Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 87 Boppard, ehem. Benediktinerinnen-Kloster Marienberg 1469

Beschreibung

Grabplatte der Äbtissin Isengart von Greiffenclau zu Vollrads. Im Jahr 1773 von d'Hame im Kapitelsaal in Nachzeichnung überliefert, wurde sie nach Aufhebung des Klosters an der Wand der südlichen Vorhalle, ihrem heutigen Standort, befestigt. Große Platte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien. Im Feld unter einer Spitzbogenarkade, deren Kreuzblume in die obere Schriftleiste reicht, reliefierte Darstellung der Verstorbenen im klösterlichen Habit, die Hände vor der Brust gefaltet. Dick mit grüner Farbe überstrichen, sonst gut erhalten. Die Grabplatte sollte 1914 zusammen mit den drei großen Grabdenkmälern der Beyer von Boppard an das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum verkauft werden1); sie blieb aber zurück, vermutlich aus finanziellen Gründen.

Maße: H. 236, B. 120, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

Grabplatte des Isengart von Greiffenclau zu Vollrads

 Brunhild Escherich (GDKE Denkmalpflege) [1/1]

  1. An(n)o · Milleno · Ca) · // quater · et · sexage=/no · Ter · trinos · addes · Decembris · alte(r)a · die · has · liquit · tenebras · Astrige(r)as / · accepit · sedes · m(a)g(ist)ra · ysengart · gryff(en)/cla(w)eb) · sa(n)gvi(n)e · ducta · mo(n)asticos · repa(ravi)t · mores · et · erig(i)tc) · edes · vt · req(vi)e · sa(n)c(t)a · fruat(ur) · chr(ist)ed) · b(ea)ta ·

Übersetzung:

Im Jahr 1469 (tausend viermal hundert und sechzig und dreimal drei hinzugezählt) am zweiten Tag des Dezembers hat die Meisterin Isengart aus dem Geschlecht von Greiffenclau diesen finsteren Ort verlassen und die in den Sternen leuchtenden Sitze empfangen. Sie hat die klösterlichen Sitten wiederhergestellt und die Kirche errichtet, so daß sie, o Christus, selig die heilige Ruhe genießen möge.

Versmaß: Sechs Hexameter, 1 und 6 leoninisch gereimt.

Kommentar

Auffällig sind die zu Beginn der Inschrift zahlreich eingesetzten, gebrauchsschriftlichen Vorlagen entlehnten Versalien der gut gehauenen Minuskel, zu denen eigentlich auch das große runde Schluß-s bei monasticos zu zählen ist. Die Schäfte der Gemeinen sind zum Teil gekerbt bzw. einseitig gezackt ausgeführt. Als Kürzungszeichen werden neben geraden, gewellten und geknickten Strichen auch zur Quadrangel reduzierte Haken für ausgefallenes r verwendet. Als Worttrenner dienen Quadrangeln.

Die erstmals 1428 im Kloster Marienberg bezeugte Isengart2) war eine Tochter aus der Ehe des im Rheingau sitzenden Friedrich gen. Greiffenclau zu Vollrads mit Irmgard von Ippelborn. Während die inschriftlich genannten Baumaßnahmen eher auf allgemeine Bemühungen zur Verbesserung der zu Beginn des 13. Jahrhunderts erbauten Klosterkirche zu werten sein dürften, bezieht sich die erwähnte Erneuerung des Klosterlebens auf die von Isengart gemeinsam mit Johannes II. von Rode3), dem berühmten Abt des Trierer Benediktiner-Klosters St. Matthias, durchgeführten Reformen, die der strikten Beachtung der Regula Benedicti verpflichtet waren. Der für die Benediktiner-Klöster der Trier-Kölner Kirchenprovinz zuständige Reformabt visitierte das Kloster Marienberg vom 19. bis 26. Mai 1437 und gab ihm eigene Ordinationen. Der Erfolg dieser Bemühungen zeigte sich auch darin, daß in der Folgezeit die Zahl der stets "fürstliche(n), gräfliche(n) und adeliche(n)" Nonnen auf über hundert anstieg und daß von Marienberg aus zahlreiche Klöster mit Reform-Äbtissinnen besetzt werden konnten4). Obwohl ihre Grabinschrift sie noch in der gewohnten Bezeichnung der Marienberger Klostervorsteherinnen als magistra ausweist, hätte die 1432 gewählte Isengart seit 1437 den Titel 'abbatissa' führen können, auf den sie aber "in ihrer Demut"5) offensichtlich keinen Wert legte.

Die in jeder Hinsicht höchst qualitätvoll ausgeführte Grabplatte spiegelt die Bedeutung der bereits zu Lebzeiten hochgeschätzen Äbtissin wider, die offenbar bald nach ihrem Tod wie eine Heilige verehrt wurde. Noch viele Jahre nach ihrem Ableben erhielt die Pflege ihres Gedenkens neuen Auftrieb, als man 1737 das Grab Isengarts öffnete und ihren Leichnam vollkommen unversehrt vorfand6). Ein weiteres Zeichen ihrer Verehrung ist die sie betreffende Gedächtnisinschrift7), die spätestens 1744 nach der Wiederherstellung des 1738 abgebrannten Klosters als Wandmalerei in den Gewölbefeldern der Eingangshalle angebracht wurde. Bei einer von Kupp als "grabschrift"8) bezeichneten Inschrift, die ausdrücklich Isengarts Verdienste um die Erneuerung des Klosterlebens rühmt, handelte es sich offenbar um kein epigraphisches Zeugnis, sondern um den entsprechenden Eintrag im Totenbuch des Klosters9).

Textkritischer Apparat

  1. Kein Kürzungszeichen; im Hexamter als centum zu lesen.
  2. e klein hochgestellt.
  3. t klein hochgestellt.
  4. Befund xpe mit Kürzungszeichen.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu Einleitung Kap. 2.1.2.
  2. Vgl. zum Folgenden Möller, Stammtafeln NF I Taf. 18 und Europ. Stammtafeln NF XI Taf. 46.
  3. Vgl. dazu und zum Folgenden Rhein. Antiquarius II 5, 293f. (Zitat 294) sowie Becker, Benediktinerabtei 616ff. (mit weiterführender Literatur).
  4. Vgl. dazu Jaeschke, Marienberg 82.
  5. So Rupp. Beiträge 24 Anm. 1.
  6. So d'Hame, Confluvium I 1, 345.
  7. Die 1880 von Rutsch, Boppard 38 erstmals überlieferte, noch um 1935 von Kubach/Verbeek I 147 mitgeteilte, heute aber verschwundene Inschrift war mit dem Wappen Greiffenclau zu Vollrads versehen und lautete R(EVERENDISSI)MA D(OMI)NA ISENGARDIS DE GREIFFENCLAV A VOLLRATHS ELECTA 1432 OBIIT 1469.
  8. So Kupp, Preisschrift 500 mit folgendem Text: Anno Domini MCCCCLXIX Decembris secunda die transiit ex vita hac labili venerabilis dompna Ysengart Gryffclae huius cenobii magistra que Dei cara hoc monasterium ad sancte vite reduxit laboriosissime terminos.
  9. So Brouwer/Masen, Metropolis 1, 578 mit Zitat des Eintrags.

Nachweise

  1. d'Hame, Confluvium II 2, nach S. 631 (Nachzeichnung bez. Nr. 6).
  2. Boulangé, Boppard 7.
  3. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 583f.
  4. Nick, Regesten 34.
  5. Hoestermann, Marienberg 20 mit Abb. S. 21.
  6. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 149f.
  7. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 284 mit Abb. 172.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 87 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0008709.