Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 97 Boppard, Karmeliterkirche 1484

Beschreibung

Deckplatte eines Hochgrabes für Wilhelm von Schwalbach und seine Frau Anna von Leyen, bereits vor 1675 aufgerichtet am zweiten westlichen Pfeiler des Hauptschiffs bezeugt1). Überlebensgroße, sorgfältig gearbeitete Platte aus gelblich-weißem Sandstein mit Umschrift auf den leicht nach außen abgeschrägten Leisten, in den vier Ecken jeweils ein Wappenschild. Im Feld reliefierte Darstellung des unter zwei Kielbögen stehenden Ehepaares: Auf der linken Seite der sich seiner Frau zuwendende Mann mit Harnisch und Schaller, die rechte Hand am Schwert, die linke in die Seite gestützt, die Füße auf einem Löwen; rechts seine frontal dargestellte Ehefrau mit runder Haube, Kleid und Mantel, die gefalteten Hände vor der Brust, die Füße auf einem Hündchen. Auf der Platte verteilt kriechen zwei Kröten, zwei Eidechsen und eine verknäulte Schlange. Das Denkmal ist bis auf die abgearbeitete Schamkapsel des Ritters gut erhalten.

Maße: H. 250, B. 140, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

Grabplatte des Ehepaars Wilhelm von Schwalbach und Anna von Leyen

© Heinz Straeter (GDKE Denkmalpflege) [1/1]

  1. Annoa) · d(omi)ni · M cccc · / lxxxiii ·in · die · visitacio(n)is · marie · obÿt · wÿlhelmus · swalbach · armig(er) · cui(us) · a(n)i(m)a / · requiestatb) · i(n) · pace · Anno · d(omi)ni · M cccc · / · lxxxiii · in · die · conuersionis · pauli · obiit · do(m)icella · anna · de · leyhen · r(e)q(ui)escat · i(n) · pace ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1483 am Tag der Heimsuchung Mariens (2. Juli) starb der Knappe Wilhelm (von) Schwalbach, dessen Seele in Frieden ruhen möge. Im Jahr des Hern 1484 am Tag der Bekehrung Paulus' (25. Januar)2) starb die Edelfrau Anna von Leyen, sie ruhe in Frieden.

Wappen:
Schwalbach/Arsburg3)Leyen
Hagen gen. zur MottenIngelheim

Kommentar

Die auffallend in die Breite gezogenen Versalien der gut gearbeiteten, in sehr gedrängter Schreibweise ausgeführten Minuskel orientieren sich an Varianten der gotischen Majuskel: So entspricht das A zwar im Kern einem vollrunden Majuskel-A, zeigt aber mit dem leicht s-förmig geschwungenen, von gerollten Zierstrichen begleiteten Mittelbalken und dem weit nach links unten gezogenen Deckbalken zusätzliche Zierelemente; M erscheint als symmetrisch offenes unziales Majuskel-M, geschmückt mit den Mittelschaft begleitenden eingerollten Zierstrichen. Als Worttrenner dienen verhältnismäßig große Quadrangeln mit eingerollten Zierhäkchen.

Das noch wenig erforschte, aus dem gleichnamigen Ort im Taunus stammende Geschlecht derer von Schwalbach besetzte im Spätmittelalter und früher Neuzeit zahlreiche Amtmannsstellen der hessischen Landgrafschaft, der Reichsstadt Frankfurt und des Mainzer Erzstiftes4). Einen weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit bildete seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Stadt Boppard mit dem ihm als Sitz dienenden, in die rheinseitige Stadtmauer integrierten dreigeschossigen Burghaus, dem heute noch erhaltenen Ritter-Schwalbach-Haus5). Wilhelm von Schwalbach wird 1482 als kurtrierischer Amtmann6) zu Boppard erwähnt. Die Erweiterung seines Wappens erklärt sich durch seine Heirat mit der verwitweten Anna von Leyen7), die in kinderloser erster Ehe mit dem kurz nach 1466 verstorbenen Bopparder Johann von A(i)rsburg verheiratet war und die dadurch sowohl in den Genuß des Bopparder Ruderzolls8) als auch in den Besitz eines größeren Teils des oben genannten Burghauses gekommen war. Auch ihre zweite Ehe blieb kinderlos, Erbe war vermutlich ihr Neffe Sifrit von Schwalbach9).

Bei dem - vor allem bezüglich der Frauenfigur - qualitätvoll gearbeiteten Grabdenkmal mit seinen Tod, Grab und Verwesung symbolisierenden Tierfiguren10) dürfte es sich um die Deckplatte eines Hochgrabes gehandelt haben, da die Inschriften nur von außen im Umschreiten zu lesen sind. Ob der signifikante Blick Wilhelms auf seine Frau oder auf den Altarbereich gerichtet war, bleibt offen. Der früher über dem Grabmal aufgehängte Totenschild des Verstorbenen11) befindet sich heute im Chor der Kirche.

Textkritischer Apparat

  1. Der von außen zu lesende Text beginnt in der Mitte der oberen Leiste und verläuft entgegen dem Uhrzeigersinn.
  2. Sic! für requiescat.

Anmerkungen

  1. So Milendunck, Historia fol. 50.
  2. Berechnet nach Trierer Stil; vgl. dazu Einleitung Kap. 1.
  3. Quadriert: 1/4. Schwalbach, 2/3. Arsburg.
  4. Vgl. dazu die Hinweise in DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) Nr. 268 sowie DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 538 und Register.
  5. Vgl. dazu ausführlich Kdm. 436ff. mit Abb. - Dem Ehepaar ist der grundlegende Umbau des Burghauses zu verdanken, wie das Wappen Schwalbach/Arsburg im Schlußstein der Hauskapelle zeigt.
  6. Vgl. dazu und zum Folgenden Heckel, Schwalbach pass., Kreuzberg, Grabmale 54ff. und Gruber, Adel 397f.
  7. Nicht von der Leyen, so Schmidt und Schmidt/Stolpe. - Ihr verwandtschaftlicher Zusammenhang mit dem während des Bopparder Krieges von 1497 (vgl. Nr. 118) genannten königlichen Schultheißen Paul von Leyen (vgl. dazu Volk, Bopparder Krieg 235) müßte noch geklärt werden. - Stammsitz des ebenfalls weitgehend unerforschten Geschlechts war die gleichnamige Burg im Trollbachtal; vgl. dazu Kdm. Kreis Kreuznach 328f. und DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) Register.
  8. Vgl. dazu Volk, Wirtschaft und Gesellschaft 560.
  9. Vgl. zu ihm Nr. 117.
  10. Vgl. dazu Gerhardt, Hund 121ff.
  11. Vgl. die vorhergehende Nr.

Nachweise

  1. Kremer/Lamey, Epitaphia fol. 44.
  2. d'Hame, Confluvium II 2, 690f.
  3. Nolden, Karmeliterkirche 10.
  4. Schlad, Chronick 1, o. P.
  5. Rhein. Antiquarius II 5, 530.
  6. L. v. Eltester, Bleistiftzeichnung, dat. 7. Juli 1857 (LHAK Best. 700,30 Nr. 417/20).
  7. Boulangé, Boppard 21 mit Taf. 5 (Nachzeichnung).
  8. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 570f.
  9. Martini, Karmel 301.
  10. Oidtmann, Ritter-Schwalbach-Haus 60f. mit Abb. 2.
  11. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 121.
  12. Kreuzberg, Grabmale 62 mit Abb. S. 55.
  13. Kubach, Kunstdenkmäler, Abb. 129.
  14. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 375 mit Abb. 264.
  15. Pauly, Beiträge I, Abb. S. 144.
  16. Schmidt, Erzbistum, Abb. 1.
  17. Schmidt/Stolpe, Grabdenkmäler, Abb. 1.
  18. Mißling, Karmeliterkirche, Abb. S. 35.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 97 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0009701.