Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 83 Oberwesel, Kath. Pfarrkirche St. Martin 1458

Beschreibung

Glocke des Meisters Tilmann von Hachenburg. Im Jahr 1942 zu Kriegszwecken abgeliefert1), heute wieder im Glockenstuhl, nördliche Glocke. Große Glocke mit einzeiliger Schulterumschrift (A) zwischen Rundstegen, darüber und darunter ein umlaufender Rundbogenfries mit ausgelegtem Maßwerk und traubenförmig abhängenden Ornamenten. Der Textbeginn wird durch ein großes, den oberen Fries sprengendes, mit Inschrift (B) bezeichnetes Hadamarer Pilgerzeichen2) markiert, darunter auf der Flanke das Pilgerzeichen von Liebfrauen zu Worms3). Krone neu, sonst gut erhalten. Gewicht 1550 kg, Schlagton e'4).

Maße: H. 118 (o. Kr.), Dm. 138, Bu. 2,5-3 (A), 0,2 (B) cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Glocke

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. A

    ego · qvi · loqvor · ivsticiam · et · propvgnator · svm · ad · salvandvm5) · non · gloriam · meam · qvero6) · sed · ad · maiorem · me · refero · thilmannvsa) · de · hachenborch · me · fecit · a(nno) · d(omini) · m · cccclviiib)

  2. B

    maria zv hademarc)

Übersetzung:

Ich, der ich Gerechtigkeit rede und Vorkämpfer bin zum Heile, suche nicht meine Ehre, sondern ich rede zur größeren (Ehre Gottes). Tilmann aus Hachenburg machte mich im Jahr des Herrn 1458.

Kommentar

Die teilweise wackelig gesetzten Minuskeln sind sorgfältig ausgeführt und gewinnen durch das enge Aneinanderrücken einen ornamentartigen Charakter. Bei der schlanken Schrifttype handelt es sich um eine unauffällige Minuskel7), die Tilmann bei seinen Glocken regelmäßig verwendet hat. Als Worttrenner dienen große Rauten.

Auf dieser aus Tilmanns8) mittlerer Schaffenszeit stammenden Glocke ist erstmals die beidseitige Verwendung von Maßwerkfriesen nachzuweisen. Ungewöhnlich ist die Plazierung des Hadamarer Pilgerzeichens als Zeichen des Textanfangs: Es ersetzt hier zum einzigen Mal das sonst an dieser Stelle verwendete Initialkreuz. Eine weitere Besonderheit stellt der aus zwei Bibelzitaten des Alten und Neuen Testaments kombinierte erste Teil der Inschrift dar, der nicht Tilmanns üblichem Formular9) entspricht und daher wohl die damaligen Stiftsherren von St. Martin als Urheber hat.

Textkritischer Apparat

  1. culmannvs Lehfeldt; tyllmannus Kdm.
  2. Der verbleibende Raum des restlichen Schriftfeldes (15 cm) ist freigelassen.
  3. maria in hag. Kdm.

Anmerkungen

  1. So Kdm. 578. - Aus dieser Zeit stammen der aufgemalte Verweis auf die erhaltene Schwesterglocke von 1477 und die Herkunftsbezeichnung auf dem Mantel.
  2. Unter Kielbogen Muttergottes mit Kind zwischen zwei stilisierten Bäumen, die Inschrift zu Füßen. Der sich sonst an dem Kielbogen befindliche Zierat (Kreuzblume, Krabben und Fialen) wurde - ebenso wie die vier Ösen - vermutlich wegen der Verwendung im Schriftbereich getilgt; vgl. zu diesem sich auf die Marienwallfahrt der dortigen Liebfrauenkirche beziehende Pilgerzeichen ausführlich Köster 75f. mit Abb. 61 bzw. Abb. 62 mit einem unverstümmelten Exemplar.
  3. Im Mittelfeld eines mit Giebeln versehenen Triptychons sitzende Muttergottes mit Kind, zu ihren Füßen ein Schild mit Wormser Wappen (Schlüssel), in den seitlichen Teilen je ein stehender, kerzentragender Engel. Von den vier runden Ösen haben sich die beiden oberen ganz und die rechte untere nur zum Teil erhalten; vgl. zu diesem sich auf die Wallfahrt zu dem heute noch vorhandenen Marienbild beziehende Pilgerzeichen ausführlich Köster 87f. mit Abb. 57.
  4. Angaben nach Köster 126.
  5. Jes 63,1 (teilw.).
  6. Nach Joh 8,50 (teilw.).
  7. Vgl. dazu Köster 33f.
  8. Tätig zwischen 1444 und 1486 im Gebiet zwischen Andernach, Hachenburg und Mainz mit über 50 gesicherten Glocken; vgl. zu ihm ausführlich Köster pass.
  9. Namensansage, Wetterformel, Gießervermerk und Datierung; vgl. dazu Köster 36ff. und Einleitung Kap. 4.3.

Nachweise

  1. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 620.
  2. Köster, Tilman von Hachenburg 126f.
  3. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 578 mit Abb. 409f.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 83 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0008307.