Darstellung der Mantelteilung, innen am fünften Pfeiler des nördlichen Seitenschiffs. Der im Nimbus durch die schwarz auf Blau gemalte Fürbitte bezeichnete Heilige zerschneidet - auf einem Schimmel reitend - seinen Mantel und reicht eine Hälfte einem Bettler. Den Hintergrund der Szene bildet der nördliche Teil Oberwesels mit Stadtmauer, Ochsenturm und Martinskirche. Temperamalerei auf Kreidegrund, 1895/98 durch den Kölner Maler W. Batzem stark überarbeitet1). Aufgrund der zeichnerischen und fotografischen Überlieferung2) muß davon ausgegangen werden, daß zumindest die Inschrift während einer späteren Restaurierung völlig neu gemalt wurde.

Maße: H. 193, B. 180, Bu. 3-4 cm.

Schriftart(en): Moderne Majuskel.

Wandmalerei des hl. Martin

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/2]

  1. SANCT(VS) · MARTINVS · O(RA) · P(RO) · N(OBIS)a) ·

Kommentar

Die vorliegende Schrift ist aufgrund ihrer anachronistischen Kombination aus Elementen der romanischen und gotischen Majuskel3) in der Entstehungszeit der Wandmalerei nicht vorstellbar. Dennoch dürfte der Maler zu seiner Neuschöpfung durch Schriftreste veranlaßt worden sein, bei denen es sich vielleicht um Formen der frühhumanistischen Kapitalis gehandelt haben könnte. Als Worttrenner dienen Punkte4).

Die Figur des hl. Martin weist zusammen mit der Darstellung der Pfarr- und Stiftskirche St. Martin in Oberwesel auf die enge Verbundenheit beider Stifte in der beginnenden frühen Neuzeit hin5). Die kunstgeschichtliche Forschung datiert das sich an einen Stich des sogenannten Hausbuchmeisters anlehnende Bild in die Zeit zwischen 1480 und 15506).

Textkritischer Apparat

  1. Die letzten drei Buchstaben sind in deutlich kleinerer Schreibweise wiedergegeben.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Kern.
  2. Ein vermutlich vor dieser Restaurierung (nicht "vor 1945", so Danai, bzw. in den "1950/1960er" Jahren, so Hermann Nr. 41) aufgenommenes Foto (Danai Abb. 13a, Hermann) weist einen geschwärzten Nimbus auf, in dem keine Buchstaben mehr zu erkennen sind. - Dagegen zeigen jedoch sowohl das um 1907 gemalte Aquarell als auch die 1922 von Back, 1930 von v. Lepel und Clemen sowie die 1966 von Kubach veröffentlichten Aufnahmen bereits den heutigen Zustand.
  3. Gerundetes unziales M mit Abschlußstrich, rundes N, retrogrades rundes T mit sichelförmigem Bogen, dabei Verzicht auf die charakteristischen Schwellungen. Auch der untypische, weit ausgezogene Bogen des R dürfte der Phantasie des Restaurators entsprungen sein.
  4. Auch dieser unpassende Befund ist auf die Restaurierung zurückzuführen, zu erwarten wären eher (verzierte) Rauten oder Quadrangeln; vgl. dazu DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) LIV.
  5. Vgl. dazu Pauly, Stifte 335 und 352. - Es handelt sich hier zudem um eine der frühen Darstellungen der Martinskirche.
  6. Vgl. dazu Kdm. 197.

Nachweise

  1. Aquarell des Malers Volkhausen, um 1907 (LfD Mainz Fotoarchiv, Inv.-Nr. 15381).
  2. Back, Werke, Abb. 54.
  3. von Lepel, Wandmalereien, Fig. 350.
  4. Clemen, Gotische Monumentalmalereien, Fig. 350 und Taf. 80.
  5. Kubach, Kunstdenkmäler, Abb. 123.
  6. Bornheim gen. Schilling, Oberwesel, Abb. 13.
  7. Danai, Darstellung 113 mit Abb. 13 und 13a.
  8. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 195 mit Abb. 100.
  9. Hermann, Foto-Archiv, Foto Nr. 41 und Nr. 80.
  10. Schwarz, Kirche, Abb. S. 17.
  11. Freckmann, Bauforschung, Abb. 174.
  12. Kern, Wandmalerei (Ms.).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 141† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0014109.