Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 84 Oberwesel, Michaelskapelle (aus Kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau) 1459

Beschreibung

Grabplatte der Agnes (Nesa) von Schönburg auf Wesel geb. von Fleckenstein. Ursprünglich in der Liebfrauenkirche1), wurde sie 1842/45 nach außen an die Wand des Kreuzgangsüdflügels versetzt und 1987/88 innen an der Nordwand der Michaelskapelle aufgestellt. Große Platte aus rot-weiß geflämmtem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien, in den vier Ecken jeweils ein flachreliefiertes Wappen. Im Feld unter einer eingetieften Kielbogenarkade halbreliefierte Darstellung der Verstorbenen mit gegürtetem Kleid, Mantel und Schleier, in den gefalteten Händen ein Rosenkranz, unter dem Kopf ein Kissen. Insgesamt stark verwittert und bestoßen mit völligem Schriftverlust auf der unteren Leiste.

Erg. nach Rhein. Antiquarius.

Maße: H. 221, B. 106, Bu. 7,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

Grabplatte der Agnes von Schönburg auf Wesel

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. + Anno · d(omi)ni · // Mo · cccco · lixoa) · / Septimo · ydusb) · mensis · Iulii · Obiit · Venera(n)da ac no(bilis) · Nesa de fleckensteyn · / [relicta - - - de schonburg / cuius] · a[(n)i(m)a] · requiescat · in · sancta · pace · Am[en]

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1459, am siebten (Tag) vor den Iden des Monats Juli (9. Juli) starb die verehrungswürdige und edle Agnes von Fleckenstein, (Witwe des ... von Schönburg), deren Seele in heiligem Frieden ruhen möge, Amen.

Wappen:
Schönburg auf Wesel (Stamm IIb)Fleckenstein
[Scharfenstein]2)unbekannt3)

Kommentar

Die Versalien der exakt gehauenen Minuskel werden bei A und M durch einen an der linken Haste ansetzenden Halbbogen gebildet (bei N wird die gleiche Wirkung durch ein seitenverkehrtes rundes Majuskel-N erzielt), bei O, S, und V dagegen durch frakturähnliche Brechungen der Buchstabenbestandteile. Als Worttrenner dienen kleine Quadrangeln.

Agnes4) entstammte als Tochter Heinrichs (des Jüngsten) von Fleckenstein (Röderer Zweig) und seiner unbekannten Ehefrau5) einem angesehenen pfälzisch-elsässischen Adelsgeschlecht. Verheiratet war sie - vermutlich bereits vor 1412 - mit dem wohl 1439 verstorbenen Eberhard von Schönburg auf Wesel. Das Ehepaar gehörte zu den beiden Patronen6) der Stiftskirche St. Martin, zudem war Agnes Mitglied der Fabrikbruderschaft von Liebfrauen7). Mit ihrem ebenfalls in der Liebfrauenkirche begrabenen Sohn Friedrich8) pflanzte sich die Hauptlinie des Geschlechts fort. Noch in ihrem Todesjahr stiftete Agnes ein Seelgerät in der Liebfrauenkirche. Bestattet wurde sie vermutlich in deren nördlichem Seitenchor, dem Erbbegräbnis der Schönburger. Die seltenen Epitheta ihrer Sterbeinschrift dürften - zumindest hinsichtlich des nobilis - auf die hohe soziale Stellung9) ihrer Familie zurückzuführen sein.

Textkritischer Apparat

  1. v. Eltester, Rhein. Antiquarius und Lehfeldt lesen irrtümlich m cccc lii; daher stammt wohl die falsche Todesangabe 1452 bei NN., Liebfrauenkirche, bei Möller, Stammtafeln AF I Taf. 25 und 34, bei Europ. Stammtafeln NF VII Taf. 27 und - trotz korrekter Transkription der Jahreszahl - bei Kdm.
  2. Kdm. septimo · dies.

Anmerkungen

  1. Vgl. Kdm. 410.
  2. Unkenntlich. Es handelte sich wohl um das Wappen Scharfenstein; vgl. dazu das entsprechende Wappen auf der Grabplatte ihres Sohnes Friedrich (Nr. 86), dessen Großmutter Richeza von Scharfenstein war.
  3. Vermutlich sechs 3:2:1 gestellte Kannen(?), einigermaßen sicher zu erkennen ist nur die oberste Reihe und die rechte Kanne der mittleren Reihe.
  4. Vgl. zum Folgenden die ausführlichen Belege bei Müller, Fleckenstein 482, 489 und die Stammtafel S. 703.
  5. Im Gegensatz zu den Mitteilungen der Stammtafeln (wie oben Anm. a), die in der 1416 verstorbenen Elisabeth von Kronberg (vgl. DI 29, Worms, Nr. 216) die Ehefrau Heinrichs des Jüngsten sehen, weist Müller, Fleckenstein 480f. dieses Konnubium überzeugend dessen Bruder Heinrich dem Jungen zu. Unterstützt wird diese Zuordnung durch das vorliegende, unbekannte Wappen ihrer Mutter, bei dem es sich keinesfalls um das derer von Kronberg handeln kann. Die bei älteren Genealogen genannte Eheverbindung Heinrichs des Jüngsten mit einer Petrissa von Hüneburg ist laut Müller ebenfalls nicht belegbar; vgl. dazu ebd. 482 Anm. 36.
  6. Vgl. Nr. 115.
  7. Vgl. dazu Heinzelmann, Fabrikbruderschaft 67.
  8. Vgl. Nr. 86.
  9. Das Prädikat nobilis ist bei denen von Fleckenstein spätestens seit 1330 urkundlich nachweisbar; vgl. dazu Müller, Fleckenstein 110f.

Nachweise

  1. v. Eltester, Schönburg pass.
  2. Rhein. Antiquarius II 7, 361.
  3. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 613.
  4. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 394 mit Abb. 257.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 84 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0008405.