Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 43 Berlin, Bode-Museum (aus Boppard, Benediktinerinnen-Kloster Marienberg) vor 1355

Beschreibung

Grabplatte des Ritters Heinrich (der Alte) gen. Beyer von Boppard. Die sich ursprünglich im Kapitelsaal befindliche Platte wurde nach der Aufhebung des Klosters an der Wand der südlichen Vorhalle des Kreuzgangs befestigt und schließlich im April 1914 von dem Direktor des damaligen Kurhauses Marienberg zusammen mit zwei weiteren Grabplatten der Beyer von Boppard an das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin, das heutige Bode-Museum, verkauft (Staatliche Museen Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Inventar der Skulpturensammlung, Inv.-Nr. AE 363)1). Die inzwischen von einem Eisenrahmen umschlossene Grabplatte wird gegenwärtig im Magazin des Museums aufbewahrt. Große Platte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien, im Feld unter Kielbogenarkade reliefierte Figur des Verstorbenen in voller Rüstung mit knielangem Waffenrock, Beckenhaube mit offenem Visier, am Gürtel Schwert und Dolch. Die Hände sind vor der Brust gefaltet, die Füße ruhen auf zwei kleinen Hunden, als Kissen dient der Helm. In den Bogenzwickeln zwei Wappenschilde. Leicht verwittert.

Maße: H. 201, B. 159, Bu. 7,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

Grabplatte des Heinrich d. A. Beyer von Boppard

© Skulpturensammlung [1/1]

  1. + ANNO · DOMINI · Mo · CCC<LV / IN · DIE · B(EA)TI · IOH(ANN)IS · EW(ANGELISTE)> OBIIT · STRENVVS · VIR · D(OMI)N(V)S · HENRI/CUSa) · DICTUS · BEYER · DE · BOPARDIA · / MILES · CUIUS · ANIMA · REQVIESCAT · IN · PACE · AMEN ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1355 am Tag des heiligen Johannes Evangelist (27. Dezember) starb der gestrenge Mann Herr Heinrich genannt Beyer von Boppard, Ritter. Seine Seele möge in Frieden ruhen, Amen.

Wappen:
unbekannt2)Beyer von Boppard

Kommentar

Die gut ausgeführte, schlanke, zum Teil mit ausgeprägten dreiecksförmigen Sporen versehene Majuskel zeigt unziales wie kapitales D und E, I mit Nodus und gebogenes Y mit nach rechts in eine gebogene Zierlinie auslaufendem Schaft. Als Worttrenner dienen Quadrangeln. Die augenfällige Regelmäßigkeit in Spationierung und Buchstabenbildung gilt jedoch nicht für den Textbereich nach CCC und vor OBIIT: Schon das L ist dicht an das letzte C gesetzt, das nachfolgende V nicht im üblichen Maße eingetieft; die Passage endet mit einem übergroßen W ohne Spatium vor OBIIT. Dazwischen sind noch folgende Auffälligkeiten zu beobachten: Die Buchstaben sind ungleichmäßig groß, die Schäfte weichen von der senkrechten ab, Worttrenner sind nicht präzise in die Spatien gesetzt; die Bögen des B berühren sich nicht (im Gegensatz zum offenen B des übrigen Textes), das D besitzt nur einen kleinen Schaft mit zwei dornartigen Fortsätzen, das unziale E in DIE ist aus einem kapitalen E umgeformt, zudem sind beide E überbreit, der Balken des L ist durch einen hochgezogenen Sporn ersetzt, das O ist auch nicht nur annähernd symmetrisch, dem S fehlen die Sporen. Da diese Abweichungen nur die angegebene Passage der Datierung betreffen, ist davon auszugehen, daß sie auf dem offensichtlich zu Lebzeiten hergestellten Denkmal nachgefügt wurde. Zudem liegt die Herstellungszeit der Grabplatte höchstwahrscheinlich vor 1350, da das L noch nicht vom ersten Schreiber gesetzt wurde.

Das bedeutende, seit Beginn des 13. Jahrhunderts in Boppard unter dem Zunamen "Bawarus" nachweisbare Ministerialengeschlecht3) stellte bereits Mitte des Jahrhunderts den Schultheißen der damaligen Reichsstadt und nahm mit dem erstmals 1312 bezeugten Verstorbenen den Namen der Stadt in den Familiennamen auf. Heinrich war offenbar in erster Ehe mit einer Mohr von Lunen, in zweiter mit einer von Rhens verheiratet4). Er versah in den Jahren 1319 bis 1347, in den für Boppard schwierigen Zeiten der Verpfändung an Erzbischof Balduin von Trier, zeitweise das Amt des kurtrierischen Schultheißen5); in gleicher Funktion ist er zwischen 1322 und 1342 im ebenfalls verpfändeten Oberwesel nachzuweisen6). Im Jahr 1331 wurde Heinrich zudem mit dem erblichen Burggrafenamt im sogenannten Königshof zu Boppard belehnt und amtierte in den folgenden Jahren in kurtrierischen Diensten auch als Erbburggraf zu Sterrenberg, Vogt zu Hirzenach und Amtmann zu Oberwesel und Bacharach.

Mit der Grabplatte seines gleichnamigen Enkels7) setzt sich die erhaltene Reihe der Begräbnisse der Familie im Kloster Marienberg fort.

Textkritischer Apparat

  1. Georgius d'Hame; Rhein. Antiquarius; Lehfeldt.

Anmerkungen

  1. Vgl. zu diesem in Boppard heftige Auseinandersetzungen auslösenden Vorgang Einleitung Kap. 2.1.2.
  2. Zwei gekreuzte Schlüssel. - Da es sich bei dem an heraldisch hervorgehobener Stelle plazierten Wappen kaum um eines seiner sonst unbekannten Ehefrauen handeln dürfte, ist die Überlegung von Kdm. bedenkenswert, es könne die Amtsgewalt eines Burggrafen im Königshaus symbolisieren.
  3. Vgl. dazu und zum Folgenden Rhein. Antiquarius 250ff.; Heckel pass.; Gruber, Adel 392 und Europ. Stammtafeln NF IX Taf. 4.
  4. So Gruber, Adel 392; dagegen verzeichnen sowohl Möller, Stammtafeln AF I Taf. 19 als auch die Europ. Stammtafeln nur eine Ehe mit einer unbekannten Tochter des Heinrich von Montabaur und der Irmentrud von Miehlen.
  5. Vgl. dazu Burgard, Amtsorganisation 316ff.
  6. Vgl. ebd. 378ff.
  7. Vgl. Nr. 56.

Nachweise

  1. d'Hame, Confluvium II 2, 632 und nach S. 661 (Nachzeichnung, bez. Nr. 1).
  2. Rhein. Antiquarius II 5, 337f.
  3. Boulangé, Boppard 12 mit Taf. 1 (Nachzeichnung).
  4. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 583.
  5. Klein, Geschichte 222 (übers.).
  6. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 153.
  7. Fischel, Plastik, Abb. 29.
  8. Heckel, Beyer von Boppard Nr. 8 mit Abb.
  9. 850 Jahre Marienberg, Abb. S. 26.
  10. Pauly, Boppard, Abb. S. 31.
  11. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 291 mit Abb. 182.
  12. Pauly, Beiträge, Abb. S. 20.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 43 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di060mz08k0004309.