Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 98 St. Goar, Evang. Stiftskirche vor 1485

Beschreibung

Grabplatte des Dekans Johannes Riet (?), aufgefunden während der Wiederherstellung des Fußbodens im Januar 19661), seitdem innen an der Südwand der Turmhalle befestigt. Fragment einer ehemals großen, sehr dünnen Platte aus Schiefer mit vermutlich doppelter Umschrift (A) zwischen Linien. Erhalten hat sich der obere Teil mit der in Ritzzeichnung ausgeführten Kopf- und Schulterpartie des Verstorbenen in geistlicher Tracht unter einer Kielbogenarkade. In den oberen Ecken befinden sich zwei sich zuneigende identische, aber von den unterschiedlichen Initialen (B) begleitete Marken im Wappenschild. Die gesamte rechte und Teile der linken Leiste fehlen.

Maße: H. 104 (frgm.), B. 113, Bu. 8,5 (A), 9-12 (B) cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal (A), gotische Majuskel (B).

Grabplatte des Johannes Riet (?)

© Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. A

    [ - - - / ]a) venerabilis artiu(m) lib[e(r)]ali[umb) - - - / - - - / - - - Cui(us) a(n)i(m)a in] pace requiescat

  2. B

    J(ohannes) R(iet) N(- - -) R(iet)

Wappen:
Johannes Riet2)N(- - -) Riet3)

Kommentar

Die schlanken Initialen der Marken greifen Formen der sehr späten Majuskel auf, wie sie etwa in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Worms4) verwendet wurden.

Da wegen des 1444 begonnenen und 1469 fertiggestellten Neubaus des Langhauses die erhaltenen Grabdenkmäler der Stiftsgeistlichkeit erst nach 1470 einsetzen, dürfte auch diese Grabplatte nicht früher entstanden sein. Die hypothetische Identifizierung des Verstorbenen mit dem 1477 als Dekan des Stiftes St. Goar nachweisbaren Johannes Riet5) erfolgt aufgrund der qualitätvollen ausgeführten Grabplatte, die auf ein höherrangiges Mitglied der Stiftsgeistlichkeit schließen läßt, vor allem aber aufgrund der Initialen der dem Verstorbenen zuzuordnenden Marke in der linken oberen Ecke. Sollte die vorgenommene Ergänzung zutreffen, dann absolvierte der Verstorbene im Verlauf seines sonst nicht nachgewiesenen Aufenthaltes an einer Universität als Grundlage weiterer Studien die der sogenanten "artes liberales". Sein Nachfolger im Amt ist erstmals für das Jahr 1485 belegt.

Textkritischer Apparat

  1. Da die Inschrift aufgrund der erhaltenen Formularteile nicht am Beginn der oberen Leiste angefangen haben kann und an der linke Leiste zudem ein überbreiter Rand stehengeblieben ist, ist davon auszugehen, daß die Inschrift mindestens doppelzeilig angelegt war.
  2. Danach folgte höchstwahrscheinlich magister.

Anmerkungen

  1. Die Platte lag nicht über einer Gruft (vgl. etwa Nr. 372), sondern wurde offensichtlich als Füllmaterial bei der grundlegenden Restaurierung der Kirche in den vierziger Jahren des 19. Jh. verwendet; vgl. dazu den Hinweis bei Grabplatten St. Goar 130.
  2. Marke Nr. 4, begleitet von den Initialen J R.
  3. Marke Nr. 4, begleitet von den Initialen N R.
  4. Vgl. dazu DI 29 (Worms) LXIf.
  5. Vgl. Pauly, Stifte 241 mit dem Hinweis auf einen weiteren Johannes Riet, der 1442 als Kanoniker genannt wird. Weitere Kanoniker mit diesen Initialen sind in den Stiftslisten dieses Zeitraums nicht nachzuweisen.

Nachweise

  1. Ensgraber, Chronik 214 (erw., mit mißverstandener Nachzeichnung der Marken).
  2. Nikitsch, Inschriften 41.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 98 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0009800.