Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 75 Oberwesel, Michaelskapelle (aus kath. Pfarrkirche Unserer Lieben Frau) 2.V.15.Jh.

Beschreibung

Grabplatte eines unbekannten Adeligen aus der Familie der Juden. Ursprünglich in der Liebfrauenkirche1), wurde sie 1842/45 nach außen an die Wand des Kreuzgangsüdflügels versetzt und 1987/88 innen an der Westwand der Michaelskapelle aufgestellt. Große Platte aus gelbem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien, im Mittelfeld halbreliefiertes Eheallianzwappen in einem Schild mit ausladender Helmzier, in den vier Ecken weitere Wappenschilde. Stark verwittert und bestoßen, dadurch erheblicher Schriftverlust.

Maße: H. 236, B. 121, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

Grabplatte NN. von Juden

 Thomas G. Tempel (ADW) [1/1]

  1. + Anno · domini · Millesimo / [- - -] · M[... / - - - / - - -]a) cui(us) · a(n)i(m)a · reqescat · in · pace · a(men)

Wappen:
Juden/Schönburg auf Wesel2)
Juden3)Schönburg auf Wesel4)
unbekannt5)Scharfenstein6)

Kommentar

Die wenigen erkennbaren Versalien sind der noch nicht verfremdeten gotischen Majuskel entlehnt. Als Worttrenner dienen große Quadrangeln.

Aus der Wappenkonstellation, insbesondere aus der Helmzier der Juden auf dem Allianzwappen, geht hervor, daß es sich bei der verstorbenen Person um einen Nachkommen aus einer in den vorliegenden Stammtafeln nicht aufscheinenden Ehe eines Angehörigen des auch in Mainz nachweisbaren7), ursprünglich wohl kölnischen Patriziergeschlechtes der Juden (Jüdden, Judei)8) mit einer unbekannten Frau aus der Familie Schönburg auf Wesel (wohl Stamm IIb) gehandelt hat. Aufgrund der Wappenanordnung auf der Frauenseite dürfte daher seine Ehefrau eine sonst nicht bezeugte Tochter aus der Ehe Friedrich d. J. von Schönburg auf Wesel mit Richeza von Scharfenstein9) gewesen sein. Der unbekannte Verstorbene gehört also zu der Generation seines vor 1439 verstorbenen Schwagers Eberhard von Schönburg10). Mit der vorgenommenen Datierung lassen sich auch die Schriftformen der Minuskel vereinbaren, die noch nicht den schmalen gedrängten Duktus der folgenden Dekaden aufweisen11).

Textkritischer Apparat

  1. Gelegentlich sind noch Teile einzelner Buchstaben zu erkennen.

Anmerkungen

  1. Vgl. Kdm. 410.
  2. Gespalten: vorn drei 2:1 gestellte Judenhüte, hinten Lilienszepter (vermutlich Stamm IIb, hier ohne Herzschild; vgl. Nr. 52 Anm. 3), Hz.: Juden (bärtiger Mannsrumpf mit Judenhut).
  3. Drei 2:1 gestellte Judenhüte.
  4. Der Wappenschild ist zu zwei Drittel abgearbeitet, zu sehen sind noch Reste der Enden des Lilienszepters.
  5. Drei gestürzte Lanzenspitzen nebeneinander.
  6. Ein Balken begkeitet von zwei Leisten, die untere weitgehend zerstört; vgl. dazu Nr. 86.
  7. So identifiziert nach Querfurth, Terminologie 70 mit Fig. 122, der allerdings keine Belegstellen bietet. - Die wenigen Vertreter der in Mainzer Urkunden des 13. und 14. Jh. genannten adeligen Familie der Juden standen meist in erzbischöflich-mainzischen Diensten; vgl. dazu Kreimes, Namenverzeichnis 75. Ob überhaupt ein verwandtschaftlicher Bezug der Mainzer zu dem weitaus bedeutenderen Kölner Geschlecht besteht (so Fahne, Geschichte 208), ist meines Wissens bislang noch nicht nachgewiesen worden.
  8. Vgl. dazu ausführlich Fahne, Geschichte 192-209 mit Stammtafel 195f.
  9. Vgl. Möller, Stammtafeln AF I Taf. 35.
  10. Vgl. zur Grabplatte seiner 1459 verstorbenen Frau Agnes von Fleckenstein Nr. 84.
  11. Vgl. dazu Einleitung Kap. 5.5.

Nachweise

  1. L. v. Eltester, Bleistiftzeichnung, dat. 2. April 1848 (LHAK Best. 703,30 Nr. 417/55; ohne Wiedergabe der Inschrift).
  2. A. v. Behr, Bleistiftzeichnung, dat. 1904 (LfD Mainz, Graphische Sammlung Inv.-Nr. 5491).
  3. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.2, 393 mit Abb. 255.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 75 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0007506.