Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 56 Berlin, Bode-Museum (aus Boppard, Benediktinerinnen-Kloster Marienberg) 1399

Beschreibung

Grabplatte des Ritters Heinrich (der Junge) Beyer von Boppard und seiner Frau Lisa von Pyrmont geb. von Lösnich. Die sich ursprünglich im Kapitelsaal des Klosters befindende Platte wurde nach dessen Aufhebung an der Wand der südlichen Vorhalle befestigt1) und schließlich im April 1914 von dem Direktor des damaligen Kurhauses Marienberg zusammen mit zwei weiteren Grabplatten der Beyer von Boppard an das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin, das heutige Bode-Museum, verkauft (Staatliche Museen Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Inventar der Skulpturensammlung, Inv.-Nr. AE 364)2). Die zwei Teile der wohl seit dem Transport zerbrochenen Platte werden gegenwärtig getrennt voneinander im Magazin des Museums verwahrt, wobei der weitaus größere Teil, dem der untere Rand fehlt, von einem Eisenrahmen umschlossen wird. Sehr große Platte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien, auf dem unteren Rand in zweizeiliger Ausführung. Im Feld flachreliefierte Darstellung des adeligen Ehepaars unter zwei Spitzgiebeln: links der gerüstete Ritter im Waffenrock mit zugespitzter Beckenhaube, offenem Visier und Helmbrünne, die Hände betend vor der Brust; rechts seine Ehefrau in Kleid und Mantel, das Haupt von einem Schleier bedeckt, die Hände ebenfalls betend vor der Brust. Hinter dem Haupt des Ritters befindet sich sein Turnierhelm. In den vier Ecken sitzt jeweils ein Wappenschild. Bis auf die Beschädigungen an den Bruchstellen, den schon älteren Textverlust an der linken unteren Ecke und die ergänzten Nasenspitzen gut erhalten.

Erg. nach Zeichnung d'Hame und Foto LfD.

Maße: H. 247, B. 134, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

Grabplatte des Ehepaars Heinrich d. J. Beyer von Boppard und Lisa von Pyrmont

© Skulpturensammlung [1/1]

  1. + Anno · d(omi)ni · m° · ccc° · lxx° · sexto · in · / Crastino · b(ea)ti · bartholomei · ap(osto)li · o(biit) · nobili[s et str]e(n)uus · miles · d(omi)n(u)s · henricu[sa) · bey]er · de · / bop(ar)dia · cui(u)s · a(n)i(m)a · req(ui)escat / · in · pace · amenb) · + Anno · c)/ · d(omi)n[i m ccc xcixd) pridie nat]iuitat(is) · gl(ori)ose · virg(in)is · marie · o(biit) · nobilis · d(omi)na · lisa · de · pirremont · vxor · p(re)d(ic)ti · d(omi)ni · heinrici · Beyer · cui(us)e) · r(equiescat) i(n) p(ac)e

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1376 am Tag nach dem Fest des hl. Apostels Bartholomäus (25. August) starb der edle und gestrenge Ritter Herr Heinrich Beyer von Boppard, dessen Seele in Frieden ruhe, Amen. - Im Jahr des Herrn 1399 am Tag vor dem Fest der Geburt der glorreichen Jungfrau Maria (7. September) starb die edle Frau Lisa von Pyrmont, Ehefrau des vorgenannten Herrn Heinrich Beyer, deren (Seele) in Frieden ruhe.

Wappen:
Beyer von BoppardLösnich
unbekannt3)Bruch4)

Kommentar

Die auf den Längsseiten dicht gedrängte Minuskel ist nur mit wenigen Versalien versehen, die sowohl der gotischen Majuskel als auch gebrauchsschriftlichen Vorlagen entnommen sind. Durch die nicht immer gleichförmig ausgeführten Gemeinen und die mit prägnanten Zierhäkchen und Zierstrichen gestalteten Buchstabenenden wird ein insgesamt uneinheitlicher Eindruck erweckt. Auffällig sind zudem als Minuskel-m ausgeführtes, links geschlossen unziales M der gotischen Majuskel bei der Angabe des Todesjahres, z-artig gestaltetes Bogen-r bei vxor und y mit stark reduziertem rechten Schrägschaft. Als Worttrenner dienen paragraphzeichenförmige Quadrangeln.

Heinrich5) war der älteste von vier Söhnen des Bopparder Schultheißen Simon Beyer von Boppard und der Elisabeth von Rhens. Er war spätestens seit 1351 mit Lisa, Erbtochter Konrads von Lösnich und Adelheids von Bruch, verheiratet, die ihrerseits in erster Ehe mit Kuno VII. von Pyrmont verehelicht war. Mit dieser Heirat gelangte umfassender moselländischer Besitz in die Hand der zu dieser Zeit in Boppard residierenden Familie, deren Bedeutung damit entscheidend anwuchs. Während Heinrich (unter anderem) als kurtrierischer Amtmann zu Stolzenfels und Niederlahnstein fungierte, vermehrten seine drei Geschwister durch geistliche Karrieren das Ansehen der Familie, vor allem sein Bruder Dietrich, der von 1359 bis 1365 als Bischof von Worms und - nach seiner dortigen Resignation - von 1365 bis 1384 als Bischof von Metz amtierte.

Aufgrund der gleichförmigen Ausführung der hervorragend gearbeiteten Grabplatte ist davon auszugehen, daß sie erst anläßlich der Todes der Ehefrau kurz nach 1399 angefertigt wurde. Als Grablege des Ehepaars diente das von Heinrich in seinem bereits 1375 abgefaßten Testament6) großzügig bedachte Kloster Marienberg, wo schon sein Vater Simon und sein gleichnamiger Großvater7) begraben wurden. Auch seine Witwe Lisa bedachte das Kloster mit umfangreichen Wohltaten: So stiftete sie 1393 den St. Eucharius-Altar in der Klosterkirche, verbunden mit drei Messen für sich, ihren verstorbenen Ehemann und ihre Nachkommen8) sowie kurz vor ihrem Tod das oben erwähnte Seelgerät.

Textkritischer Apparat

  1. Zwei (unnötige) Kürzungsstriche unter der Zeile.
  2. Der überraschende Zeilenwechsel nach requiescat erfolgt unangezeigt von der unteren äußeren auf die untere innere Schriftleiste.
  3. Der Zeilenwechsel nach Anno erfolgt unangezeigt von der unteren inneren auf die untere äußere Schriftleiste.
  4. Eine sich anbietende Ergänzung m ccc xciii der stark beschädigten Stelle nach der vermeintlich sicheren Lesung bei Lehfeldt gegen das bereits unsicher gelesene MCCCX die mensis ..... nativitatis in der Handschrift bzw. gegen MCCCXC · in der Nachzeichnung der Grabplatte bei d'Hame (so auch Rhein. Antiquarius; Kubach/Verbeek und Kdm.; dagegen M · CCC · XC · I ..... nativitatis bei Boulangé) scheitert an einer durch d'Hame I 1, 236ff. wohl zuverlässig überlieferten Urkunde, nach der die Witwe Lisa von Pyrmont im Jahr 1399 am Tag der Enthauptung Johannes des Täufers (29. August) eine umfangreiche Seelgerätstiftung tätigt. Da ihr Todestag inschriftlich überliefert ist, dürfte die sich daraus ergebende Jahreszahl 1399 auf der Grabplatte mit m ccc xcix wiedergegeben worden sein. Dies ist umso wahrscheinlicher, als drei von einander unabhängige Gewährsmänner nach der Hunderterzahl ein x, zwei sogar xc überliefern; außerdem kann xciii bei Lehfeldt leicht aus xcix verlesen sein (x aus ii).
  5. anima fehlt danach.

Anmerkungen

  1. Diesen Zustand zeigt das von dem Bopparder Franz Dumont zwischen 1890 und 1900 aufgenommene Foto im LfD Mainz.
  2. Vgl. dazu ausführlich Einleitung Kap. 2.1.2.
  3. Zwölffach geständert. - Dieses Wappen, bei dem es sich um das seiner Mutter handeln müßte, führten die Waldbott von Bassenheim, die sich allerdings unter den (bislang bekannten) Vorfahren des Verstorbenen nicht nachweisen lassen. Es findet sich auch auf der Grabplatte seines 1364 verstorbenen Bruders Reinbold, Domkustos in Worms; vgl. dazu DI 29 (Worms) Nr. 145.
  4. Hier fünfmal geteilt statt sonst fünfmal schräggeteilt.
  5. Vgl. zum Folgenden Europ. Stammtafeln NF IX Taf. 5 und NF XI Taf. 13.
  6. Vgl. dazu ausführlich Rhein. Antiquarius II 4, 151.
  7. Vgl. Nr. 43.
  8. Vgl. dazu die Überlieferung der Urkunde bei d'Hame I 1, 225ff. sowie Goerz, Regesten I S. 123 und Nick, Regesten S. 33

Nachweise

  1. d'Hame, Confluvium II 2, 632 (teilw.) und nach S. 661 (Nachzeichnung, bez. Nr. 2).
  2. Rhein. Antiquarius II 5, 338.
  3. Boulangé, Boppard 14 mit Taf. 2 (Nachzeichnung).
  4. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 583.
  5. Hoestermann, Marienberg, Abb. S. 11.
  6. LfD Mainz, Fotoarchiv, Kartei Boppard, Kl. Marienberg (ohne Neg.-Nr.).
  7. Klein, Geschichte 222 (übers.) mit Nachzeichnung S. 223.
  8. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 153.
  9. 850 Jahre Marienberg, Abb. S. 28.
  10. Böhme, Grabstein 59 mit Abb. 10.
  11. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 292 mit Abb. 181 (seitenverkehrt).

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 56 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0005600.