Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 124 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche St. Martin E.15.Jh.

Beschreibung

Namensbeischriften von biblischen Figuren und Heiligen auf zwei fragmentarisch erhaltenen, beidseitig bemalten Flügeln eines ehemaligen Altarretabels aus Eichenholz, heute in der Kunstkammer. Die durch einen punktierten Hintergrund hervorgehobenen Inschriften befinden sich jeweils in den Goldnimben der Figuren. Tafel I zeigt auf der vermutlichen Außenseite in einer felsigen Landschaft die Begrüßung von Elisabeth (A) und Maria (B) während ihrer Schwangerschaft, die sich gegenseitig die Hände auf die gesegneten Leiber legen (sogenannte Heimsuchung Mariens), auf der Innenseite eine Geißelungsszene1). Tafel II zeigt auf der vermutlichen Außenseite vor Goldgrund die mit ihren Attributen versehenen Heiligen Katharina (C) und Barbara (D), auf der Innenseite eine inschriftlose, vielfigurige Dornenkrönung. Die sich bereits in Teilen ablösende, auf Leinwand ausgeführte Temperamalerei wurde 1993 und 1994 gefestigt2) und im Herbst 2000 einer Farbschichtkonservierung3) unterzogen.

Maße: H. 91, B. 72,5 (mit Rahmen), Bu. 2 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Retabel mit Heiligen

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. A

    · sancta · elisabet · mat(er) · i(o)h(anni)s

  2. B

    · sancta · maria · mater · dei ·

  3. C

    [ · sa]nct[a] · katterinaa) ·

  4. D

    · sancta [ · barbara · ]

Kommentar

Durch das Bemühen, die Minuskeln in etwa gleicher Größe herzustellen, sind die Oberlängen der Buchstaben nur ganz reduziert oder gar nicht ausgeführt. Auffällig ist die Gestaltung des s mit rundem unterem Bogen und nach innen gezogenem, abgeknicktem Ende. Als Worttrenner dienen sehr große Quadrangeln.

Trotz der unterschiedlichen Qualitätsstufen in der Ausführung der Innen- und Außenseiten sprechen die stilistischen und thematischen Gemeinsamkeiten beider Tafeln für ihre ursprüngliche Zusammengehörigkeit. Die Heimsuchungsszene ist als sogenannte "Begrüßung in Distanz"4) dargestellt, wie sie in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts gern verwendet wurde. Die den beiden schwangeren Frauen zusätzlich zur Namensinschrift beigegebenen Bezeichnungen verweisen auf ihre künftige Rolle als Mutter Johannes des Täufers bzw. als Mutter des Gottessohnes.

Die Datierung orientiert sich an der von Kdm. getroffenen kunsthistorischen Einordnung.

Textkritischer Apparat

  1. Sic!

Anmerkungen

  1. Beide Tafeln der Innenseite sind stark beschädigt, weisen aber im Vergleich zur Außenseite wesentlich qualitätvollere Malereien auf. Sie sind stark beschnitten und wurden den Flügeln erst nachträglich eingepaßt. Zwei der geißelnden Henkersknechte auf Tafel I tragen an ihrer Kleidung Schmuckstreifen, die mit aufgemalten buchstabenähnlichen Zeichen versehen sind.
  2. Vgl. Kdm. 523.
  3. Freundliche Auskunft von Herrn Prof. Dr. Ingo Sandner, Fachhochschule Köln, Abt. Restaurierung und Konservierung von Kunst und Kulturgut, vom 19. Oktober 2000.
  4. Vgl. dazu Lechner, Heimsuchung Mariens 231f.

Nachweise

  1. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 523ff. mit Abb. 347 (A, B).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 124 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0012409.