Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 122 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau (aus St. Martin) E.15.Jh.

Beschreibung

Mariengruß auf einem Altarretabel aus Holz, ehemals in St. Martin links neben dem Eingang zur Sakristei an der Wand1), seit Mitte der neunziger Jahre in Liebfrauen. Der aus zwei geschlossenen Flügeln bestehende Schrein beinhaltet 48 verglaste Felder, in denen jeweils vier verschnürte Reliquien mit handschriftlichen Namensbezeichnungen auf kleinen Zetteln untergebracht sind. Die inschriftlosen Innenseiten der bemalten Retabelflügel zeigen links Johannes den Täufer mit Buch und Lamm, rechts einen Priesterheiligen mit viertürmigem Kirchenmodell. Auf den Außenseiten der Flügel ist die Verkündigung dargestellt: links der Engel mit Spruchband und dem schwarz auf Weiß gemalten Mariengruß, im Hintergrund die Kirche St. Martin, darüber der segnende Gottvater im Wolkenkranz, von dem aus Strahlen mit dem Jesuskind und der Geisttaube auf die rechts kniende Maria niedergehen.

Maße: H. 72, B. 29 (Flügel), 58 (Schrein), Bu. 1 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

Retabel mit Mariengruß

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. · Auea) gracia plena d(omi)n(u)s tecum2) ·

Kommentar

Aufgrund seiner geringen Größe war das Reliquienretabel wahrscheinlich kaum an einem der Altäre von St. Martin aufgestellt. Die Wahl des unbekannten Heiligen - bei dem der hl. Goar3) gemeint sein dürfte - könnte einen Hinweis auf die Herkunft des Stifters oder auf die des Reliquienretabels selbst geben. So erscheint es nicht ausgeschlossen, daß es ursprünglich aus der innerhalb des Pfarrbezirkes von St. Martin bei der Mühle im Niederbachtal gelegenen, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts urkundlich nachgewiesenen St. Goars-Kapelle4) stammt. Dafür spräche auch die Plazierung der (bisher unbeachteten Ansicht) der Kirche St. Martin, die von dort aus zu sehen gewesen sein dürfte.

Die Datierung folgt der kunsthistorisch getroffenen Einordnung.

Textkritischer Apparat

  1. Das der gotischen Majuskel entlehnte Versal ist durch rote Farbe hervorgehoben.

Anmerkungen

  1. Vgl. Campignier, Rundgang 62.
  2. Lk 1,28 (teilw.).
  3. Der unbekannte Heilige wurde bislang mit den hll. Antonius (Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 620), Kastor oder Goar (Campignier, Rundgang 62) bzw. Florin (Pauly, Stifte 457) identifiziert. Aufgrund des signifikanten Kirchenmodells dürfte es sich um den hl. Goar handeln, der mit diesem Attribut als Priester im Meßgewand öfters dargestellt wird; vgl. dazu Thomas, Goar und Nr. 154.
  4. Vgl. Pauly, Stifte (Reg.).

Nachweise

  1. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 371 mit Abb. 238f.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 122 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0012203.