Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 110(†) Boppard, Rheinallee 47 (Seniorenhaus Zum Hl. Geist, aus Karmeliterkirche?) 1491

Beschreibung

Spruchinschrift, Titulus und Jahreszahl auf einem dreiflügeligen Altarretabel mit der Kreuzigung Christi. Ursprünglich wohl aus der Karmeliterkirche stammend, befand es sich 1886 im Besitz Josephinas von Schaaff1) und gelangte anschließend als ihre Stiftung an das katholische Waisenhaus, das heutige Seniorenhaus. Das Retabel befindet sich im Chor der dort 1901-1902 eingebauten Kapelle. Ölmalerei auf Holz. Auf der Mitteltafel vor einer hügeligen Flußlandschaft Christus am Kreuz, darunter Maria und Johannes, am Kreuzbalken Täfelchen mit schwarz auf Weiß gemaltem Titulus (A). In der linken unteren Ecke kniet (in stark verkleinertem Maßstab) der Stifter in Karmelitertracht (brauner Habit, weißer Mantel mit Kapuze), den Blick auf das Kreuz gerichtet, von ihm ausgehend ein Spruchband mit der schwarz auf Weiß gemalten Inschrift (B). Die Flügel des Retabels mit Darstellungen der Heiligen Magdalena und Katharina sind ohne Inschrift. Die von Lehfeldt verläßlich überlieferte Jahreszahl (C) befand sich wohl auf dem neuzeitlich übergangenen Rahmen des gut erhaltenen Retabels.

Nach Lehfeldt (C).

Maße: H. ca. 200, B. 190, Bu. 1,5 (B) cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A), gotische Minuskel (B).

Retabel mit Kreuzigung

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/2]

  1. A

    · I(ESVS) · N(AZARENVS)a) · R(EX) · I(VDEORVM)2) ·

  2. B

    · O · crux · ave · · spes · vnica ·

  3. C†

    1491

Übersetzung:

O Kreuz, einzige Hoffnung, sei gegrüßt.

Kommentar

Die mit auffällig langen waagerechten Strichen als Kürzungszeichen versehenen Buchstaben des Titulus zeigen Formen der frühhumanistischen Kapitalis wie Halbnodus am I und spiegelverkehrtes N. Der Beginn der Spruchinschrift ist durch ein der gotischen Majuskel entlehntes, in roter Farbe gemaltes O hervorgehoben; die sorgfältig ausgeführte Minuskel zeigt mit abgeknicktem oberen und rundem unteren Bogen beim s sowie dem ausgezogenen und geknickten linken Schaft des v bei vnica auffällige Formen der Spätzeit. Als Worttrenner beider Schriftformen dienen paragraphzeichenförmige Quadrangeln.

Das wohl von einem Mönch des Bopparder Karmeliterklosters gestiftete, kunsthistorisch weitgehend unbeachtete Retabel soll "aus dem Umkreis des jüngeren Kölner Sippenmeisters, aber wohl von einem mittelrheinischen (Koblenzer?) Maler"3) stammen.

Textkritischer Apparat

  1. N spiegelverkehrt.

Anmerkungen

  1. So Lehfeldt.
  2. Joh 19,19.
  3. So Kdm. 487.

Nachweise

  1. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 581 (C).
  2. Stollenwerk, Geschichte, Abb. nach S. 56.
  3. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, Abb. 357.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 110(†) (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0011000.